Planungsmarathon & Abreisezweifel

Noch einmal blättere ich durch die Seiten zwischen den zwei dicken Buchdeckeln. „2000 Kilometer Freiheit“ prangt auf der Frontseite. Die Ecken des Buches sind angestoßen, die Rückseite hat eine Schmarre. Immer wieder habe ich das Buch in den letzten vier Jahren gewälzt, es in der Arbeitstasche herumgetragen und mit in den Urlaub geschleppt. Auf den knapp 200 Seiten beschreibt Hans Thurner, wie er gemeinsam mit seiner Partnerin Anita die Alpen durchquert von Ost nach West, von Wien nach Nizza.

Fasziniert von dem Reisebericht, den tollen Bildern und dem Mut, beginnen in mir Fragen zu wachsen: Wie fühlt es sich an, eine so weite Strecke zu Fuß zu gehen? Wie ist es, in der freien Natur zu schlafen? Was macht es wohl mit einem, noch einmal so aus dem Alltag auszubrechen? Und wie sind sie, die „wilden Westalpen“?

Vom Träumen ins Handeln kommen

Aus Fragen, wurden Gedanken, aus Gedanken, ein Traum und es folgte ein langer innerer Monolog über das Für und Wider. Anfang 2024 traute ich mich endlich zum ersten Mal, auszusprechen, was über Jahre in mir gereift war: Ich möchte die Alpen von Ost nach West durchqueren, von Wien nach Nizza und wenn nicht jetzt, wann dann?!

Von Nord nach Süd waren mein Freund Sebastian und ich schon 2021 über die Alpen gegangen. Und so war uns grundlegend klar, was eine Fernwanderung bedeutet. Sehr klar war auch, dass die vierfache Strecke dessen für Sebastian eher das Gegenteil von Lebenstraum sein würde. Diese Reise wird also ein Projekt werden, dass ich allein umsetze – immer wieder begleitet aber von lieben Menschen, die mir wichtig sind.

Staunen, Freude, Sorgen und Konflikte – eine ganze Bandbreite von Emotionen schlug mir entgegen als ich nun Freunden und Familie Stück für Stück erzählte, was ab Mai 2025 passieren wird. Dreieinhalb Monate habe ich mir in meinem Job als Freie Journalistin freigeschaufelt und etwas Geld gespart, um vom Träumen ins Handeln zu kommen.

Planung, Planung, Planung…

Und zum Handeln gehörte eine gute Routenplanung genauso wie die Optimierung meiner Ausrüstung. Anders als bei der ersten Alpenüberquerung auf dem „Traumpfad München-Venedig“ gibt es keinen „Fernwanderweg Wien-Nizza“. Und so begann ich Bücher und Blogs zu wälzen und mit Komoot die Etappen zu planen – ein Prozess, der sich über Monate zog. Am Ende standen 97 geplante Etappen mit 1.733 km und 93.750 Höhenmetern im Aufstieg.

Ähnlich zeitintensiv war auch die Recherche zur Optimierung meines Equipments. Diesmal wollte ich auch draußen übernachten. Ein Zelt musste her – klein, leicht und trotzdem robust. Das Nemo Hornet Osmo 2p erfüllte in meinen Augen all diese Voraussetzungen. Ohne unnötigen Schnickschnack und mit Titanheringen anstelle der mitgelieferten Originale kommt das doppelwandige Zweipersonenzelt auf nicht einmal 1 kg und ist immerhin semifreistehend. Ein Daunenschlafsack mit einer Komforttemperatur von 0 Grad Celsius war mit Beratung in meinem Outdoorladen des Vertrauens „Mehrprofi“ auch schnell gefunden.

Je tiefer ich in die Planung einstieg, umso nerdiger wurde die Recherche. Sämtliche Ausrüstungsgegenstände landeten auf der Küchenwaage. Maximal 15 kg sollte mein Rucksack beim Start in Wien wiegen, inkl. 2 Litern Wasser, vollem Gas, Essen und Snacks für bis zu fünf Tage. Für Ultraleicht-Wanderer gar kein Stress. Da ich gern aber auch meine Touren in Bild und Video festhalte, fällt der Technikpart immer etwas größer und schwerer aus als bei anderen Fernwanderern.

Rucksackpacken mit Excel

Es musste also überall optimiert werden. Immer, wenn ich einen noch leichteren, noch kleineren Ausrüstungsgegenstand fand, trug ich ihn in meine Exceltabelle ein und begann Stück für Stück, die „Einkaufsliste“ abzuarbeiten. Ganz zum Schluss war klar, dass ich einen etwas größeren Rucksack brauchen würde.

