Durch die Sarntaler Alpen ins Vinschgau

Luft pfeift aus einer Isomatte, Zeltplanen rascheln, Metallöffel kratzen in Töpfen. Die Unruhe um mich herum treibt mich aus dem Zelt. Nach dem obligatorischen Porridge zum Frühstück, packe ich rasch alles zusammen. Was bleibt, ist der Einkaufsbeutel von gestern. Die Portionen, die ich verdrücken kann, werden immer größer und so bleibt nur Verpackungsmüll in der Tüte zurück. Ich schultere meinen Rucksack. Er ist mittlerweile so etwas wie mein Panzer geworden, mein zu Hause, wohin ich auch immer gehe. Mehr als diese 54l braucht es nicht.

Der Himmel ist bedeckt, doch die Luft staut sich im Bozener Tal wie in einem Kessel. So komme ich bereits nach wenigen Metern ins Schwitzen. Wieder habe ich das unangenehme Gefühl, etwas vergessen zu haben. Nach einer halben Stunde setze ich den Rucksack ab und stelle fest, dass mein Reisewaschmittel fehlt. Diesmal ist es mir den Rückweg wert. Verdutzt schauen mich die verbliebenen Zeltnachbarn auf dem Campingplatz an, als ich wieder auftauche. Doch die Waschmitteltube bleibt verschwunden. Da sie wohl keine Beine bekommen haben wird, macht sie jetzt vermutlich einem Langfinger Freude.

Was soll’s, in Meran gibt es neues Waschmittel. Aber das ist jetzt das letzte Mal, dass du etwas vergessen hast!

Wo die Haflinger zu Hause sind

Noch einmal starte ich meinen Aufstieg. Bald schon liegt mir Bozen zu Füßen eingebettet zwischen Weinreben und Apfelplantagen. Agaven wachsen am Wegesrand ebenso wie Palmen. Ich durchquere ein Spalier und entdecke Kiwis über meinem Kopf. Das mediterrane Klima ist allgegenwärtig und schweißtreibend. Doch mit jedem Höhenmeter aufwärts wird es erträglicher. Bald schon ist auch der Baustil der Bauernhäuser wieder ganz ähnlich, wie ich es aus den österreichischen und deutschen Alpen gewohnt bin. An den Gasthäusern halte ich mich nicht auf, mache stattdessen eine längere Rast auf einer Bank mit Kaminwurz, Apfel und Müsliriegeln. Wieder einmal stehe ich vor der Entscheidung: Wildcampingnacht oder Gewaltetappe bis zur Meraner Hütte. Ich bin hin- und hergerissen, setze meinen Weg aber vorerst ohne Entscheidung fort. Nur wenige Wanderer treffe ich hier oben. Nach den überlaufenen Wegen in den Dolomiten ist die Ruhe hier Balsam für die Seele. Das Salten-Plateau öffnet sich vor mir mit seinen sanften Hochflächen und weiten Wiesen. Zwischen vereinzelten Lärchen grasen Haflinger.

Seit meiner Kindheit schon sind diese ruhigen, nervenstarken und kräftigen Pferde meine Lieblingsrasse. Ihr Ursprung liegt gar nicht weit entfernt in dem Dorf Hafling oberhalb von Meran. Einst wurden sie als robuste Gebirgs- und Arbeitspferde gezüchtet, um die Menschen in der Landwirtschaft und beim Transport in den Bergen zu entlasten.

Stoanerne Mandln & bleiche Riesen

An der Langfenn Alm ziehe ich vorüber und folge ein Stück dem bekannten Fernwanderweg E5 bis hinauf auf die Hohe Reisch zu den Stoanernen Mandln. Wie eine Schar von rotschimmernden Soldaten blicken die übermannsgroßen Steinsäulen Richtung Tal. Aus vielen einzelnen Felsbrocken sind sie aufgeschichtet. Bereits seit der Steinzeit wurde dieser Ort als Kultplatz genutzt. Während des Mittelalters sollen sich hier die Hexen zu Feiern und Tänzen versammelt haben.

