12. Etappe: Stein – Pfunders

Grindlbergsee hinter der Gliederscharte

Frühstück vor 6.00 Uhr fällt uns schwer, wenn wir nicht auf einer Hütte übernachten und so kommen wir eben doch erst 6.30 Uhr los. Die Laune ist gut. Erst geht es ein Stück gerade, dann bergauf. Der Wanderweg hier scheint schon länger nicht mehr genutzt worden zu sein. Bäume liegen im Weg. Es ist eine ziemliche Kraxelei.

Frühstück im Gasthof Stein

Verhängnisvolle Wegweiser

7.30 Uhr erreichen wir die erste und für uns an diesem Tag so verhängnisvolle Weggabelung. Auf dem Schild ist unser Weg – 8 Gliederscharte – ausgezeichnet. In die andere Richtung geht es Richtung Hochfeiler und auf die Hochfeilerhütte. Ein Zettel in Folie weist uns darauf hin, dass der Verbindungsweg „8A Gliederscharte“ gesperrt ist. ‚Shit!‘, denken wir. ‚Das ist bestimmt unser Weg. Aus der 8 wir nachher sicher die 8A. Hier können wir nicht laufen.‘ Ein folgenschwerer Trugschluss, der uns den Weg Richtung Hochfeiler nehmen lässt, im Glauben später wieder auf die Hauptroute zurückkehren zu können.

Und so laufen wir weiter steil bergauf. Immer mehr Höhenmeter bringen wir zwischen uns und den Gliederbach, an dem sich der scheinbar gesperrte Weg entlang schlängelt. Nach etwa einer Stunde sichten wir am gegenüberliegenden Berg die beiden jungen Kerle, die wir auf der Dominikushütte das erste Mal gesehen haben. „Mutig, den gesperrten Weg zu gehen,“ sagt Sebastian noch zu mir. Ich zähle derweil die Höhenlinien im GPS. Der Umweg, den wir nehmen müssen, ist länger als zunächst angenommen. Ich muss kräftig schlucken und habe etwas Sorge wegen des Wetters.

Einer der Wegweiser mit Sperrschild etwas weiter oben Richtung Gliederscharte.

Der Weg, der uns auf Höhe der Hochfeilerhütte hinüber zur Gliederscharte führen soll, rückt auf dem GPS in greifbare Nähe. Doch mich beschleicht ein mulmiges Gefühl…Verbindungsweg 8A gesperrt…Hochfeilerhütte offen… Das stand auf dem Schild. War wirklich unsere Route dicht? Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon auf über 2.450 Metern Höhe. (Zur Info: Die Hochfeilerhütte, von der aus der Alternativweg Richtung Gliederscharte führen soll, liegt auf etwa 2.710 Metern. Stein, wo wir gestartet waren, liegt auf 1.533 Metern.)

2.000 Höhenmeter Bergsprint

Ein älteres italienisches Pärchen kommt uns entgegen. Ich spreche sie an, frage, ob wir von der Hochfeilerhütte zur Gliederscharte kommen. Energisch schüttelt die Frau den Kopf. „8A chiuso!“, sagt sie. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder. Der Weg, den wir die ganze Zeit als Alternative nehmen wollten, ist die besagte gesperrte Route 8A. Hastig erkundigen wir uns noch, ob wir auf diesem Weg auch nach Pfunders kommen. Ja, meinen sie – über den Gletscher und zeigen auf die vereisten Flächen am Gipfel des Hochfeilers. Wir könnten uns aber auch beim Hüttenwirt erkundigen. Wir bedanken uns, dann ergreift mich ein Anflug von Panik. Zwei Stunden sind wir hier hochgelaufen. Für den Überstieg eines Gletschers fehlt uns die Ausrüstung. Wir müssen also umkehren.

Wir klemmen die Beine unter die Achsel und rennen förmlich den Hochfeiler wieder hinunter. Derweil schießen mir die Gedanken durch den Kopf… Schaffen wir es vor dem Gewitter über die Gliederscharte?Reicht unsere Energie, um nach den ersten 1.000 Höhenmetern bergauf und wieder bergab weitere 1.000 Höhenmeter hoch und anschließend wieder hinunterzulaufen? Sollten wir nach Stein zurücklaufen und den Bus nehmen?

