14. Etappe: Kreuzwiesenhütte – Schlüterhütte

Hörschwanger Kreuz

Heute erreichen wir den Peitlerkofel. Von der Kreuzwiesenhütte ist der weiße Felsen schon zu sehen, der einsam in der Ferne herausragt. Den ganzen Tag werden wir zu ihm hinwandern. Mit den Dolomiten beginnt der zweite große Teil unserer Reise. Und das bei herrlichem Sonnenwetter.

An diesem Morgen werden die Kühe der Kreuzwiesenalm auf die Weide getrieben. Vor uns bildet sich ein Stau, denn nur die wenigsten Tiere wollen sich freiwillig in Bewegung setzen. Elias, der einzelne Wanderer vom vorletzten Abend, ist schon voll in die Arbeit integriert. Im blauen Overall treibt er gemeinsam mit dem Almwirt die Kühe voran. Wir grüßen ihn ein letztes Mal bis wir endlich an der Herde vorbeiziehen können.

Zunächst führt uns der Weg auf den Monte Campiglio. Hier oben genießen wir trotz Wind eine der schönsten Aussichten auf unserer Reise. Bis hinüber zum Kronplatz können wir schauen. Im Winter sind wird dort schon oft Ski gefahren. Die Wolken hängen in den Tälern, reißen hier und da ein wenig auf. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel. Noch ein kurzer Blick zurück auf die Zentralalpen, aus denen wir gekommen sind, dann wenden wir uns wieder Richtung Süden.

Der Genuss kommt zurück

Nach den letzten zwei schweren Etappen kommt das Genusswandern heute endlich wieder zurück. Der Weg über die Almwiesen ist hügelig aber leicht. Egal wohin wir schauen, umgeben uns grandiose Ausblicke. Auf dem Glittnersee in über 2.000 Metern Höhe gibt es wieder einmal Postkartenkitsch zum Anfassen. Zwei weiße Schwäne treiben sanft über die Wasseroberfläche – ein Bild, das ich wohl nie vergessen werde.

Doch wir spüren, wie sich das Wetter wieder einmal rasch zu ändern beginnt. Die Spitze des Peitlerkofels in der Ferne verschwindet mehr und mehr in den Wolken. An etlichen Hütten laufen wir heute vorbei, entscheiden uns aber für die Rast auf einer Bank entlang des Weges mit wunderbarer Aussicht auf Untermoi. Am Würzjoch wird es schließlich das erste Mal wirklich touristisch. Viele Biker steuern die Ütia de Börz an. Zahlreiche Tageswanderer parken ihre Autos an der Straße, um ein Stück zum Peitlerkofel zu schlendern. Zunehmend hören wir italienisches Stimmengewirr.

Das Tor zu den Dolomiten

Es ist seltsam nach den verlassenen Pfaden in den Zentralalpen plötzlich die Wege und Aussichten mit so vielen anderen Menschen teilen zu müssen. Auch den bekannten Venediggehern laufen wir immer wieder über den Weg – das Pärchen von der Kreuzwiesenhütte, die beiden jungen Kerle, die an der Gliederscharte gleich den richtigen Weg gefunden haben, und auch Heike und Lars, mit denen wir uns auf dem Hallerangerhaus ein Zimmer geteilt haben, sind nach dem Pausentag wieder gleichauf mit uns.

Mit steigender Höhe nimmt die Zahl der Wanderer am Peitlerkofel schließlich wieder ab. Stellenweise wird unser Weg sehr schmal. Neben uns geht es hingegen steil bergab. Immer wieder wundere ich mich über das Schuhwerk und die Kleidung einiger Tageswanderer – einfache Sneaker gerhören genauso zum Wanderoutfit wie Ballerinas. Einige tragen ihre französischen Bulldoggen und Möpse über die engen Pfade. Die letzten Meter bis auf die Peitlerscharte sind noch einmal anstrengend. Doch der Blick über die Puezgruppe mit ihren schroffen Spitzen und Felsplateaus entschädigt den schweißtreibenden Aufstieg.

Blick Richtung Süden auf die Puezgruppe. Schon morgen werden wir durch sie hindurchlaufen.

Das Wetter verschlechtert sich zusehends. Immer dunkler und schneller ziehen die Wolken durch die Scharten des Peitlerkofels. Es beginnt zu regnen. Wir zerren die Regenkleidung aus unseren Rucksäcken, verpacken alles wasserdicht. Doch als wir fertig sind, hat es auch schon wieder aufgehört. Vorsichtshalber behalten wir aber alles an. Die Temperaturen sind spürbar gefallen. Kurzärmelig würden wir jetzt frieren. Gemütlich schledern wir nun die letzten Meter bis zur Schlüterhütte weiter. Dort haben wir wieder einmal Glück. Statt Lager bekommen wir dank Warteliste ein Doppelzimmer. 15 Minuten nach unserer Ankunft hagelt, stürmt und gewittert es – mal wieder.

