Ein Bombardino mit extra viel Sahne lässt ein Lächeln über mein Gesicht huschen, als ich am Nachmittag im Rifugio Melezè sitze. Dichter Nebel verschluckt die Landschaft. Der Herbst sendet seine ersten Boten – feucht, kühl, gedämpft. Auch meine Gedanken hängen im Nebel. Nach dem heutigen Tag wünsche ich mir zum ersten Mal, irgendwo anzukommen. Einfach da zu sein.



Die Müdigkeit ist zu meiner steten Begleiterin geworden. Auch sieben Stunden Schlaf ändern nichts daran. Mit tiefen Ringen unter den Augen führt mich der Weg am nächsten Morgen durch das Valle di Bellino hinauf, vorbei am gewaltigen Rocca Senghi. Beinahe unwirklich thront der Felsbrocken über dem Tal. Einer Legende nach soll Gott selbst ihn im Clinch mit dem Teufel an diese Stelle geschleudert haben. Noch lang kann ich ihn während meines Aufstieges zum Colle di Bellino sehen.
Herbstkrokus
Am Pass wechselt die Landschaft ihr Gesicht. Schroffe, helle Berge steigen fast senkrecht auf. Die letzten Etappen auf italienischer Seite liegen vor mir. Mit einem Bachlauf geht es hinab ins Valle Maira. Weidenbäumchen säumen seine Ränder, wiegen sanft im Wind. Erste Herbstzeitlose öffnen ihre Blüten. Croco autunnale. Herbstkrokus. Sie spannen den Bogen zum Frühling, als alles begann.







Am Rifugio Campo Base schallt Musik über den Campingplatz. Grillduft liegt in der Luft. Für einen Augenblick denke ich daran, meinen Geldbeutel zu schonen und das Zelt aufzuschlagen.
Stopp! Nein! Erinnere dich an das Versprechen, das du dir gegeben hast: nicht mehr unter der Enge – nur noch unter der Weite der Sterne!
Das Versprechen an mich selbst möchte ich morgen einlösen. So beziehe ich heute allein ein gemütliches Mehrbettzimmer, freue mich über eine heiße Dusche, leckeres Essen und die Gelegenheit all meine Kleidung zu waschen.

Wiedersehen mit den Dolomiten
Nur noch sieben Tage. Die letzte Woche.
Das ist mein erster Gedanke, als ich am 26. August 2025 im Rifugio Campo Base erwache. Das Gefühl zu diesem Gedanken ist fremd und fern. Die Vorfreude auf eine Nacht unter freiem Himmel dagegen wohlig und nah. Am Colle Ciarbonet überquere ich den ersten Pass des Tages. Die Sonne brennt vom stahlblauen Himmel. Eine Herde schwarzer Pferde hat sich in den Schatten der Bäume zurückgezogen.









Ich genieße mein Panino und erkenne schon aus der Ferne, wie sich kleine kuppelartige Gebäude an den Hang drücken. Bunkeranlagen überziehen auch hier den Alpenhauptkamm. Errichtet in den 1930er Jahren unter Mussolini sollten sie Italiens Grenzen gegen Frankreich und die Schweiz schützen. Der Zweite Weltkrieg drang jedoch kaum in jene Täler vor. So haben die Relikte der Angst und Kontrolle hier Stellung bezogen – und sind bis heute geblieben.
Am Colle Gardetta öffnet sich schließlich ein atemberaubendes Panorama. Inmitten von golden schimmerndem Gras liegt das Rifugio Gardetta. Spitz und bleich ragt dahinter der Rocca la Meja empor. Schotterfelder fallen von seinen Flanken ins Tal. Tränen füllen meine Augen, als ich über die Passstraße immer weiter aufsteige durch helles Gestein, vorbei an steilen Felswänden. Ich denke an die Hohe Veitsch, die Rax, die Dolomiten. Es endet wie es begonnen hat – im Kalkstein. In den Dolomiten von Cuneo. Doch ganz anders als bei den verwandten Gipfeln im Osten, sind die Pfade hier leer. Ich höre die Flügelschwünge der Adler über meinem Kopf, sehe den Monviso, wie er sich immer weiter entfernt. Elf Tage lang war er mein Fixpunkt. Der Sichtbare. Sogar vom Meer aus soll er noch zu sehen sein. Kein Wunder, dass man diesen markanten Berg lange Zeit für den höchsten Gipfel der Alpen hielt.
Ich bade in der Weite und Klarheit des Augenblicks. Wenn ich gehe, komme ich an. Wenn ich aufsteige, erreiche ich den Pass. Die einzige Grenze ist mein Körper. Und selbst sie verschiebt sich jeden Tag ein Stück. Durch mich.

