Wunderwelt Dolomiten – wo Wege und Erinnerungen sich kreuzen

Strahlend blauer Himmel erwartet mich, als ich am Morgen die Augen öffne. Der Sommer ist endgültig da an diesem 1. Juli. Obwohl ich mich bereits in Venetien befinde, ist man auf dem Rifugio Valparola ganz offenbar noch auf deutsche und österreichische Gäste eingestellt. So finde ich auf dem Tisch neben allerhand Süßkram auch Käse, Schinken und Salami sowie dunkles Brot. Spätestens in zwei Wochen werde ich mich davon wohl verabschieden müssen – dann, wenn es richtig italienisch wird.

Blutberg

Der Passo Valparola liegt noch in völligem Schatten, als ich aufbreche, vorbei an einem Wegweiser mit der Aufschrift „Col di Lana“. Er war einer blutigsten Kriegsschauplätze im Ersten Weltkrieg. Um den strategisch wichtigen Berg zu erobern, gruben sich italienische Soldaten hinein und verminten die Tunnel. Im Kampf gegen Österreich wurde der Gipfel 1916 schließlich teilweise gesprengt. Rund 8.000 Soldaten fielen während des Krieges allein an diesem Berg. Die italienischen Alpini nennen ihn deshalb auch „Col di Sangue“ – Blutberg. So stark, schön und unverrückbar wie die Berge sich auftürmen scheint es unvorstellbar diese steinernen Riesen sprengen zu können. In der Ferne kann ich den Col di Lana noch erspähen, doch mein Weg führt mich nördlich am Monte Castello vorbei. Am Lago di Valparola pellt sich gerade eine Gruppe junger Wanderer aus ihren Zelten.

Felskathedralen, Geltscherglitzern und Euphorie

Die bleichen Berge erheben sich mal schroff, mal sanft aus den sie umgebenden Wiesen. Nach wenigen Schritten kann ich schon die Gipfel des Sellastocks erspähen. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Zügig laufe ich weiter und entdecke in der Ferne nicht nur den Hochfeiler, sondern in greifbarer Nähe auch die Puez-Geisler-Spitzen. Bei Regenwetter in dichter Nebelsuppe hatten wir diese Gebirgsgruppe vor vier Jahren durchquert. Ihre Schönheit konnte ich damals nur erahnen. Jetzt liegen die weißen Berge unter strahlend blauem Himmel vor mir. Ich quere lichte Lärchenwälder und wenig später zeigt sich auch der Sellastock in seiner vollen Pracht. Ich kneife die Augen ein wenig zusammen und erkenne auf seinem höchsten Punkt die Capanna Fassa – die kleine Gipfelhütte des Piz Boè, in der wir vor vier Jahren übernachtet haben. Die steilen Wände und das geschlossene Plateau des Gebirgstocks wirken wie Mauern und Höfe einer riesigen Festung aus Stein. Kein Wunder also, dass die Sella in einigen Dolomiten-Sagen als versteinerte Burg beschrieben wird. Ich lasse meinen Blick über die sanften Almwiesen streifen und erblicke im Süden die weißvergletscherte Nordseite der Marmolada. Da ich mich von Osten der damaligen Reisroute nähere, kann ich ganze vier Etappen überblicken.

Euphorieschrei

Lass es raus. Du platzt sonst. Aber nur leise. Kontrolliert. Nicht zu laut. Nicht zu viel.

Das Kribbeln in meinem Bauch kennt kein Halten mehr. Erinnerungen flammen auf, Glücksgefühle durchströmen mich.

Kälte, Wut, Wolkenfetzen, triefnasse Kleidung, zitternde Knie, Panik, Sturm, Schneegestöber, Eiskristalle am Morgen, Hitze, Sonne, Freude, Gletscherglitzern, endloses Himmelblau über grünem Gras und weißen Gipfeln.

Ich kann nicht anders und schreie die Euphorie aus meinen Lungen, bevor sie mich zu überfluten droht. All diese bekannten Schönheiten nach Jahren erneut zu Fuß zu erreichen, macht etwas mit mir. Der kühlende Wald reguliert beim Abstieg die Emotionen und führt mich über die Passstraße oberhalb von Corvara.

Zum Passo Gardena oder Grödner Joch oder Jëuf de Frea

Liftanalgen wachsen auch hier in die Höhe, wohin das Auge reicht. Unzählige Male war ich selbst Teil des Skizirkus am Sellastock, habe ihn auf der berühmten Sellaronda umrundet. Was im winterweißen Gewand ganz selbstverständlich scheint und Spaß verspricht, wirkt im Sommer bisweilen wie eine aufgerissene Wunde in der Landschaft. Meine Beziehung zum Skifahren – sie bleibt ambivalent, denke ich beim Streifzug Richtung Passo Gardena.

Immer dichter ziehen währenddessen Wolken durch den Pass herauf und über den Sellastock. Wenig später schüttet es wie aus Eimern. Blitze zucken durch die Luft gejagt von Donnergrollen. Unweit der Pisciadù-Wasserfälle finde ich Zuflucht in einer Holzhütte. Auch einige weitere Ausflügler und Wanderer suchen hier Schutz.

Vor dem Eingang zieht der Regen Bindfäden, während drinnen leise „The Labyrinth Song“ von Asaf Avidan aus einer Bluetooth-Box spielt. Die Zeilen der Melodie wurzeln in der griechischen Mythologie. Sie erzählen von dem längst beendeten Kampf gegen den Minotaurus. Doch der scheinbare Held findet trotz Sieg nicht heraus aus dem Labyrinth aus Erinnerungen, Gedanken, Sehnsucht. Der Faden zu Ariadne, die ihn in seinem Kampf führte, ist gerissen. Ohne sie wird der Held zum Gefangenen seines eigenen Sieges. War es in der griechischen Sage noch Theseus, der Ariadne nach seinem Sieg über den Minotaurus verließ, kehrt sich die Erzählung in Avidans Song um, wird zu einem Sinnbild für das menschliche Paradox: Wir können unsere größten Dämonen überwinden und uns dennoch verirren. Mir gefällt die besondere Erzählweise und so sammle ich das Lied ein, wie einen kleinen Schatz und füge es meiner Playlist hinzu.

Langsam lässt der Regen nach, das Donnergrollen entfernt sich. Ich werfe mir den Plastikponcho über und beginne den letzten Aufstieg über jene Skipisten, die ich bisher nur im Winter hinabgefahren bin. Ein paar Mountainbiker stehen auf den letzten Metern Spalier, warten bis ich vorüber gelaufen bin und applaudieren laut, als ich zwischen ihnen hindurch schlendere. Dann beginnen sie ihre Abfahrt. Die Wolkendecke reißt auf, als ich das Rifugio Frara oben am Passo Gardena erreiche.

Rifugio Frara

An der eichenholzvertäfelten Inneneinrichtung hat sich in den letzten vier Jahren nichts verändert. Ich sehe Sebastian und mich noch völlig durchnässt nach unserer Etappe in der Gaststube sitzen bei einem Teller Nudeln mit Tomatensoße. Später saßen wir gemeinsam mit Heike und Lars beim Abendessen. Auch sie waren von München nach Venedig unterwegs. Viele Male schon hatten wir uns auf den vorangegangenen Hütten getroffen. Sie erzählten uns damals von ihrem ursprünglichen Plan, die Alpen von Ost nach West durchqueren. Das Leben kam dazwischen und so entschieden sie sich vorerst für die Tour von München nach Venedig. Ich war tief beeindruckt von der Idee und konnte mir gleichzeitig kaum vorstellen, dass so etwas möglich ist. Nie würde ich so etwas schaffen, dachte ich damals.

Vier Jahre später stehe ich erneut hier mit eben jenem Vorhaben und eines hat sich doch verändert – Preise und Service. War das Frühstück zuletzt noch im stolzen Preis inbegriffen, ist es mittlerweile exklusiv. Die Wetterprognose sollen dafür deutlich besser werden, als vor vier Jahren und so fasse ich den Entschluss, den Piz Boè noch einmal zu gehen. Weil die Wirte mir auch mit der Frühstücksuhrzeit nicht entgegenkommen können, entscheide ich mich gänzlich dagegen. Stattdessen köchel ich am nächsten Morgen um 5.30 Uhr Porridge und Kaffee selbst. Um keine Brandflecken zu riskieren, finde ich mich vor meinem Gaskocher auf dem Fliesenboden zwischen Waschbecken und Dusche im Badezimmer wieder.

Endlich freie Sicht im Val Setus

Die Hütte liegt noch vollkommen im Schlaf, als ich eine Stunde später mein Zimmer schließe, den Schlüssel unter dem Rolladen der Rezeption hindurchschiebe und das Rifugio verlasse. Der Himmel könnte klarer nicht sein, ganz anders als noch vor vier Jahren. Nebel umspielte in dichten Schwaden den Pass. Von der Sella war ebenso wenig zu sehen wie von den Puez-Geisler-Spitzen. Hinter der Hütte beginnt der Zustieg zum Val Setus. Bald schon mündet der schmale Wanderpfad in ein Geröllfeld. Rot-weiße Markierungen kennzeichnen den Weg nach oben. Mein Herz pumpt spürbar in meiner Brust vor Anspannung, Aufregung, Freude. Ich erinnere mich an eine hölzerne Treppe, die sich vor vier Jahren am oberen Ende des Geröllfeldes anschloss. Nun ist der Übergang verschüttet. Zwischen Steinbrocken ragen die einstigen Stufen hervor. Der Berg erodiert, er zerbröselt und so sind nun glänzende Seilversicherungen in den blanken Fels gehauen, wo einst Treppen den Weg nach oben ebneten.

Vorsichtig taste ich mich in den Klettersteig hinein. Die Trittabstände sind beträchtlich und mit schweren Rucksack auf dem Rücken fühlt es sich wahrlich wie ein kleiner Drahtseilakt an.

Schritt für Schritt. Tritt für Tritt. Drei sichere Punkte. Blick an den Fels. Blick nach oben.

In Gedanken bin ich ganz bei mir. Volle Konzentration auf das hier und jetzt. Adrenalin schießt durch meinen Körper. Wild pocht mein Herz. Dann endlich bricht die Sonne zwischen den steilen Felswänden hervor. Noch ein Zug, ein zweiter. Ich trete oben heraus auf das erste Plateau und drehe mich um. Vor meinen Augen erhebt sich die Puez-Geisler-Gruppe. Scharfe Zinnen wachsen gen Himmel unterbrochen von weiten Hochflächen. Östlich von mir sendet der Großvenediger einen letzten Gruß. Aber auch der Hochgall und die Zillertaler Berge spitzeln am Horizont hervor. In meinem Rücken ragen die Wände des Sellastocks hinauf zum nächsten Plateau.

Vor vier Jahren zerrte der Wind beim Aufstieg an uns, trieb die Wolken über die Felskanten und als wir hier oben ankamen, hatte der Nebel die Landschaft verschluckt. Nichts von dieser gigantischen Bergwelt war zu sehen. Jetzt ist es, als hätte jemand den Vorhang weggezogen. Tränen laufen mir über das Gesicht vor Freude und Überwältigung. Ich denke an Heike und Lars. Wie schön wäre es, wenn sie dieses Panorama auch noch einmal sehen könnten. Rasch mache ich ein kleines Video für die beiden.