Ascoltiamo italiano oder Parlare

Die Schlüterhütte oder Rifugio Genova ist eine Art Nadelöhr für Wanderungen in den Dolomiten. Der Traumpfad und der Dolomitenhöhenweg Nr. 2 sind nur zwei Beispiele für die zahlreichen Mehrtagestouren, die ein Etappenziel hier verorten. Entsprechend groß und voll ist die Hütte – dafür aber wirklich top organisiert. Auf den Zimmern gibt es keine Steckdosen. Eine lange Schalterleiste im Flur und ein Regal daneben sind Ladestation für unzählige Powerbanks, Handys, GPS-Geräte Smartwatches, Fotoapparate und so weiter. Noch immer haben wir an solchen Ladepunkten Sorge, ob unsere Geräte nicht vielleicht doch den Besitzer wechseln könnten, sobald wir ihnen den Rücken zudrehen. Aber es hilft nichts, wir brauchen Strom. Also hänge ich mutig Drohne, Powerbank und GPS an unseren USB-Verteilstecker.

Im Gastraum genießen wir einen leckeren Kaiserschmarren, während es draußen noch immer regnet. Mit uns am Tisch sitzen Heike und Lars. Sie kommen aus Lübeck. Wir tauschen uns über die zurückliegenden und bevorstehenden Etappen aus. Beide sind eigentlich passionierte Hochtourengeher. Als wir von unseren Schwierigkeiten mit dem frühen Aufbrechen berichten, schmunzeln sie nur. Um hochalpine Touren zeitlich und bei gutem Wetter schaffen zu können, sind sie in der Vergangenheit schon zu nachtschlafender Zeit, sprich 2.00 Uhr oder 3.00 Uhr, aufgebrochen. Eigentlich hatten sie auch einen längeren Ausstieg aus dem Alltag geplant. In Ost-Westausdehnung wollten sie die Alpen überqueren – ein Vorhaben, das locker zehn Wochen in Anspruch nimmt. Doch dann ist es der Traumpfad geworden – vorerst.

Auf der Schlüterhütte bemerken wir zum ersten Mal, wie weit im Süden wir uns schon befinden. Offenbar übernachten mehrere italienische Reisegruppen auf der Hütte. Unüberhörbares Parlare tönt im Singsang über die Gänge, in denen wir zum Duschen Schlange stehen. Glücklicherweise funktioniert diese wieder nur mit Duschmarken für fünf Minuten, sodass wir gut voranrücken. Die Dusche erinnert mich eher an eine Nasszelle im Wohnwagen. Doch nach einem langen Wandertag freue ich mich generell über fast jede Art von fließendem Wasser – vor allem, wenn es warm ist.

Sächsische Spuren in den Dolomiten

Das Abendessen ist straff durchgetaktet – kein Wunder bei einer solch großen Hütte. An den riesigen Tischen heißt es: Durchrücken, durchrücken, durchrücken, damit alle Platz finden. Im Eiltempo bekommen wir unser Essen. Es fühlt sich ein wenig an wie in einer Kantine. Am Tisch wird Deutsch, Italienisch und Niederländisch gesprochen. Ein einzelner älterer Herr mit Bart und Brille fällt mir auf, der die anderen Gäste und das Treiben um sich herum gelassen und still beobachtet. Er spricht Deutsch und Italienisch. Hin und wieder notiert er etwas in ein Büchlein, das sein Wandertagebuch zu sein scheint. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe in dieser hektischen Umgebung aus. Ich frage mich, wohin er wohl unterwegs ist. Gelegenheit ihn zu fragen habe ich kaum. Obwohl wir am gleichen Tisch essen, sitzt er fast zwei Meter entfernt und bei dem hohen Geräuschpegel im Raum habe ich schon Schwierigkeiten, Sebastian direkt neben mir zu verstehen.

Nach dem Essen zieht es uns noch einmal raus aus dem Trubel der Hütte. Im Eingang der Hütte fällt mir eine Panoramaaufnahme des Canaletto-Blicks über Dresden ins Auge. Die Erklärung findet sich unter dem Bild. 1898 veranlasste ein Kaufmann namens Franz Schlüter aus Dresden den Bau dieser Schutzhütte, die lange Zeit zur Alpenvereinssektion Dresden gehörte. Mit der wechselvollen Geschichte Südtirols während der beiden Weltkriege wurde auch die Hütte immer wieder anderen Sektionen und Gebieten zugerechnet. Mittlerweile gehört sie zwar keiner festen Sektion mehr an, doch an ihren Erbauer wird hier noch immer erinnert.

Vor der Hütte haben sich die Wolken derweil etwas aufgelockert und geben den Blick auf einen wundervollen Sonnenuntergang frei. Die hellen Kalkfelsen leuchten im zarten Orange der Abendsonne. Sie – die Sonne – werden wir in den nächsten Tagen schmerzlich vermissen.

%d Bloggern gefällt das: