Nach dem typisch italienischen Frühstück im Rifugio Sant’Antonio im Val Vogna streife ich ein letztes Mal an Walserhäusern vorbei. Über den Balkonen leuchten üppige Geranien in kräftigem Rot. Mein Rucksack ist schwer – in Alagna habe ich am Vortag Proviant für mehrere Tage gekauft. Gegen 13 Uhr soll es regnen. Ich lasse mich davon nicht stressen und steige ruhig auf und wähne mich kurze Zeit später in Schottland. Friedlich grasen einige Highlandrinder auf den weitläufigen Wiesen. Mit zotteligen Mähnen vor den Augen mustern sie mich im Vorbeigehen.









In meinem Rücken schieben sich die Wolken das Tal herauf. Erste Tropfen rieseln auf mich nieder. Mehrere Bergseen hatte ich auf der Karte entdeckt, an deren Ufern ich eine Pause einlegen und schwimmen gehen wollte. Doch im nunmehr peitschenden Regen sehe ich selbst eine kurze Rast dahinschwinden. Stoisch setze ich einen Fuß vor den anderen. Wie gerufen lässt der Regen nach, als ich die Alpe Maccagno mit ihren Seen erreiche. Auf einem großen Stein nahe des Ufers lasse ich mich nieder, esse etwas Toastbrot mit Frischkäse und wage mich mit vorsichtigen Schritten in den See. Tief hole ich Luft und tauche ab. Federleicht lässt mich das kühle Wasser für einen Moment schweben, bevor ich meinen Weg hinauf zum Passo del Maccagno fortsetze.
Der Wind streift über das Gesicht und nimmt die schweren Gedanken der vergangenen Tage mit sich. Langsam kann ich sie ziehen lassen.
🎼 In My Place, In My Place
Were lines that I couldn’t change
I was lost, oh yeah

Auf dem Rifugio Rivetti
Über Geröll geht es hinab und wieder hinauf über sattgrüne Wiesenplateaus – der zweite, schließlich der dritte Pass des Tages. Oben öffnet sich der Blick zur Po-Ebene in der Ferne. Sehr viel näher kann ich das Rifugio Rivetti erspähen, das ich nach einem kurzen Abstieg betrete. Selbstbewusst und mit einigem Tempo in der Stimme beginne ich zu sprechen. „Buongiorno! Mi chiamo Julia. C’è un letto disponibile per una persona stanotte?“ Ebenso selbstverständlich stellt sich Hüttenwirt Sylvain vor, bejaht und stellt mir noch drei weitere Fragen.
Mist. Ab hier bin ich wieder raus. Zu schnell. Zu viele Worte, die ich noch nicht kenne.
Auf Englisch setzen wir unser Gespräch fort. Mit seiner italienischen Frau Federica und den drei gemeinsamen Kindern lebt und arbeitet der gebürtige Franzose auf der Hütte. So sind es auch die beiden Mädchen, Jeanne und Adèle, die mir den Schlafsaal zeigen.



Am Abend sitze ich mit einem jungen Pärchen und zwei älteren Damen am Tisch. Ich lausche neugierig dem Italienisch, freue mich über jedes Wort, das ich verstehe. Cristina, eine der beiden älteren Damen, übersetzt gelegentlich ins Englische und fragt schließlich nach meiner Route. Als ich erzähle, dass ich von Wien nach Nizza laufe, zeigt der junge Mann mit gespieltem Entsetzen den Vogel. International verständlich.
Hüttenwirt Sylvain empfiehlt mir für den nächsten Tag nicht die Route über Piedicavallo zu wählen, sondern lieber auf der Alta Via 1 zum Rifugio Barma zu gehen. „This route will take a good 10 hours. However, it saves many meters of descent and ascent,“ meint er und bietet an, Frühstück bereitzustellen, damit ich 6 Uhr aufbrechen kann. „And if you need help while you’re in the area around Traversella, feel free to get in touch,“ ergänzt Cristina, die selbst in Traversella lebt und gibt mir ihre Handynummer. Dankbar über die Gastfreundschaft gehe ich an diesem Abend früh zu Bett, doch finde lange nicht in den Schlaf.
Auf und ab
So starte ich am nächsten Morgen eine Stunde später als geplant. Der Himmel ist klar, die Sonne brennt früh. Sylvains Zeitangabe nehme ich nicht ganz ernst – mein GPS zeigt acht Stunden. Also bummele ich, mache immer wieder Pausen, buche Unterkünfte für den Besuch meiner Freunde in ein paar Tagen, telefoniere, plane. Die Organisation stresst mehr als der Weg.
In der Einsamkeit der Bielleser Berge erreiche ich den ersten Sattel des Tages und erkenne, wie sich fern am Horizont die Wolken am spitzen Gipfel eines einzelnen Berges verfangen. Einen Moment halte ich inne, kneife die Augen zusammen. Er ist es: Das Matterhorn. Seine Form ist unverkennbar. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.













Doch lang halte ich mich nicht auf und laufe zügig weiter. Erst am späten Mittag entdecke ich die ersten gelben Markierungen der Alta Via 1. Zwei Abstiege und zwei Aufstiege liegen bereits hinter mir. Es geht abwärts und entlang einiger Seilversicherungen wieder hinauf. Ein Blick auf die Wegweiser verrät, dass das Rifugio Barma noch immer vier Stunden entfernt ist. Meine Beine sind schwer. Schwer drückt auch der Rucksack auf meinen Schultern. Erschöpft sinke ich an einem kleinen See ins Gras.
Das schaffe ich nicht. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht weiter gehen.

Ronja Räubertochter
Noch einmal prüfe ich die Karte. Hinter dem nächsten Pass wartet ein weiterer See. Ein letztes Mal schleppe ich mich nach oben und wieder hinab. Völlig erschöpft erreiche ich den See. Kühe grasen auf den Weiden, die ihn umgeben. Das Rifugio Barma ist noch fern.
Doch ich habe keine Zweifel. Keinen Druck. Keine Angst. Hier ist Ruhe. Hier ist es gut. Hier kann ich bleiben.
Unter der goldenen Abendsonne schlage ich mein Lager auf und streife die schweren Bergstiefel ab. Barfuß fühle ich endlich den Boden unter mir. Leichtfüßig hüpfe ich über Gras den kleinen Hang hinab zum Ufer des Sees und gleite hinein. Kühl umschließt mich das Wasser, nimmt mir die Hitze und Anstrengung des Tages. Zurück bleiben Atem. Herzschlag.






Ich schlinge das Handtuch um meinen Körper, schüttele mein tropfnasses Haar und steige auf Zehenspitzen über Felsbrocken und durch Blaubeersträucher. Hier und da sammle ich einige reife Früchte, bis meine Finger ganz blau sind. In der Ferne läuten einige Kuhglocken. Langsam neigt sich die Sonne in Richtung Horizont. Ein wenig fühle ich mich wie die Heldin meiner Kindheit.
„Wie schön ist es, zu leben!“
– Ronja Räubertochter
Sanft legt die Nacht ihren Schleier über die Berge. Hier oben ist sie endlos schwarz. Doch in ihrer Tiefe entdecke ich nicht nur die hellsten, sondern auch kleinsten Lichtpunkte am Himmelszelt.
Föhnfische
Langsam schiebt sich die Sonne am nächsten Morgen über die Gipfel. Auf der kleinen Gasflamme blubbert das Porridge vor sich hin. Der Tag ist klar. Einige Föhnfische hängen reglos in der Luft – linsenförmige Wolken im Lee. Ich bin auf der Sonnenseite. Über Bergwiesen und schmale Pfade wandere ich vorbei am Rifugio Barma und beginne meinen ersten Aufstieg des Tages. Am Pass angekommen eröffnet sich der Blick auf das flache Land der Po-Ebene. Plötzlich ist der Horizont leer. Wie ein kleiner Stich erinnert mich die gipfelfreie Sicht an die Endlichkeit dieser Reise.
Weiter. Schritt für Schritt. Zurück in die Berge. Weg.

Die GTA fordert: gestern 1.500 Höhenmeter auf und ab, heute 1.000 hinauf, 2.000 hinunter. Über alte Geröllfelder suche ich den Weg, kraxel über Steinplatten.

Der Duft von Wildschnittlauch und überreifen Blaubeeren liegt in der warmen Sommerluft. Am Rifugio Coda lege ich eine Mittagsrast bei Käsepolenta ein. Ein bisschen ist mir die matschige Konsistenz zuwider. Doch mein Hunger ist mittlerweile so groß, dass ich beinahe alles essen würde. Als ich die Hütte verlasse, verabschiede ich mich leise vom Monte Rosa in meinem Rücken. Es ist das letzte Mal, dass ich ihn sehen werde.
Am südlichen Horizont hingegen baut sich bereits der weiß gezuckerte Gran Paradiso auf. Die Müdigkeit steckt mir in den Knochen. So vergesse ich die Sonnencreme und spüre am späten Nachmittag, wie ein leichtes Brennen meine Haut überzieht. Etwas unterhalb von Trovinasse frage ich in einem Agriturismo mit Campingplatz nach einem Zimmer. Für 20 Euro beziehe ich einen kleinen Holzverschlag. Die Wände sind notdürftig verspachtelt. In den Ecken häufen sich Spinnweben und Dreck. Ich bin zu erschöpft, um mich zu ekeln, geschweige denn mein Zelt davor aufzubauen. So werfe ich meinen Schlafsack auf das Bett.













In der Abendsonne schwimmen die Föhnfische noch immer mystisch über die Gipfel. Ausgeglichen. Unverrückbar. Sie sind ein Gleichgewicht aus Unruhe. Ein Paradox aus Wind: Je wilder sein Chaos, desto vollkommener ihre Linie. Erste Lichter ziehen sich aus dem Aostatal hell den Berg hinauf.
Warum nicht wenigstens einen halben Tag im Tal verweilen, Kraft tanken? Kurzentschlossen reserviere ich mir ein Zimmer in einem Bed and Breakfast.
Durch die Pforte des Aostatals
Ausgeschlafen schäle ich mich am Morgen aus meinem Verschlag. Neben mir hat auch ein Paar gestern Abend den Campingplatz bezogen. Weil sich die Lust auf Gespräche mit anderen Deutschen zunächst in Grenzen hielt, hatte ich bisher einen großen Bogen, um den weißen VW Transporter mit Berliner Kennzeichen gemacht. Doch als ich aufbrechen will, fragt mich die Frau, ob ich nicht Lust hätte, einen Kaffee mit den beiden zu trinken. „Gern. Heute habe ich Zeit,“ antworte ich. „Ich bin Kerstin.“ – „Und ich bin Martin,“ stellen sich die beiden vor. Bald schon dampft bester Instant-Kaffee in unseren Tassen. Dazu gibt es einige Honig-Waffeln.

Die beiden sind echte Abenteurer, erzählen von Wanderungen im norwegischen Fjäll, Schneehöhlenübernachtungen im Hardangervidda, der größten Hochebene Nordeuropas und Touren über verlassene Pfade durch das Piemont. Zu Haus sind die beiden in einer Berliner WG. Die wilde Einsamkeit der Natur balanciert ihre Großstadtrealität. „Und wie oft hast du schon gehört: Als Frau allein? Wie kannst du nur?“ fragt Kerstin mit wachem Blick. Lächelnd schaue ich sie eine ganze Weile an. Ich muss keine Antwort geben. Sie kennt sie bereits. Wir verstehen uns.







Beseelt von diesem unverhofft guten Gespräch breche ich nach Quincinetto auf. Aus Kastanienwäldern werden langsam Olivenhaine. Laut musizieren die Zikaden in der flirrenden Hitze. Reife Trauben hängen an Reben, die sich auf Terrassenmauern zur Talsohle neigen. Unten rauscht die Dora Baltea, grünlich, entschlossen Richtung Po-Ebene.
Aurora begrüßt mich freundlich in dem Bed and Breakfast. Englisch spricht sie nicht. „Vuoi qualcosa da bere? Magari una birra?“ – „Sì, volentieri,“ antworte ich. Auch, wenn ich selbst nur wenige Worte und Sätze Italienisch spreche, so verstehe ich doch immer mehr von dem, was um mich herum gesprochen wird.
Lebensgefühl
Wenig später flattert meine frisch gewaschene Kleidung auf der Terrasse im Wind, während ich einige Besorgungen in Quincinetto mache. Ein neuer Titanlöffel. Gefriergetrocknete Mahlzeiten. Obst und Gemüse. Doch ganz gleich, wohin ich komme: Die Menschen sind fröhlich, aufgeschlossen. Ob es der Verkäufer im Alimentari ist, der mir ein Extrastück Käse über die Theke reicht oder die alte Dame, die mir, der fremden Wanderin, im Hinausgehen unvermittelt ein Kompliment macht: „È una ragazza giovane e carina.“

Am Abend folge ich Auroras Empfehlung und lasse mich in der örtlichen Pizzeria nieder. Der Duft von frisch gebackenem Brot, Tomatensauce und geschmolzenem Käse empfängt mich – ein Duft, der nach Wärme und Leben schmeckt. Die Leute sitzen eng an Tischen, lachen, reden, heben die Hände zum Gestikulieren. Es ist, als ob hier jeder Atemzug ein kleines Fest ist, als ob Lebensfreude nicht nur ein Gefühl, sondern eine Art Sprache wäre. Hier ist es kein Makel, allein zu sein. Stattdessen umgeben mich viele offene Fenster. Ich darf entscheiden, durch welches ich schaue, höre, fühle. Niemand beansprucht meine Aufmerksamkeit für sich. Ich darf sie selbst lenken. So warte ich begierig auf immer neue Worte, um die Sprache in mich aufzunehmen und dieses Lebensgefühl zu begreifen.

Siehe, du lächelst schon
Der Morgen beginnt mit selbstgebackenem Brot und hausgemachten Marmeladen. Danach steige ich gestärkt aus dem Aostatal auf. Der kleine Weiler Fondo wird mein heutiges Ziel sein.
Am Colle di Pian Spergiurati habe ich den größten Aufstieg des Tages geschafft und schnaufe durch, bevor es auf der anderen Seite des Passes wieder bergab geht. Wie in einem Kessel treiben die Wolken den Berg hinauf. Ein Nebelstreif umhüllt zunächst mystisch die steinernen Gebäude verlassener Alpen, bevor sein weißes Gewand sie ganz verschluckt. Durch den Schleier höre ich bereits das Bellen eines Hundes. Adrenalin flutet meinen Körper. Meine letzte Begegnung dieser Art zwischen den oberitalienischen Seen war alles andere als schön.
Cammina lento. Respira profondo. Stai già sorridendo.
Als ich an der Alpe Chiaromonte vorbeilaufe, wird der Vierbeiner ganz ruhig. Wir mustern uns so eindringlich wie vorsichtig und kommen offenbar beide zu dem Schluss, dass von keinem eine Gefahr ausgeht.















Heraus aus der Wolkendecke durchquere ich das malerische Bergdorf Succinto und erreiche am frühen Abend schließlich Fondo. Das Posto Tappa liegt direkt neben der romanisch malerischen Brücke. Ein älteres Ehepaar bewirtschaftet die Unterkunft. Als einziger Übernachtungsgast beziehe ich ein Vierbettzimmer. Michael Douglas, Paul Young und Simon Le Bon lächeln mich vom Fußende meines Bettes an. Die verbleichenden Sticker der Jugendidole verraten, dass ich wohl in einem Teenagerbett nächtige, wenngleich sie nicht Teil meiner Jugend waren.
Freigelaufen
Von Fondo steige ich am nächsten Morgen durch das Val Chiusella auf. Wild schlingt sich der Bach zwischen Felsblöcken durch das Tal. Die Hänge sind zu beiden Seiten bewaldet. Kein Mensch wandert auf diesen verlassenen Pfaden. An einer der zahlreichen Gumpen mache ich Rast. Seit einigen Wochen denke ich nicht mehr darüber nach, was die Tochter, die Kollegin, die Freundin jetzt machen sollte, machen würde. Die Stimmen der andern verhallen. Meine Rollen verlieren an Bedeutung. Ohne das alltägliche Aufführen lösen sie sich auf wie Kulissen nach der letzten Vorstellung. Doch die Stille ist kein Verlust – sie legt frei, was übrig bleibt, wenn niemand zusieht: Meinen Puls. Mein Gefühl. Mich. So streife ich die Kleidung ab, lege sie zwischen kleine blaue Tupfer im Ufergeröll – non ti scordar di me – und steige in den kalten Bach. In meinem Kopf läuft nur noch ein Refrain…
🎼 Holy hands, will they make me a sinner?
Like a river, like a river
Shut your mouth and run me like a river

Auf der Bocchetta delle Oche umhüllen mich die Wolken. Doch einen Moment halte ich inne und lasse mir den kühlen Bergwind über die vom Aufstieg schweißnasse Stirn wehen, bevor ich erneut 1.000 Meter Abstieg antrete. Je tiefer ich komme, desto mediterraner wird das Klima. Tief schneidet sich der Rio Giassetto hier ins Tal. Oberhalb sind Eisenketten in den Fels getrieben. Konzentriert, aber frei von Angst taste ich mich Schritt für Schritt an ihnen entlang, während ich laut und gemeinsam mit der vertrauten Stimme meines Hörbuchs das Zählen bis 1.000 übe. „498, 499 – 500.“ Wie das Auto. Ich schmunzle.

Hier oben entlang der Felswand entdecke ich das erste Mal überhaupt wild wachsende Edelweiß. Sie sind staubig vom Wind, doch weit weniger zerbrechlich, als ich sie in Erinnerung hatte.








