13. Etappe: Pfunders – Kreuzwiesenhütte

Weg zum Rodenecker Wald

Wir haben recht gut geschlafen. Trotzdem haben wir das Gefühl, unsere Kniescheiben gestern auf der Gliederscharte liegen gelassen zu haben. Als wir unsere Rucksäcke packen, donnert und regnet es draußen noch immer. Mehrere Venediggeher sitzen beim Frühstück schon an einem Tisch zusammen und besprechen mit welchem Bus sie später bis Niedervintl fahren wollen, um von dort auf die Lüsener Alm aufzusteigen.

Auch Sebastian liebäugelt mit der Busfahrt ins Tal angesichts des Wetters und der zurückliegenden Etappe. Doch ich bin fest entschlossen, so viel des Weges zu Fuß zu gehen wie nur möglich. Zudem soll das Wetter gegen 9.00 Uhr besser werden. Wir lassen es also gemütlich angehen und siehe da – Pünktlich kurz vor neun hört der Regen auf. Wir laufen los.

Only for the best

Schnell ist es herrlich warm. Die Sonne kommt langsam durch die Wolken, die bald nur noch wie zarte Schleier zwischen den Bergen hängen. Auf unserem Abstieg nach Niedervintl beobachten wir, wie die Feuchtigkeit aus den Wäldern nach oben steigt. Leider führt der erste Teil der Strecke an einer Straße entlang. Da wir nicht sicher sind, wie lang die Geschäfte am Samstag offen haben, nutzen wir die Gelegenheit schon in Weitental einkaufen zu gehen. Es ist ein kleiner Dorfladen vor dem ich mit unseren Rucksäcken warte. Als Sebastian mit den Besorgungen herauskommt, eilt ihm die Verkäuferin nach. In der Hand hält sie zwei Sticker mit der Aufschrift „München – Venedig – Only fort the best“. Offenbar lohnt es sich doch, den Abstieg zu Fuß zu gehen statt den Bus zu nehmen.

München – Venedig – Only for the best

Der übrige Weg bis Niedervintl verläuft entlang des Pfunderer Bachs. Dort angekommen, heben wir genügend Bargeld für die bevorstehenden Hütten ab und kaufen die ein oder andere Kleinigkeit in Apotheke und Supermarkt. Gegen 12.00 Uhr beginnt unser Aufstieg durch den Rodenecker Wald. 1.200 Höhenmeter geht es wieder nach oben. Doch heute macht das überhaupt keine Freude. In dem dichten Nadelwald sieht man kaum, wohin man läuft. Meist ist der Weg steil und schier endlos. Mehrmals müssen wir heute pausieren, fühlen uns nach den Anstrengungen gestern völlig im Eimer. Einzig die Aussicht auf den morgigen Pausentag lässt uns jetzt noch weiterlaufen.

Endlich auf der Lüsener Alm

Als wir die Ronerhütte und damit den Beginn der Lüsener Alm sehen, kommt der Wunsch auf, hier schon das Nachtlager aufzuschlagen. Doch die Kreuzwiesenhütte ist schon reserviert und quasi die letzte Hütte auf dem Almenkamm. Noch fast zwei Stunden Fußmarsch liegt sie entfernt.

Es ist sonnig hier oben. Sanfte grüne Weiden ziehen sich kilometerweit nahezu eben über den Berg und so schlendern wir vorbei an Kühen, Tageswanderern und einigen Hütten. Viele Fotos gibt es davon leider nicht. Zu erschöpft waren wir an diesem Tag. Kurz vor dem Ziel ist der Weg mal wieder dicht. Ein Almenbauer hat sich ganz offensichtlich an den Wanderern an seiner Weide gestört und kurzerhand einige Bäume entlang des Wanderweges (2A – nur falls jemand plant, diesen Weg zu gehen) umgelegt und mit Nägeln im Weidezaun verankert. Über die ersten Hindernisse klettern wir noch drüber bis wir vor einem Schild mit der Warnung „Freilaufender Bulle – Betreten der Weide verboten“ stehen. Eine Begegnung dieser Art wollen wir heute doch lieber vermeiden und klettern über die gefällten Bäume zurück.

17.30 Uhr erreichen wir endlich die Kreuzwiesenhütte. Die busfahrenden Wanderer sitzen offensichtlich schon seit einiger Zeit auf der Terrasse und genießen den wundervollen Blick auf den Peitlerkofel. Auch heute bleiben wir lieber wieder für uns. Beim Check-In hebt sich die Laune noch einmal deutlich. Für uns ist ein Doppelzimmer frei geworden, sodass wir heute zumindest nicht ins Lager müssen.

Be(r)gegnungen

Nach einem Radler, Dusche und gutem Essen sind die Anstrengungen des heutigen Tages fast vergessen. Ein einzelner Wanderer gesellt sich zu uns. Elias ist sein Name. Er ist wohl etwa Mitte oder Ende 20. Aus Hallein hat er sich allein auf den Weg hierher gemacht, um ab morgen auf der Alm zu helfen, berichtet er. Job, Familie, Freunde will er erst einmal hinter sich lassen. Sein Leben umkrempeln und sich treiben lassen. Mutig, denke ich mir und meine Bewunderung wächst, als er von seinem bisherigen Weg erzählt. Das Steinerne Meer hat er durchlaufen, ein Gebirgsstock in den Kalkalpen, in dem kilometerweit kein Bach fließt. Fünf Liter Wasser hat er deshalb mitgeschleppt. Hinzukommt allerhand Ausrüstung zum Biwakieren. Dass das mitunter nicht ganz ungefährlich ist, wird klar, als er schildert, wie er die letzte Unwetternacht verbracht hat: In einem alten verlassenen Wellblechverschlag mitten in den Bergen. Das alles erzählt er nüchtern, ohne zu prahlen. Vielmehr bewundert er unser Reiseziel und meint: „Da habt ihr ja ein richtiges Abenteuer vor euch. Da überlege ich auch, ob ich noch etwas weiterlaufe, wenn ich hier mit der Arbeit fertig bin.“

Es sind diese Begegnungen, die das Wandern in den Bergen zu etwas Besonderem machen. Hier oben treffen die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Lebensentwürfen aufeinander. Der eine ist Investmentbanker, der nächste Sozialpädagoge, der Dritte Informatiker. Der Vierte arbeitet in der Verwaltung und der Fünfte vielleicht in den Medien. Doch hier oben in den Bergen gibt es diese Unterschiede nicht. Oder wie es der Wirt auf unserer ersten Hütte – der Tutzinger Hütte – zu sagen pflegte: „Ab 1.000 Meter san mia alle gleich, san mia alle Du.“

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