Ladinisch

Nach Minuten des Staunens, löst sich mein Blick. Der Wegweiser zeigt Richtung Ütia de Pisciadù, zur Pisciadù-Hütte. Neben Deutsch und Italienischen ist auch das Ladinische hier als Amtssprache anerkannt. Sie gehört zu den kleinsten Sprachen Europas, war jedoch einst die verbreiteteste Sprache in der Alpenregion. Heute wird sie noch im Gadertal und Grödental, aber auch im Fassatal (Provinz Trentino), Buchenstein, Ampezzo (Provinz Belluno) und im Schweizer Kanton Graubünden gesprochen. Damit Sprache und Kultur nicht in Vergessenheit geraten wird Ladinisch sogar in der Schule als Pflichtfach gelehrt – ein bisschen wie das Sorbische in meinem Heimatbundesland Sachsen.

An besagter Ütia di Pisciadù laufe ich vorüber. Ihr zu Füßen liegt der azurblaue Pisciadù-See. Durch die mondähnliche Landschaft geht es weitere Klettersteige nach oben. Nur spärlich bedeckt Schnee die Mulden dazwischen. Noch im August lag hier vor vier Jahren der Schnee gut einen Meter hoch. Dann endlich erreiche ich das obere Plateau. Wie ein Berg auf dem Berg liegt der Piz Boè vor mir. Wieder steht mir das Wasser in den Augen.

Was ist das für ein unfassbares Glück?! All das noch einmal bei gutem Wetter sehen zu dürfen. Mein Kopf hatte die Stärke über die Ängste im Klettersteig hinwegzugehen. Mein Körper hatte die Kraft, mich hier heraufzutragen.

Von der Unwiederholbarkeit des Moments

Als ich dem Gipfel näher komme, löst sich das Hochgefühl allmählich auf, denn das gute Wetter hat auch eine Schattenseite. Wie Ameisen stehen Wanderer im schmalen Pfad zur Capanna Fassa Schlange. Unweit endet die Bergstation der Pordoi-Bahn und so verschlägt es hierher nicht nur Wanderpuristen, sondern auch allerhand Wandertouristen. Ich entscheide mich dennoch für die letzten Aufstiegsmeter. Aus der Ameisenstraße wird am Gipfel ein Ameisenhügel. An die 60 Menschen drängen sich für ein Foto am Gipfelkreuz. Die Terrasse ist brechend voll. Gleich mehrere Kameradrohnen umkreisen die Hütte.

Nichts, aber wirklich nichts ist übrig von dem Gefühl von vor vier Jahren. Sturm, Regen und Wolken machten den Aufstieg zu einer wahrlich ungemütlichen bisweilen auch gefährlichen Angelegenheit. Dafür erwartete uns gemütliche Ruhe im Inneren der Hütte. Ein Hauch Schnee hatte am nächsten Morgen den Berg in ein frühwinterliches Gewand gekleidet. Jetzt im Sonnenschein holt mich jenes Unbehagen ein, was ich angesichts der Massen schon an den Drei Zinnen spürte. Zügig esse ich einen Teller Spaghetti, trinke ein Skiwasser. Schnell noch ein Gipfelfoto und nichts wie weg hier. So schön der erste Aufstieg war, so enttäuschend war das erneute Gipfelerlebnis.

Du kannst den Moment nicht wiederholen. Ein anderer Tag, eine andere Situation, andere Menschen, ein anderes Gefühl. Vielleicht auch die verflogene Magie des ersten Mals. Der Moment ist abhängig, flüchtig, endlich.

Was bleibt, ist bewusst im Momente zu leben, jede Chance zu nutzen und die Erinnerungen im Herzen zu tragen. Ich muss an meine Begegnung mit Otto auf der Gusenalm denken.

Wie recht er hatte mit all dem, was er sagte.

In der Mondlandschaft der Sella-Gruppe

Sachsenkönig und Dolomitenliebhaber

Um die Tagesetappe bis zum Rifugio Sandro Pertini noch gut zu schaffen, entscheide ich, die Pordoi-Bahn hinab zu nehmen. Immer wieder staut es sich auf den Wanderwegen. Schließlich bringt mich die rappelvolle Gondel ins Tal. Reisebusse, Autos, Motorräder brettern und knattern über die Passstraße des Pordoi-Jochs. Über Skipisten führt mich der Weg hinab bis zur Talstation der Pradel Rodella-Bahn. Nach einem Blick auf die Uhr, den vor mir liegenden Weg über ätzende Forststraßen und in mich hinein, entscheide ich abermals von der Bahn Gebrauch zu machen. Ein wenig kneift mich das schlechte Gewissen, als ich in der Gondel sitze, wollte ich doch eigentlich alles zu Fuß gehen.