Beim Blick über die Schulter packt mich ein wenig Wehmut. Noch einmal türmen sich die bleichen Dolomiten am Horizont auf. Ich kann den Schlern erkennen. Dahinter der Rosengarten. Sogar der Monte Civetta spitzelt hervor. Nun liegt auch diese mir so vertraute Bergregion bereits hinter mir. Das Knattern eines Zwei-Takt-Motors durchbricht die Stille. Eine Enduro-Maschine brettert den Berg herauf. Unter dem Helm kommt ein hochgeschossener Junge zum Vorschein. Seine Begleiterin auf dem Sozius himmelt ihn verliebt an. Wie niedlich, denke ich und lächle als ich an ihnen vorüberlaufe. Beim Weg hinab ziehe ich für einen Schluck an meinem Trinkschlauch. Doch mein Mund bleibt trocken.

Shit. Was jetzt? Theoretisch brauche ich noch Wasser für die Wildcampingnacht hier draußen.

Laut GPS kommt kein Bach und kein See mehr auf meinem heutigen Weg. Mir bleibt also nur bis zur Meraner Hütte durchzuziehen. Ich zücke mein Handy, um mich in der Hütte anzukündigen. Doch das Netz ist tot. Adrenalin flutet meinen Körper. Unruhe breitet sich aus. Mein Schritt beschleunigt sich.

Ich muss raus aus dem Funkloch. Ich muss anrufen. Hoffentlich haben sie auf der Hütte noch einen Platz frei. Es ist schon so spät. Bekomme ich noch etwas zu essen. Was, wenn kein Schlafplatz mehr frei ist?

Am Kreuzjoch reicht der Empfang endlich, um einen Anruf abzusetzen und tatsächlich ist noch ein Platz für mich im Lager frei. 18.30 Uhr erreiche ich schließlich nach 30 Kilometern, 2.230 Höhenmetern Aufstieg und 580 Abstiegsmetern ziemlich erschöpft die Meraner Hütte. Gutes Essen, eine kostenfreie Dusche und der Ausblick auf einen halben Pausentag morgen bauen mich nach dem Gewaltmarsch wieder auf.

Mediterranes Flair in Meran

Mit schnellem Schritt nähere ich mich am nächsten Morgen Meran, denn es geht quasi nur bergab. Die Motivation ist hoch, es noch vor dem großen Wolkenbruch ins Tal zu schaffen. Das Gewitter liegt bereits in der Luft. Mit jedem Abstiegsmeter steigt erneut die Temperatur. Bald schon werden aus Lärchen wieder Palmen und aus Mischwäldern, monotone Apfelplantagen. Wenige Meter vor dem Hotel beginnt es aus den tiefschwarzen Wolken zu nieseln. Doch ich schaffe es noch rechtzeitig hinein. Rasch wasche ich all meine Kleidung mit Handseife durch und hänge sie zum Trocknen auf den Balkon. Das erste Gewitter des Tages ist durchgezogen. Erneut lässt sich die Sonne blicken und so ziehe ich ein paar Bahnen im Hotelpool. Auch von der Annehmlichkeit des kostenlosen Fahrradverleihs mache ich Gebrauch und düse am Abend in die Stadt. Es ist die wahrscheinlich letzte Gelegenheit, um „Rei in der Tube“ zu bekommen. Schon des öfteren habe ich nach vergleichbaren Reisewaschmitteln in Italien gesucht – ohne Erfolg. Vermutlich waschen die Italiener auf Reisen nicht. 😉

