Die Sonne scheint schon warm auf mein Zelt, als ich die Augen am Morgen öffne. Zügig bereite ich mein Frühstück zu und packe all meine Ausrüstung zusammen. Innerlich schwanke ich zwischen Entspannung und Anspannung. Der Grund: Ich habe keinen festen Schlafplatz für heute Abend. Kein Zeitdruck, aber dafür Ungewissheit und Aufregung, denn bisher habe ich noch keine einzige Nacht wild gecampt. Noch überwiegt die Entspannung und so sitze ich eine Stunde im Waschraum neben der Steckdose, den Blick starr auf die LED-Lämpchen meiner Powerbank geheftet. Wann ist das blöde Ding endlich voll?!
Schließlich trabe ich viel zu spät los. Richtung Süden verlasse ich Techendorf und entferne mich von den Ufern des Weißensees. Bald schon liegt er wie ein blaues Auge im Tal. In mir weicht die Entspannung derweil der Anspannung. Schließlich halte ich die Ungewissheit um meinen heutigen Schlafplatz nicht mehr aus und google die Nummer der Reisacher Jochalm. Wenn es stimmt, was Andy, der Hüttenwirt der Goldeckhütte, gesagt hat, dann gibt es auf der Alm einige Schlafplätze. Es klingelt – einmal, zweimal, dreimal – „Reisacher Jochalm. Ewald hier, Hallo.“ Ich atme auf. „Hallo, hier ist Julia. Ich bin unterwegs auf einer Fernwanderung und wollte nachfragen, ob ihr für heute Abend ein Bett frei habt?“ – „Wie viele Leute seid ihr denn?“ – „Nur ich. Eine Person,“ gebe ich knapp zurück und halte wiederum die Luft an. Stille am anderen Ende. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich keinen Schlafplatz bekomme, weil ich eben nur allein unterwegs bin. „Da muss ich kurz Rücksprache halten, ob wir das hinbekommen. Ich rufe gleich zurück.“ Wieder Stille. Ich lege auf und spüre, wie das flaue Gefühl in meinem Magen wächst. Ich betäube die innere Unruhe mit meiner Wien-Nizza-Playlist, während der Weg mich steil bergauf durch den Wald führt.





Dem Reißkofel entgegen
Plötzlich durchdringt „Hedwigs Theme“ den Flow der Musik. „Julia hier, Hallo!“ melde ich mich am Telefon. „Ja, also es klappt mit der Übernachtung. Wir haben einen Schlafplatz frei.“ – „Perfekt, dann sehen wir uns später!“ – „Wann wird später circa sein?“ Ich überlege kurz – zu kurz. „17.00 Uhr,“ platzt es aus mir heraus und als ich wenige Augenblicke später auflege, merke ich, unter welchen Druck ich mich gerade wieder selbst setze. Es ist 11.00 Uhr und ich habe noch nicht einmal drei der insgesamt 25 Kilometer geschafft. Im Stechschritt laufe ich ins Tal nach Weißbriach, lege hastig eine Mittagspause ein und mache mich an den zweiten Aufstieg des Tages.
Kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Am Wegesrand strecken orangene Lilien ihre Hälse der Sonne entgegen. Es duftet nach Sommer. Als ich aus dem Wald heraustrete, erhebt sich der Reißkofel vor mir. Die südliche Umgehung führt mich durch steiles Gelände mitten im Wald. Ein Schild weist darauf hin, dass der Weg „nur für Geübte“ geeignet ist. Die größte Herausforderung ist jedoch nicht das Gefälle, sondern die Tatsache, dass eine zentimeterdicke Fichtennadelschicht den Pfad bedeckt. Sie verwandeln den Weg in eine spiegelglatte Eisbahn. Zwei Mal zieht es mir beim Abstieg die Beine weg und ich lande unsanft auf dem Hintern. „Scheiße!“ brülle ich schließlich durch den Wald. Die Wut bricht aus mir heraus. Immerhin deuten die kräftigen Farben der Wegmarkierungen darauf hin, dass der Pfad durchaus noch begangen, ganz offensichtlich aber nur halbherzig gewartet wird. Das bestätigt sich auch, als ich mich wenig später durch kräftige Jungfichten wühle, die den Wanderweg überwuchern.