Ich folge dem nur mäßig begangenen Friedrich August-Weg vorbei an der Grohmannspitze. Seinen Namen verdankt der Höhenweg Friedrich August II. von Sachsen. Der Sachsenkönig und ich teilen gewissermaßen die Vorliebe für die Dolomiten. Zwischen 1837 und 1848 hielt er sich mehrfach hier auf. Die Gegend im Grödnertal rund um Sella, Langkofel und Plattkofel hatte es ihm besonders angetan. So wanderte und ritt er viel, sammelte Pflanzen, Gesteine und Fossilien, lange bevor der moderne Alpinismus entstand.

Durch Rosengarten und Schlern – König Laurins Reich

Nach zehn Stunden erreiche ich das Rifugio Sandro Pertini. In der warmen Nachmittagssonne schnaufe ich auf der Terrasse durch. Das Lager habe ich wie immer ganz für mich allein. Nur die Mehrbettzimmer sind belegt. Zwei Pärchen aus der Region um Hamburg machen eine Hüttentour in der Region. Beim Frühstück am nächsten Morgen kommen wir ins Gespräch über’s Wandern, die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025, aber auch die politische Situation im Osten Deutschlands. Dann trennen sich unsere Wege in entgegengesetzte Richtungen. Über wunderschöne Höhenwege und die ausgedehnten Wiesen der berühmten Seiser Alm laufe ich dem Rosengarten entgegen. In meinem Rücken glitzert noch der Gletscher der Marmolada in der Sonne, während ich das Reich von König Laurin betrete.

Der berühmten Dolomiten-Sage nach lebte der Zwergenkönig einst in den Bergen dieser Gegend. Zu seinen beiden größten Schätzen zählten eine Tarnkappe, die unsichtbar machte, und ein Zaubergürtel, der ihm die Kraft von zwölf Männern verlieh. Unzählige Rosen blühten vor seinem Schloss. Sie dufteten so stark, dass sich daran auch die Leute im Tal erfreuten. Als Laurin eines Tages von der schönen Similde, der Tochter des Etschkönigs hörte, verließ er jedoch sein Bergreich und entführte die Prinzessin mithilfe seiner Tarnkappe. Tapfere Ritter zogen aus, um Similde zu befreien. Der wunderbare Duft und das Leuchten der Rosen verrieten den Zwergenkönig. Trotz der Kraft seines Zaubergürtels unterlag er im Kampf gegen die Ritter. Er zog sich die Tarnkappe über. Doch die Bewegung der Rosen verrieten, wo er sich verbarg. Die Ritter zerbrachen den Gürtel und nahmen Laurin gefangen. Dieser war darüber so erzürnt, dass er der Sage nach den Garten mit einem Fluch belegte. Nie wieder, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, sollte ein Mensch die Rosen zu sehen bekommen. Doch der Zwergenkönig hatte die Dämmerung vergessen. So geschah es, dass der Rosengarten zwar verschwand, doch in den Stunden des Sonnenuntergangs wird er noch immer sichtbar – dann wenn die bleichen Felsen in tiefem Rot glühen, als stünden sie in voller Blüte – das Enrosadia.