Stapelfels und dunkles Brot im Valle Stura
Auf der Karte ist ein Bergsee verzeichnet. Doch schon von Weitem ist beim letzten Abstieg zu erkennen, dass sich das blaue Auge auf ein Minimum zusammengezogen hat. Kühe grasen in Ufernähe. Mit einem mulmigen Gefühl fülle ich die zwei Wassersäcke und schwimme einige Kreise. Als ich wieder aus dem Wasser steige, quillt mir der Schlamm bei jedem Schritt zwischen die Zehen. Mit dem Rucksack auf einer Schulter suche ich einen geeigneten Zeltplatz in der kargen Hügellandschaft, schließe die Augen und fühle meine Umgebung.
Wird mich hier jemand stören? Ist es hier sicher? Ist es hier gut?



Die Glocken kommen näher. Die Kuhherde zieht den Hang hinauf und bewegt sich in meine Richtung. Einmal mehr wechsele ich den Hügel. Unter der Abendsonne ist das Zelt rasch aufgebaut. Langsam läuft das Seewasser durch den Filter. In dem kleinen Topf blubbert schon bald die Pasta vor sich hin. Aus einer alten Kekstüte kratze ich den letzten Rest Pesto zusammen. Satt und zufrieden beobachte ich schließlich, wie die Wolken von allen Seiten in den Talkessel wabern. Sie steigen auf, schweben immer höher. Mein Zelt verschwindet in ihrem dämmrigen Schleier, der bald schon wieder aufreißt und das Licht der untergehenden Sonne hindurch lässt.


Um 5 Uhr reißt der Wecker mich aus dem Schlaf. Eine Doppeletappe steht an, denn für morgen kündigt der Wetterbericht eine Gewitterfront an. Gedanklich rechne ich mit einem Pausentag. Doch den muss ich mir erst verdienen.
Freundlich grüße ich beim Abstieg nach Pontebernardo einen weiteren Wanderer, der sich im Morgengrauen aus seinem Zelt schält. Der Himmel ist bedeckt. Bald schon beginnt es zu nieseln. Buschiger Lavendel am Wegesrand verströmt seinen köstlichen Duft. Im Valle Stura donnert der Verkehr über die Strada Statale 21. Auf dem Wanderweg begleite ich den Betontunnel, der das Tal vor dem Krach schützen soll.
Schicht für Schicht stapeln sich Kalkstein, Dolomit und Mergel in den steilen Bergflanken. Vor Jahrmillionen verschmolzen sie am Meeresgrund, bevor unvorstellbare Kräfte das Gestein emporhoben, kippten und falteten. Wind, Wasser, Frost und Gletscher zeichneten schließlich erneut klare Grenzlinien hinein, sodass man die Entstehungsgeschichte der Berge im Valle Stura heute in ihren Felsen lesen kann, wie in einem aufgeschlagenen Buch.







Ich folge dem tief einschneidenden Stura di Demonte durch Pontebernardo bis nach Pietraporzio. Durch einen Perlenvorhang trete ich in eine kleine Panificio und staune über die üppige Auslage. Neben Ciabatta, Focaccia und Panini werden auch mehrere Sorten dunkles Brot angeboten. Ich schlage zu. „Vorrei questa focaccia e questo pane scuro per favore.“ – „Certo, volentieri,“ antwortet die Dame hinter dem Tresen mit einem Lächeln. Das erste dunkle italienische Brot. Ein kleiner Moment voller Genuss.
Verregnete Wege und frostige Stimmung
Alles andere als genussvoll verläuft hingegen der Rest des Tages. Nieselregen begleitet mich während des gesamten Aufstieges zum Passo di Rostagno. In der schwülen Wärme wird mein Plastikponcho zum Treibhaus, sodass es bald schon kaum noch einen Unterschied macht, ob ich von Schweiß oder Regen nass werde. Auf dem Pass selbst, betäubt ein scharfer Wind meine Finger und treibt mich zügig hinab.
Dort thront auf einem Felsen das Rifugio Migliorero. Wie ein altehrwürdiges schottisches Schloss fügt sich der Steinbau mit dem spitzen Dach zwischen Seen und Wiesengrün ein. Voller Vorfreude auf eine Dusche und etwas gutes zu essen, betrete ich die Hütte. Der Gastraum ist völlig dunkel. Nur ein älterer Herr sitzt dort bereits an einem der Tische. Überrascht kommt der Wirt des Hauses herbeigelaufen und schaut mich mit fragender Miene an. „Buongiorno! Avete un letto libero per stanotte?“ frage ich. Die Falten auf seiner Stirn werden immer tiefer. Schulterzuckend antwortet er schließlich „Sì“ und erklärt mir in schnellem Italienisch, was eine Dusche kostet, dass es auf den Zimmern keinen Strom gebe und es mit dem Abendessen schwierig werde. Mit rollenden Augen und einer halbherzigen Handbewegung weist er mir ein Zimmer zu. Zwei eiserne Doppelstockbetten drücken sich an die Wände. Durch ein kleines rundes Fenster fällt etwas Licht herein, wie in eine Kajüte.








Eine junge Frau, die augenscheinlich zum Hüttenteam gehört unterhält sich angeregt mit dem Wirt, als ich wenig später im Gastraum Platz nehme. Auf meine Frage nach etwas zu trinken, hebt sie irritiert die Augenbrauen. „Cosa?“ – „Vorrei una cioccolata calda.“ Belustigt lässt sie die Luft zwischen ihren Zähnen zischeln. „Non ne abbiamo.“ In mir köchelt unterdessen die Wut. Bin ich als Gast zu viel? Soll ich gehen? Meine Höflichkeit hat sich jedenfalls bereits verabschiedet und ich fahre energisch gestikulierend auf Englisch fort. „So tell me what do you have!“ – „Cola, tea, beer, wine -“ – „I take a tea,“ unterbreche ich ihre Aufzählung und sie verschwindet wortlos in der Küche.
Keinen Tag länger bleibe ich in dieser Hütte! Ein Pausentag? Hier? Never!
Wetterfenster
Auch nach einem heißen Tee und schließlich sogar Abendessen, kann ich mich für das Rifugio nicht erwärmen. Am Morgen geht vor meinem kleinen runden Fenster die Welt unter. Es schüttet wie aus Eimern. Der Donner schallt zwischen den Bergen hin und her. Das Mobilfunkloch zieht meine Stimmung richtig in den Keller.
Schluss jetzt! Weg hier!
Nach dem Frühstück strecke ich mit einer Hand das GPS aus der Tür in den Regen. Es dauert einige Minuten, bis der Wetterbericht per Satellit auf dem Display erscheint. 10 Uhr. Ab 10 Uhr soll es für zwei Stunden nicht gewittern. Das ist meine Chance. Ich raffe all meine Sachen zusammen und breche mit dem letzten fernen Donnergrollen auf.
Die Müdigkeit steckt mir in den Beinen. Mit jedem Schritt zerre ich sie den Pass hinauf. Hinter mir rollt die nächste Regenwalze über die Bergkette. Wie eine Gams springe ich beim Abstieg über Stock und Stein. Ein Feuersalamander huscht verschreckt über den Weg und verschwindet im hohen Gras. Kaum habe ich die ersten Häuser des Dörfchens San Bernolfo erreicht, beginnt der Himmel erneut zu grollen.








Im Rifugio Dahu de Sabarnui werde ich von Hüttenwirt Beppe und seinem Team freundlich empfangen. Bunte Lichter und holzvertäfelte Wände tauchen den Gastraum in eine gemütliche Atmosphäre. Endlich komme ich zu meiner heißen Schokolade und beobachte, wie ein Hagelsturm nach dem anderen vor der Hütte niedergeht – so heftig, dass immer wieder der Strom ausfällt. Zufrieden mit mir selbst atme ich durch. Wieder bin ich ein Stück weiter gegangen. Und wieder war es genau die richtige Entscheidung.
Denkfehler
Bester piemontesischer Käse und Speck verströmen ihren Duft, als ich später zum Abendessen Platz nehme. Pasta al Ragù und Eis verschwinden ebenfalls in meinem Magen. Gesättigt, beseelt von einer schönen Umgebung und ohne störende Schnarcher im Matratzenlager wäre es ein leichtes gut zu schlafen. Doch aus zunächst unerfindlichen Gründen kreisen meine Gedanken.
Noch zwei Tage auf der GTA. Dann noch vier Tage durch Frankreich. Heute ist der 28. August. Am 2. September muss ich ankommen. Scheiße das geht nicht auf! Eine Etappe zu viel! Das muss schneller gehen. Ich muss morgen schon über die Grenze.

Das längste italienische Wort beschreibt die größte Eile, in der man handeln kann. Nach der nächtlichen Erkenntnis steckt mein Kopf längst in diesem Modus fest, während mein Körper nach Schlaf schreit. Schließlich siegt die Müdigkeit über das Gedankenkarussell, wenn auch nur für zwei Stunden.






In größter Eile plane ich beim Frühstück die Etappen der nächsten drei Tage um. Meine Augenringe haben einen neuen Tiefstand erreicht. Zum Abschied drückt Beppe mir einen Becher mit dem Logo der Hütte in die Hand. „Buon cammino!“ wünscht er mir. Doch seine Worte rauschen förmlich durch mich hindurch. Mechanisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Mein Kopf schmerzt. Doch bald schon fügt sich das Wummern in den Rhythmus meines Körpers wie Atem und Herzschlag.
Die letzte Grenze
In der gleißenden Sonne erklimme ich den Col Tesina. Bei jedem Schritt knistert das gelbe Gras unter meinen Sohlen. Wie verlockend wäre ein Bad im Lago di Sant’Anna. Doch für eine Abkühlung bleibt heute keine Zeit. Wehmütig blicke ich auf die Wegweiser entlang der Hochfläche. Es sind die letzten Meter der GTA und des Sentiero Italia. Auf einem unscheinbaren weißen Stein entlang des Pfades sind in großen Lettern ein I und ein F graviert. Wie immer klemme ich mir für ein Foto die Markierung zwischen meine Füße. Noch eine Weile wandle ich auf der letzten Grenze dieser Reise.

Das Knattern von Motoren wird lauter, je näher ich der Passstraße komme. In engen Serpentinen winden sich Motorradfahrer und Cabriolets mit offenem Verdeck hinauf. Wo Händler und Schmuggler einst Öl und Salz zwischen der Provence und dem Piemont verschacherten, die Grenze Risiko bedeutete, pendeln heute ganz ohne Kontrolle Menschen zwischen den Ländern hin und her.