Grenzblicke nach Italien
Abgekämpft erreiche ich um 17.15 Uhr die Reisacher Jochalm. Was für ein Ritt. Entspannt ist anders. Eine kleine etwas ältere Frau nimmt mich mit einem warmen Lächeln in Empfang. Ihr Name ist Monika. Ewald, ihr Sohn, ist der Senner der Reisacher Jochalm – ein junger Mann, etwa in meinem Alter. In diesem Jahr bewirtschaften sie zum ersten Mal die Alm. Und so bin ich für Monika und Ewald nicht nur der erste Übernachtungsgast überhaupt. Ich lasse mich auf der Bank vor der Almhütte nieder. Unter mir liegt das Gailtal.
Auf den gegenüberliegenden Gipfeln erstreckt sich die Grenze zwischen Österreich und Italien. Damit blicke ich geradewegs in die gleichsam bleichen wie schroffen Spitzen der Julischen und Karnischen Alpen. Der Jôf di Montasio und der Monte Cavallo sind ganz nah. Es ist ein unbeschreiblicher Moment. Tränen steigen mir in die Augen. Die Emotionen überollen mich. Sie können aber nicht über das heftige Wummern in meinem geschwollenen rechten Fuß hinwegtäuschen. Noch immer nässt der Insektenstich. Der Gewaltmarsch heute war der Genesung nicht zuträglich. Ich lagere das Bein nach oben.








Schotten und Nachtschicht auf der Reisacher Jochalm
„Hast du schon einmal Schotten gegessen?“ fragt Monika und stellt einen kleinen Teller mit zwei Scheiben Käse vor mir auf den Tisch. Im ersten Moment könnte man meinen, es handle sich um Feta. Doch Schotten ist ein traditioneller, krümeliger Frischkäse. Er entsteht durch das Erhitzen und Säuern von Molke oder Buttermilch. Das Eiweiß flockt aus. Der Käse wird anschließend in Tücher oder Leinensäckchen gefüllt, um abzutropfen. Somit ist er eigentlich nur ein Nebenprodukt der Käse- oder Butterherstellung – allerdings ein sehr leckeres Nebenprodukt, wie ich feststellen darf. „Am besten schmeckt Schotten, wenn er ganz frisch ist,“ ergänzt Monika, als ich mir eine weitere Gabel mit dem Käse in den Mund schiebe.

Langsam senkt sich die Sonne über den Gipfeln und taucht die Wiesen in ein spektakuläres Gold. Ruhig grasen die Kühe inmitten der Kulisse. Ich atme tief den Duft des beginnenden Sommers und schließe für einen Moment die Augen. Was bleibt ist das Läuten der Kuhglocken, das leise Surren der Grillen und die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages auf meiner Haut. Zufrieden sitze ich auf der Bank. Ewald kommt geradewegs aus der Käserei gelaufen und setzt sich zu mir an den Tisch. „Bist du fertig für heute?“ will ich wissen. „Nein, nicht ganz. Zur Butterherstellung ist es zu warm. I denk, des werd I 2.00 Uhr nachts machen,“ antwortet Ewald lässig. Doch meine Augen weiten sich. Bitte was?! 2.00 Uhr nachts Butter herstellen?! „Oha!“ bringe ich heraus. „Ja, mal schauen. Vielleicht bleib I danach gleich wach. 4.30 Uhr beginnen wir, die Kühe zu melken,“ ergänzt er. Das interessiert mich jetzt doch. „Sag mal, hättest du was dagegen, wenn ich morgen früh zuschaue beim Melken?“ Verwundert schaut mich Ewald an. „Wenn du so früh aufstehen magst.“ – „Möchte ich,“ gebe ich entschieden zurück, auch wenn jede Faser meines Körpers nach Schlaf und Erholung schreit. Ich habe mir vorgenommen, keinen Moment und keine Gelegenheit auf dieser Reise zu verpassen. Ewald gehört zu jener Art Menschen, mit denen man gut schweigen kann, ohne dass es unangenehm wird. Ich genieße die Ruhe seiner Gesellschaft. Hin und wieder schleudert er für seine Hündin ein Spielzeug über den Hof, das sie zuverlässig noch in der Luft schnappt und ihm wenig später vor die Füße legt. Als die Sonne am Horizont verschwindet, zieht eine frische Brise über die Alm. Zeit, sich ins warme Bett zu verabschieden.






