17. Etappe: Capanna Piz Fassa – Alleghe

Capanna Fassa im Schnee

Der Sturm hat aufgehört gegen das Dach zu peitschen, als ich die Augen öffne – noch bevor der Wecker klingelt. Nur leise pfeift der Wind noch über unseren Köpfen. Es ist 5.00 Uhr am Morgen. Ich stehe auf, zieh mich an und schleich mich eine Etage tiefer zur Toilette. Draußen ist noch Morgendämmerung. Ich will wissen, ob es sich lohnt hinaus zu gehen. Ich drehe den Fensterknauf zur Seite. Doch es lässt sich nicht öffnen. Ich reiße fester und mit einem Ruck klappt das Fenster nach innen. Eis purzelt aus dem Rahmen auf den Boden des Waschraums. Auf den Felsen rund um die Hütte liegen gut zehn Zentimeter Schnee. Eine dichte Wolkensuppe zieht draußen vorüber. Ernüchterung macht sich breit. Kein Sonnenaufgang. Stattdessen Wintereinbruch. Ich schließe das Fenster wieder, verkrieche mich noch einmal zurück ins Bett. Rausgehen lohnt sich nicht.

Gegen 6.00 Uhr stehen wir auf. Die Stimmung ist schlecht. Wir beide haben nicht gut geschlafen. Hinzu kommt die Sorge, wie wir bei dieser Witterung wieder herunterkommen sollen und das an einem Doppeletappen-Tag. In der Gaststube ist es kühl. Auch heute will der Ofen nicht richtig laufen. Immer, wenn es gerade ein wenig warm geworden ist, müssen wir die Tür aufreißen, weil der Rauch durch den Luftdruck zurück in die Hütte gepresst wird. -4°C sind draußen. Nuss-Nougatcreme, Marmelade und Butter sind gefroren – ein Grund mehr, weshalb die Männer aus der Wandergruppe die Schneeschippen in die Hand nehmen und erst einmal die Terrasse freilegen. Die Wolkendecke reißt langsam auf. Das erste Mal seit zwei Tagen sehen wir wieder Sonne und Berge. Die Gipfel rundherum sind vom Neuschnee bedeckt. Doch wenige Meter weiter unten sind die Täler grün. Diese Aussicht entschädigt für den ausgebliebenen Sonnenaufgang. Immerhin kann nicht jeder behaupten, Anfang August im Schnee auf dem Piz Boè aufgewacht zu sein. Trotzdem beschäftigt uns weiterhin die Frage: Wie kommen wir heil hier runter?

Frostiger Abstieg

„8.15 Uhr brechen wir auf. Ab 8.45 Uhr soll der Wind wieder stärker werden. Dann müssen wir über die Kletterpassage sein,“ meint die junge Bergführerin beim Frühstück zu ihrer Gruppe. Die Truppenmitglieder sehen heute morgen erstaunlich frisch aus, wenn man bedenkt, was sich einige von ihnen gestern hinter die Binde gekippt haben. Ich nutze die Gelegenheit und frage, die Bergführerin, ob wir uns der Gruppe unauffällig anschließen dürfen. Sie bejaht. Das sei gar kein Problem. Wir sollen uns einfach mit einreihen.

Wenig später stehen alle mit gepackten Rucksäcken vor der Hütte. Sebastian und ich haben alles angezogen, was wir mithaben. Trotzdem frieren wir – er am Oberkörper, ich an den Füßen. Auf Winterwetter waren wir nicht eingestellt. Noch ein paar Schnappschüsse im Schnee und es geht los. Die Bergführerin geht voran, hinter ihr ein Vater mit seinem Sohn, dann kommen schon wir. Der Weg ist nur noch undeutlich zu erkennen. Wir sind froh, hier im Gänsemarsch mit nach unten laufen zu können. Es ist merklich glatt, weshalb wir nur langsam vorankommen. Erst jetzt sehen wir, wie steil es gestern teils neben uns nach unten ging. Jetzt scheint die Sonne. Die Wolken haben sich verzogen und geben den Blick auf den wunderschön verschneiten Sellastock frei – ein Schauspiel.

