Von Stärke und Schwäche: Durch die Valli di Lanzo auf den Rocciamelone

Erschöpfte Wanderin

Kleine Schweißperlen bilden sich auf meiner Nase. Noch bin ich keine halbe Stunde unterwegs, steige auf zum Colle della Crocetta, der Grenze zwischen dem Valle dell’Orco und dem Val Grande di Lanzo. Wie ein blaues Auge liegt der Lago di Ceresole im Tal zwischen den schroffen Dreitausendern. Im Westen türmt sich die Levanna-Gruppe auf. Beim Blick zurück grüßt noch einmal der Gipfel des Gran Paradiso.

Gelbe Gemswurz wächst zwischen dem Geröll, während ich höher steige. Schon aus der Ferne ist Stimmengewirr zu hören. Auf dem Pass bin ich nicht allein. Eine Gruppe deutscher GTA-Wanderer macht hier Rast. Ich grüße freundlich und laufe weiter.

Ceresole Reale verschwindet langsam hinter mir. Der kleine dunkelblaue Lago di Vercellina rückt näher. An seinem Ufer lasse ich mich nieder und atme tief durch. Sanft wiegt sich das Wollgras im Wind. Ich treibe im Wasser, schließe für einen Moment die Augen und spüre, wie die Luftbewegung kleine Wellen über die Oberfläche zieht. Wolken schieben sich über den Himmel, kündigen den Wetterumschwung an. Am Abend soll es regnen. Also packe ich rasch zusammen und steige ab.

Zwischen Sonne und Wind flattern weiße Laken auf der Leine vor einer steingesetzten Alpe. Als ich wenig später Pialpetta erreiche, ist alles Blau über mir gewichen, die Sonne verschwunden. Ich biege in den örtlichen Alimentari ein und fülle meinen Proviant auf. Noch fühle ich mich nicht am Ziel für heute. So schlendere ich am Albergo vorüber. Jauchzend springt die Dorfjugend in den Stura di Valgrande, als ich meinen zweiten Aufstieg beginne.

Himmelsgrollen

Rasch bringe ich wieder 400 Höhenmeter unter mich. Doch plötzlich grummelt es über mir. Ein Gewitter zieht heran. Augenblicklich bleibe ich stehen.

Scheiße, was nun? Umkehren? Zurück zum Albergo? Eine Stunde bin ich schon unterwegs. Wieder eine Stunde Abstieg? Nein, da oben gibt es eine verlassene Alpe.

Mit zügigen Schritten setze ich meinen Weg hinauf fort. Der Wald wird lichter. Doch noch wähne ich mich zwischen den Baumkronen in Sicherheit. Schließlich trete ich hinaus auf die Almflächen. Die ersten Tropfen treffen mich. Mein Atem beschleunigt sich. Wildes Klopfen hämmert in meiner Brust. Über mir grollt der Himmel in immer kürzeren Abständen. Doch vor mir bauen sich in sicherer Reichweite die Steinhäuser der Alpe auf. Ich renne förmlich auf sie zu.

Der Boden in den Stallungen ist aufgewühlt. Trockener Tierkot liegt überall verteilt, als hätte das Vieh diesen Ort erst kürzlich verlassen. Doch keine Menschenseele, auch kein Tier ist in Sicht. Stattdessen umschwirren mich zahlreiche Mücken. Zur Not werde ich die Nacht hier verbringen müssen. Doch noch lasse ich diesen Gedanken nicht allzu groß werden, verharre im Türrahmen, zähle die Sekunden zwischen dem Donnergrollen. Die Abstände werden länger. Der Regen sanfter. Meine Muskeln entspannen sich.

Sterne zählen

Goldgelb färbt die Abendsonne die aufreißende Wolkendecke über den Gipfeln, während ich mein Zelt aufbaue. Ein Wasserfall stürzt sich die Klippen herab und mündet in einen Bach unterhalb der Almfläche. Sein wohliges Rauschen liegt in meinen Ohren, während mein Blick an den Wolken über mir hängen bleibt.