Und genau dort, wo Frankreich Italien berührt, steht ein kleiner Imbiss. „Bonjour!“ grüße ich Gregory, den Besitzer, und komme kurz mit ihm ins Gespräch. Er staunt, als ich von meiner Reise erzähle. „There are only four days left until my arrival in Nice,“ erzähle ich. Gregory lacht. „From here on out, it’s all downhill.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Einen ganz ähnlichen Satz hatte ein Arbeitskollege zu mir gesagt, als ich bei meiner ersten Alpenüberquerung Italien erreicht hatte. Sehr oft ging es danach allerdings noch bergauf. Im Gegensatz zum Pfitscherjoch liegt der Col de la Lombarde aber tatsächlich in Meeresnähe. Auf seinem Rücken betrete ich zum ersten Mal die Seealpen.
Entgrenzung
Mit den äußeren Grenzen lösen sich auch jene im Inneren. Gedanken, die früher feststanden, werden weich.
Das „So macht man das“ verliert an Gewicht.
Das „So muss es sein“ beginnt zu bröckeln.
Plötzlich ist da Raum. Weit wie die Täler unter mir. Regeln lösen sich auf. Konventionen verlieren ihre Schärfe. Selbst das, was ich einmal war, wird wandelbar. Nicht auf eine unangenehme Art, wohl aber unruhig – ehrlich. Wo vorher Hindernisse waren, entstehen Möglichkeiten. Nicht eine, sondern viele. Und ich merke: Ich kann entscheiden. Ich kann abweichen. Ich bin frei und folge meinem Gefühl.
Entlang des Höhenweges laufe ich durch ein Skigebiet. In breiten Schneisen fräsen sich die Pisten Richtung Tal, wo klobige Hotelquader aus dem Boden wachsen. Ich fühle Enge in meiner Brust. Trotz Erschöpfung zieht es mich hinauf in die Berge für eine weitere Zeltnacht. Zwei Seen warten dort. Es ist die letzte Gelegenheit, um noch einmal Sterne zu zählen. Die Sonne brennt beim Aufstieg. Aus dem Wummern in meinem Kopf ist ein Hämmern geworden. Ich hinterfrage nicht mehr, was ich tue. Ich funktioniere nach meinem Drehbuch. Es fühlt sich beinahe an, als würde ich mir selbst zusehen. Szene für Szene. Schritt für Schritt.
🎼 I feel somethin′ so right doin′ the wrong thing
And I feel somethin‘ so wrong doin′ the right thing
Blaue Erschöpfungslinie
Abermals wandeln die Berge ihr Gesicht. Rot und schroff stechen ihre Gipfel empor. Smaragdgrün schimmern dazwischen viele kleine Seen. Ein kräftiger Wind fegt über das karge Geröll. Zwischen einigen Blaubeersträuchern schlage ich nach neun Stunden Gehzeit mein Zelt auf. Eine letzte Nudelsuppe. Ein letzter Sonnenuntergang. Ein letztes Mal spannt sich das Sternenzelt über mir auf.





Doch wirkliche Ruhe will nicht einkehren. Wetterleuchten erhellen die Nacht. Ein kräftiger Sturm drückt die Zeltwände auf mich, sodass ich fürchte, das Gestänge könnte brechen. Aus den Augenringen sind am Morgen darauf tiefe Furchen geworden. Dennoch bin ich glücklich über diese letzte Nacht im Freien. In den verbleibenden drei Nächten warten auf mich feste Etappenunterkünfte. Aus der GTA wird der GR5. Aus dem Posto Tappa wird die Gîte d’étape. Wie ein Automat packe ich all meine Sachen zusammen und laufe los.
Noch immer ist das Panorama vor mir voller Berge. Auf einen schier endlosen Abstieg, folgt ein ebenso langer Aufstieg. Im Wald strecken erste Pilze ihre Kappen nach oben. Bald wird aus dem dichten Blätterdach wieder borstig gelbes Gras. Als ich mit einem letzten Schritt auf den Col Ferrière trete, setzt für den Bruchteil einer Sekunde mein Atem aus. Sanft fällt das Tal zu meinen Füßen ab. Hügelig folgt eine Bergkette. Doch dahinter zieht sich eine zarte dunkelblaue Linie durch die diesige Luft am Horizont. Das Meer. Il mare.
🎼 Take me to the mountains, take me to the sea
Oh Lord, that’s where I need to be
Vor mir fallen die Berge ins Meer. Unter meinen aufsteigenden Tränen verschwimmen die Konturen in der Ferne. Wie ich mich fühle? Da ist diese unbändige Freude, es bis hierher geschafft zu haben. Wie bei einem kleinen Kind, das zum ersten Mal in seinem Leben das Meer sieht. Gleichzeitig ist da dieser Stich in meiner Brust. Gaben mir die Berge vor Augen dreieinhalb Monate lang die Gewissheit, dass diese Geschichte – meine Geschichte – weitergeht, so sehe ich jetzt ihr Ende herannahen.
Bonjour au Gîte d’etape !
Vorbei an einer blökenden Schafherde führt der Weg für heute nur noch bergab. Als ich einen Parkplatz quere, spricht mich ein älteres Pärchen auf Französisch an. Die beiden wechseln an ihrem Auto gerade die Wanderschuhe gegen ein paar bequeme Straßentreter. Da ich kein Französisch verstehe, zucke ich entschuldigend mit den Achseln und biete an, auf Englisch oder Deutsch fortzufahren. „Deutsch ist gut. Wir kommen aus dem Elsass. Nahe Nizza haben wir aber ein Ferienhaus,“ meint der Herr. Lächelnd erzähle ich, dass ich genau dorthin unterwegs bin. „Du könntest auch heute schon ankommen. Wir nehmen dich mit,“ bietet der er an. Doch ich lehne dankend ab.
„Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“
J.W. von Goethe