4.30 Uhr klingelt mein Handywecker. Schlapp pelle ich mich aus den Federn. Der Hals kratzt. Mein rechter Fuß wummert wie eh und je. Ich schiebe die unangenehmen Gefühle weg und hüpfe in meine Wanderklamotten. Vor der Tür liegt die Morgendämmerung über den Bergen. Schwach sendet der Mond einen letzten Gruß. Wenige Augenblicke später stehe ich im Stall und beobachte, wie Ewald und sein Mitarbeiter Günther die Kühe in die Milchanlage treiben. Die 31 Tiere werden freilich maschinell gemolken. „So jetzt ist die Ziege dran. Magst du mitkommen? Dann kannst du auch gleich selbst mal probieren,“ meint Ewald zu mir gewandt. „Na klar,“ gebe ich zurück und wir wechseln nach draußen. Die einzige milchgebende Ziege kennt das Prozedere bereits. Bereitwillig springt sie auf ihr kleines Podest. Mit festen zügigen Handbewegungen beginnt Ewald anzumelken. Dann übergibt er an mich. Meine Finger umfassen die Zitzen der Ziege. Warm und weich liegen sie in meinen Händen. Nur zaghaft traue ich mich zuzudrücken, aus Angst dem Tier wehzutun und so kommt nur aus einer Zitze etwas Milch. Nach wenigen Augenblicken übernimmt Ewald wieder. „Es ist wichtig, sie zügig auszumelken. Sie behält sonst zu viel Milch zurück,“ erklärt er. Fasziniert schaue ich zu, wie Ewald mit scheinbar kinderleichten Handbewegungen das Euter leert. „Drei Liter gibt sie pro Tag. Eine richtige Hochleistungsziege schafft vielleicht sieben Liter.“

Mittlerweile haben auch die Kühe ihre Melkstation verlassen und auf mich wartet ein herrliches Frühstück. Butter, Milch, Joghurt, Käse – alles frisch aus der Almsennerei von jenen Kühen, die jetzt vor mir auf der Weide stehen. So könnte jeder Morgen beginnen, denke ich. Mit einem großen Buch kommt Monika zu mir an den Tisch. „Das ist unser Gästebuch. Ich möchte, dass du dich als unser erster Gast einträgst,“ sagt sie mit einem warmen Lächeln. Was für eine Ehre, denke ich, schlage die erste Seite in dem dicken und gleichsam leeren Buch auf und beginne zu schreiben. Danach packe ich wie immer all mein Hab und Gut zusammen, verabschiede mich von Monika und Ewald. Noch ein paar Mal drehe ich mich um. Die Kühe werden immer kleiner und schließlich verschwindet auch die Alm hinter einem Hügel.
„Helden“ 1915-1918
Über viele kleine Bergdörfer steige ich ins Gailtal ab. Es duftet nach frisch gehauenem Gras. Kurz vor Dellach erreiche ich einen Ort, der die Stille ganz anders trägt als die ihn umgebenden Berge: den Heldenfriedhof. Auf der weiten Wiese stehen zahlreiche Kreuze fast identisch nebeneinander. Lange Reihen von stummen Namen, viele längst in Vergessenheit geraten, andere vollkommen namenlos. Sie erinnern an die Schrecken des Ersten Weltkrieges, der unweit von hier hoch oben auf der österreichisch-italienischen Grenze zwischen 1915 und 1918 tobte.
Auf dieser Grenze werde ich in den kommenden Tagen laufen. Der Karnische Höhenweg gilt als einer der schönsten Höhenwege der Alpen. Seit Monaten freue ich mich auf diesen Abschnitt – nicht nur wegen der atemberaubenden Ausblicke, die mich dort erwarten werden, sondern auch wegen seiner geschichtlichen Bedeutung als Frontlinie im Ersten Weltkrieg. Andy, der Hüttenwirt der Goldeckhütte, hatte mir empfohlen, zuvor das Museum in Kötschach-Mauthen zu besuchen. Und genau das habe ich auch vor.