Am besten ist dieses Alpenglühen wohl vom Schlernhaus zu beobachten. Schon lang ist das aber kein Geheimtipp mehr. Über-Tourismus macht der Hütte zu schaffen. Für mich ist es deshalb unmöglich, hier kurzfristig noch einen Schlafplatz zu bekommen. Am Schlernhaus vorbei führt mich mein Weg in nördlicher Richtung zur Schlernbödelehütte hinab. Eine schwarze Wolkenwand folgt mir und sorgt am Nachmittag für ein heftiges Unwetter inklusive kirschkerngroßer Hagelkörner. Den Abend verbringe ich auf der Hütte mit drei Wiener Studentinnen und Studenten bei ein paar Runden UNO.

Bruthitze, Brenner, Bozen

Nach einem guten und reichlichen Frühstück breche ich am nächsten Morgen zu einer erneuten Monsteretappe auf. Ich möchte es an diesem Tag bis nach Bozen, in die Landeshauptstadt Südtirols, schaffen. 8.00 Uhr verlasse ich die Hütte und laufe hinab durch dichte Mischwälder und entlang kleiner Bäche. Währenddessen plagt mich ein unruhiges Gefühl.

Ich hab doch was vergessen. Nur was?

Plötzlich dämmert es mir. Ich setze den Rucksack ab, durchwühle meine Packsäcke. Tatsächlich. Mein Handtuch hängt noch im Waschraum der Schlernbödelehütte. Mist. Diesmal gibt es keinen Fahrweg hinauf. Die Hütte wird per Lastenaufzug versorgt. Eine Gehstunde habe ich bereits zurückgelegt. Umkehren ist keine Option und so beginne ich nach Sportgeschäften in Bozen zu googeln. Decathlon wird mein neues Zwischenziel sein. Vorerst durchquere ich allerdings das malerische Bergdorf Völs am Schlern und steige hinab bis ins Eisacktal.

Abkühlung nach dem Abstieg

Mit jedem Höhenmeter ins Tal steigt die Temperatur und das Singen der Zikaden wird lauter. Quälend lange asphaltierte Fahrradwege begleiten die berühmte Brennerautobahn sowie die Bahngleise und Staatsstraße. Beinah 15 Kilometer zieht sich der Weg dahin. Neben mir rauscht der Verkehr und je näher ich der Stadt komme, desto öfter brettern die Autokolonnen auf Brücken auch über meinen Kopf hinweg. Für eine kurze Pause lasse ich mich auf eine Bank nahe einer Bushaltestelle nieder.

Warum mach ich das eigentlich? Ich könnte auch einfach den Bus nehmen. Was für eine Sch***-Strecke!

Doch ich ziehe durch und erreiche die Stadt. Feigen wachsen an den Bäumen. Trauben hängen, wenn auch noch unreif, an den Reben. In der kühlenden Shopping-Mall akklimatisiert sich mein Körper. Neben einem neuen Handtuch landet auch der Einkauf für die nächsten Tage in meinem Rucksack. In der Hand halte ich zusätzlich einen Beutel, als ich wieder in die Nachmittagshitze trete. Jugendherbergen und Hostels in Bozen sind voll, die Hotels zu teuer für mein Budget und so liegt vor mir noch ein Sechs-Kilometer-Marsch bis zum einzigen Campingplatz außerhalb der Stadt. 38°C zeigt das Thermometer einer Apotheke an. Bozen wäre sicher sehenswert, doch mir fehlt jede Kraft, mich an den schönen Ecken der Stadt zu erfreuen. Völlig erschöpft erreiche ich nach 34 Kilometern und neun Stunden den Campingplatz.

Radler und Wanderer, die nur eine Nacht bleiben, teilen sich eine kleine Nische am Rande des Platzes. Dicht an dicht stehen die kleinen Zelte auf Kies, aber immerhin diesmal deutlich abseits der Straße. Den Rest des Nachmittags lasse ich meine Füße im türkisblauen Pool baumeln, der Blick in Richtung der Messner Burg gerichtet. Es fühlt sich fast ein wenig wie Urlaub an. Doch morgen schon erwartet mich eine weitere lange Etappe. Ungewiss ist, wo genau ich schlafen werde. Klar ist nur, es geht hinauf in die Sarntaler Alpen.

Hinterlasse einen Kommentar