Wieder trabte ich in meinen Outdoorladen des Vertrauens und probierte zwei Stunden lang verschiedene Rucksäcke an, drehte Runden im Geschäft mit unterschiedlichem Gewicht. (Vielen Dank an dieser Stelle an das Team von „Mehrprofi“ für die Engelsgeduld mit mir 🙂 Nachdem ich auch die größere Variante meines bisherigen Rucksacks (Deuter AirContact Lite 35+10 l) probiert hatte, war klar, dass es diesmal ein Rucksack von Gregory werden würde – der Amber 54.

Mehrere Tagestouren lief ich mit dem vollgepackten Rucksack durchs Erzgebirge, um meinen Körper an die Belastung zu gewöhnen. Von Mal zu Mal ging es besser und mit dem Frühling 2025 rückte auch der Abreisetag immer näher.

„Und wie geht es dir?“

Wochen im Voraus war die häufigste Frage: ‚Und wie geht es dir? Bist du aufgeregt?‘ Lange war die Antwort darauf: „Nein, ich freu mich, wenn es losgeht.“ Bis zu dem Sonntag vor der Abreise. Ein paar Freunde und Familie waren noch einmal zum Grillen im Garten gekommen. Als sich am Ende des Abends die Letzten verabschiedet hatten, stiegen leichte Zweifel in mir hoch, Aufregung, Kribbeln am ganzen Körper. Lange lag ich wach an diesem Abend und so ganz ließ mich das Gefühl auch in den kommenden Tagen nicht mehr los.

Ich ärgerte mich, dass ich echt bis zum letzten Tag arbeiten werde. Eigentlich wollte ich jetzt so viel Zeit wie möglich noch zu Hause mit Sebastian verbringen, in Ruhe, letzte Vorbereitungen treffen bis ich mich für drei Monate verabschieden würde. Stattdessen verfolgte mich eine „To do Liste bis zur Abreise“. Jedes Mal, wenn ich einen Punkt abhaken konnte, kamen zwei neue dazu – Langzeitauslandskrankenversicherung, Steuererklärung, Garten abreisefertig machen und, und, und…

Planung ist gut, aber nicht alles

Schließlich war am Abreisetag die Versorgungsplanung (Wo sind Unterkünfte? Wo Supermärkte?…) für die letzten zehn Etappen noch offen. Tja, „loslassen“ fängt schon vor der Tour an. Es kann und es wird nicht perfekt sein. Ich werde sowieso umplanen und mich auch von Plänen verabschieden müssen. Flexibel bleiben, wird das Credo dieser Reise sein und zugleich eine Challenge für mich werden.

Abreisebereit in Dresden mit einem leicht flauen Gefühl aus Vorfreude und Nervosität im Magen.

Am Busbahnhof in Dresden nehmen sich Sebastian und ich noch einmal fest in die Arme, behalten aber die Contenance, lächeln uns liebevoll an und verabschieden uns. Noch einmal rutscht mir das Herz eine Etage tiefer, als ich in den Bus nach Wien steige. Gleichzeitig fällt auch eine Last von mir ab. Ab jetzt brauche ich mir keine Gedanken mehr über „To Do Listen“ oder meinen Rucksackinhalt machen. Jetzt ist es wie es ist. Jetzt geht es los.

Vom Mut anzufangen

Trotzdem teile ich meine Zweifel in einer Nachricht mit meiner besten Freundin Lisa.

„Du schaffst das,“ antworte sie. „Mit schaffen meine ich auf jeden Fall, dass du beginnst und Schritt für Schritt deinen Weg gehst in deinem Tempo. Auch wenn du vor deinem Ziel nach Hause fährst, hast du es geschafft, weil du dich getraut hast.“

Ihr hört von mir. 🙂 Wenn es klappt, gibt es hier einmal pro Woche einen längeren Blogpost von meinem Weg über die Alpen von Wien nach Nizza.

Ein Kommentar zu “Planungsmarathon & Abreisezweifel

  1. Liebe Julia,

    was für ein wahnsinns Projekt!

    Tatsächlich habe ich mich 2018 auch schon einmal mit der Tour von Wien nach Nizza beschäftigt, nachdem wir Rudolf Wötzel im Gemsli in Klosters kennengelernt haben, der über seinen Weg von Wien nach Nizza ein Buch geschrieben hat (Über die Berge zu mir selbst).

    Bei Heike und mir ist daraus damals der Plan entstanden, München-Venedig zu gehen, was wir im Sommer 2021 getan haben.Hier haben wir uns kennengelernt und sind ja quasi die ganze Tour parallel gegangen.

    Wir wünschen dir eine unvergessliche Zeit, das nötige Durchhaltevermögen, möglichst gutes Wetter und das nötige Glück, was für solch eine Tour auch unverzichtbar ist!

    Schon jetzt sind wir sehr gespannt auf deine Berichte und werden dich zumindest auf diese Weise begleiten.

    Vielleicht motivieren uns deine Erfahrungen ja, uns auch noch einmal an die Planung für den Weg zu wagen 😉

    Alles Gute für uns ganz liebe Grüße

    Heike & Lars

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