7. Etappe: Hallerangerhaus – Wattens

Kirche in Wattens Nacht

Nach fast einer Woche ist das ursprüngliche Ziel Ludwig Graßlers, die Isarquelle, also erreicht. Wie er selbst in verschiedenen Reportagen immer wieder erzählte, war es einst seine Frau, die den Wunsch geäußert hatte, nach der Quelle noch etwas weiterzugehen. Nach zwei Jahren Recherche beging Graßler den Traumpfad 1974 schließlich zum ersten Mal. Auch für uns geht es weiter – heute bergab.

Nach einem kurzen Anstieg auf das Lafatscherjoch erleben wir den ersten Ausblick auf die Zentralalpen. Es weht ordentlich hier oben. Einmal Arme ausbreiten und das Gefühl von Freiheit spüren. Es ist wundervoll. Dann geht es über losen Kies und Geröll steil bergab.

Freiheit auf dem Berg

Alpenkitsch zum Anfassen

Wir queren einige Bergwiesen, die in voller Blüte stehen. Der Morgentau haftet noch an den Blüten und Grashalmen. Nach etwas mehr als sechs Kilometern erreichen wir das Gasthaus St. Magdalena mit seiner Kirche. Zahlreiche Wanderer tummeln sich hier, essen schon 10.30 Uhr am Morgen ihr erstes Händl. An einem der Tische sitzen etwa 15 Männer in Trachtenlederhosen mit hoch gezogenen Strümpfen und Jagdhüten mit Federschmuck. Vor der Kapelle formiert sich eine Menschentraube. Wohl aufgrund von Corona findet die heutige Sonntagspredigt nicht in der kleinen Kirche, sondern davor statt.

Die Männer mit den schicken Hüten sitzen wenig später hinter dem Pfarrer, der seine Predigt beginnt. Die Trachtengruppe entpuppt sich als Chor, der den Gottesdienst mit seinem „Hallelujah“ begleitet. Immer wieder bleiben Wanderer und Einheimische stehen, um den Worten des Pfarrers zu lauschen. Die Glocken läuten. Es ist eine urige Atmosphäre mitten in den Bergen. Der verschrobenste ARD-Alpenkitschfilm hätte keine stereotypere Kulisse zeichnen können.

Mit Donnerwetter dem Inntal entgegen

Nach etwa einer halben Stunde müssen wir weiter. Schmale Pfade führen zunächst durch einen Wald und münden schließlich in einem Höhenweg, der oberhalb einer Asphaltstraße am Hang verläuft. Nachdem wir die Isar verlassen haben, laufen wir nun dem Inn entgegen.

In Absam beginnt es schließlich zu regnen. Rucksäcke runter – Regenkleidung an. Es donnert in der Ferne. Bald schon sehen wir auch Blitze und zählen nun die Sekunden, die dazwischen vergehen. Erst sind es noch 15, doch schon kurz danach kann ich nur noch bis fünf zählen.

Jetzt schüttet es wie aus Eimern. Wir haben glücklicherweise die Dorfgrenze von Fritzens und damit bebautes Gebiet im Tal erreicht. Unter einer Siloanlage aus Beton finden wir einen Unterstand, während Blitz und Donner nunmehr gleichzeitig über uns scherbeln. Nach etwas weniger als zehn Minuten ist das Spektakel vorüber. Wir trauen uns aus unserem Notunterstand und laufen im Nieselregen weiter.

Halber Ruhetag in Wattens

Gegen 14.30 Uhr erreichen wir unser Hotel in der Innenstadt. Der Himmel ist noch immer wolkenverhangen. Wir freuen uns auf ein gemütliches Doppelzimmer und Gelegenheit unsere T-Shirts zu waschen. Die Dame an der Rezeption schaut etwas verwirrt, als wir nur mit unseren Rucksäcken bepackt und vom Regen nass vor ihr in der Lobby stehen.

Weil wir heute schon so früh unser Ziel erreicht haben, bleibt noch genügend Zeit für einen Eisbecher und ein Nickerchen. Am Abend gönnen wir uns jeder noch einen großen Teller Spaghetti Bolognese und Bruschetta beim Italiener um die Ecke. Morgen geht‘s wieder rauf auf die Lizumerhütte und damit mitten rein ins Militärsperrgebiet.

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