16. Etappe: Grödner Joch – Rifugio Capanna Piz Fassa (Piz Boè)

Klettersteig Val Setus

Heute steht der Höhepunkt der Reise bevor – die Besteigung des Piz Boè, dem einzigen 3.000er auf diesem Weg. Das Wetter könnte wahrlich besser sein. Zwar hat es aufgehört zu regnen, doch die Wolken hängen tief, verdecken meist den Blick auf Sella- und Puez-Gruppe. Doch schon seit einer Woche fiebere ich diesem Tag entgegen, seitdem ich weiß, dass wir zwei Schlafplätze in der Gipfelhütte Capanna Fassa haben und in luftiger Höhe übernachten dürfen.

Beim Frühstück schenkt mir Heike einen dünnen Poncho. Der Dauerregen gestern hat selbst meine Regenjacke am Ende durchweichen lassen. Sie und Lars werden wir heute vorerst zum letzten Mal sehen. Die beiden bleiben heute auf der Boè-Hütte am Fuße des Gipfels. Ab morgen trennen sich die Wege dann endgültig, wenn wir unsere Doppeletappe nach Alleghe hinlegen.

Blick auf die Puez-Gruppe vom Berghaus Frara

Ab 14.00 Uhr soll der Regen wieder einsetzen. Weil die heutige Route aber nur mit rund fünf Stunden angegeben wird, lassen wir uns Zeit und starten erst 9.00 Uhr am Berghaus Frara. Die Wolkenwand ist dicht, die Temperaturen frisch als wir loslaufen. Doch schon nach wenigen Metern bergauf müssen wir anhalten, um die erste Schicht Kleidung wieder auszuziehen. Zu warm wird es unter der wenig atmungsaktiven Regenkleidung.

In den Wolken stochern

Nach etwa einer Stunde erreichen wir das Val Setus – einen steilen und schmalen Aufstieg in den Sellastock. Zwischen vielen alten Pfaden fällt es uns zunächst schwer den aktuellen Wanderweg zu finden. Durch die fortschreitende Erosion wurden hier schon zahlreiche Routen verschüttet. Zunächst ist die Sicht noch klar in dem schmalen Tal. Doch je höher wir kommen, desto häufiger verfangen sich Wolkenfetzen in den schroffen Spitzen der Berge.

Berghaus Frara

Aus dem Weg über Geröll und einige Schneefelder wird schließlich ein drahtseilversicherter Klettersteig mit Eisentreppen. Obwohl wir hier viel mehr klettern müssen als gestern, fühlt es sich mit Sicht und ohne Regen deutlich sicherer an. Oben erreichen wir das erste Sellaplateau mit dem Rifugio Pisciadù, das wir erst sehen als wir direkt davor stehen, so dicht hängen die Wolken am Himmel. Der Wind wird hier nun deutlich stärker. Als wir weiter aufsteigen, reißt die trübe Suppe um uns herum kurz auf und gibt den Blick auf den Pisciadùsee frei. Ähnlich wie der Friesenbergsee liegt er wie ein blaues Auge in der Steinwüste. Nach einem weiteren seilversicherten Kletterabschnitt wird es winterlich. Der Schnee steht übermannshoch in einer Felsscharte, die wir queren müssen. Sofort spüren wir die Kälte, die der verharschte Schnee ausstrahlt.

Im Nebel tasten wir uns nun von Felsplateau zu Felsplateau. Die Sichtweite fällt wieder einmal unter zehn Meter und wir sind froh, dass der Weg hier oben nicht nur durch farbige Markierungen, sondern auch durch Stangen gekennzeichnet wird. Ein letztes Mal überholen uns Heike und Lars als wir Rast machen. Sie drücken uns die Daumen, dass es mit dem Sonnenaufgang morgen früh auf dem Gipfel vielleicht doch noch klappt. Dann verschwinden sie wieder in den Wolken vor uns. Eine Weile hören wir noch ihre Stimmen von Weitem bis es wieder still wird.

Der „leichteste“ 3.000er

Als wir an der Boè-Hütte ankommen, wird das Wetter noch einmal deutlich ungemütlicher. Neben dem Wind kämpfen wir beim Aufstieg auf den Gipfel auch gegen immer stärkeren Regen an. Nur wenige Höhenmeter trennen uns noch vom Gipfel, als wir erneut vor einem drahtseilversicherten Klettersteig stehen. In einer Kurve führt er um den Felsen herum und ist nur wenige Zentimeter breit. Wie tief es daneben hinunter geht, können wir durch die dichten Wolken nicht erkennen, ebenso wenig wie weit der Klettersteig reicht. Ein zweiter Klettersteig durch eine Schlucht scheint schon vor einiger Zeit eingestürzt und nur noch von oben nach unten begehbar zu sein. Wind und Regen peitschen waagerecht gegen den Felsen. Wir können uns kaum auf den Beinen halten. An Weitergehen ist nicht zu denken. Wartend verharren wir in der Hocke unter einem Felsvorsprung.

Die Boè-Hütte war fast in den Wolken verschwunden.

Plötzlich kommen tatsächlich zwei weitere Wanderer aus der Wolkenwand auf unsere Höhe gestiegen. Unbeirrt setzen sie ihren Weg auf dem Klettersteig fort. Kurz schauen Sebastian und ich uns an. Dann entscheiden wir auch weiterzugehen. Stahlseile und Felsen sind rutschig. Sorgenvoll heftet mein Blick auf Sebastian vor mir. Seine Schuhsohlen sind schon deutlich abgelaufen und eigentlich nicht steigeisenfest. In diesem Moment sind wir froh, nicht sehen zu können, wie weit es hinter uns in die Tiefe geht. Nach fünf Minuten haben wir es über den Klettersteig geschafft. Über Geröll und Felstrümmer geht es die letzten Meter nach oben. Klatschnass erreichen wir 14.00 Uhr die Gipfelhütte. Von wegen kein Regen bis zwei. Von wegen „leichtester“ 3.000er. Einige Bergwanderer, die sich gerade für den Abstieg bereit machen, lachen nur als sie uns sehen. „Es hat aufgehört zu regnen, oder?“ scherzt einer von ihnen.

Raues Wetter in der Hütte

In der Capanna Fassa hat man bereits auf uns gewartet. Wir sind die letzten Wanderer auf der Übernachtungsliste. Eine sechsköpfige Gruppe hat aufgrund des schlechten Wetters abgesagt. Unsere kleine Schlafkoje – durch Vorhänge von den anderen Matratzenlagern getrennt – müssen wir deshalb mit niemand anderem teilen. Die kleine gemütliche Gaststube wird durch einen Holzofen geheizt. Wir hängen Jacken, Gamaschen und Rucksackbezüge zu den vielen anderen Kleidungsstücken, die über dem Ofen trocknen.

Nach dieser Tour gönnen wir uns einen Kaiserschmarren. Dann verabschiedet sich Sebastian ins Bett. Zu anstrengend waren die vergangenen Tage und der heutige Aufstieg. Ich hingegen genieße die heimelige Stimmung und beobachte das Feuer im Ofen. Für mich ist es einer der seligsten Momente auf dieser bisherigen Reise. Wir haben es wirklich bis hier hoch geschafft, trotz dieses miesen Wetters. Und jetzt darf ich hier sitzen in der warmen Stube und den Nachmittag bei einer heißen Schokolade genießen.

Eine geführte Wandergruppe sitzt auf der anderen Seite des Gastraumes und spielt Karten. Nach einer Weile komme ich mit der jungen Bergführerin ins Gespräch. Ihr Berufsweg fasziniert mich. Vom Leistungssport fand sie den Weg zu ihrer Leidenschaft – den Bergen. Parallel zur Berufsausbildung absolvierte sie auch eine Ausbildung zur Bergführerin. Seitdem führt sie im Sommer Wandergruppen durch die Alpen. Im Winter hingegen verdient sie als Orthopädietechnikerin ihr Geld. Die ideale Aufteilung für jemanden, der die Berge liebt, denke ich mir und bin ein bisschen neidisch.

