Im Fluss: Durch die Cottischen Alpen dem Monviso entgegen

Wanderin Moviso im Hintergrund

Der eisige Gipfelmoment auf dem Rocciamelone, meine gefrorenen Finger und die klappernden Zähne von heute Morgen scheinen beinahe surreal angesichts der Bruthitze, in der ich mich Susa nähere. Durch die steppenartige Landschaft geht es fast 3.000 Höhenmeter bergab. Gelegentlich halte ich an, warte bis meine Knie aufhören zu zittern.

Aus dem Tal dringt das Tosen des Verkehrs auf der A32 herauf, wird lauter mit jedem Meter. Im Bed and Breakfast werde ich herzlich empfangen. All meine Kleidung verschwindet in der Waschmaschine, während ich unter die Dusche trete. Warmes Wasser läuft über meine Haut. Ich beobachte, wie der Schmutz von vier Tagen im Abfluss verschwindet. Was für ein Luxus.

Susa ist eine kleine Stadt. Dennoch ist mir schnell alles zu viel, als ich durch die Straßen laufe. Verkehr, Menschen, Lärm. Mit einer Pizza Margherita fülle ich mein Kaloriendepot wieder auf. Als ich aus der Pizzeria trete, blicke ich noch einmal hinauf zum Horizont. Hinter dem diesigen Schleier erkenne ich die Silhouette des Rocciamelone.

Wow, heute früh stand ich dort oben. Gestern früh noch dachte ich, dass ich das nie schaffen würde.

Ein seltenes Gefühl breitet sich in mir aus: Stolz. Wieder bin ich weitergegangen. Wieder hat es funktioniert. Jetzt setze ich mir eine Zeitmarke. Der 2. September 2025. An diesem Tag möchte ich Nizza erreichen.

Rennsonntag

Das Frühstück am nächsten Morgen ist üppig. Wurst, Käse, gekochte Eier. Und erfreulich wenig Plastik. „Buongiorno!“ wünscht mir Gastgeberin Cristina. Auf ihrem knallroten Shirt prangt eine große 93. Heute ist Rennsonntag.

„You are MotoGP-Fan?“ frage ich. Sie bejaht und ich erzähle, dass mein Heimatort direkt am Sachsenring liegt. Ein breites Strahlen huscht über ihr Gesicht. Doch als ich erzähle, dass ich viele Jahre großer Fan von Valentino Rossi war, kreuzt sie die Zeigerfinger vor ihrem Körper. „No, Rossi, no Rossi! Marc Marquez is the best.“ Es ist die ewige Rivalität zwischen zwei Lagern. Trotzdem verabschiede ich mich mit einem Grinsen: „Have a great MotoGP Sunday!“

Okzitanisch

Vor mir liegt eine kurze Etappe. Ich bummle und laufe wieder in die größte Hitze hinein. Mein Weg führt vorbei an der legendären Auffahrt zum Colle delle Finestre. Er gilt als einer der spektakulärsten Pässe des Giro d’Italia. Steil, staubig, voller Geschichten vom Leiden der Radfahrer.

Ich erspare mir dieses Leid und folge durch viele kleine Dörfer dem Sentiero dei Franchi. Die Ortsschilder wechseln die Sprache. Italienisch bleibt, doch daneben taucht ein weicherer Klang auf: Okzitanisch. Eine Sprache, die hier nie ganz verschwunden ist. Ihr Ursprung liegt in Südfrankreich – und doch klingt sie auch hier durch die Täler des Piemont. Die sprachliche Veränderung markiert den Übergang in die Cottischen Alpen und damit den vorletzten Abschnitt dieser Reise.

Sein

Durch dichte Laubwälder zieht sich der Weg erst allmählich und schließlich steil nach oben. Der Lärm des Tals wird leiser, der Wind in den Bäumen, das Rauschen der Bäche und das Zwitschern der Vögel lauter. Wenige Meter vor dem Bivacco Orsiera lasse ich mich an einem kleinen Bach nieder.

Keine Menschenseele habe ich auf dem Weg hierher getroffen. So fühle ich mich sicher, streife alle Kleidung von mir und tauche in den Wasserstrom. Nach wenigen Sekunden brennen meine Hände und Füße vor Kälte. Ich hechte hinaus und lege mich auf einen großen Stein in die Sonne. Die Hitze des ganzen Tages ist in ihm gespeichert. Wärme durchflutet meine nackte Haut. Rau und unnachgiebig spüre ich die Oberfläche des Felsbrockens unter den Händen.

