4. Etappe: Tutzinger Hütte – Vorderriß

Traumpfad München Venedig Schild

Der Tag beginnt 6.45 Uhr mit geschäftigem Treiben auf der Hütte. Die Wanderer in den anderen Zimmern und Lagern sind schon wach und durch die hellhörigen Wände hören wir die Dielen knarren und die Türen sich öffnen und schließen.

Orientierung am Morgen…

Es war eine unruhige Nacht. Wir waren beide mehrfach wach, was nicht zuletzt an den doch sehr harten Matratzen lag. Doch jetzt heißt es aufstehen, denn 7.30 Uhr gibt es Frühstück. An der Ausgabe unten stehen die anderen schon Schlange. Wir müssen uns erst sortieren, stellen uns ebenfalls an. Vorn angekommen werden wir nach unseren Marken gefragt, die wir freilich aus Unerfahrenheit am Vorabend vergessen haben zu kaufen.

Das holen wir jetzt nach und bekommen wenig später zwei Scheiben Brot mit etwas Butter, Käse, Wurst, Marmelade und einen Kaffee. Das Lunchpaket mit weiteren zwei Scheiben Brot und einem Apfel kostet extra. Wir gönnen uns auch das, weil wir noch nicht genau wissen, wann wir in Jachenau und damit an der nächsten Einkaufsmöglichkeit vorbeikommen werden.

Auf der Terrasse essen wir gemütlich unser Frühstück. Immer wieder verabschieden sich die Wanderer um uns herum. Die meisten laufen, wie wir später auch, Richtung Benediktenwand. Gegen 8.30 Uhr sind auch wir zum Aufbruch bereit und laufen los – allerdings verpassen wir gleich am Anfang die richtige Weggabelung und laufen eine halbe Stunde in die falsche Richtung Schnurstracks geht es den Berg wieder hinunter.

Wir biegen ab und laufen rechts um die Benediktenwand herum. Bis ganz nach oben gehen wir allerdings nicht. Zu viel Zeit haben wir verloren. Dennoch sehen wir jetzt weiter oben angekommen, welchen Weg wir schon zurückgelegt haben. In der Ferne erkennen wir Bad Tölz. Unglaublich, dass wir nur zu Fuß hierher gekommen sind.

In Jachenau Richtung Venedig

Der Weg führt uns steil hinab Richtung Jachenau. Wir queren einen wunderschönen Wasserfall mitten im Wald – perfekt, um unsere leeren Trinkflaschen noch einmal aufzufüllen.

Immer weiter folgen wir der Beschilderung, die uns nach Jachenau führt – durch einen kleinen Buchenmischwald, Wiesen und über Bächlein. Wieder geht es dann steil hinab bis zum Jachenauer Wasserfall. Imposant stürzen hier die Wassermassen in die Tiefe. Noch einmal Wälder, Wiesen und Kühe bis wir gegen 14.00 Uhr Jachenau erreichen.

Am Parkplatz eines nahegelegenen Gasthofes stehen einige Bänke im Schatten. Wir stellen unsere Rucksäcke zur Mittagsrast ab. Während ich seit unserem Aufstieg in die Berge gestern keine Schmerzen mehr im Bein habe, macht Sebastians Rücken noch immer Probleme. Zunächst essen wir die Käsebrote und Äpfel, dann geht es kurz für einige Dehnübungen auf die Faszienrolle.

Im winzigen Dorflädchen um die Ecke kaufen wir ein kleines Shampoo, etwas Obst, Gemüse und Schokolade. 14.30 Uhr schultern wir die Rucksäcke wieder auf und verlassen Jachenau Richtung Rißsattel. Fast 450 Höhenmeter müssen wir wieder hinauf und auf der anderen Seite 423 Höhenmeter nach unten bis wir das Gasthaus Post in Vorderriß erreichen. Als wir den Ort verlassen, sehen wir einen Wegweiser mit der Aufschrift „Venedig“. Es ist das erste Mal, dass unser Fernziel ausgeschildert wird.

Zufälle gibt es, Schicksal vielleicht auch

Die Beine sind schwer beim Aufstieg. Immerhin sind wir heute schon fast 600 Höhenmeter runter nach Jachenau gelaufen. Immer wieder motivieren wir uns gegenseitig. Es fällt nicht leicht. Seit einer gefühlten Ewigkeit sind uns keine anderen Wanderer mehr begegnet. Ein paar E-Biker kommen uns von der Laineralm entgegen. Sebastian flitzt schnell zur hinüber, um ein Spezi zu holen. Nach dem vielen Wasser ist das Süßgetränk mehr als wohltuend. Vorerst geht es nun geradeaus Richtung Luitpolder Alm.