Endlich können wir die grandiose Aussicht genießen. Gipfelglück auf 3.152 Metern

Das Hüttenteam hat uns empfohlen, den gleichen Weg nach unten zu gehen, den wir gestern nach oben genommen haben. Normalerweise funktionieren die Routen hier im Einbahnstraßen-System. Doch bei dem Wetter würde ohnehin niemand aufsteigen, so die Aussage des Hüttenwirts. Wir sind gerade alle über die Kletterpassage hinweg, als uns von der Boè-Hütte einige Wanderer in kurzen Hosen und T-Shirt entgegenkommen. Irritiert schauen Sebastian und ich uns an. Warum haben wir nochmal geglaubt, WIR seien schlecht ausgerüstet?

Abseits einsamer Pfade

Gegen 9.00 Uhr haben wir es geschafft. Wir sind wieder auf Höhe der Boè-Hütte angekommen. Hier beginnt der Schnee schon zu tauen. Die Bergführerin klatscht sich auf diesen Erfolg mit allen ab – ein Ritual, dass wir auf unserer weiteren Tour nach allen kniffeligen Stellen beibehalten werden. Da wir deutlich später dran sind als geplant, entscheiden wir uns, bis zum Pordoijoch die Bahn zu nehmen. Anders ist der Weg heute kaum zu schaffen. Auch die Gruppe wird die Sass Pordoi nehmen. Trotzdem verabschieden und bedanken wir uns schon jetzt, denn von nun an heißt es wieder: Beine unter die Achseln.

Auf unserem Sprint Richtung Bahn treffen wir noch einmal die beiden jungen Typen von der Schlüterhütte. Sie haben unseren Abstieg beobachtet und sind schwer beeindruckt. Wirklich stolz können wir noch nicht sein. Stattdessen fühlt es sich weiterhin ziemlich flau im Magen an. Auf dem Plateau der Bahn kommen uns Touristen in weißen Turnschuhen entgegen. Der ein oder andere trägt seinen Handtaschenhund über den Pulverschnee. Mit der Pordoibahn geht es in wenigen Minuten 700 Höhenmeter nach unten. Höhenmeter, die wir uns gestern über Stunden mühsam zu Fuß erarbeitet haben. Es ist ein seltsames Gefühl nach so langer Zeit wieder in einem Verkehrsmittel zu stehen. An der Talstation ist plötzlich wieder Sommer und allerhand Trubel. Motorradfahrer, Wanderer und Tagestouristen auf der Suche nach einem Parkplatz – sie alle sorgen für ordentlich Krach, dem wir schnell entkommen wollen.

Allzu schnell werden wir zumindest die Tageswanderer nicht los, denn wir folgen dem Bindelweg, der wegen seiner wunderschönen Aussicht auf die Marmolada im Allgemeinen sehr beliebt ist. So gestaltet sich auch der Abstieg zum Fedaiasee über weite Strecken als Gänsemarsch. Wie schon im Wanderführer beschrieben werden die Tageswanderer weniger, als der Abstand zu ihren Autos zunimmt. Bald haben wir den Weg und die Aussichten wieder fast für uns allein.

Willkommen im Veneto

Gegen 12.30 Uhr kommen wir am Fedaiasee an. Hier gönnen wir uns unsere erste italienische Pizza bevor wir etwa eine Stunde später Richtung Alleghe aufbrechen. Als wir gehen, trudelt die Wandergruppe in der Pizzeria ein. Ihr Wandertag ist hier schon zu Ende, während unserer gerade erst richtig beginnt. Über Skipisten geht es bergab. Ein wenig irre fühlen wir uns dabei schon, denn über unseren Köpfen pendeln die Sessellifte auf und ab, bringen Wanderer nach oben und unten. Irgendwann sind die großen Pisten zu Ende. Nun folgen wir den Schleppliften ins Tal. Unterwegs füllen wir unsere Flaschen auf einer kleinen Almhütte wieder auf.

