Grenzgänge am Karnischen Kamm

Dichter Nebel umhüllt die Wolayerseehütte am nächsten Morgen. Ich frühstücke und breche gegen 8.00 Uhr auf. Erfreulicherweise ist meine Erkältung auf dem Wege der Besserung. Durch den Nebel lässt sich die Schönheit dieser ersten Kilometer des Karnischen Höhenweges nur erahnen. Hin und wieder lugen hinter den dichten Schleiern spitze Berge hervor. Auf einem großen Felsbrocken entdecke ich zwei Gestalten. Als ich näher komme, erkenne ich das Pärchen vom Vorabend. Jene Wanderer, die noch spät und ungeplant auf der Wolayerseehütte angekommen waren. Sie legen eine Frühstücksrast ein. Wir grüßen uns freundlich. Dann gehe ich an ihnen vorüber. Nach dem ersten Aufstieg des Tages schimmert schwach ein Metallschild durch die Nebelwand. Die Reliefbuchstaben verraten „Achtung Staatsgrenze“.

Wow, jetzt ist es soweit! Das erste Mal überquere ich eine Landesgrenze. Das erste Mal betrete ich italienischen Boden.

Ost-West-Alpenquerer

Hier oben bewege ich mich beinah durchgängig auf 2.000 Metern Höhe, immer entlang der Grenze – mal in Österreich, dann wieder in Italien. Es ist ein langsames Hinübergleiten in das zweite Land meiner Reise, nicht zuletzt auch, weil mich mein Weg zunächst nach Südtirol führen wird. Sprachlich und auch kulturell werden die Unterschiede zu Deutschland und Österreich nur marginal sein – vorerst. Als ich die zweite größere Rast einlege, holt mich das Pärchen wieder ein. „Mensch, du siehst aber auch aus, als wärst du länger unterwegs,“ meint der junge Mann. Er heißt Konstantin und ist gemeinsam mit seiner Freundin, Verena, unterwegs. „Ja, kann man so sagen. Ich will versuchen, die Alpen von Ost nach West zu überqueren,“ antworte ich. „Ach Mensch, gehst du auch die rote Via Alpina?“

Lago Pera

Freudestrahlend hebe ich die Augenbrauen. Die rote Via Alpina ist wahrscheinlich der Klassiker unter den Ost-West-Querungen. Von Triest beginnend verbindet ihre Wegführung alle acht Alpenländer bis Monaco miteinander. Etwa fünf Monate dauert es, sie an einem Stück zu gehen, wenn man der Originalroute folgen möchte. Ich bin schwer beeindruckt und erzähle von meiner Strecke, die den beiden allerdings völlig unbekannt ist. „Vor drei Wochen sind wir gestartet,“ erklärt Konstantin. Ende Oktober wollen sie in Monaco ankommen, um nach ihrer Promotion ins Arbeitsleben zu starten. Beinah vier Wochen nach meinem Start in Wien sind sie die ersten Fernwanderer, die ich treffe, die sich ebenfalls auf einer Alpenlängsdurchschreitung befinden.

Im Laufe des Tages hebt sich die Wolkendecke, wenngleich die Sonne sich kaum blicken lässt. Verfallene Steinhäuser und Überreste alter Stellungen prägen die Landschaft solang ich auf italienischer Seite wandere. Als ich den Karnischen Kamm wieder in Richtung Österreich überschreite, kann ich kaum einen Kilometer entfernt bereits das Hochweißsteinhaus sehen. Zum ersten Mal auf meiner Reise bin ich auf wahrlich touristischen Pfaden unterwegs. Spürbar wird das nicht nur an der vollkommen ausgebuchten Hütte, sondern auch an den steigenden Preisen. Den Abend verbringe ich am Tisch mit Verena, Konstantin und einem Wanderer, der in der Gegenrichtung unterwegs ist. Die Etappe zwischen Porzehütte und Hochweißsteinhaus, die als eine der schönsten des Karnischen Höhenweges gilt, hat er leider in völligem Nebel zurückgelegt. Weil einige seilversicherte Stellen auf dieser Route auf mich warten, frage ich Verena und Konstantin, ob ich mich ihnen am nächsten Tag anschließen kann. „Ja klar, kein Problem,“ meint Konstantin. „Es ist ja schon ein bisschen gefährlich, ich meine, so eine Alpenüberquerung ganz allein, oder?“ ergänzt er. Da ist es wieder. Leichtsinnig. Naiv. Mutig. Gefährlich – Nein, einfach nur allein. „Auch wenn man zu zweit ist, schützt das nicht vor einem Absturz,“ antworte ich. „Meinst du nicht, dass das Wandern zu zweit oder in der Gruppe nicht sogar viel trügerischer sein kann? Was, wenn beide sich unbewusst auf den jeweils anderen verlassen, sich in vermeintlicher Sicherheit wiegen?“ Konstantin überlegt einen Moment, zuckt mit den Achseln. „Hm, vielleicht. Aber immerhin ist jemand dabei, der Hilfe rufen könnte, wenn man es selbst nicht mehr kann.“ Ja, da hat er einen Punkt, vielleicht den einzigen.