„Die Natur war weder grausam noch gütig. Sie war einfach da.“

Marlen Haushofer, „Die Wand“

Felsbrocken Gebirgsbach Piemont
Eine ganze Weile liege ich auf diesem Felsen in der Sonne.

Ohne den Druck eines langen Weges bis zum Etappenziel lasse ich auf diesem Stein erst eine und schließlich zwei Stunden vergehen. Meine Muskeln entspannen sich. Gleichzeitig spüre ich die fast 1.600 Kilometer in meinem Körper.

Neue Kraft

Im Bivacco Orsiera bin ich nicht allein. Thomas und Almut, zwei deutsche GTA-Wanderer, haben ihr Abendessen gerade beendet, als ich die Tür zur Selbstversorgerhütte öffne. Ich setze meinen Rucksack neben eines der Stockbetten und beginne vor der Hütte zu köcheln. „Magst du noch etwas von der Pasta? Für uns ist es zu viel,“ meint Almut und streckt mir einen Teller Nudeln mit Tomatensoße entgegen. Dankend nehme ich die Extraportion Kohlenhydrate an. Mobilfunknetz gibt es hier nicht. So bleibt mein Handy an diesem Abend erholsam stumm.

  • Blick zurück vom Colle dell'Orsiera
  • Bivacco Orsiera
  • Betten im Bivacco Orsiera
  • Auf geht's zum Colle dell'Orsiera
  • Bivacco Orsiera
  • Ein letzter Blick auf den Rocciamelone

Am nächsten Morgen steige ich hinauf zum Colle dell’Orsiera. Oben angekommen sitze ich eine Weile auf den Mauerresten, die sich entlang des gesamten Passes ziehen. Wolken wabern über die Bergketten, reißen auf und geben noch einmal den Blick auf den Rocciamelone frei. Durch verlassene Bergdörfer betrete ich schließlich das Val Chisone. Meine Schritte federn. Ich lächle, spüre wie neue Kraft meinen Körper vorantreibt. Nuova forza.

Fenestrelle

Hoch oben am Berg thront das Forte di Fenestrelle, die größte Festungsanlage der Alpen. Auf über drei Kilometern Länge klettert die Steinmauer 600 Höhenmetern den Hang hinauf. Unten leuchten in warmen Farben die Fassaden des Dorfes. Die Gassen sind eng. Auf den Leinen zwischen den Fenstern flattert die Wäsche im Wind.

Mein Bed and Breakfast ist geräumig, so geräumig, dass ich erneut fürchte, am nächsten Tag etwas zu vergessen. Neben der Treppe setze ich meinen Rucksack auf den Boden. Jeden Gegenstand, den ich herausnehme drapiere ich auf ihren Stufen, wie in einem Regal. Auf diese Weise behalte ich alles im Blick.

  • Dorfansicht Fenestrelle
  • Schuh und leere Flasche Abstieg Fenestrelle
  • Spinne im Netz
  • Laterne verlassenes Bergdorf
  • Durch Nadelwälder geht es hinab nach Fenestrelle
  • Wanderrucksack Treppe
  • Bistro in Fenestrelle bei Nacht
  • Bed and Breakfast Fenestrelle

Malziger Geschmack im Weißbrotparadies

Um dem Unwetter, das für den nächsten Tag angekündigt ist, aus dem Weg zu gehen, habe ich mir das Frühstück vorbereiten lassen und starte früh den langen Aufstieg zum Colle dell’Albergian.

War der Himmel am Morgen noch eine geschlossene Decke, reißen die Wolken immer wieder auf, je höher ich komme. Die Sonne bricht hindurch. Reife Johannisbeeren säumen die Wegränder und ich entdecke noch vereinzelt Enzian zwischen den Steinen. Am Lago Albergian lasse ich mich nieder und krame aus den Tiefen meines Rucksacks die eiserne Reserve hervor: ein Päckchen Pumpernickel. Nach Wochen voller Weißbrot genieße ich den malzigen Geschmack im Mund.

Doch der Genussmoment ist nicht von langer Dauer. Es beginnt zu nieseln. Schließlich grollt der Himmel. Mit zügigen Schritten laufe ich weiter und erreiche am späten Nachmittag die La Foresteria di Massello.

Zum Abendessen bestelle ich mir eine Fondue-Suppe. „Certo,“ gibt die junge Kellnerin zurück. Ich bedanke mich mit einem „Grazie“, als sie den ersten Gang vor mir auf den Tisch stellt. „Certo, con piacere,“ antwortet sie. Schließlich ordere ich noch einen Nachtisch und ahne bereits, was sie diesmal sagen wird. Natürlich.

Im Flow

„Tomorrow do you walk under the rain?“ das war die letzte Frage am Abend. Die Antwort: Ja. Am Morgen regnet es in Bindfäden vor dem Fenster. Ich schlüpfe ins Plastikkostüm und laufe los. Roter Mohn strahlt mich vom Wegesrand an, wie schon vor drei Monaten, als ich Wien verlassen habe.

Der kleine Skiort Prali ist mein nächstes Ziel. Noch weiß ich nicht, ob ich dort ein Bett bekommen werde. Auf meine Anfragen gab es nur Absagen oder gar keine Antwort. Ich lächle, setze einen Fuß vor den anderen, wie jeden Tag durch raschelndes Laub, über nassen Asphalt, auf schmalen Pfaden.

Der Kopf hört auf, sich wichtig zu nehmen. Der Körper hat längst verstanden, was zu tun ist. Der Atem wird zum leisen Taktgeber, der alles zusammenhält. Die Müdigkeit bleibt. Doch sie trägt mich, hält mich nicht auf. Ich zähle keine Stunden mehr, keine Kilometer, keine Höhenmeter. Ich fließe. Von Tag zu Tag, von Etappe zu Etappe. Gleichmäßig. Die Frage nach dem nächsten Halt verliert an Bedeutung.

In mir ruht die Gewissheit, genau dort zu sein, wo ich sein sollte. Der Weg hat mich längst angenommen. Er ist mein zu Hause geworden.

Im Unterwegssein liegt mein Fluss.
Im Unterwegssein fließt mein Glück.

Wie ein Teppich bedeckt Klee den Waldboden. Und doch entdecke ich zwischen dem Gewöhnlichen das Eine unter fünftausend. Das Unangepasste. Das mit vier Blättern.

Vierblättriges Kleeblatt
💚

Als ich die letzte von drei Nummern wähle, die zum letzten von fünf Hotels in Prali gehört, hebt endlich jemand ab. „Sì, abbiamo ancora una stanza libera,“ heißt es am anderen Ende auf meine Frage nach einem freien Zimmer. Klatschnass stehe ich wenig später in der spartanischen Vierbettunterkunft.

Ich trete unter die ersehnte heiße Dusche. Doch das Wasser verlässt nur in Tropfen die Brause. Eigentlich möchte ich den Flow, in dem ich treibe, noch nicht verlassen. Ich habe mich in Italien verliebt. So lang es geht, möchte ich hier verweilen, weitere Worte lernen, la dolce vita genießen. Erneut ändere ich meine Pläne. Erst fünf Tage bevor ich Nizza erreiche, werde ich über die Grenze nach Frankreich gehen.

Zimmerlautstärke & Motorenknattern

Beim Abendessen lerne ich Jutta kennen – kurzes graues Haar, ernster Gesichtsausdruck. „Welche Zimmernummer hast du?“ will sie wissen. „Die Nummer acht,“ antworte ich. „Dann weiß ich ja jetzt, wer den Fernseher vorhin so laut aufgedreht hat,“ meint sie. Verdutzt über den resoluten Ton schaue ich sie einen Moment lang an. „Tut mir leid. Es war eigentlich nur Zimmerlautstärke,“ gebe ich zurück. „Schwamm drüber,“ sagt Jutta. Ihre Gesichtszüge lockern sich und sie beginnt von ihren Etappen auf der GTA zu erzählen.

Gespannt hört auch sie zu, als ich von meiner bisherigen Tour berichte. „So eine Reise ist wertvoll. Etwas ganz anderes, als sich die Welt nur aus der Ferne anzusehen,“ meint sie und Jutta weiß, wovon sie spricht. Jahrelang unterrichtete sie als Lehrerin Englisch, ohne es je wirklich angewendet zu haben. Im Ausland, unter Muttersprachlern. Zwei Mal entschied sie sich deshalb für ein Sabbatical. Als ihre Kinder groß waren, mottete sie ihr zu Hause ein, flog über den großen Teich, kaufte sich ein Motorrad und durchquerte damit die gesamten Vereinigten Staaten von Amerika. Voller Bewunderung lausche ich ihrer Geschichte. Wieder eine Frau, die sich etwas traut und ihren Traum lebt.