Langsam aber sicher verlassen wir das Marmoladagebirge und sein Skigebiet. 15.30 Uhr stehen wir schließlich das erste Mal vor einem Verkehrsschild mit der Aufschrift „Belluno“ – die italienische Stadt am Fuße der Alpen. 60 Kilometer sind es von hier. Würden wir der Straße folgen, wären wir in zwei Tagen dort. Weil wir aber lieber über die Berge gehen, sind es noch fünf Tagesetappen. Südtirol haben wir nun endgültig hinter uns gelassen. Dass wir jetzt im deutlich italienischeren Veneto angekommen sind, merken wir nicht nur am Baustil sondern auch an den rostigen Leitplanken entlang der Straßen.

Modo rotto oder Weg kaputt

Normalerweise würde der Weg nun durch die Sottogudaschlucht führen. Doch diese ist gesperrt. Ein privater Sercurity überwacht den Zugang zur Absperrung. Wir fragen ihn nach dem Weg bis Alleghe. Wortlos zeigt er nur auf die Bushaltestelle am Straßenrand. Doch so schnell geben wir nicht auf. Zunächst führt kein anderer Weg an einem halboffenen Tunnel vorbei und so laufen wir hindurch. Nur wenige Zentimeter neben uns rauscht der Verkehr vorüber. Als wir auf der anderen Seite wieder rauskommen, folgen wir noch eine Weile der Straße bis wir diesmal vor einem richtigen Tunnel stehen. Nein hier ist Schluss. Da laufen wir nicht durch. Stattdessen wählen wir einen knapp drei Kilometer längeren Umweg bis in das wirklich niedliche Dörfchen Sottoguda. Viel Zeit, uns hier etwas anzuschauen, haben wir allerdings nicht. Noch zehn Kilometer liegen vor uns.

Die Civetta im Hintergrund wird morgen unser Ziel sein.

Befestigte Forstwege, wechseln sich mit Kies- und Asphaltstrecke ab – immer in der Nähe der Hauptverkehrsstraße und entlang des Flusses Pettorina. Auch jetzt müssen wir den Weg wiederholt suchen. Mal endet er vor einem Schutthaufen, mal ist die Straße einfach neben dem Fluss abgebrochen. Offenbar hat es hier vor einer Weile ein heftiges Hochwasser gegeben. Seither wurden insbesondere die Wander- und Radwege noch nicht wieder aufgebaut. Mehrmals sind wir kurz davor, wirklich den Bus zu nehmen. So genervt sind wir vom ständigen Zurücklaufen.

Finally in Italy

Schließlich erreichen wir Caprile. Vor uns ragt das gewaltige Civetta-Massiv in die Höhe. Ab jetzt geht es nur noch geradeaus auf diese Bergwand zu. Die letzten fünf Kilometer laufen wir auf dem Radweg Richtung Alleghe. Unsere Beine und Füße schmerzen vom harten Asphalt. 19.00 Uhr erreichen wir endlich unser Hotel. Der Herr hinter der Rezeption weiß sofort, wohin wir unterwegs sind. Als wir ihm erzählen, dass wir heute Morgen von der Boè-Spitze gestartet sind, schaut er uns nur mit gequältem Blick an. Wir sind die letzten Gäste, die er auf seiner Liste abhakt.

Im Winter muss Allgehe ein ziemlich gut gefüllter Skiort sein. Im Sommer hingegen sind die Hotels relativ leer und Alleghe ein kleines verschlafenes Nest.

Das Treppensteigen zu unserem Zimmer ist so schmerzhaft wie seit Bad Tölz nicht mehr. Die Ausstattung ist einfach aber ausreichend. Ich wasche fix all unsere getragene Kleidung durch – inklusive Fleecejacken. Nachdem wir gestern auf der Capanna Fassa nicht duschen konnten, genießen wir das unbegrenzt warme Wasser hier im Hotel. Danach schleppen wir uns noch in eine kleine Bar mit Speiseangebot und schlürfen unseren ersten Aperol Spritz. Zum ersten Mal gibt es die Speisekarte hier nur auf Italienisch. Jetzt sind wir endgültig in Italien angekommen.

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