Letzter Aufstieg des Tages

Schwer hängt der Geruch von Murmeltiersalbe, Schweiß und Socken in der Luft, als ich das volle Matratzenlager betrete. Fast 20 Menschen teilen sich in Doppelstockbetten einen Schlafraum. Das Schnarchkonzert ist ebenso obligatorisch wie die Ohrenstöpsel. Was mich bei meiner ersten Alpenüberquerung vor vier Jahren noch schockte, fühlt sich mittlerweile fast schon vertraut an und hält mich nach einer anstrengenden Wanderung längst nicht mehr vom Schlafen ab. Für Eitelkeit und Schamgefühl ist der Raum auf einer Berghütte zu begrenzt, die Ausstattung zu einfach. Doch genau das kann sich auch sehr befreiend anfühlen.

Tempowechsel und paradiesische Momente

Die Sonne kitzelt mich am nächsten Morgen wach. Die Wolken haben sich restlos verzogen. So starten Verena, Konstantin und ich bei bestem Sommerwetter in Richtung Porzehütte. Doch schon nach wenigen Metern wird klar, dass die beiden deutlich weniger gemütlich unterwegs sind als ich. In meiner Eile stolpere ich und gebe den beiden schließlich zu verstehen, dass sie lieber zu zweit weitergehen sollen. Lieber sicher und in Ruhe allein unterwegs, als gemeinsam in Hast. Über das Luggauer Törl gelange ich wieder auf die Grenze zwischen Österreich und Italien. Erstmals entdecke ich einen Grenzstein, den ich mir freilich für ein Foto zwischen die Füße klemmen muss.

Ein Bein in Österreich, das andere in Italien genieße ich für einen Augenblick die Sonne bevor ich weiter zwischen den Ländern wandle und die erste seilversicherte Stelle erreiche.

Schön langsam. Schritt für Schritt. Dein Tempo. Dein Rhythmus. Dein Weg.

Erfreut stelle ich fest, dass meine innere Stimme deutlich leiser wird. Kein Konjunktiv II mehr. Stattdessen gespannter Fokus. So erreiche ich zwar mit klopfendem Herzen, aber dennoch ruhig wieder sichere Pfade. Entlang der Bergkette schlängeln sich diese Richtung Westen. Wie ein grüner Teppich umschmiegt das saftige Gras die schroffen bleichen Berge, die immer häufiger wie Fremdkörper aus der Landschaft emporwachsen. Das Panorama ist atemberaubend. Nördlich erkenne ich das Dach Österreichs mit dem schneebedeckten Großglockner. Auch der Großvenediger sendet einen Gruß aus den Zentralalpen. Südlich erheben sich bereits die Dolomiten. Eine Melodie spielt derweil leise in meinem Kopf.

Dreamed of paradise…

When she was just a girl
She expected the world
But it flew away from her reach
So she ran away in her sleep

And dreamed of para-, para-, paradise
Para-, para-, paradise
Para-, para-, paradise
Every time she closed her eyes

Unzählige Male habe ich die Augen geschlossen, mich weggeträumt, mir vorgestellt, wie es wohl wäre. Jetzt sind meine Augen offen. Jetzt laufen mir die Tränen. Jetzt ist der Moment, in dem ich ein Stück Paradies erleben darf.

