18. Etappe: Alleghe – Rifugio Vazzoler

Weg durch das Sotto la Civetta

Wir stinken. Ja, wir stinken. Irgendwann kommt der Moment, an dem die Handwäsche nicht mehr reicht. Und dieser Moment ist heute Morgen. Die Klamotten sind noch nicht richtig trocken. Doch von Weitem ist schon zu riechen, dass das Waschen unserer Jacken wenig gebracht hat. Ein Grund mehr, weshalb wir nach einem leckeren Frühstück mit Panoramablick auf die Civetta nicht nur Proviant einkaufen, sondern auch noch in ein Sportgeschäft einbiegen. Frei nach dem Motto: Wenn die Klamotten stinken, kaufen wir eben Neue 😀

Entsprechend spät brechen wir deshalb in Richtung Rifugio Tissi auf. Viele Wanderer nehmen von Alleghe aus den Sessellift, zumal die meisten Wege nur selten begangen werden und deshalb in schlechtem Zustand sind. Wir entscheiden uns hingegen für den Weg über Masarè. Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns gelassen haben, kommen wir bald schon an einem Wasserfall vorbei. Von dort aus geht es meist steil bergauf. Immer wieder halten wir an und genießen den Blick über Alleghe und die Berge, die hinter uns liegen. Ganze drei Tagesetappen können wir von hier aus sehen – die Marmolada, das Sellaplateau, das Massiv des Langkofels und schließlich auch den Peitlerkofel in der Ferne. Die gestrige Tour steckt uns noch in den Knochen. Umso langsamer kommen wir heute voran. Das letzte Stück ist wieder einmal drahtseilversichert. Von den Anstrengungen der letzten Tage sind meine Knie ein wenig zittrig, aber wir kommen heil oben an.

Das Civetta-Massiv

Die Civetta liegt nun direkt vor uns. Es ist ein atemberaubender Moment. Sie ragt ähnlich steil in die Höhe, wie die Benediktenwand am Anfang unserer Reise. 1925 wurde der 3.220 Meter hohe Gipfel der Civetta von Emil Solleder und Gustav Lettenbauer erstmals bestiegen. Damals galt die Route über die Nordwestwand als eine der schwersten. Obwohl unser heutiges Nachtlager das Rifugio Vazzoler ist, steuern wir zunächst das Rifugio Tissi an.

Vom Genuss der südlichen Dolomiten

Die Hütte liegt direkt am Fuße der Civetta. Es pfeift ein heftiger Wind, sodass wir schnell unsere Plätze auf der Terrasse gegen die warme Stube tauschen. Dort kommen überraschend der Vater, seine Tochter und ihr Freund um die Ecke. Alle zusammen hatten wir zuletzt auf der Kreuzwiesenalm gesehen. Wir tauschen uns über die vergangenen Tage aus. Es ist so schön wieder mit bekannten Venediggehern zusammenzusitzen. Bevor wir wieder aufbrechen, verabreden wir uns auf einen letzten Umtrunk in Belluno, denn dort werden wir am gleichen Tag ankommen. Für die anderen endet die Reise in der italienischen Stadt am Rande der Alpen.

Die Route Richtung Rifugio Vazzoler entlang der Civetta ist ein Genuss-Wanderweg. Nach einem sanften Abstieg über schroffe Steine schlendern wir über weite Almwiesen. Zu unserer Linken begleitet uns stets das Berg-Massiv. Langsam drücken sich die Wolken zwischen die Gipfel. Es nieselt ein wenig. Ich genieße die kleinen Tropfen im Gesicht. Kein Mensch kommt uns entgegen oder läuft den gleichen Weg wie wir. Es gibt nur den Wind, Regen, die Berge und uns.

Gegen 16.30 Uhr erreichen wir das Rifugio Vazzoler. Das Tagesgeschäft ist noch in vollem Gange. Aber die Hütte ist gut organisiert, sodass wir rasch auf unser Zimmer können. Drei Metalldoppelstockbetten stehen in dem kleinen Raum. Das mittlere Bett wird frei bleiben. Wir teilen uns das Zimmer mit zwei älteren italienischen Damen. Nach der gewohnten Fünf-Minuten-Dusche haben wir heute noch ausreichend Zeit, das schöne Wetter auf der Terrasse der Hütte zu genießen.

Beginnende Misanthropie 😉

Ein junger Mann, der sich als Matthias vorstellt, kommt zu uns an den Tisch. Er trägt eine weite schwarze Yoga-Hose mit weißen Elefanten. Gemeinsam mit seiner Freundin und zwei weiteren Wanderern ist er ebenfalls auf dem Weg nach Venedig. Gestartet sind sie allerdings von Kochel am See. Obwohl es schön ist, sich mit anderen auszutauschen, wird es langsam anstrengend, die eigene Geschichte immer wieder neuen Leuten und damit von vorn zu erzählen. Woher kommt ihr? Wohin geht ihr? Warum macht ihr das? Und was macht ihr sonst? Wir sind also froh, als es endlich 19.00 Uhr und damit Zeit für’s Abendessen ist.

Die Uhren in Italien laufen dabei offenbar deutlich langsamer als bisher. Während wir aus Österreich und den nördlichen Dolomiten absolute Pünktlichkeit gewohnt waren, dauert es nun über eine halbe Stunde länger, bis wir den ersten Gang bekommen. Dafür ist das Essen super lecker. Gegen 21.00 Uhr haben wir auch unser Dessert geschafft und gehen satt und zufrieden zu Bett.

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