Meran ist eine Stadt der Übergänge. Deutsch und Italienisch gleiten ineinander, wie zwei vertraute Melodien. Mediterrane Fassaden lehnen sich an alpine Strenge. Besonders deutlich wird das in der berühmten Laubengasse, die Via Portici. Sie ist die älteste Straße Merans. Die Untergeschosse beherbergen in ihren historischen Laubengängen zahlreiche Geschäfte, während sich oberhalb Wohnungen befinden. Die hohen Fenster hinter farbigen hölzernen Fensterläden verströmen süditalienisches Flair. Gleichzeitig erinnern die freskenverzierten Erker daran, dass ich mich noch immer in den Alpen befinde. Gegensätze müssen sich ganz offensichtlich nicht auflösen, um miteinander zu bestehen. Sie ergänzen sich hier auf eine wunderbare Weise.

Der Duft von Parfüm, Kaffee und Pasta liegt in der Luft. So zieht es mich auf der Suche nach etwas zu Essen in die erste Pizzeria auf dieser Reise. Bei einer Pizza Tirolese und einem Bier blicke ich in Richtung des Pulverturms. Ursprünglich als Bergfried errichtet diente er im 30-jährigen Krieg als Lagerstätte für Schießpulver. Heute hat man von dort oben noch immer eine herrliche Sicht auf ganz Meran. Im Restaurant bin ich die Einzige, die allein zu Abend isst. In Situationen, wie dieser fühlt es sich noch immer seltsam an.

Was denken wohl die anderen: Findet sie niemanden, der mit ihr essen geht? Wie traurig. Warum ist sie wohl allein hier?

Über all die stummen Fragen und Blicke hinweg setze ich ein breites Lächeln auf. Die Pizza ist lecker, doch das Bier steigt mir recht schnell zu Kopf – wohl auch wegen der körperlich so anstrengenden letzten Tage. Noch eine Weile warte ich, bevor ich mich wieder auf das Fahrrad schwinge und zurück zum Hotel radle.

Der nächste Morgen beginnt mit der Feststellung, dass die „Pilgerkrätze“ wieder einmal anklopft. Leichte Rötungen überziehen meine Unterschenkel. Mit Krätze im ursprünglichen Sinne haben sie allerdings wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich um winzige Kapilarblutungen. Sie treten nach langen Wanderungen oder Läufen in großer Hitze auf. Die letzten drei Tage meiner ersten Alpenüberquerung habe ich mich bei 40°Celsius und völlig geröteten, brennenden Beinen noch nach Venedig geschleppt. Mittlerweile setze ich deshalb erfolgreich auf Kompressionssocken. Sie beugen dem unangenehmen Ausschlag vor oder begrenzen ihn zumindest. So schenke ich den Rötungen nicht weiter Beachtung, ziehe meine Strümpfe an und starte in Richtung Schutzhaus Hochgang.

Der feine Unterschied

Nach den Unwettern vom Vortag heizt sich die Luft bereits am Morgen wieder spürbar auf. Ich quere die Passer. Am Geländer des Flusses lehnt ein älterer Herr, weißes Hemd mit Schmetterling-Print, blaue Chinohose, Goldkette um den Hals. Er schaut mir interessiert nach und spricht mich schließlich an. „Buongiono! Dove è diretta?“ Auwei, denke ich. Mein letzter Italienisch-Kurs ist 15 Jahre her. „Sorry, but I only speak English or German,“ antworte ich. „Ach, Deutsch passt gut. Ich wollte wissen, wohin Sie unterwegs sind?“ Wir kommen ins Gespräch. Lorenz, so sein Name, ist ehemaliger Speedkletterer, Bankkaufmann, aber vor allem Lebemann. Er lebe nur im Hier und Jetzt, schaue nicht zurück, genieße das Leben in vollen Zügen. „Weißt du, eine Frau sollte Mann nicht brauchen, damit sie sich um ihn kümmert, sondern vor allen für die Seele. Frauen aber brauchen die Männer eigentlich nicht.“

An der Passer in Meran habe ich Lorenz getroffen.