In guter Gesellschaft auf der Porzehütte

Auf den letzten Metern bis zum Tilliacher Joch holt Simon mich ein. In der Wolayerseehütte hatte ich ihn und seine Freundin Susanne schon kurz kennengelernt. Doch von Susanne fehlt jede Spur. „Wo ist denn deine bessere Hälfte?“ frage ich. „Ach, wir haben ein bisserl ein unterschiedliches Tempo. Die kommt schon noch,“ antwortet er entspannt. Tatsächlich kann ich in der Ferne auf der Bergkette einen kleinen hellgrünen Punkt kraxeln sehen. Das muss sie wohl sein. „Na, an der Hütte werden wir uns wohl wiedersehen,“ ergänzt Simon und zieht an mir vorüber. Während ich zum Tilliacher Joch abstiege, quälen sich etliche Mountainbiker die Serpentinen zum Pass herauf. Für einen Moment genieße ich die grandiose Aussicht gen Süden und Norden, bevor ich nach neun Stunden Gehzeit auf die Porzehütte nach Österreich absteige.

An diesem Abend gesellen sich neben Susanne und Simon auch Alfrun und Bart zu uns an den Tisch. Alfrun, so stellt sich heraus, kommt ursprünglich aus Quedlinburg, ihr Mann, Bart, ist gebürtiger Niederländer und im engeren Sinne sogar Holländer. Während Susanne und Simon ganz klassisch den Karnischen Höhenweg gehen, verfolgt Alfrun über mehrere Jahre hinweg ein größeres Ziel. Bis in die Pyrenäen möchte sie wandern. Vor ein paar Jahren ist sie vor ihrer Haustür in Kärnten losgelaufen. Seitdem geht sie jedes Jahr eine Woche, bisher vor allem mit Freundinnen. Doch jetzt, wo die gemeinsamen Kinder groß genug sind, begleitet sie auch Bart für einige Tage. Mit großen Augen schaue ich die beiden an, als sie erzählen, dass sie am Karnischen Höhenweg nicht eine Hütte vorgebucht haben. „Morgen wird es wohl keinen Übernachtungsplatz für uns geben,“ meint Bart in urgemütlichem Ton. Gerade habe er mit den Wirten der Obstanserseehütte telefoniert. „Aber dann können wir vielleicht zum ersten Mal unser Zelt testen,“ ergänzt er. Meine Augen weiten sich nochmals. Nicht nur, weil ich die unendliche Gelassenheit angesichts der unklaren Übernachtungssituation bewundere, sondern auch, weil für morgen Nachmittag schwere Gewitter vorausgesagt sind – jedenfalls kein Wetter, um ein neues Zelt am Gipfelgrat einzuweihen. „Wir werden sehen, ob sie auf der Hütte vielleicht doch noch ein Plätzchen für uns haben,“ meint Alfrun optimistisch.

Wie schön wäre es, ein kleines Stück dieser inneren Gelassenheit und Zuversicht zu haben. Wie schön wäre es, mehr Spontanität zuzulassen und langfristige Pläne loszulassen, mehr mit dem Flow zu gehen, stärker im Moment zu sein, der Situation, der Fügung vertrauen. Komme ich da noch hin?

Mein Kopf hat das Heft des Handelns in der Hand. Darin steht in roten Lettern „Loslassen!“ als stete Mahnung und größte Aufgabe. Allein das Gefühl hat dieser Gedanke noch nicht erreicht. Die Suche nach dem Schlüssel zu jener Tür – sie geht weiter.