„Naja, wie auch immer. Morgen müssen wir alle wieder zeitig raus,“ meint Jutta in entschlossenem Ton und steht auf. Auch ich folge ihr nach oben und drehe den Schlüssel in meiner Zimmertür herum. „Oh, du wohnst ja doch nicht neben mir,“ stellt sie erschrocken fest und entschuldigt sich drei Mal für die falsche Lärmverdächtigung.

In Bächen hinab nach Villanova

Gemeinsam mit den Wolken steige ich am nächsten Morgen zum Colle Giulian auf. Wie so oft im Piemont staut sich am Pass die Nebelsuppe. Einen Moment bleibe ich sitzen und lasse meine Gedanken mit den Wolken hinwegziehen, spüre die Leichtigkeit über den Tälern. Doch wieder einmal holt das schlechte Wetter mich ein. Als der Himmel seine Schleusen öffnet, flüchte ich unter einen Felsvorsprung. In Bächen stürzt das Wasser über die Wege hinab. Kirschkerngroß prasselt Hagel nieder.

Nass und schlammig, als wäre ich aus dem Fluss gestiegen, erreiche ich das Posto Tappa in Villanova. Laut telefonierend sitzt davor eine Frau im mittleren Alter. Die Kochmütze ist schief. Sie nickt mir verständig zu, lässt sich von meinem Auftauchen sonst aber nicht beirren. Ich lächle zurück. Alles hat hier seinen eigenen Rhythmus.

Außer mir ist an diesem Abend eine Familie zu Gast. Diesmal kann ich ihren Unterhaltungen nicht folgen. Die Worte sind mir fremd, denn die vier sprechen Französisch. Wehmut stellt sich ein. Mir wird klar, dass ich dem letzten Land meiner Reise immer näher komme.

Im Schatten des Monviso

An meinem 85. Gehtag werde ich das erste Mal die Grenze überschreiten, wenn auch nur für eine Nacht. Zuvor beginnt der Morgen allerdings mit einem kleinen Malheur. Beim Versuch mein Zimmer abzuschließen, beschließt der Schlüssel sich in zwei zu teilen. Ich fühle mich ganz elend, als ich mit dem abgebrochenen Metallstummel vor der Chefin des Hauses stehe. Doch sie lächelt mich ebenso entspannt an, wie ich sie gestern bei meiner Ankunft angelächelt habe. „Non c’è problema,“ meint sie und wünscht mir zum Abschied eine gute Reise.

  • Wanderin schwebt über Felsblöcke Berge im Hintergrund
  • Wanderin auf Weg
  • Conca del Prà
  • Rifugio Jervis
  • Panoramaweg durch den Naturpark Monviso
  • Lago Lungo
  • Vergissmeinnicht
  • Grenzstein Frankreich
  • L'Asti
  • Wolkenspiel über den Bergen
  • Monviso in den Wolken

Schier endlos zieht sich der Weg durch den Naturpark Monviso hinauf. Doch mit dem Windstrom im Rücken gewinne ich schnell an Höhe. Aus Wald werden Wiesen. Aus Wiesen wird Stein. Doch selbst durch die Geröllwüste fließen lebendige blaue Tupfer. Non ti scodar di me. Gleich hab ich es geschafft. Gleich bin ich auf der Grenze. Gleich bin ich oben.

🎼 High
Running wild among all the stars above
Sometimes
It’s hard to believe you’ll remember me

Sanft gleiten die Wolken über den Pass und die Bergkette auf der anderen Talseite. Ein Spiel aus Licht und Schatten fließt über den schroffen Fels und die Schotterfelder einstiger Gletscher. Schwach schimmern dazwischen grüne Matten. Mir stockt der Atem. Tränen füllen meine Augen. Ehrfürchtig stehe ich minutenlang auf dem Kamm und bestaune den Wolkenfluss in der Ferne. Einzig der Monviso selbst bleibt unsichtbar hinter dem Schleier.