Zeit seines Lebens sei er immer lieber mit Frauen an den Berg gegangen. Denn während Männer vor allem kompetitiv unterwegs seien, wüssten Frauen genau, wo ihre Grenzen liegen. „Du bist erst ein guter Bergsteiger, wenn du auch zwei Meter unter dem Gipfelkreuz sagen kannst: Ich kehre um, wenn es die Situation verlangt.“ Frauen seien darin wesentlich besser. „Die meisten Frauen sind Genusswanderer und du, du schaust auch so aus. Das gefällt mir.“ Ich lausche seinem wertschätzenden Monolog über weibliche Charaktereigenschaften innerlich lächelnd, denn zu Wort komme ich im Grunde nicht. Dennoch freue ich mich, dass Lorenz, mich noch ein Stück bis zur Tappeiner Promenade begleitet. Dann verabschieden wir uns. „Du solltest ein paar Sätze Italienisch lernen. Mit Englisch wirst du in Italien nicht weit kommen,“ gibt er mir noch auf den Weg mit.

Auf dem Meraner Höhenweg

Ich schlendere bergauf entlang des Panoramaweges über den Dächern von Meran. Mit dem Dorf Tirol verlasse ich den letzten Touristenort und steige auf in den Naturpark Texelgruppe. Allein bin ich nicht. Wie Zugvögel mit Dachboxen zieht es vor allem die Deutschen Winter wie Sommer über den Brenner nach Südtirol – gerade so Italien, aber pünktlich und noch nicht zu italienisch. So bevölkern allerhand Schwaben und Bayern die Wanderwege. Mittlerweile bin ich zu Fuß so schnell unterwegs, dass die ausgeschriebenen Gehzeiten nicht mehr stimmen. Eine Stunde lang hocke ich deshalb auf einer Bank und lasse meinen Blick über das Etschtal schweifen. Am Horizont der südlichen Gebirgskette suche ich meinen nächsten großen Orientierungspunkt – den Ortler. Noch ist er nicht zu sehen. Stattdessen ziehen dicke schwarze Wolken von Westen ins Vinschgau hinein. Ich nehme die Beine in die Hand und betrete den Meraner Höhenweg. Abseits der Gondelbergstation wird es wieder deutlich ruhiger und einsamer. Durch kühle Fichten- und Lärchenwälder erreiche ich noch vor dem Unwetter das Schutzhaus Hochgang.

Acht Stunden Schlaf fühlen sich am nächsten Morgen ganz und gar nicht erholsam an. Wie gerädert stehe ich auf und blicke auf schneebedeckte Gipfel. Die Temperaturen sind deutlich gefallen und auch mein Körper mag heute nicht recht auf Betriebstemperatur hochfahren. Es ist der erste Tag auf der ganzen bisherigen Tour, an dem ich keine Lust habe zu laufen. Trotz einfacher Wege halte ich immer wieder an und inne, schaue verträumt in der Gegend umher und wünsche mich bereits an meinem heutigen Tagesziel angelangt. Erneut ziehen dunkle Wolken von Westen über die Berge. Es beginnt zu nieseln. Rasch werfe ich mir meinen dünnen Regenponcho über. Doch schon nach wenigen Minuten ziehe ich das Treibhaus wieder aus und befestige den Poncho außen an meinem Rucksack, als der Regen nachlässt.

Eine Weile führt mich der Meraner Höhenweg noch durch Wälder, bis ich endlich Bergwiesen betrete und hinab sehen kann auf die Apfelplantagen des Vingschgaus und den kleinen Ort Naturns. Vor 20 Jahren bin ich mit meinen Eltern schon einmal dort gewesen. Heute kehre ich dorthin zurück. Sanft werde ich aus meinen Tagträumen gerissen. Etwas zupft an meinem Rucksack, zieht mich nach hinten. Ich drehe mich um und blicke in die Augen einer Ziege. Gerade noch sehe ich, wie ein Stück Plastikfolie im Maul des Tieres verschwindet. „Nicht! Spuck das wieder aus! Nicht schlucken!“ brülle ich die Geis an und fasse ihr zwischen die Kiefer. Doch zu spät. Sie hat es bereits verschluckt. In meinem Regenponcho klafft derweil ein beachtliches Loch. Sofort plagt mich ein schlechtes Gewissen.