Gailtaler Hitze
Ich lasse Dellach und damit auch den Reißkofel hinter mir. Kaum habe ich das Tal erreicht, laufe ich bald nur noch in der gleißenden Sonne. Über Feldwege führt mein Weg an die Gail, der ich bis nach Kötschach-Mauthen über asphaltierte Radwege folgen werde. Ich fühle mich erschöpft. Mein Hals brennt. Die beginnende Erkältung lässt sich kaum noch ignorieren. Ich spüre, wie meine Knie weich werden und der Blutdruck in den Keller sackt.
Trinken. Du musst trinken. Atmen.
Ich sinke auf einer Bank im Schatten nieder, ziehe hastig an meinem Trinkschlauch, nehme einige Schlucke. Für eine Weile schließe ich die Augen, um der sich drehenden Welt zu entfliehen. Bumm, bumm, bumm, bumm. Mein Herz rast, findet aber langsam in seinen Rhythmus zurück. Etwa zehn Minuten sitze ich da, starre in die Landschaft, auf den Fluss.
Weiter, du musst weiter.

Schließlich raffe ich mich auf und gehe weiter. Als ich Kötschach-Mauthen erreiche, lege ich abermals eine Pause an einer Sitzgruppe nahe der Hauptstraße ein. Frisches Wasser sprudelt aus einem kleinen Brunnen. Jetzt nur noch wenige Meter bis zum Museum, jubiliere ich innerlich und vergesse im Dusel der Erschöpfung und Schmerzen in Hals und Knöchel meine Wanderstöcke an der Sitzgruppe. 500 Meter später dämmert es mir und ich laufe im Stechschritt zur Sitzgruppe zurück, wo die Stöcke auf mich warten. Hallo Puls, da bist du ja wieder. Mit einem Zusatzkilometer auf der Uhr erreiche ich das Museum 1915-1918 im Rathaus von Kötschach-Mauthen.
Città di Ghiaccio
Über 1.500 Fotos und Dokumente berichten von jener grausamen Zeit. Hagere Soldaten sind zu sehn. Sie halten die Stellungen, obwohl sie selbst kaum noch in der Lage sind ihre Waffen zu halten. Erwachsene Männer, die als Helden gefeiert wurden – wenn sie jedoch das Kriegsende überlebten, nicht einmal mehr 50 Kilogramm wogen – ein Schatten ihrer selbst waren. Uniformen, Werkzeuge, Briefe und Nachbauten alpiner Stellungen legen Schicht um Schicht frei – nicht um Heldenglorie zu feiern, sondern um die Sinnlosigkeit des Krieges und Schicksals einfacher Soldaten und Zivilisten zu zeigen. Von der Adria bis zum Ortler reichte die Frontlinie 600 Kilometer quer über die hochalpinen Bergketten zwischen Österreich und Italien.




Eine der ungewöhnlichsten und technisch anspruchsvollsten Stellungen haben jedoch die italienischen Alpini unter der Marmolata, der Königin der Dolomiten, erschaffen – die „Città di Ghiaccio“, die Eisstadt. Kilometerlange Stollen verbanden Beobachtungsposten, Schlafkammern, Versorgungs- und Munitionsräume miteinander und das mitten im ewigen Eis des Gletschers. Wegen Ihrer Höhe über 3.000 Meter war die Marmolata ein wichtiger strategischer Beobachtungspunkt auf die Stellungen der Österreicher am Gran Vernel und auf die Fassatal-Front. Doch so einzigartig diese einzige echte Gletscherfront war, so waren ihre Naturgefahren häufig noch tödlicher als der Feind selbst. Durch die permanente Bewegung des Gletschers, stürzten immer wieder Tunnel ein, Gletscherspalten brachen auf, Lawinen begruben allein im Dezember 1916 über 800 Soldaten unter sich.
„Friedenswege“ oder „Le Vie della Pace“
Auf mich wirkt all das vollkommen unvorstellbar. Mit meinem 15 Kilogramm-Rucksack stoße ich in dem schroffen Gelände der Berge mit seinen bisweilen unberechenbaren Wetterbedingungen an manchen Tagen an meine Grenzen – im tiefsten Frieden, gut versorgt und ohne Angst vor dem nächsten Einschlag über meinem Kopf. Wie können Menschen in einer so extremen Umgebung zusätzlich einen so extremem Zustand wie Krieg aushalten – über Jahre hinweg? So zeugt die Ausstellung auch davon, was der Mensch dem Menschen antun kann, was der Mensch überleben kann.
Nach dem Ersten Weltkrieg verfielen die Wege und Stellungen. 1973 stieß der Offizier und Bergsteiger Walther Schaumann auf diese verwilderten und vergessenen Frontsteige. Er gründete den Verein „Dolomitenfreunde“, mit dem Ziel diese wiederherzustellen.
Die Devise: „Wege, die einst Fronten trennten, sollen uns heute verbinden.“
Die Vereinsmitglieder errichteten die „Friedenswege“ oder „Le Vie della Pace“ am Plöckenpass und entlang des Karnischen Hauptkammes. Bis heute sind es vor allem Freiwillige und Ehrenamtliche aus verschiedenen Ländern, die die Friedenswege am Karnischen Hauptkamm pflegen und instand halten.
Ein schönes Sinnbild der Heilung: Was zerstört wurde, konnte verwandelt werden. Was trennte, verbindet heute. Und was Wunde war, ist zu Weg geworden.
Bierlaune und Halsweh
Apropos Weg, ein letzter Weg liegt für heute noch vor mir: Der Weg zum Campingplatz. Ich bin fix und fertig. Mein Hals brennt warm unter meinem steten Atem. „Fitt-fiiiuu!“ pfeift mir jemand nach, als ich in Richtung Rezeption auf den Campingplatz einbiege. Plumpes Catcalling von der Seite hat mir jetzt gerade noch gefehlt. Auf der Suche nach dem Verursacher, drehe ich mich um. Zwei Typen sitzen dort an einem Biertisch. Dem Leergut vor ihnen nach zu urteilen, sitzen sie dort auch schon eine Weile. Ich verleiere die Augen wohlwissend, dass ich hier noch etliche Male werde vorbeigehen müssen, denn neben der Rezeption befindet sich praktischerweise auch gleich das Sanitärgebäude. Als ich mit dem freundlichen Platzwart wieder vor die Tür trete, um zu meinem Stellplatz zu laufen, ruft mir einer der Männer nach. „Du bist wohl nur zu Fuß hier? Als Wanderer?“ begleitet von weiteren Pfeifen und Lachen. – „WanderIN!“ blaffe ich zurück. Normalerweise neige ich in Genderfragen nicht zur Überempfindlichkeit. Das dumpfe biervergessene Geraune geht mir allerdings gegen den Strich.





