6. Etappe: Scharnitz – Hallerangerhaus

Ruhe vor dem Sturm beim Aufstieg auf den Halleranger.

Schon 6.00 Uhr morgens bin ich wach. Die Sonne steht hinter den Bergen am Horizont. Unsere Wäsche ist rechtzeitig trocken geworden. Pünktlich 7.30 Uhr schweben wir zum Frühstück ein – wieder verhältnismäßig üppig. Eine ältere Kellnerin deren schwarzes Haar zu einem Dutt zusammengebunden ist, mustert uns. Mit unseren dicken Bergstiefeln und den großen Rucksäcken stechen wir hier unten zwischen den Turnschuhtouristen hervor.

Blick aus unserem Hotelzimmer in Krün

Auch heute schmieren wir uns Wegbrötchen, wickeln sie in unsere Bienenwachstücher. 8.15 Uhr schultern wir unsere Rucksäcke. Die ältere Kellnerin, schaut uns mit fürsorgendem Blick an. „Wohin lauft‘s ihr denn heut?“ „Zum Hallerangerhaus“, antworten wir knapp. „Da habt‘s ihr einen weiten Weg vor euch.“ Sie tätschelt mich am Arm. „Kommt‘s g‘sund zurück!“

Am Bahnhof in Mittenwald warten auf den Zug.

Mit dem Wanderbus geht es kostenlos bis nach Mittenwald. Dort steigen wir am Bahnhof in den Zug Richtung Seefeld. Es ist die wohl teuerste Kurzstrecke, die wir je gefahren sind. Über 13,-€ löhnen wir für eine Station. In Scharnitz angekommen, haben sich die Wolken zusammengezogen. Ein kräftiger Wind pfeift. Erste Tropfen nieseln auf uns, als wir aus dem Zug steigen. Das erste Mal packen wir unsere Regenmontur aus.

Bis zur Isarquelle

Vom Bahnhof aus geht es stetig bergauf – wieder an der Isar entlang. Nach kurzer Zeit kommt die Sonne wieder heraus. Der Regen hat aufgehört. Wir ziehen sämtliche Regensachen wieder aus. Wir folgen den Schildern Richtung Isarquelle. Die Urquelle entspringt direkt hinter dem Hallerangerhaus. Den Weg teilen wir uns heute mit vielen E-Mountainbikern. Nicht wenige von ihnen scheinen schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf einem Rad gesessen zu haben, geschweige denn einen Berg hinaufgefahren zu sein. Kreuz und quer lenken viele von ihnen ihr schweres Akku-Bike durch die Gegend.

Wie ein blaues Band zieht sich die Isar durch die Landschaft, mal zwischen Wäldern, mal zwischen kargem Gestein. Kurz nach 12.00 Uhr erreichen wir eine Kiesbank. Einige andere Wanderer haben sich auf einer Insel inmitten der Isar niedergelassen und tasten sich langsam ins Wasser hinein. Ein Stück entfernt machen auch wir Rast. Ich nutze die Gunst der Stunde und des Wetters, um selbst in der Isar baden zu gehen. Schätzungsweise hat das Wasser kaum mehr als 10°C.

Immer weiter laufen wir bergauf, halten mehrfach an, beeindruckt von der Schönheit und Mächtigkeit der Natur, die uns umgibt. An den Isarquellen treffen sich mehrere Zuflüsse, aus denen sich der Fluss speist. Von dort an geht es weiter bergauf, am Ursprungsfluss entlang. Hier sind wir nun fast allein. Keine E-Biker mehr, kaum noch Wanderer.

Dem Unwetter entkommen

Der Blick zurück macht uns sorgen. Aus dem Tal kommt eine schwarze Unwetterfront bedrohlich heraufgezogen. Vor uns ist der Himmel noch blau, die Sonne scheint.

An der Kastenalm angekommen, führt ein steiler Stich nach oben. Die Sonne drückt. Noch einmal Wasser auffüllen an einem kleinen Gebirgsbach, dann nehmen wir die Beine in die Hand, denn die Unwetterfront rückt näher. Wir hören schon das Donnergrollen hinter uns. Jetzt erst erklimmen wir die entscheidenden Höhenmeter des heutigen Tages.

Gegen 16.15 Uhr erreichen wir das Hallerangerhaus. Die Hütte ist gepflegt, Türen, WC, Duschen – alles wurde erst vor kurzem renoviert. Heute teilen wir uns ein Mehrbettzimmer mit dem Pärchen im mittleren Alter, Heike und Lars, deren Ziel ebenfalls Venedig ist. Zuletzt hatten wir sie in Vorderriß gesehen. Wir packen gerade noch unsere Rucksäcke aus, als draußen vor dem Fenster sprichwörtlich die Welt untergeht.

Unwetter kurz nach unserer Ankunft am Hallerangerhaus

Hagelkörner so groß wie Kirschkerne prasseln auf das Dach der Hütte, sodass wir kaum noch verstehen, was der andere sagt. Blitze zucken, gefolgt von Donner direkt über uns. Jetzt hätten wir nicht mehr draußen sein dürfen.

Grüße von Charlie & zünftiges Hüttenessen

Als wir wenig später zum Abendessen in die Gaststube kommen, ist die schon ziemlich gut gefüllt. Die Hütte ist nahezu ausgebucht. Belegungsbegrenzungen wie zuvor in Deutschland gibt es in Österreich nicht, genauso wenig, wie eine Maskenpflicht. Wir setzen uns an den Tisch zu einem Pärchen, das etwa in unserem Alter sein dürfte. Er versucht ihr gerade Schafkopfen beizubringen. Wir kommen ins Gespräch. Sie gehen den Karwendelhöhenweg. Er ist den Traumpfad schon einmal gegangen – zumindest von Bad Tölz nach Belluno, wie so viele.

Hektisch rennt eine Frau, die offenbar die Hüttenwirtin sein muss, zwischen den Tischen hin und her. Sebastian fragt sie schließlich: „Bist du Kerstin?“ Verdutzt bejaht sie die Frage. „Wir sollen dir schöne Grüße von Charlie ausrichten.“ Sie lacht los. „Der Charlie treibt sich wieder rum und hat ungefähr jeden abgegrüßt. Die Tage kamen schon einige, die mir schöne Grüße ausgerichtet haben.“ Wir schmunzeln.

Das Essen auf dem Hallerangerhaus ist super. Nach einer kräftigen Brühe mit Speckknödel gibt es Salat, Schweinsbraten mit Kartoffeln und Sauerkraut und zum Nachtisch ein Stück Kuchen. Kugelrund rollen wir schließlich ins Bett, wobei wir sicher auch bis nach Wattens, unserem nächsten Etappenziel, hätten durchrollen können.

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