Jetzt hat sie wegen mir Plastik gefressen. Hoffentlich passiert ihr nichts. Dumme Ziege!

Ratlos stehe ich noch einen Moment da, halte nach ihrem Hirten Ausschau, aber nirgends ist ein Mensch in Sicht, sodass ich meinen Weg Richtung Tal fortsetze.

Im Vinschgau back to 2005

Der Duft von Lavendel liegt in der Luft, als ich Naturns erreiche. Im Örtlichen Supermarkt decke ich mich mit Vinschgerln ein. Diese kleinen flachen Roggenbrötchen mit Fenchel und Kümmel sind mein Lieblingsgebäck jedes Mal, wenn ich nach Südtirol komme. Als Proviant sind sie für mich besonders wertvoll, liefern sie doch auf den langen Etappen mehrere Stunden Energie und sind auch nach einigen Tagen im Rucksack noch frisch. Die letzten Meter zum Campingplatz versüße ich mir mit einem Eis, während ich am Mühlbach entlang schlendere.

Kurze Rast

Sofort erkenne ich die Einfahrt wieder. Doch anders als damals ist nun alles auf den Wohnmobiltourismus ausgerichtet. Der Self-Check-In funktioniert ausschließlich mit Fahrzeug. Der Chef des Campingplatzes kommt mir zu Hilfe. Mit einem Metallmülleimer simuliert er das heranfahrende Auto. Es ist ein urkomisches Bild, das meinen Kopf so schnell nicht mehr verlassen wird. Schließlich spuckt die Schranke eine Gästekarte aus und öffnet sich. „Vor 20 Jahren bin ich schon einmal hier gewesen in einem der Bungalows gemeinsam mit meinen Eltern,“ erzähle ich ihm. „Oh, das ist ja toll! Die Bungalows gibt es so nicht mehr. Dort sind jetzt private Spas drinnen, die man mieten kann,“ meint er und zeigt in Richtung des mir so vertrauten Flachbaus. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Zehn Jahre alt war ich damals, meine jüngere Schwester kaum zwei, als wir hier unseren Urlaub verbrachten. 2005. Der Sommer bevor Angela Merkel das erste Mal Bundeskanzlerin wurde und YouTube gerade gegründet war.

Verrückt, wie schnell die Zeit vergeht. Trotzdem sieht vieles hier noch so gleich aus. Trotzdem fühlt sich vieles noch so nah an.

Rasch baue ich mein Zelt auf. Es ist das einzige auf dem ganzen Platz. Danach ziehe ich noch ein paar Bahnen im Hallenbad des Campingplatzes, bevor ich unter den neugierigen Augen der anderen Campinggäste Nudeln mit Pesto köchel und mit einem Radler in der Hand zufrieden in den Abendhimmel blicke.

Eine Welt, zwei Realitäten

Der nächste Tag lockt mich mit strahlend blauem Himmel und bestem Sommerwetter aus dem Zelt. Als ich den kleinen Ort verlasse, stelle ich fest, dass sich eines doch verändert hat. Naturns ist seit damals um einige klobige Hotelbauten reicher. Hinter den verglasten Terrassengeländern sitzen schick gekleidete Damen und Herren beim Frühstück mit Cappuccino und Croissant.

Ob es wohl ihr erster Urlaubstag ist? Wenn sie wüssten, was ich hier mache. Sonst war ich immer die Urlauberin. Nun bin ich Reisende. Ihr Alltag unterscheidet sich so radikal von meinem. Wir sind in der gleichen Welt und doch in ganz verschiedenen Realitäten.