Heute ist die Nacht vom 12. zum 13. August 2025. Heute ist die Nacht der Perseiden. Wie ein alter ruheloser Wanderer zieht der Komet mit dem Namen 109P/Swift-Tuttle seine Bahnen am Rande des kalten Sonnensystems. Doch etwa alle 133 Jahre kehrt er zurück, kommt der Sonne näher. Dann erwacht das Eis in seinem Inneren, verdampft, reißt Staub und kleine Steinpartikel mit sich fort. Was bleibt, ist eine Spur im All. Einmal im Jahr kreuzt unser Planet dieses Band. Dann rasen Tausende seiner Partikel in unsere Atmosphäre und beginnen für einen Moment zu glühen. Perseiden. Sternschnuppen. Stelle cadenti. Aber eigentlich sind sie die Funken eines alten Wanderers, die jedes Jahr kurz aufleuchten, wenn die Erde seine Spur berührt. Leise keimt in mir die Hoffnung auf eine klare Sicht.

Zelt bei Nacht in den Bergen
Warten auf Sternenschnuppen

So liege ich lange wach. Den Kopf im feuchten Gras. Der Blick hinauf gerichtet. Ein leises Lied auf meinen Lippen.

🎼 Lately, I been, I been losin‘ sleep
Dreamin‘ about the things that we could be
But baby, I been, I been prayin‘ hard
Said, no more countin‘ dollars, we’ll be countin‘ stars

Zwei Sternschnuppen. Zwei Funken. Das ist die Bilanz der Nacht. Am Morgen koche ich Frühstück, laufe los. Kurz vor dem Pass warten zwei Bergseen auf mich. Ich schwimme, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.

Pech

Doch die Hitze holt mich schnell wieder ein. Ich lechze dem Abstieg nach Balme entgegen, wo mich ein Bett, eine Dusche und etwas Gutes zu essen erwarten. Im Herzen des kleinen Dorfes liegt das Posto Tappa. Erleichtert trete ich in den kühlen Gastraum. „Buonasera! C’è un letto disponibile per una persona stanotte?“ frage ich. „Avete una prenotazione?“ fragt mich die Signora hinter dem Tresen im Gegenzug. „No,“ antworte ich. Mit weit aufgerissenen Augen schüttelt sie den Kopf, gestikuliert. „Ma dovete prenotare prima. In questo periodo siamo pieni. Qui non c’è più niente di libero.“

Meine leise Befürchtung der letzten Tage wird wahr. In zwei Tagen ist Ferragosto, einer der wichtigsten kirchlichen und familiären Feiertage Italiens. Zu diesem Höhepunkt des Sommers – oft auch einer der heißesten Tage des Jahres – strömen die Italiener an die kühlen Orte am Meer oder in den Bergen. Jetzt wird es schwierig, als Wanderin spontan aufzuschlagen. Doch eines habe ich mittlerweile gelernt: Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Es findet sich immer ein Weg.

So entschuldige ich mich kleinlaut und frage, ob wenigstens für mein Zelt ein Platz im Garten frei ist. Hörbar zieht die Signora Luft, dreht sich um und verschwindet in der Küche. Heraus kommt ein deutlich entspannterer Herr. Mit den Armen bildet er ein Dreieck in der Luft. „Tenda?“ fragt er. „Sì,“ antworte ich und wir verlassen gemeinsam das Haus. Dahinter im Garten darf ich mein Zelt aufbauen – in der prallen Sonne, denn im ganzen Garten steht kein einziger Baum. Auch eine Dusche gibt es nicht. Ich darf aber die Restauranttoilette benutzen. Mein Kopf wummert, als ich den letzten Hering im Boden versenke und meinen Rucksack ins Zelt werfe.

Bloß raus aus der Hitze!

Im örtlichen Sportgeschäft besorge ich eine neue Gaskartusche und ein Ersatzpaar Socken. Zwei riesige Löcher haben sich in mein bisheriges Paar gerieben. Noch einige letzte Einkäufe im Alimentari, dann versinkt die Sonne endlich hinter den Gipfeln. Ich atme durch, falle nach einer Katzenwäsche und einem reichlichen Abendessen auf meine Isomatte.

Murmeltiertage

Noch vor den anderen GTA-Wanderern starte ich am nächsten Morgen den nächsten Aufstieg. Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu. Wie so oft 1.200 Höhenmeter rauf. 1.200 Höhenmeter runter. Erst Wald. Dann Baumgrenze. Gelbverbrannte Wiesen. Die Hitze legt sich wie ein schweres Tuch auf die Pfade. Der Schweiß rinnt in kleinen Bächen die Stirn hinunter, während der Rucksack auf den klatschnassen Rücken drückt. Beinahe fühle ich mich wie Phil Connors. Aber wer weiß? Vielleicht grüßt mich ja heute ein Murmeltier und durchbricht diesen Loop.

Immerhin werde ich nach dem ersten schweißtreibenden Aufstieg mit den zwei smaragdgrünen Laghi Verde belohnt. Sofort hüpfe ich hinein. Unterdessen überholen mich die anderen GTA-Wanderer. Langsam ziehen in meinem Rücken Wolken durch die Berge.

Die letzte Angst

Auf den letzten Metern zum Passo Paschiet beginnt es zu regnen. Sonnenlicht bricht sich in den Tropfen und malt einen kleinen Regenbogen in den Himmel. Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.

Endlich Regen. Endlich Abkühlung von oben.

Doch rasch verschwindet die Sonne. Aus Regen wird Hagel. Schließlich erschüttert ein ohrenbetäubender Donnerschlag den Boden. Wie ein Blitz durchfährt die Anspannung meinen Körper.

Zu früh. Das Gewitter ist drei Stunden zu früh!

Ein zweiter Pass liegt noch vor mir. Das Gelände ist ausgesetzt. Kein Notabstieg in Sicht. Ich renne den Berg hinab. Blitze zucken durch die Luft. Wenige Sekunden später Donner. Ich fixiere den zweiten Pass. Vorbei an der Wandergruppe nehme ich zwei Schritte auf einmal und hechte förmlich den Berg hinauf. Ich spüre den Pulsschlag in meinem Hals. Zitternd umklammern meine Hände das GPS. Noch drei Höhenlinien.

Bleib ruhig. Ruhig. Ruhe. Atme!

Durchnässe Wanderin
Beim Abstieg nach Usseglio gerate ich das erste Mal wirklich an einer ausgesetzten Stelle ins Gewitter.

Krachend ziehen die grauen Wolken über den zweiten Pass. Steil geht es auf der anderen Seite hinab. Die ersten Bäume sind in weiter Ferne. Der nächste Donnerschlag in meinem Rücken jagt den nächsten Adrenalinstoß durch meinen Körper. Den Blick auf den schmalen Pfad geheftet sprinte ich den Berg hinab, zwinge mich gleichzeitig zur Ruhe. Zum ersten Mal auf dieser Reise begegne ich wirklich meiner letzten Angst. Der Angst vor Gewitter. Allein und ausgesetzt. Endlich überragen die Baumkronen meinen Kopf. Doch im Tal bin ich noch lange nicht. Der Regen durchweicht den Boden. Kleine Bäche bilden sich. Das Wasser und ich liefern uns einen Wettlauf. Ich verliere, lande auf dem Hintern im Matsch.

Trübe Aussichten

Durchnässt trete ich auf die Hauptstraße im Valle di Viù. Der Regen hat nachgelassen. Schwer hängen die Wolken über mir. Unter der Tristesse des Himmels wirken auch die steinernen Häuser bedrückend monoton. Wie schon erwartet ist das Posto Tappa in Usseglio voll. Wieder kein Bett. Wieder keine Dusche. Wieder eine Nacht im Zelt zwischen Einfahrt und Gartenmauer. Erschöpft sinke ich nach dem Aufbau auf meine Isomatte, in der Hand eine Flasche Cola Zero.

Was wird wohl morgen sein? Morgen erst ist Ferragosto. Und übermorgen?

Für den nächsten Tag habe ich das Rifugio Ca‘ d’Asti fest im Blick, auch wenn unklar ist, ob ich dort einen Schlafplatz bekomme. Dann folgt Susa, ein Bivacco und schließlich Fenestrelle. Ich öffne meine Excel-Tabelle, mit den Kontaktdaten aller wichtigen Etappenziele und reserviere mir dort ein Bed & Breakfast. Vier Tage. Allerspätestens in vier Tagen werde ich wieder duschen können, in einem Bett schlafen. Diese Aussicht baut mich für den Rest des Abends auf.

Willensstärke

Tiefe Ringe liegen am nächsten Morgen unter meinen Augen. Müde krabbel ich aus meinem Zelt. Drückend kündigt die warme Luft den nächsten heißen Tag an. Für einen kurzen Augenblick zögere ich, bevor ich loslaufe, blicke auf den Fahrplan der Bushaltestelle vor dem Posto Tappa. Doch weder die Fahrzeiten noch mein innerer Ehrgeiz passen zu dieser flüchtigen Überlegung. Ich laufe los. Asphalt unter den Füßen. Die Hitze wie eine zweite Haut auf meinem Körper. Die Beine sind schwer, während der Kopf sich wattig anfühlt, als würde ein dünner Nebel zwischen Gedanken und Wirklichkeit hängen. Im Schatten einiger Bäume sinke ich nach drei Kilometern auf eine Bank. Tränen laufen mir über das Gesicht.

Wie soll ich das achteinhalb Stunden aushalten? Diese Hitze bringt mich um! Ich habe keine Ahnung, wie ich die folgende Nacht verbringen werde. Wieder im Zelt? Im Gastraum? Auf dem Boden? Ich will schlafen. Ich brauche Schlaf.

So sitze ich auf der Bank. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Ich bade in meinem Selbstmitleid auf der Suche nach Motivation für diesen Tag. Zum ersten Mal wünsche ich mir anzukommen. Dann denke ich an den Ort, wo die Bäche sprudeln, die Gletscher zum Greifen nah sind und ich mich in der Weite von Gipfeln frei und aufgehoben gefühlt habe. Der Ort, an dem ich sein durfte. Ich wische mir die Tränen aus den Augen.

Zähne zusammenbeißen! Reiß dich am Riemen!
Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt!

So laufe ich weiter. Schritt für Schritt. Erst durch Wald bis zur Baumgrenze, über gelbverbrannte Wiesen bis ich ihn sehe. Wie eine Pyramide hebt sich seine Silhouette zwischen den anderen Gipfeln heraus. Der Rocciamelone. Mit 3.538 Metern ist er der höchste Wallfahrtsberg der Alpen. Seit Wochen fiebere ich diesem Moment entgegen. Den Sonnenaufgang möchte ich morgen früh von dort oben sehen. Zunächst muss ich allerdings von der Nord- auf die Südseite gelangen. Angesichts meiner schwindenden Energiereserven scheint dieser Gipfel so fern und treibt mich dennoch an.

Ferragosto

Motorräder knattern über die Straßen, überholen Hobby-Athleten auf ihren Rennrädern. Von den Ufern des Lago di Malciaussia dringt Kinderlachen. Sonnenanbeter liegen auf bunten Handtüchern im Sand. Der Duft von gegrillten Steaks liegt in der Luft. Mit einem Eis und einer Cola in der Hand lasse ich mich vor dem Rifugio Vulpot in einen Stuhl fallen. Doch lang darf ich nicht verweilen. In schnellem Italienisch spricht mich eine junge Frau an und wedelt mit einem weißen Tischtuch vor meinem Gesicht herum. Mein Kopf ist langsam zu langsam, um sich auf die Bedeutung ihrer Worte zu konzentrieren. Wenn ich mich anstrengen würde, könnte ich sie verstehen. Aber ich will nicht. „Please talk to me in English,“ bitte ich sie mit müdem Blick. Damit ist sie wiederum überfordert, zieht weiter zum nächsten Tisch und breitet darauf ihr weißes Tuch aus. Es wird für das feiertägliche Mittagessen gedeckt. Schließlich ist heute Ferragosto.

Viele der angereisten Badegäste laufen offensichtlich ungern weiter, als ihr Auto lang ist. So bildet sich eine wild hupende Blechraupe entlang der Uferstraße. Ich schlendere vorüber und beginne den nächsten Aufstieg. Verwundert über meinen großen Rucksack fragt mich ein entgegenkommender Wanderer „Dove stai andando?“ – „Oggi vado al Rifugio Ca’ d’Asti. Sto camminando da Vienna a Nizza,“ antworte ich. Er macht große Augen und erklärt mir gleich den restlichen Weg für heute. Doch schon beim zweiten Satz steige ich gedanklich aus. Zu müde ist mein Kopf. Heute folge ich blind dem GPS.

Auch meine zweite Rast am Pass ist nicht von langer Dauer. Diesmal scheucht ein aufkommender Regenschauer mich weiter. Auf dem Höhenweg laufe ich über dem Val Susa dahin. Pfauen-Nelken, Bergdisteln und Edelweiß wachsen am Wegesrand. Kleine Rinnsale schneiden sich durch die seilversicherten Felswände, die ich entlang kraxele. Erneut beginnt es hinter mir zu grummeln. Doch diesmal durchfährt mich kein Adrenalinstoß. Ruhig aber zügig setze ich meinen Weg fort und erreiche rechtzeitig vor dem großen Wolkenbruch das Rifugio.

Rifugio Ca‘ d’Asti

Auf der Terrasse begrüßen mich zwei ältere Damen auf Deutsch. Schon länger haben Sie mich kommen sehen. Auch drinnen werde ich herzlich empfangen. „Sì, abbiamo ancora un posto letto libero,“ antwortet mir die junge Frau auf meine Frage nach einem Bett und streckt den Kopf zur Küche heraus. Sie hat kurzes schwarzes Haar, eine Brille auf der Nase und ein warmes, freundliches Lächeln. Ihr Name ist Lorenza.

Sie geht voran die Treppe hinauf und öffnet die Tür zum Schlafsaal. Für einen Moment stockt mir der Atem. Eiserne Bettentürme stapeln ihre Insassen auf drei Ebenen übereinander. An den unverputzten Betonwänden tritt die Feuchtigkeit fleckig hervor. Sparsam fällt Licht durch ein kleines Fenster in das Innere des Raumes. Doch zum Glück sind heute nur wenige Übernachtungsgäste auf der Hütte, sodass der Schlafsaal nur halb gefüllt ist.

Interessiert schaut Lorenza mich an. „Where are you going?“ fragt sie. „I’m hiking from Vienna to Nice – Nizza,“ antworte ich. Ihre Augen weiten sich. „Wow, from Vienna in Austria to Nizza in France?!“ – „Yes.“ Sie macht einen kleinen Jubelsprung. „Amazing! I’ve never met someone going that far,“ meint sie aufgeregt, dreht sich auf dem Absatz um und geht wieder hinunter. Als ich wenig später zum Abendessen den Gastraum betrete, steht auf der papiernen Tischdecke „The girl Vienna-Nizza“. Ich lächle. Das ist wohl mein Platz.

Die beiden Damen von der Terrasse sitzen mir gegenüber. Einige Tage sind sie mit Mountainbikes durch die Alpen gefahren, bevor sie nun auf der Heimreise noch ein paar Wanderetappen anhängen. Das Abendessen ist wie immer köstlich. Was mir hier aber immer öfter zu denken gibt, ist die Müllflut jeder Mahlzeit. So stehen auf der Papiertischdecke Pappteller und -schüsseln. Getrunken wird aus Plastikbechern. Auch Messer und Gabel sind aus Kunststoff. Mit einem riesigen Müllsack geht Lorenza nach dem Essen durch die Reihen. Das gesamte Gedeck verschwindet darin. Zurück bleibt mein schlechtes Gewissen.

Sonnenuntergang am Rifugio Ca' d'Asti
Sonnenuntergang am Rifugio Ca‘ d’Asti

Unterdessen hat sich das Wetter draußen beruhigt. Die Sonne lockt mich vor die Tür. Kühl weht der Wind durch die alten Ruinen neben der steinernen Hütte. Wie flüssiges Magma wabern die Wolken im Sonnenuntergang über die Gipfel. Für einen Augenblick denke ich an die Hitze entlang der überfüllten Seeufer heute Morgen.

Höchster Punkt

Der Tag war hart. Doch ich spüre den Drang, noch die letzten Meter hinaufzusteigen bis zum Gipfel, auf den höchsten Punkt meiner Reise. So klingelt mein Wecker am nächsten Morgen um 3.40 Uhr. Ich öffne die verquollenen Augen und stelle mir für einen Moment die Frage: Warum? Dann schwinge ich mich aus dem Bett und schleiche mit all meiner Kleidung aus dem Schlafsaal.