Standschützen

Wegen der schlechten Wetterprognosen beginnt der nächste Tag bereits 6.00 Uhr. Nach dem Frühstück laufe ich gemeinsam mit Susanne und Simon los. Unser Tempo passt, die Chemie zwischen uns auch. Wenn Simon gerade nicht wandert, arbeitet er als Physiotherapeut. Susanne hingegen erzählt von ihrer Arbeit in der Kommunalentwicklung. Wie können Städte grüner und klimafreundlicher werden? Wie kann man Energie- und städtische Wirtschaftskreisläufe nachhaltig gestalten? Fragen, die heute so wichtig sind, wie kaum je zuvor. Die Zeit mit den beiden vergeht wie im Flug. Nach Wochen täglich neuer aber immer auch nur oberflächlicher Bekanntschaften tut es gut, mal einige Tage und Abende mit den gleichen Menschen zu verbringen.

Schnell haben wir den Heretriegel erreicht, ein Sattel, von dem aus wir den Großen Kinigat sehen können. Im Norden erblicken wir abermals den Großglockner und Großvenediger. Im Tal liegen der Untere und Obere Stuckensee. Oberhalb der Talsohle thront die Filmoor-Standschützenhütte. Sie ist unser Zwischenziel. Weil wir schnell sind und das Wolkenbild noch einige Stunden gutes Wetter verspricht, kehren wir für eine kurze Rast ein. Auch der Name dieser kleinen urgemütlichen Hütte erinnert an die Kriegsjahre auf dem Karnischen Kamm. Standschützen – das waren keine Berufssoldaten. Es waren einfache Männer im wehrfähigen Alter. Jede Gemeinde stellte ihren eigenen Schützenstand vor allem in Tirol und Vorarlberg. Im Kriegsfall verteidigten sie ihr Tal, aber auch ihr Land auf den angrenzenden Bergketten, wie hier oben auf dem Karnischen Kamm. Weil reguläre Truppen im Ersten Weltkrieg überwiegend an anderen Fronten gebunden waren, waren es vor allem die Standschützen, die Österreich hier oben gegen Italien verteidigten und die Frontlinie hielten.

Kindheitserinnerungen konserviert hinter Glas

Mit einem Stück Kuchen gestärkt brechen wir wieder auf. Beim Aufstieg auf den Filmoorsattel entdecke ich immer wieder Steinbrech und Kuhschellen, die gerade ihre Blüten entfalten. Wir passieren ein Geröllfeld, lassen rechts von uns den Großen Kinigat liegen. Wie ein Riegel erheben sich die bleichen Riesen der Sextener Dolomiten vor uns. Das Wechselspiel aus Sonnenlicht und Wolkenschatten hüllt sie in ein traumhaftes Gewand.

Als einen der höchsten Punkte kann ich die Dreischusterspitze erkennen. An die gleichnamige Hütte habe ich noch Erinnerungen aus Kindheitstagen. Mehrere Wochen sind meine Eltern mit mir durch Südtirol gereist. Kurz vor meiner Einschulung war das. Wir hatten nur ein Zelt dabei, fuhren von Campingplatz zu Campingplatz. Ich habe es geliebt, so abenteuerlich unterwegs zu sein. Auf einer der Wanderungen entstand ein Foto nahe der Dreischusterhütte. Die sechsjährige Julia inmitten einer Blumenwiese, umringt von friedlich grasenden Pferden, im Hintergrund die Berge. Bald sechs Jahre hing dieses Bild über meinem ersten Schreibtisch. Zusammen mit der Erinnerung an diesen schönen Moment hatte meine Mama hinter dem Glas des Bilderrahmens auch Enzian, Steinbrech, Schafgarbe und allerhand weitere Blüten jener Almenwiese konserviert. Das Bild wirkt bis heute in meinem Kopf fort. Seltsam, wie sich die Seele an manchen längst vergangenen Augenblick heftet.

2001 kurz vor meiner Einschulung nahe der Dreischusterhütte.