Nach einer Stunde Sprint erreichen wir 10.30 Uhr wieder den Wegweiser. Völlig fertig schieben wir uns jeder zwei Proteinriegel rein. Währenddessen laufen zwei junge Männer und ein Pärchen an uns vorbei. Beide Kleingruppen frage ich, ob sie die Gliederscharte queren wollen. Die Antworten lauten: Ja. Wir atmen durch. Wenn die jetzt erst hinauf wollen, dann schaffen wir das auch und so setzen wir uns in Bewegung nach oben – diesmal in die andere Richtung. Mittlerweile ist es deutlich wärmer geworden. Die Sonne knallt auf uns nieder. Aber das ist alles egal. Im Eiltempo laufen wir weiter, überholen die beiden Kleingruppen sogar.

Auf der Hälfte des Weges zur Scharte müssen wir den Gliederbach queren. Doch ein riesiges Schneefeld macht das unmöglich. Wir hören den Bach unter der wohl nur dünnen Eisschicht rauschen. Viel zu gefährlich wäre es, über den Schnee zu gehen. Wieder müssen wir ein Stück zurück laufen, um den Bach zu überschreiten. Die Kraxelei über den Hang auf der anderen Seite nehmen wir in Kauf, um 13.00 Uhr schließlich auf der Gliederscharte zu stehen. Unsere Beine zittern ob der 3.000 schon überwundenen Höhenmeter. 1.000 weitere Höhenmeter müssen sie aber noch nach unten.

Die Scharte sitzt uns in den Gliedern

Nach einer kurzen Pause geht es weiter am Gliedersee vorbei. Das Wetter ist schon deutlich schlechter geworden. Auf dieser Seite der Bergkette hängen die Wolken dicht und dunkel zwischen den Gipfeln. Doch das erste Mal nehmen wir wahr, dass der schwarze Schiefer in der Ferne langsam dem hellen Kalkstein der Dolomiten weicht.

Die Knie schmerzen beim Abstieg. Doch 14 Kilometer liegen noch vor uns. An der Oberen Engbergalm sehen wir bekannte Gesichter wieder. Armin, Johanna, Franz – der flinke Typ von der Friesenbergscharte – und ein Pärchen, das uns auch schon öfter über den Weg gelaufen ist, sitzen dort und genießen ein kühles Getränk. Sie sind nicht bis nach Stein abgestiegen, sondern haben auf dem Pfitscherjochhaus übernachtet. Jetzt jubeln sie uns zu. Doch uns ist nicht nach Rast und Geselligkeit zumute. Wir wollen nur noch runter – ankommen. Das rufen wir ihnen erschöpft zu und setzen unseren Weg fort.

Bis auf einen kurzen Nieselregen hält das Wetter glücklicherweise. Doch der Weg nach Pfunders zieht sich – erst entlang von Forststraßen, dann ein Stück Asphalt und wieder Wanderwege.

Gasthof Brugger in Pfunders

17.00 Uhr sind wir schließlich am Gasthof Brugger. Die Wirtin schaut uns mit mitleidigem Blick an, als wir von unserer Bonustour auf den Hochfeiler berichten. „Kommt erst einmal an, macht euch frisch und ruht euch aus,“ sagt sie, als sie uns den Zimmerschlüssel in die Hand drückt. Wir wären nicht die Ersten, denen das passiert. Am besten ließe sich das vermeiden, wenn man in größeren Gruppen unterwegs ist, meint sie noch.

Gönnung in Pfunders

Zum Abendessen gönnen wir es uns dafür richtig. Nach einem zünftigen Rahmschnitzel schieben wir noch Eisbecher und Zirbenschnaps hinterher. Weil wir heute lieber allein an unserem Tisch bleiben, kommt Johanna aus dem Zweiergespann zu uns an den Tisch, um sich zu verabschieden. „Es war schön euch kennengelernt zu haben,“ sagt sie. „Und Danke für‘s Beibringen von Rommé.“ Während sie von ihrer Mutter abgeholt wird, kommt nun ihre große Schwester mit Freund zur Wandergruppe hinzu, um Armin bis Belluno zu begleiten. Auf dem Weg ins Bett schildern wir auch ihm noch knapp unsere ungewollte Hochfeilertour. „Ihr macht echt verrückte Sachen,“ meint er noch und wünscht uns eine gute Nacht.

Yummie!

Übrigens ist es auch am Abend trocken geblieben. Stattdessen geht in der Nacht ein Unwetter nieder, ähnlich wie wir es schon auf dem Hallerangerhaus erlebt hatten. Auch wenn wir eine Etappe wie diese nicht noch einmal erleben wollen, wissen wir doch jetzt, dass wir wohl auch die geplante Doppeletappe von der Boè-Spitze bis Alleghe schaffen können.

%d Bloggern gefällt das: