26. Etappe: Ponte della Priùla – Silea

Brücke in Ponte della Priula

Der Tag beginnt viel zu spät. Die Disziplin der Berge ist dahin. Wir konnten uns nicht dazu durchringen, ohne Frühstück loszulaufen und so finden wir uns erst 7.45 Uhr am Frühstückstisch ein. Das ist schlecht – sehr schlecht, denn draußen heizt die Sonne schon wieder ordentlich den Asphalt auf. Venediggeher sind zwar keine Seltenheit im Hotel San Carlo. Doch von der Frühaufstehermentalität der Wanderer lässt man sich hier bei der Planung der Mahlzeiten überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. 8.30 Uhr brechen wir schließlich Richtung Süden auf und haben nach der Piave-Brücke schon das erste Mal Schwierigkeiten den richtigen Weg zu finden.

Baustellen versperren den Uferweg. Wir setzen uns aber über die Warnschilder hinweg, sonst müssten wir enorme Umwege in Kauf nehmen. Nach kurzer Zeit erreichen wir einen Feldweg, der entlang von Weinreben dicht neben der Bahnstrecke führt. Das GPS navigiert uns durch hohes Gras, wo vor langer Zeit tatsächlich einmal ein Weg gewesen sein könnte. Nach einigen hundert Metern finden wir uns mitten auf einem Bauerngut wieder.

Auf dem Hof steht ein altes Mütterchen. Sie hat uns schon die letzten fünf Minuten auf sich zukommen sehen. Ihr Blick ist irritiert bis misstrauisch. Bloß nicht infrage stellen, dass wir hier lang laufen, denke ich mir. Strahle einfach Ruhe aus, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass du mitten auf dem Privatgrundstück fremder Leute stehst. In übertriebener Freundlichkeit rufe ich also dem Mütterchen zu: „Buon giorno!“ und gehe entschlossen an ihr vorüber. Sebastian tut es mir gleich und wir laufen einmal quer über ihren Hof, während das Mütterchen uns verdattert aber wortlos hinterherschaut.

Alpine Fremdkörper im Flachland

Wir müssen einen eigentümlichen Eindruck auf sie machen. Mit unseren großen Rucksäcken, den Wanderstöcken und Bergstiefeln fallen wir mit jedem Meter, den wir zwischen uns und die Alpen bringen, mehr aus dem Rahmen. Eine Weile bewegen wir uns noch parallel zum Fluss Piave bis sich unser Weg in der Nähe von Spresiano endgültig von der klassischen Route trennt. An einem Kieswerk vorbei laufen wir ins Zentrum von Spresiano, um in einem Supermarkt Wasser und kleine Naschereien zu besorgen.

Der Fluss Piave bei Ponte della Priùla

Ein offenkundig etwas verwirrter älterer Herr mit Matrosenkleidung spricht uns in breitem italienischen Singsang vor dem Supermarkt an. Er ist allem Anschein nach begeistert darüber, nicht der Einzige zu sein, der mit seinem Outfit hervorsticht. Ich verstehe nur bruchstückhaft, was er mir mitteilen will und erkläre ihm, dass wir nach Venedig laufen. Er schlägt freudig die Hände zusammen, dreht sich kurz um und geht zu einem der nahestehenden Oleandersträucher. Von dem üppigen Gewächs reißt er einen kleinen Zweig mit Blüten ab und überreicht ihn mir. Dann zieht er von dannen. Ich stecke mir das Zweiglein ins Stirnband und auch wir laufen weiter, immer entlang der Nationalstraße Richtung Visnadello.

Ich will hier nichts beschönigen. Der heiße Asphalt und der starke Verkehr sind ätzend. Solang wir wenigstens im Schatten von angrenzenden Gebäuden laufen, lässt es sich halbwegs aushalten. Doch meist tapsen wir in der Sonne. Jeder kämpft für sich und mit sich. Als der Fußweg am Ortsausgang endet, entscheiden wir uns für einen längeren Umweg auf Nebenstraßen, um nicht an der Schnellstraße entlang laufen zu müssen. Aus dem Hügelland ist nun endgültig flache Ebene geworden. Die Weinreben werden seltener. Stattdessen begleiten uns jetzt immer häufiger schnöde Maisfelder.

Proprietà Privata

Die Italiener sind keine großen Wanderer und alles, was ein wenig nach Trampelpfad oder Wanderweg aussehen könnte, ist mit dem Hinweis „Proprietà Privata“ und Stacheldrahtzäunen versehen. In einem angrenzenden Pappelwäldchen machen wir Rast mit Focaccia, Gurke, Frischkäse und Trauben. Meine Unterschenkel sind feuerrot und brennen. „Sieht gar nicht gut aus“, meint Sebastian. Ich schweige seinen Kommentar weg, will nicht wahrhaben, dass es grenzwertig ist, was wir hier machen.

Nach der Mittagspause sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Canale Piavesella. Dort kommt endlich ein Stück Genusswandern zurück, denn entlang des Kanals führt ein Radweg (!) im Schatten von Bäumen (!!!). Wir entrinnen also dem Autoverkehr und freuen uns über einen Routenabschnitt mit regelmäßigen Rastplätzen, Mülleimern und Schatten. So niedrig sind mittlerweile unsere Ansprüche. Blau plätschert der Kanal neben uns. Radfahrer gibt es kaum. Da wir die klassische Venedigroute verlassen haben, fallen wir augenscheinlich noch stärker auf als zuvor. In Carità hupt uns ein junger Italiener aus seinem Fiat Punto heraus an, fährt im Schritttempo neben uns her und lässt das Fenster nach unten. Er fragt, ob wir den Camino laufen. „No, stiamo facendo un’escursione da Monaco a Venezia“, antworte ich mit meinem auswendig gelernten Satz. Das ringt ihm einigen Respekt ab und er bietet uns Trinkwasser an. Da unsere Flaschen aber noch voll sind, bedanken wir uns und laufen weiter.

Beißen, beißen, beißen

Mit Fontane Chiesa Vecchia erreichen wir 13.30 Uhr einen Vorort von Treviso. Eine halbe Stunde später kommen wir auf dem Innenstadtring an und wähnen uns schon am Ziel. Wie so oft in den vergangenen Tagen ist das ein Trugschluss, denn Silea liegt östlich und deutlich außerhalb von Treviso. Meine Unterschenkel brennen höllisch in der Sonne. Die Wärme der Mauern und Straßen in der Stadt drückt zusätzlich. Stehen bleiben darf ich nicht. Der Schmerz beim Weiterlaufen ist einfach zu groß. Beißen, beißen, beißen.

Kurz nach drei biegen wir in die Zielstraße ein und stehen wenig später vor unserem Bed & Breakfast. Das Gartentor ist verschlossen. Ich klingel und kündige uns über die Gegensprechanlage an. Verwundert tritt ein alter Herr auf die Terrasse. Er läuft etwas gebeugt. Offenbar haben wir ihn mit unserer frühen Ankunft überrumpelt. Über AirBnB hatte ich uns zwischen 17.00 Uhr und 18.00 Uhr angemeldet.

Salutate i compagni

Unser Zimmer sei noch nicht bezugsfertig, meint er. „Where is your car?“, will er wissen. So schweißnass wie wir sind, wundere ich mich über seine Frage, antworte aber, dass wir zu Fuß von Ponte della Priùla bis hierher gelaufen sind. Der alte Herr streckt seinen gekrümmten Rücken durch, schlägt die Füße zusammen und salutiert uns. Sebastian erklärt, dass wir vor fast vier Wochen in München losgelaufen sind und übermorgen Venedig erreichen wollen. Erneut schlägt der Mann die Hacken zusammen, streckt sich und salutiert. Es ist ein Schauspiel.

Die letzten Meter in Silea bis zu unserem Bed and Breakfast

Er bittet uns auf das Grundstück und platziert uns zunächst vor dem Haus auf zwei Stühlen. Zuvor ist er peinlich genau darauf bedacht unsere Impfzertifikate zu kontrollieren und hält stets Abstand zu uns. Wenig später kommt er mit zwei kleinen, aber eiskalten Wasserflaschen zurück. „Well your room will be ready in 15 minutes“, meint er und verschwindet im Haus. Ich bezweifle, dass ich dann in der Lage sein werde, wieder von diesem Stuhl aufzustehen. Meine Knochen fühlen sich an, als wären sie in der Sitzposition eingerastet.

Desinfiziert & gerädert

Nach 20 Minuten ist es schließlich so weit. Doch bevor wir ins Haus dürfen, beginnt eine ganz eigenwillige Prozedur. Der alte Herr bittet darum, uns einmal im Kreis zu drehen, während er uns und die Rucksäcke rudimentär mit Desinfektionsmittel besprüht. Corona treibt seltsame Blüten, denke ich, aber lasse ihn gewähren. Wenn es zu seinem guten Gefühl beiträgt, soll er uns eben in eine Alkoholwolke hüllen. Er fragt uns, ob wir 10.00 Uhr oder erst 11.00 Uhr frühstücken wollen. Etwas kleinlaut fragen wir zurück, ob Frühstück auch schon 7.00 Uhr möglich wäre. Mit weit aufgerissenen Augen schüttelt der alte Herr energisch den Kopf, bietet uns aber an, einen kleinen Snack für morgen Früh bereitzustellen. Dann zeigt er uns das Appartment – eine wunderschöne moderne und großräumige Dachgeschosswohnung. Was für ein Luxus zu einem so fairen Preis!

Wenig später durchfährt mich in der Dusche ein stechender Schmerz, als die ersten Wassertropfen meine Waden benetzen. Einfach wegatmen, denke ich und hole wiederholt tief Luft. Den Rest des Nachmittags verbringe ich wie gerädert auf der Couch und nicke gelegentlich weg. Nachdem unser Gastgeber das Frühstück, bestehend aus einem Keks und einem Joghurt, gebracht hat, tigert Sebastian noch einmal zum nächstgelegenen Supermarkt, damit wir morgen nicht nahezu leerem Magen starten müssen.

Am Abend hat sich das Wummern in meinen Waden etwas beruhigt und wir finden uns wie schon am Vortag in einer Kneipe direkt neben einer Hauptstraße wieder – heute allerdings bei super leckerer Pasta al Ragù.

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