Hüttenbrand und Donnerwetter

Über den Gratweg erreichen wir schließlich die Pfannspitze, einen der höchsten Gipfel des Karnischen Höhenweges. Nach dem obligatorischen Gipfelfoto steigen wir rasch ab. Mittlerweile haben sich die Wolken zu einer fast geschlossenen Decke verdichtet. Doch als wir die Obstanserseehütte erreichen, kämpft sich die Sonne ein letztes Mal hervor und wir entscheiden spontan, das Geld für die Dusche zu sparen und stattdessen in den See zu hüpfen. Als wir wieder herauskommen, blicken wir verwundert neben die Hütte. Rot-weißes Flatterband trennt die grüne Wiese von schwarz verbrannter Erde. Einige Trümmer und verkohlte Geräte lassen erahnen, dass wohl so etwas, wie ein weiteres Haus hier gestanden haben muss. Plötzlich durchdringt ohrenbetäubender Lärm die Stille der Berge. Ein Hubschrauber kreist über der Hütte und setzt zur Landung an. Mehrere Polizisten springen heraus. Sie beginnen die Brandstelle zu untersuchen, protokollieren jeden Fund. Eine der Wirtinnen erzählt uns, dass an dieser Stelle bis vor drei Tagen noch die alte Zollhütte stand. In der Nacht habe es einen lauten Knall gegeben. Dann stand die Hütte in Flammen. Wegen der alpinen Lage war ein Löscheinsatz unmöglich. Das Gebäude brannte zur Gänze nieder – glücklicherweise ohne Verletzte. Nun drei Tage später versucht die Polizei die Brandursache zu ermitteln.

In der Obstanserseehütte treffen wir zu unserer Verwunderung auf Verena und Konstantin. Die beiden wollten heute eigentlich eine wahrliche Monsteretappe bis zur Sillianerhütte absolvieren. Scheinbar haben sie es sich doch anders überlegt. Auch Alfrun und Bart sind schon da. Ich frage, ob sie noch einen Schlafplatz bekommen haben. „Nein, aber wir können warten. Vielleicht kommt jemand nicht oder wie schlafen im Gastraum,“ meint Bart entspannt, wie eh und je. Schließlich werden die beiden mit einigen weiteren Wanderern im Dachboden der Hütte einquartiert. Es findet sich eben immer eine Lösung, denke ich. Den Nachmittag verbringen wir mit Bierchen und Tee bei einigen Runden „6nimmt!“. Die Zahlenreihen auseinanderzuhalten wird mit jedem Bier schwieriger und so wird es ein heiteres aber auch chaotisches Kartenspiel.

Grummelnd kündigt sich in der Ferne das vorausgesagte Unwetter über den Gipfeln an, als plötzlich Verena und Konstantin ihre Rucksäcke schultern und die Hütte gen Westen verlassen. Verwundert schauen wir uns an. „Wie leichtsinnig,“ meint Alfrun. „Ob das eine schlaue Idee war?“ frage ich. Aber gut. Die beiden sind ja zu zweit. Sie werden schon wissen, was sie tun und erinnere mich an unser Gespräch vor zwei Tagen. Etwa eine halbe Stunde später zucken Blitze um die Hütte. Gleichzeitig schallt der Donner zwischen den Bergwänden hin und her. Wolkenbruchartig ergießt sich der Regen aus den tief hängenden Wolken. Sorgenvoll blicken wir mittlerweile in die weiße Dunstwand vor dem Fenster. Auf einmal spuckt der schmale Pfad zwei völlig durchnässte Gestalten aus, die wie von der Tarantel gestochen auf die Hütte zu rennen. Es sind Konstantin und Verena. Erleichtert lassen sich die beiden im Gastraum nieder. Die Nacht werden sie wohl doch hier verbringen.

Druck, Druck, Druck – Deutsch

Am nächsten Morgen ist von dem Donnerwetter kein Wölkchen mehr übrig und wir starten bei bestem Sonnenschein Richtung Westen. Susanne und Simon haben es eilig und setzen sich bald schon vom Rest der Gruppe ab. Gemeinsam mit Alfrun und Bart steuere ich die Sillianerhütte an. Eine Weile gehe ich hinter Alfrun, die merklich unruhig wird. „Kannst du vor mir gehen? Irgendwie setzt mich das unter Druck, jemanden hinter mir zu haben.“ Für mich ist das kein Problem. Wir wechseln die Position, während Bart gelassen mit seinem niederländischen Akzent meint: „Ja, das ist auch so etwas typisch Deutsches. Immer Druck, Druck, Druck. Deutsche verspüren immer Druck.“ Dabei setze einen doch niemand unter Druck, schon gar nicht beim Wandern. Dann hält Bart an, dreht sich um und schaut mich einen Moment lang an. „Weißt du, ich kann schon von Weitem erkennen, ob ein Wanderer aus Deutschland kommt,“ meint Bart. „Sie sind zielstrebig unterwegs, die Deutschen, aber sie stehen immer auch ein wenig unter Stress.“ Leise stimme ich Bart innerlich zu. Es ist etwas dran an seiner Beobachtung und ich fühle mich gleichzeitig ertappt.

