25. Etappe: Arfanta – Ponte della Priùla

Sonnenaufgang Arfanta

In einem weichen Hotelbett aufzuwachen, fühlt sich wie Luxus an. Trotzdem ist kurz nach 6.00 Uhr meine Nacht schon vorbei. Flink hüpfe ich in meine Klamotten und sprinte vor die Tür. Dort geht gerade zwischen den Weinbergen die Sonne auf. Ein genialer Moment, den ich in vollen Zügen genieße. Die Luft ist schon warm, aber noch angenehm. Das Frühstück im Hotel ist ein Fest – riesige Auswahl und super lecker. Wir wollen uns gar nicht so richtig von der Panoramaterrasse im Weinberg verabschieden. Doch wir müssen los bevor es zu heiß wird. Wir sind ohnehin schon wieder viel zu spät dran, als wir uns kurz nach 9.00 Uhr in Bewegung setzen.

Wein so weit das Auge reicht

In den Weinbergen sind die Winzer zugange, um die voll behangenen Reben zu pflegen. Unser Weg führt uns durch das Hügelland zunächst auf Asphaltstraßen später auf Schotterpisten. Das GPS-Signal ist teils so schlecht, dass wir kurz den richtigen Weg verlassen und in einer Sackgasse landen. Schon jetzt ist es so warm, dass unsere Trinkflaschen sich rasch leeren. An einem Bauerngut frage ich nach Trinkwasser. Ein älterer Herr führt uns zu einem Wasserhahn, der mitten im Garten steht. Ich zögere kurz. „Well, is it really drinking water?“ Der alte Herr nickt. Also gut, denke ich und fülle meine Flasche auf, denn für rund zwei Stunden wird das die letzte Gelegenheit sein. Sebastian verzichtet lieber. Nach der Asphaltstrecke geht es jetzt mitten durch die Weinberge. Links und rechts säumen Olivenbäume unseren Weg. Es ist ein Genuss, hier zu laufen und ein paar Schleierwolken schützen uns vor der immer höher steigenden Sonne.

Schließlich biegen wir allerdings wieder auf eine mäßig befahrene Straße ein, die uns bis Refrontolo führt. Es ist ein kleiner Ort, der aber immerhin groß genug für eine eigene Apotheke, Bäcker und einen kleinen Laden ist. Der Stich an meiner Wade juckt und schmerzt. Der Knöchel ist dick. Eine Salbe aus der Apotheke lindert die Beschwerden zwar etwas, doch meine Gedanken kreisen trotzdem. Im Tante-Emma-Laden besorgen wir Frischkäse, Tomaten, Gurke und Focaccia. Beim Bäcker gibt es zwei Pizza-Ecken. All das packen wir ein, um später ein Mittagspäuschen einlegen zu können.

Kopfsache

Kurz nach Refrontolo sehen wir das letzte offizielle Wanderschild des Traumpfades München-Venedig. Danach wechseln sich Straßen und Schotterwege ab. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie verlaufen fast immer in der prallen Sonne. Kurz durchqueren wir noch das Unterholz eines Waldes und legen danach erst einmal eine Mittagspause im Schatten ein. Landschaftlich ist es hier wunderschön, doch die Hitze quält uns. Die Brandblasen, die Sebastian seit Belluno an der Schulter hat, müssen ständig eingecremt und mit feuchten Wattepads gekühlt werden. Die Wärme und das Wandern tragen nicht unbedingt dazu bei, dass mein zerstochenes Bein abschwillt. Aber all das ist vor allem eines – Kopfsache. Und so laufen wir weiter.

Wieder einmal Straße.

14.00 Uhr erreichen wir Collalto. In jedem noch so kleinen Örtchen gibt es öffentliche Trinkwasserstellen. Erschöpft lassen wir uns neben einer dieser Quellen nieder, füllen abermals unsere Flaschen auf und halten unsere Köpfe unter das kalte Wasser. Mehr als zwei Stunden Fußmarsch liegen noch vor uns. Neben der körperlichen Anstrengung ist es vor allem eine mentale Herausforderung. Trotz der herrlichen Weinlandschaft fehlt in der Ebene einfach der Ausblick, um das Ziel zu sehen. Nach einer letzten kurzen Pause biegen wir 16.00 Uhr auf die Nationalstraße ein, die uns nach Ponte della Priùla führt. Eine gefühlte Ewigkeit laufen wir an der stark befahrenen Straße bis ins Zentrum. Dort müssen wir noch einmal links abbiegen bis wir in unserem heutigen Ziel, dem Hotel San Carlo, ankommen.

Priùla – nicht schön aber herzlich

Wegen der Sommerferien hat das Restaurant und somit auch der Haupteingang des Hotels geschlossen. Kurz durchströmt uns Panik, ob man uns und unsere Buchung vielleicht vergessen haben könnte. Doch dann kommt ein alter Mann zur Tür gelaufen und lässt uns herein. Er spricht kein Wort Englisch, platziert uns aber auf zwei Stühlen vor der verlassenen Bar. Noch immer rinnt uns der Schweiß über’s Gesicht. Dank Klimaanlage ist es hier allerdings angenehm, sodass wir langsam wieder auf Körpertemperatur abkühlen. Kommentarlos bringt uns der alte Herr zwei eiskalte Colas. Dankbar lächel ich ihn an. Nach einem so anstrengenden Tag nehmen wir solche kleinen Gesten und Begegnungen viel intensiver wahr als sonst. Wenig später erscheint eine Frau im mittleren Alter – offenbar seine Tochter. Sie spricht Englisch und zeigt uns unser Zimmer.

Das Hotel San Carlo ist relativ groß, hat seine besten Jahre jedoch bereits hinter sich. Trotzdem ist es für eine Nacht absolut ausreichend und vor allem sauber. Nachdem wir uns akklimatisiert haben, kaufen wir im nahegelegenen Supermarkt einigen Proviant für den nächsten Tag und ich bekomme in einem Gemischtwarenladen direkt nebenan noch eine neue SD-Karte für meine Kamera. Die Suche nach einem Restaurant zum Abendessen gestaltet sich allerdings schwierig. Priùla ist wirklich keine schöne Stadt. Starker Autoverkehr ist allgegenwärtig. Erst nach einer halben Stunde finden wir eine Pizzeria mit Freisitz, wenngleich wir dort fast auf der Straße Platz nehmen. Die Pizza ist super lecker und die Bedienung sehr freundlich.

Die Kirche von Ponte della Priùla

Zurück im Hotel versorgen wir noch einmal unsere körperlichen Blessuren der vergangenen Tage, bevor wir vollkommen erschöpft in unsere Kissen fallen. Meine Unterschenkel wummern. Trotz Lichtschutzfaktor 50+ und ständigem Eincremen habe ich einen heftigen Sonnenbrand an beiden Beinen. Der Stich am linken Unterschenkel tut sein Übriges. Noch zwei volle Tage quälen – nur noch zwei, denke ich und wünsche mir im Traum die Ruhe und das Klima der Berge zurück.

Übrigens: Das Wasser aus der Gartenleitung am Morgen habe ich entgegen vorheriger Befürchtungen sehr gut vertragen.

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