Chanter pour le dessert

Waren die Wanderwege in Italien verlassen, so bevölkern nun beim Abstieg nach Frankreich ganze Gruppen die Pfade. Aus „Buongiorno!“ wird „Bonjour!“ Mit jedem Schritt Richtung Refuge du Viso, übe ich meinen neuen Satz: „Avez-vous un lit de libre pour ce soir ?“ – „Oui“ lautet die Antwort, als ich die Hütte betrete. Statt Espresso genieße ich wenig später auf der Terrasse Kaffee aus der French Press.

Die Hütte ist gut gefüllt. An langen Tafeln sitzen Wanderer dicht an dicht bereit zum Abendessen. Neben ein paar Franzosen sitze ich mit zwei Briten in meinem Alter am Tisch. Mit etwas Verspätung findet auch ein recht fülliger Herr seinen Platz an der Stirnseite. Rot meliertes Haar. Ein Bartschatten umrandet sein Gesicht. Das T-Shirt ist ihm gut drei Nummern zu klein. Ich ertappe mich selbst bei der stillen Frage, wie er es wohl ohne Fahrzeug hier herauf geschafft haben mag.

Eine Vorsuppe, den Hauptgang und einige Sätze später, bin ich nicht nur schlauer, sondern auch äußerst überrascht. Slavek kommt ursprünglich aus Polen. Jedes Jahr pilgert er für einige Wochen durch Europa. So hat er es in den vergangenen Jahren bereits von Litauen bis nach Rom geschafft. Diesmal aber möchte er von Turin bis nach Marseilles laufen. „But these alpine stages are almost killing me,“ meint er lachend. Innerlich schäme ich mich fast über meinen Gedanken von gerade eben.

„Ok, now it’s time for dessert. But you have to earn the sweets,“ meint der Wirt des Hauses. Er und sein Team lassen Tabletts voller Panna Cotta Gläschen über den Köpfen der Gäste schweben. „We’ve got a piano or guitar. Volunteers wanted!“ ergänzt er und dreht seine Runden zwischen den Tischreihen. Als die dritte Runde beendet ist, steht einer der beiden Jungs neben mir auf, greift zur Gitarre und stimmt die erste Zeile an.

🎼 Today is gonna be the day that they’re gonna throw it back to you…

Bald schon singt der ganze Raum mit ihm den Refrain, wie ein großer Chor, der sich nun mit vereinter Stimme das Dessert verdient. Der erste Tag in Frankreich – ein Amuse-bouche für die letzten fünf dieser Reise.

Campingplatzkoller

Nächster Tag. Nächste Etappe. Nächster Pass. Zurück in Italien. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg folge ich dem Fluss des Wassers hinab und lege am Rifugio Vallanta eine Rast bei einer Tafel Schokolade und einem Espresso ein. Nach Tagen abseits größerer Städte werde ich in Castello abrupt zurück in die Zivilisation geworfen. Autos brettern am gleichnamigen See entlang. Musik dringt aus den Straßencafés an der Promenade. Zahlreiche Spaziergänger kommen mir auf dem Weg Richtung Maddalena entgegen.

  • Frühstück am Skilift
  • Flipp
  • Zweites Frühstück
  • Abstieg nach Castello
  • Torrente Vallanta
  • Kirche von Castello
  • Brunnen Castello
  • Lago Castello
  • Blick von der Staumauer des Lago Castello
  • Castello
  • Maddalena
  • Belohnung in Maddalena
  • Campingplatz Maddalena
  • Zeltplatz neben dem Schlepplift in Maddalena
  • Mein Rucksack als Wäscheleine

Die beiden Campingplätze sind gut gefüllt. Als Gast für nur eine Nacht werde ich direkt neben dem Kassenhäuschen des Schlepplifts postiert. Wenig später wächst zur anderen Seite ein XXL-Familienzelt in die Höhe. Ich erinnere mich an das Versprechen an mich selbst. In Baveno. Vor über einem Monat. Keine Campingplätze mehr. Wo zu Beginn der Reise noch Sicherheit überwog, macht sich nun das Gefühl von Enge unter freiem Himmel breit.

Mein Plan durch frühes Aufstehen zeitig loslaufen zu können wird durch Kondenswasser am nächsten Morgen vereitelt. Auch die Kleidung, die ich am Vortag gewaschen habe, ist nasser als ich sie auf die Leine gehangen habe. Ich streife das klamme Shirt über. Zelt, Handtuch, Socken, Unterwäsche. Alles baumelt außen an meinem Rucksack, als ich loslaufe. Mein heutiges Ziel ist erneut ein Bivacco.