Im Wald kommen uns zwei ältere Herren in ihren 80ern entgegen. Sie grüßen freundlich. Einer von ihnen ruft uns eher scherzhaft noch hinterher: „Grüßt mir Venedig!“ – „Machen wir,“ sagen wir. Dann dreht er sich um und fragt noch einmal nach, ob wir wirklich nach Venedig wollen. Wir nicken. „Ich bin schon fünf Mal den Traumpfad gegangen,“ sagt er. Sein Hemd, weiß-rot kariert, steckt fein säuberlich in seiner kurzen beigen Wanderhose. Mit dem kleinen Tagesrucksack auf dem Rücken sieht man kaum, dass er schon etwas gekrümmt läuft.

„Der Ludwig Graßler, der Erfinder vom Traumpfad, war mein Nachbar. Vor zwei Jahren ist er leider verstorben. 1978 bin ich zum ersten Mal den Traumpfad gegangen.“ Wir stehen wie angewurzelt da und staunen erst einmal nicht schlecht: Er, der Nachbar von Ludwig Graßler. Und fünf Mal (!) ist er den Weg schon gegangen. „Ihr seid heute auf dem Weg nach Vorderriß, richtig?“ Wir bejaen seine Frage. „Da treffen sich immer viele Venedig-Geher. Und dann am Karwendelhaus und übermorgen auf dem Hallerangerhaus?“ „Ja, so ist der Plan,“ antworte ich. „Dort haben wir den Ludwig beerdigt, seine Asche verstreut. Wenn ihr dort seid, könnt ihr den Hüttenwirten Thomas und Kerstin liebe Grüße von Charlie ausrichten?“ Sebastian zügt sein Handy und macht sich eine kurze Notiz. Natürlich richten wir liebe Grüße aus. Kurz sprechen wir noch über die Anstrengungen der ersten Flachetappen. Charlie macht uns Mut. Die Strecken in der Ebene seien viel anstrengender als die Etappen am Berg. Dann verabschieden wir uns. Jeder geht seiner Wege.

Tolle Aussichten & schlechte Nachrichten

Bis 18.00 Uhr müssen wir im Gasthof Post sein. Dort wartet ein gemütliches Bett und eine ordentliche Mahlzeit auf uns. 16.45 Uhr, auf dem Rißsattel angekommen, sind wir vom Blick ins Rißtal überwältigt. Die Isar ist wieder da. In den vergangenen Regentagen hat sie tiefe Furchen ins Tal gegraben. Bis vor zwei Tagen war Vorderriß von der Außenwelt quasi abgeschnitten. Am Abend wird auch jetzt noch die Straße nach oben gesperrt.

Euphorisiert von diesem Ausblick geht es beschwingt den steilen Abstieg in Serpentinen nach unten. 17.30 Uhr sind wir am Ortseingang Vorderriß. Im Gasthaus Post erwartet uns eine schlechte Nachricht: Das Karwendelhaus hat seit heute geschlossen. Es gab einige positive Corona-Fälle. Schlagartig wird uns wieder bewusst, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Für uns bedeutet das umplanen. Wir tauschen uns mit der Wirtin aus. Sie empfiehlt uns, morgen nach Wallgau zu laufen. Von dort fahren Busse bis Mittenwald oder Scharnitz. Dann könnten wir übermorgen wie geplant zum Hallerangerhaus aufsteigen. „Hier seid ihr quasi im nirgendwo. Die Berge dazwischen sind leider massiv. Da geht es nur drum herum.“

Immer schön flexibel bleiben

Wie Charlie es uns angekündigt hatte, treffen wir im Gasthaus Post tatsächlich einige Venedig-Geher (wenngleich nicht alle die ganze Tour gehen). Alle sind nun damit beschäftigt umzuplanen. Armin, ein Mann in seinen 50ern, der mit seiner Tochter Johanna unterwegs ist, fährt morgen vorerst mit dem Taxi nach Seefeld. Ein Pärchen, ebenfalls im mittleren Alter, hat eine Übernachtung in Mittenwald ergattert.

Traumpfad Vorderriß
Endlich am Etappenziel: Vorderriß

Wir mühen uns während des Abendessens. In Mittenwald ist morgen Abend schon alles belegt. Wir telefonieren an die zehn Hotels, Gasthäuser und Pensionen ab, bis wir in Krün, etwa 8,5 Kilometer von Mittenwald entfernt, doch noch ein Hotelzimmer bekommen. Der erste große Höhepunkt, das Karwendelgebirge mit der Birkarspitze fällt damit ins Wasser.

Nach mehr als einem Tag sind wir im Rißtal zurück an der Isar.

Dennoch hat die Sache auch ihr Gutes. Denn so haben wir morgen nur rund 21 Kilometer in der Ebene zu absolvieren und damit einen halben Pausentag.

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