Weil ich nicht reserviert habe, bleibt auch heute für mich nur der Platz direkt hinter der Hauptstraße getrennt durch eine Hecke. Zwischen Halsschmerz und Erschöpfung finde ich jedoch nicht die Kraft, eine Diskussion über geeignete Zeltstellplätze anzufangen. So fertig, wie ich heute bin, schlafe ich wahrscheinlich ohnehin überall ein, denke ich. Rasch koche ich mein Essen, freue mich über eine Maschinenwäsche für meine Kleidung und gehe wohlverdient duschen – natürlich nicht, ohne mir im Vorbeigehen weitere unqualifizierte Kommentare aus der Biertischfraktion abzuholen.
Bei Zeiten falle ich an diesem Abend auf meine Isomatte und hoffe innständig, dass die Erkältung nicht schlimmer werden möge, bevor ich endlich wegschlummere.
Auf den Spuren der Römer
Die Hoffnung verfliegt, als ich am nächsten Morgen die Augen öffne und schlucke. Es bleibt bei einem Ziehen im Hals und so steuere ich nach dem Frühstück nicht nur den Supermarkt, sondern auch die Drogerie an, um mich mit Vitamin C- und Immuntabletten einzudecken. Danach verlasse ich Kötschach-Mauthen in südliche Richtung, um auf den Römerweg zu gelangen. Tatsächlich nutzten die alten Römer diese Straße, um über den Plöckenpass zu gelangen. Der Pass galt als wichtiger Handels-, Wirtschafts- und Verkehrsweg zwischen Nord- und Südalpen. Unspannende Forstwege prägen den ersten Teil des Tages. Doch von der Erkältung angeschlagen bin ich dankbar für den monotonen aber schattigen Marsch durch den Wald. Ich quere die Plöckenpassstraße vorbei an einem weiteren „Heldenfriedhof“ und steige auf zum Valentintörl. Lockere Wolkenfetzen verdecken immer wieder die Sonne und dämpfen die Mittagshitze. Murmeltiere jagen sich über die Wiesen des breiten Tales. Am Valentintörl auf 2.138m lege ich eine Pause ein. Plötzlich reißen die Wolken vor mir auf und ich entdecke unter mir den blauen Wolayersee zwischen den bleichen Bergen liegen. Jetzt ist es nicht mehr weit.

Bad vibes, good vibes
Wenig später erreiche ich die gleichnamige Hütte. Beim Abendessen gerate ich an den Tisch einer vierköpfigen Männerwandergruppe im mittleren Alter. Die schlechten Schwingungen zwischen ihnen sind spürbar. Nur der drahtigste von ihnen hat gute Laune. „Mir tut alles weh,“ jammert einer. „Naja, bei mir geht’s schon wieder ganz gut,“ gibt der Drahtige zurück. „Vielleicht ginge es mir auch besser, wenn ich schon drei Stunden hier sitzen würde,“ kontert ein anderer. Ganz offensichtlich hat der Drahtige die Routenplanung übernommen. Er war es auch, der vornweg gelaufen und viel eher auf der Hütte angekommen war als die anderen. Und er ist der Einzige, den die heutige Tour offensichtlich nicht überfordert hat. Ein paar Mal unternehme ich den Versuch, ein Gespräch zu beginnen. Doch die Laune ist richtig übel und die Männer machen, was für Männer mit übler Laune typisch ist: Sie schweigen sich an.








Trotz schlechter Schwingungen, durchströmt mich ein klein wenig Erleichterung, denn ich gehöre nicht zu der Truppe. Ich muss die schlechte Laune nach einer harten Etappe nicht ausbalancieren. Ich muss nicht besänftigen. Ich muss mich nicht verantwortlich fühlen. Nein, all das muss ich diesmal nicht. Ich kann einfach den Tisch wechseln, stelle ich erstaunt fest. Und das tue ich. Am Nachbartisch ist die Stimmung heiter. Zwei junge Frauen und ein Pärchen in meinem Alter sitzen dort. Aber auch ein einzelner Wanderer. Es geht um Berggtouren auf den Kilimandscharo, die morgige Etappe zum Hochweißsteinhaus und Schnarcher im Lager.
Während wir bei einem weiteren Radler in fröhlichen Gesprächen versinken, kommen auch die letzten Wanderer an, eine junge Frau und ein junger Mann. Abgekämpft sehen sie aus, aber auch erleichtert. Weil das reguläre Abendessen bereits vorüber ist, müssen sie mit einem Sandwich Vorlieb nehmen. Ganz offenbar sind sie ungeplant hier gelandet. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Unsere Wege ähneln sich und sie werden sich in den kommenden Tagen noch häufig kreuzen.