Glück durchströmt mich bei diesem Gedanken. Ich schlendere an der Terrasse vorbei und gelange nach Juval. Hier kann ich natürlich nicht vorübergehen, ohne dem Schloss des berühmtesten Bergsteigers der Welt einen Besuch abzustatten. Unglücklicherweise hat das Messner Museum am Mittwoch jedoch geschlossen, sodass es beim staunenden Blick von außen bleibt. Die Zikaden brüllen, als ich nach dem Abstieg auf den Schnalswaalweg einbiege.

Entlang der Waalwege

Waale – so heißen die Bewässerungskanäle im Vinschgau. Im Mittelalter entstanden waren sie lange Zeit Voraussetzung für Landwirtschaft im Vinschgau. Da die hohen Berge die Wolken „abmelken“, liegen die Jahresniederschläge hier teils unter 500mm. Intensive Sonneneinstrahlung und Wind dörren die Landschaft zusätzlich aus. Über die Waale leiteten die Bauern deshalb Wasser aus Gebirgsbächen und Gletschern auf die trockenen Wiesen und Felder. Auch wenn die künstliche Beregnung viele Waale mittlerweile obsolet macht, ist das ausgeklügelte Wegenetz entlang der Kanäle noch immer erhalten und bei Touristen wegen der technisch einfachen Streckenführung beliebt.

Mechanisch und monoton laufe ich über Stunden auf den Wegen dahin. Jetzt wird es richtig langweilig. Auch das Wetter folgt dem immer gleichen Rhythmus. Der Morgen startet sonnig. Gegen Mittag frischen Böen auf. Sie drücken dichte Gewitterwolken zwischen die Berge, die sich dann am Nachmittag über dem Tal ergießen. Immerhin: durch die Schlechtwetterlage in den Zentralalpen herrschen hier im Vinschgau vergleichsweise milde Temperaturen, anstelle der sonst üblichen 35 bis 40°Celsius zu dieser Jahreszeit. Dennoch bin ich erleichtert, als ich endlich Goldrain erreiche und in den kleinen Dorfladen abbiege. Wenige Meter sind es noch bis zum Campingplatz. Zu weit für das Plastiksackerl in meiner Hand. Es reist und der gesamte Inhalt entleert sich auf der Straße. Das musste ja noch sein. Schnell drehe ich einen Knoten in den Beutel und erreiche im Klammergriff um die Fressalien mein Ziel. Der Zeltaufbau wird mehr und mehr zur Routine. So bleibt noch etwas Zeit, um auch heute Nachmittag am Pool zu entspannen.

Zufall oder Schicksal?

Als ich zurück zu meinem Platz komme, bin ich plötzlich nicht mehr allein. Eine junge Frau müht sich ab, Heringe in den Boden zu drehen. Zelt, Rucksack, Schuhe. Alles kommt mir sehr bekannt vor. Alles erinnert mich an mich selbst. „Hi, ich bin Julia!“ stelle ich mich vor. „Hallo, ich bin Celine. Sag mal hast du etwas dagegen, wenn ich mit meinem Zelt etwas näher an dich heran gerutscht komme. Der Boden ist zu fest an der Stelle hier. Ich bekomme die Heringe nicht rein.“ – „Freilich. Das stört mich nicht. Komm ruhig näher. Bist du zu Fuß unterwegs?“ frage ich. Celine schaut mich von unten herauf an, holt tief Luft und beginnt zu erzählen. „Ja, tatsächlich ist heute Tag 41, an dem ich wandere. Ich bin in Wien gestartet und möchte bis nach Nizza laufen.“ Mein Herz macht einen Sprung.

Das gibt es ja nicht. Kann das wirklich Zufall sein oder ist das schon Schicksal?

Celine hat genau neben mir ihr Zelt auf dem Campingplatz in Goldrain aufgebaut.

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