Selbstregulation

Hin und wieder drehe ich mich beim Aufstieg um, bis ich ihn endlich sehen kann: den Monviso. Über den Wolken sticht sein Gipfel empor. War er bis vor zwei Tagen noch Wegweiser Richtung Süden, liegt er nun bereits im Norden hinter mir. Noch einmal möchte ich diesen markanten Berg aus der Luft festhalten – festhalten, was sich eigentlich nicht festhalten lässt. So setze ich meinen Rucksack ab und krame die Drohne hervor. Speedy, wie ich sie liebevoll nenne, hebt ab. Ihr vertrautes Summen entfernt sich. Über das kleine Display sehe ich, wie sie auf den Monviso zuschwebt. Sie kreist, wendet, folgt dem Bachlauf talaufwärts. Ein letztes Rückwärtsmanöver. Plötzlich stoppt das Bild.

Was ist jetzt los? Hab ich die Verbindung verloren? Warum bewegt sie sich nicht mehr?

Ein Wechsel in den Vorwärtsflug. Nach oben. Vielleicht klappt ja die Landung. Doch nichts passiert. Das Bild bleibt starr. Baumwipfel über Baumwipfel. Am Horizont die Berge. Panik steigt auf. Wild drücke ich die kleinen Steuerhebel nun in alle Richtungen. Das Bild wackelt. Die Pixel schwimmen. Dann die Warnung: Rotoren blockiert.

Ein Blick auf die Karte. Speedy ist nicht weit entfernt. Ich aktiviere den Suchmodus und beginne zu rennen – mitten durch den Bach, zwischen Bäumen und über Schlamm. Mein Herz schlägt bis zum Hals.

Alles egal! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Wo bist du?

Ich hechte den Steilhang hinauf. Aus weichem Moos ragen hier vor allem Lärchen in die Höhe. Für einen Moment halte ich inne und spitze die Ohren. Doch bis auf das Wummern in meiner Brust bleibt alles still. Ich schließe die Augen. Volle Konzentration.

Fiep. Fiep. Fiep.

Mein Kopf hebt sich. Ich blicke nach oben durch das Nadelgrün einer gewaltigen Lärche. Eine weitere Dosis Adrenalin flutet meinen Körper. Ich kann sie nicht sehen, nur hören. Vergeblich schmeiße ich kleine Steine durch die Äste nach oben.

Wenn ich einfach hinaufklettere? – Stopp! Bist du irre?! Der Baum ist gut zwanzig Meter hoch. Was sonst? Kann mir jemand helfen? Warten auf den Wind?

Ich sinke in das weiche Moos, lege den Kopf in die Hände und zwinge mich zum Ein- und Ausatmen. Was für ein beschissener Tag!

Noch einmal greife ich zum Controller. Unter dem kläglichen Fiepen über meinem Kopf sichere ich sämtliches Material per Funk. Dann stoppe ich den Suchmodus. Speedy verstummt. Ich drücke „Flyaway melden“. Weggeflogen. Frei. Frei wie ein Vogel.

Ruhig bleiben. Atme ein. Atme aus. Lass los. Finde zurück in den Fluss.

Mit diesem Mantra löse ich mich von der Stelle, entferne mich von dem Baum. Schritt für Schritt. Tränen wollen in mir aufsteigen. Doch ich zwinge mich zur Ruhe. Zurück zu mir. Und setze in meinem Kopf einen Song on loop.

🎼 Cover me in sunshine
Shower me with good times
Tell me that the world’s been spinning since the beginning
And everything will be alright

Die Melodie hüllt mich ein, nimmt mir Panik und Angst, treibt mich den Berg hinauf und durch die Wolkensuppe auf der anderen Seite hinunter. Weil mir jede Kraft für einen weiteren Aufstieg heute fehlt, entscheide ich mich bereits unterwegs für eine Übernachtung im Tal auf dem Rifugio Melezè. Taub und statisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Eine lange braun-weiß melierte Feder liegt vor mir auf dem Weg. Piuma. Ich greife danach. Weich und leicht liegt sie in meiner Hand.

Du hast gelernt zu schwimmen. Also halte den Kopf auch gegen den Strom über Wasser. Du hast gelernt zu fliegen. Also verliere deine Leichtigkeit nicht. Vor allem aber sei sanft zu dir selbst. Dann trägt der Weg dich weiter.

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