Noch liegt die sternenklare Nacht über dem Val di Susa, als ich mit der Stirnlampe auf dem Kopf beginne zu laufen. Ich denke an den Aufstieg vom Rifugio Ferioli zum Corno di Mud vor gut zwei Wochen. Tief inhaliere ich die kühle Morgenluft. Noch einmal 700 Höhenmeter nach oben.

🎼 Everything that kills me makes me feel alive

Der Weg ist gut markiert. Kurve um Kurve ziehe ich über das Geröll. Schließlich ist der Pfad förmlich in den Berg gemeißelt. Seilversicherungen begleiten die letzten Meter hinauf. Ein roter Streifen zieht am östlichen Horizont auf, geht über zu weiß und kräftigem dämmerblau. Immer blasser werden die Sterne über mir. Doch entlang der schwarzen Silhouette des Rocciamelone kraxeln weitere helle Lichtpunkte die Südflanke hinauf.

„Buon arrivo!“ flüstert mir einer der Wanderer zu, die bereits oben warten, als ich aus dem Klettersteig auf den Gipfel trete. Der rote Streifen ist in ein zartes gelb übergegangen. Ich hocke mich in eine Felsspalte unterhalb der riesigen bronzenen Madonna. Sie wacht über den Berg. Mit ihr blicken etwa zehn weitere Wanderer und ich erwartungsvoll nach Osten. Die Handschuhe habe ich auf der Hütte vergessen. So sitze ich mit eiskalten Fingern zwischen den Steinen, während sich die Sonne wie ein Feuerball aus dem grauen Wolkenschleier erhebt. Sie erhellt die Bergkette. In dem lang gezogenen Bogen entdecke ich die Dufourspitze und denke an Greta, Matilde und Gianni. Weiter im Nordosten spitzelt der Pizzo Bernina hervor. Luca. Blass am Horizont schimmert der Ortler. Celine. Wärme legt sich auf mein Gesicht. Tränen füllen meine Augen.

Es lohnt sich zu kämpfen. Es lohnt sich zu glauben. Immer lohnt es sich aber zu hoffen.

Sonnenaufgang Rocciamelone
Wie im Traum ist der Sonnenaufgang auf dem höchsten Punkt meiner Tour.

Schließlich löse ich mich vom zurückliegenden Weg und schaue Richtung Südwesten nach vorn. Markant erhebt sich dort in der Ferne der Monviso. Er ist mein nächster Orientierungspunkt auf der Landkarte. Noch einen Augenblick verweile ich, wärme mich an der aufsteigenden Sonne, bevor ich den Gipfel schließlich verlasse.

Buon cammino!

Müde, aber tief zufrieden schlürfe ich im Rifugio Ca‘ d’Asti zwei Espressi und kaue auf meinem Zwieback herum. „Did you see the sunrise?“ will Lorenza wissen. „Of course,“ antworte ich und zeige ihr meine Gipfelfotos. „Beautiful. Bellissimo!“ juchzt sie. „Where are you going today?“ Ich lächle ein wenig gequält. „If I only knew.“ Mein Plan war es, bis nach Susa zu gehen. Doch dort konnte ich weder bezahlbare Unterkünfte noch einen Campingplatz finden. „Wait a moment,“ meint Lorenza und beginnt über ihr Smartphone zu wischen. „I know a Bed & Breakfast. Should I call them and ask if they have a room available?“ Lang muss ich nicht überlegen. „Yes, please,“ antworte ich freudestrahlend und habe wenige Minuten später die Zusage für einen festen Schlafplatz in Susa für gerade einmal 40,-€.

Erleichtert schultere ich meinen Rucksack. „Give me your address. I’ll send you a postcard when I arrive in Nizza.“ Freude breitet sich auf Lorenzas Gesicht aus, als sie mir den kleinen Zettel mit ihrer Anschrift in Bologna in die Hand drückt. Wir umarmen uns. „Buon cammino!“ flüstert sie mir zu, bevor ich als letzter Gast an diesem Morgen das Rifugio Ca‘ d’Asti verlasse.

Bin überall willkommen, weil ich die Menschen lasse, wie sie sind, niemandem etwas nehme, sondern nur empfange und gebe.

J.W. von Goethe

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