Gemütlichkeit auf 3.152 Metern Höhe

Draußen regnet es noch immer in Strömen. Drinnen wird es plötzlich nass auf meinem Tisch. Das Dach ist an mehreren Stellen undicht. Wasser tropft von der Decke. Das junge Hüttenteam verteilt viele kleine Eimer auf dem Boden der Gaststube. Aufgeregt rennen einige Wanderer aus der Gruppe durch die Hütte. Ihre Schlafräume befinden sich direkt unter dem Dachgiebel. Auch dort tropft das Wasser langsam durch. Zu allem Übel drückt der Sturm den Rauch des Ofens immer wieder zurück in den Gastraum. Abwechselnd rennen Hüttenteam oder Gäste los, um die Tür nach draußen aufzureißen – meist gerade dann, wenn es drinnen ein wenig wärmer geworden ist. Trotzdem nehmen es alle mit Humor. Das Wetter kann auf 3.152 Metern eben rau sein.

Trullala Latschenkiefer

Pünktlich zum Abendessen treibt es all jene Wanderer wieder aus den Betten, die sich nach dem Aufstieg erst einmal schlafen gelegt hatten. Deutlich hörbar gesellen sich zwei Sachsen zur geführten Wandergruppe. Sie bringen ordentlich Leben in die Bude. Beide tragen permanent kleine Actionkameras vor sich her, um jeden Moment festzuhalten. Mit Wein und Bier steigt der Pegel der Gruppe schon während des Abendessens spürbar an. Wenig später wollen sie auf etwas Strafferes umsteigen. „Eine Runde Zirben, bitte.“ ruft die junge Bergführerin. Doch Zirbenschnaps ist schon aus. Fassungslos schauen alle drein und ja, dass der Urschnaps der Alpen in einer Berghütte alle ist, kann tatsächlich als ungewöhnlich bezeichnet werden. Doch Ersatz ist schnell gefunden: Latschenkieferschnaps.

Frikadelle mit Bratkartoffeln und Parmesan auf der Capanna Fassa

Kaum ist die erste Runde verteilt, beginnt die ganze Gruppe zu singen:

„Dem Spender steigt ein Trullala, Trullala, Trullala.
Dem Spender steigt ein Trullala, Trullala.
Vielleicht ist noch ein Spender da, Spender da, Spender da.
Vielleicht ist noch ein Spender da, Spender da.
Dem steigt dann auch ein Trullala, Trullala, Trullala.
Dem steigt dann auch ein Trullala, Trullala.
Im voraus schon ein Trullala, Trullala, Trullala.
Im voraus schon ein Trullala Trullala.“

Es folgen Runde zwei und drei und vier jeweils begleitet von jenen Liedzeilen. Nebenbei wird Karten gespielt. Mittlerweile hat sich die Gruppe Zugang zum Hütten-WLAN und der Bluetooth-Box verschafft. Es laufen Après-Ski- und Mallorca-Hits. Ich freue mich über die gute Stimmung in der Hütte und singe mit. Die Freude ist offenbar beiderseits groß und so werden auch wir mit Latschenkieferschnaps bedacht. Die nächsten beiden Runden gehen sogar auf’s Haus. Grinsend beobachtet das Hüttenteam die seltsame deutsche Wandergruppe, die nach der siebten Runde Schnaps lauthals den Holzmichel anstimmt. Auch wir sind ins Kartenspiel eingestiegen. Doch mit jeder Runde Schnaps wird das Spiel zäher. Nach dem dritten Latschenkiefer sind wir ausgestiegen. Immerhin müssen wir morgen in der Früh den Berg wieder nach unten und haben mit 2.000 Höhenmetern und 30 Kilometern einen echten Gewaltmarsch vor uns. Die Gruppe scheint der Abstieg noch wenig zu beschäftigen.Trotz mehrfachen Appells der Bergführerin das Schnapseln einzustellen, werden weitere Runden geordert.

Unsere kleine gemütliche Koje

22.00 Uhr verabschieden wir uns ins Bett. Erst 23.00 Uhr kehrt aber wirklich Ruhe in der Hütte ein. Draußen hingegen tobt der Sturm. Der Wind hämmert auf das Metalldach über uns. Immer wieder fürchte ich, dass es einfach davon fliegt. Der Wecker ist auf 5.00 Uhr gestellt. Doch angesichts des Unwetters über unseren Köpfen schwindet meine Hoffnung auf einen Sonnenaufgang über den Gipfeln.

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