Während dieser letzten Gratwanderung auf dem Karnischen Höhenweg erhaschen wir immer wieder atemberaubende Ausblicke auf die Drei Zinnen oder die Dreischusterspitze im Süden. Im Norden erkenne ich in der Ferne den Hochfeiler. Vor vier Jahren sind Sebastian und ich dort fälschlicherweise bis zur halben Höhe aufgestiegen. Getrieben vom Unwetter und mit der doppelten Kilometerzahl unter den Sohlen war es die wohl anstrengendste Etappe auf der Transalp von München nach Venedig.

Final überschreiten wir die Grenze nach Italien auf dem Weg zum Hornischegg, meinem letzten Gipfel auf dem Karnischen Höhenweg. Unterhalb des Gipfels sind ganz deutlich die Überreste der Kriegsstellungen zu erkennen. Sie ducken sich in den Hang, sind eingepasst in den Berg. Schornsteine ragen aus den grasbewachsenen Dächern empor. Rostiger Stacheldraht liegt vor den Zugängen der zerfallenden Gemäuer. Auf unserem Weg hierher konnten wir schon einige Schützengräben sehen. Doch so greifbar wie an dieser Stelle war die Geschichte des Karnischen Höhenweges bisher nicht.

Dolomites 🫶🏻

Grenzüberschreitung und Abschied

Abschied in der Luft, als wir die Ausblicke genießen. Alfrun und Bart nehmen mich noch einmal fest in den Arm. „Ich wünsch dir alles Gute für den Weg – auch dass dir gute Dinge passieren, mit denen du nicht rechnest,“ gibt Alfrun mir mit auf den Weg. „Ik wens je veel sterkte en hoop dat je zo sterk blijft als je nu bent. Blijf gefocust op je doel. Je zult het bereiken,“ wünscht mir Bart. Übersetzt bedeutet es in etwa: „Ich wünsche dir Stärke und bleibe so stark wie du bist. Bleibe an deinem Ziel dran. Du wirst es schaffen.“ Es berührt mich, dass er mir auf Niederländisch „Alles Gute“ wünscht. Worte in Muttersprache haben ihren Ursprung immer etwas näher am Herzen, als jeder erlernte Zungenschlag.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge lasse ich die beiden auf dem Kamm zurück und steige ab in das kleine Dorf Moos. Mit jedem Schritt versuche ich auch meine Euphorie über die vielen neuen Eindrücke ein wenig zu veratmen, zu dämpfen. Ich möchte nicht zu viel sein mit all meiner Emotion. Drei Pausentage stehen nun an. Habe ich diese vor einer Woche noch herbeigesehnt, spüre ich nun, wie ich mich regelrecht darauf einstellen muss, so sehr ist mein Körper aber auch mein Geist das tägliche Wandern mit täglich neuen Eindrücken gewohnt. Mit Sebastian bekomme ich zum zweiten Mal Besuch aus der Heimat. Zum zweiten Mal ein bekanntes Gesicht. Zum ersten Mal aber muss ich auf dieser Reise in den Urlaubsmodus finden. Entlang der mir so vertrauten Skipisten des „Drei Zinnen“-Skigebietes schlendere ich ins Tal. Wenig später schließen sich Sebastian und ich nach vier langen Wochen der Trennung in die Arme.

Noch pumpt mein Herz vor Glück über die zurückliegenden Tage. Jetzt heißt es: runterfahren, entspannen, verdauen. Und: Fuß hochlegen, denn links macht sich dumpf ein Überlastungsschmerz bemerkbar.

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