In der örtlichen Boulangerie von Saint-Dalmas decke ich mich mit Proviant für den nächsten Tag ein, bevor mich Wirt Stéphan in meiner ersten Gîte d’étape begrüßt. Der Standard ist ähnlich wie in den italienischen Posto Tappa. Einziger Unterschied: Hier übernachten deutlich mehr Gäste. So bin ich beim Abendessen in guter Gesellschaft weiterer Wanderer aus Deutschland, Frankreich, den USA und Kanada. Schon am nächsten Morgen zerstreuen sich die Wege jedoch in alle Richtungen. Ich folge dem GR5 immer weiter nach Süden.
Selbst & Wirksam
Die hohen Berge liegen hinter mir, doch sie sind nicht weg. Sie sind in mir weitergegangen. Haben sich eingeschrieben in meine Schritte, in die Art, wie ich denke. Sie sind das eigentliche Ziel geworden. So buche ich mein Zugticket zurück durch die Alpen.






Mit jedem Meter wird die blaue Linie am Horizont klarer. Leichtfüßig spaziere ich ihr entgegen. Das Zirpen der Heuschrecken in dem verdorrten Gras wird lauter. Der Duft von Thymian, Oregano und Lavendel hüllt mich ein. Ich denke zurück an den Beginn meiner Reise. An den Duft von Bärlauch im Wiener Wald. Das Lächeln auf meinem Gesicht ist breit. Innerlich jauchze ich vor Glück.
Ich werde es wirklich schaffen.
Mit diesem Körper.
Mit diesem Kopf.
Mit allem, was ich bin.
Lang habe ich gesucht, ohne es zu merken. Auf diesem Weg, im Gehen selbst hat sich etwas geschlossen. Zum ersten Mal fühlt sich alles stimmig an. Ich fühle mich lebendig und vermisse nichts.
Inmitten grüner Bergausläufer ruht das kleine Dorf Utelle auf einem der Hügel. Von Weitem schon kann ich es sehen. Die Gassen sind schmal. Dennoch wachsen Oleander und Palmen in großen Terracottatöpfen vor jedem Eingang. Die Gîte d’étape ist eine Selbstversorgerunterkunft, die ich mir an diesem Abend mit einem älteren französischen Paar aus Bordeaux teile. Wir laufen in entgegengesetzte Richtungen. Ihr Ziel ist Cuneo.
Vorletzte
Pünktlich zum meteorologischen Herbstbeginn am 1. September holt mich noch einmal das schlechte Wetter ein. Der Nieselregen wird zu meinem steten Begleiter bergab. Das dichte Blattwerk der Eichen schützt mich davor, völlig durchzuweichen. Die Berge werden immer flacher, die Täler länger. Schließlich schlendere ich vorbei an Olivenhainen. Wie so oft drückt das Wetter auf meine Stimmung – umso stärker an diesem vorletzten Tag meiner Reise.

Gegen allzu große Wehmut verordnet mir eine liebe Freundin „une baguette et beurre salé“. Zusammen mit einem Dosenbier wird daraus mein Abendessen. Mehr bekomme ich ohnehin nicht runter. Zu groß ist mittlerweile der Kloß im Hals beim Gedanken an morgen.
Tag der Ernte
Ein letztes Mal schnüre ich meine Schuhe in einem B&B in Levens. Seit ich die Augen geöffnet habe, kämpfe ich gegen die Tränen. Genieße jeden Schritt!

Mit diesem Mantra im Kopf verlasse ich die Unterkunft. Langsam kriecht die Sonne hinter den Hügeln empor und taucht die Straßen in ein warmes Licht. Unnachgiebig drückt der Asphalt von unten gegen meine Schuhsohlen. Über mir hängen reife Kastanien. Ohne lang darüber nachzudenken, pflücke ich eine von ihnen. Ich erinnere mich an ihre Blüten, als ich am 23. Mai in Wien aufgebrochen bin.


Weiß, weich und gefällig wogen die Kerzen im Wind, passten sich seinen Linien an. Doch jetzt dreieinhalb Monate später – irgendwo zwischen Himmel, Fels und Weite – hat sich etwas Bahn gebrochen. Roh. Ungefiltert. Kraftvoll. So liegt die reife Frucht nun in meiner Hand. Ich schließe sie ein und spüre die Stacheln zwischen meinen Fingern.
Durch Seekieferwälder führt der Weg beinahe nur noch bergab. Kurz nach Aspremont kommt Sebastian mir entgegengelaufen. Doch am liebsten wäre ich jetzt allein. Allein mit diesen letzten Schritten und allein mit meinen Gedanken. Eben genau so wie ich es lange schon gewohnt bin diesen Weg zu gehen.
Schweigsam laufen wir weiter. Noch einmal sauge ich die Landschaft auf. Aus Bäumen wird karges Buschwerk. Blaudisteln. Lange gelbe Grashalme. Feuerrot leuchten die Terpentin-Pistazien vor der Küstenlinie.





Meer sein
Nizza bietet keine dramatische Skyline, keine aufragenden Türme. Ein Mosaik aus terracottafarbenen Dächern schmiegt sich stattdessen an das endlose Blau. Über die A8 erreichen wir den Außengürtel der Stadt. Der Blick aufs Meer verschwindet wieder hinter Häusern. Mit der Ruhe ist es nun endgültig vorbei. Der Verkehr rauscht durch die Straßen. Stimmengewirr dringt aus den Cafés. Sonnenbebrillte Touristen schieben sich mit Eistüten in der Hand durch die Gassen. Der Geruch von Frittierfett, Abgasen, Parfum und Kaffee liegt in der warmen Spätsommerluft. Stoisch folge ich der Linie auf meinem GPS immer geradewegs nach Süden.



Zwischen zwei Häuserzeilen taucht die blaue Linie wieder auf. Magnetisch zieht sie mich an. Ich werde immer schneller. Plötzlich stehen wir mitten auf der Uferpromenade. Hemmungslos brechen die Emotionen aus mir heraus. Zitternd und mit Tränen in den Augen, lasse ich den Rucksack in die Steine am Ufer fallen. Menschen in bunten Badehosen und Bikinis räkeln sich in der Sonne. Kinder plantschen in den flachen Wellen.
Es ist 16.28 Uhr an diesem Dienstag den 2. September 2025. Mit meinen Bergstiefeln an den Füßen gehe ich die letzten Meter nach vorn. Das Wasser überspült die Schuhspitzen. Lang warte ich nicht, streife die Kleidung ab und stürze mich in die weißschäumenden Wellen. Salz benetzt meine Lippen. Für einen Moment lasse ich mich treiben und schließe die Augen. Ich habe das wirklich gemacht. Die Alpenlängsdurchquerung ist gelungen. Ich bin von Wien nach Nizza gelaufen, angekommen in Garibaldis Geburtsstadt.

Es ist kein Triumph. Kein Ankommen mit erhobenen Armen. Es ist nicht der größte Glücksmoment der Reise. Vielmehr ist es ein stilles Innehalten und ruhiger Stolz. Gleichzeitig ist da Leere und ein seltsamer Schmerz. Nicht akut. Nicht laut. Eher das Wissen, dass das, was hier passiert ist, sich nicht erzählen oder gar vollständig teilen lässt. Das Eigentliche liegt zwischen Schritten, Höhenmetern und Orten. In Momenten, die niemand gesehen hat.
Noch eine Weile lasse ich den Blick über den blauen Horizont schweifen. In mir wächst ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit für all die Erfahrungen und Menschen, die meine Welt auf dieser Reise weiter gemacht haben. Ich werde sie für immer im Herzen tragen.









