Zeltnacht auf dem Fußballplatz
In Piamprato steuere ich das örtliche Posto Tappa an. Auf dem Grundstück hinter dem Ristorante schlage ich mein Lager auf. Doch als ich nach der Dusche zurückkomme, muss ich feststellen, dass mein Zelt nun am Spielfeldrand eines Fußballplatzes steht. Unter großem Jubel kicken sich drei Jungs den Ball hin und her. Jeder fünfte Schuss ist ein Treffer in das dritte Tor – mein Zelt. Doch ich bin zu müde, um mich aufzuregen oder meinen Lagerplatz noch einmal zu verlegen. So nehme ich die Situation mit stoischer Gelassenheit an bis sie irgendwann vorüber ist und ich müde in meinen Schlafsack krieche.




Ich erwache in meinem klatschnassen Zelt. Der Tau hat sich tief in das Tal gelegt und einen feinen Wasserfilm über alles gelegt. Das Zelt trocknet in der Sonne, während ich im Posto Tappa frühstücke. Als ich aufbreche, entfaltet die Sonne spürbar ihre Kraft. Richtung Süden verlasse ich Piamprato und treffe auf der Straße ein älteres Paar. „Buongiorno! So sieht man sich wieder!“ ruft die Frau. Irritiert schaue ich ihnen entgegen. Ich kann mich nicht erinnern, den beiden schon einmal über den Weg gelaufen zu sein. „Wir sind gestern den ganzen Tag hinter dir gelaufen,“ ergänzt der groß gewachsene bereits ergraute Herr mit Brille an ihrer Seite. Christine und Stephan, wie die beiden heißen, gehen wie so viele deutsche Wanderer die GTA über mehrere Jahre in Etappen. Auch sie wollen heute in Talosio ankommen. „Aber den Asphalthatscher bis Ronco sparen wir uns,“ meint Christine und zeigt auf die nahegelegene Bushaltestelle. „Dann sehen wir uns später,“ rufe ich über die Straße hinweg und laufe weiter.
Durch Milchglas
Doch bald schon verliere ich die Markierungen, tapse durch wegloses Gelände und brusthohes Gras. Kurz darauf zwingen mich mächtige Baumstämme quer über dem Weg zum Klettern. „So ein Scheiß! Schon klar, dass hier kein Weg mehr passierbar ist, wenn alle den Bus nehmen!“ fluche ich laut durch den Wald. Doch es hilft nichts. Einmal mehr mähe ich mich durch den italienischen Busch.







Unterdessen vibriert mein Handy unentwegt. Es ist die WhatsApp-Gruppe meiner Redaktion. Nach der Sommerpause starten meine Kollegen in die Planung der nächsten Sendung. Thema: Handyverbot an Schulen. Ich scrolle durch den Chat. Während ich mich hier durch das italienische Unterholz wühle, graben sich meine Kollegen im Büro vor ihren Bildschirmen durch die Nachrichten, Suchergebnisse, Telefonlisten. Der Gedanke an diesen vertrauten Arbeitsalltag wirkt seltsam fremd. Nur schwer kann ich die Erinnerung daran greifen. Sie wirkt entrückt, als würde ich durch eine Milchglasscheibe blicken. Hier und jetzt habe ich nur die eine sehr praktische Aufgabe: über weitere drei Baumstämme zu klettern. Die Äste ziehen feine Striemen auf meiner Haut. Schweiß läuft mir in die Augen. Mit dem Gewicht des Rucksacks auf dem Rücken ziehe ich mich über die Krone eines umgestürzten Baumes den Hang hinauf. Völlig außer Atem setze ich schließlich wieder beide Füße auf den Boden. Den Gruppenchat schalte ich stumm.
Rückgewöhnung in Talosio
Nach einem kurzen Einkaufsstopp in Ronco beginnt der schweißtreibendste Teil des Tages: Der Aufstieg auf den Colle Crest. Rasch lasse ich die Baumgrenze wieder hinter mir und kann schon bald auf die vielen kleinen Häuschen im Tal hinabblicken. Mittlerweile gewöhne ich mich an das dürftige Mittagessen aus Toastbrot, Frischkäse und Tomatenmark. Einzig an die riesigen und teils geflügelten Waldameisen, die heute während meiner Rast ebenfalls „zu Tisch“ pilgern, mag ich mich nicht gewöhnen. Hastig verschlinge ich meinen Snack und laufe weiter. Am Kamm angelangt wird der Blick auf das Val di Ribordone frei.
In Talosio melde ich mich in der einzigen Trattoria. So steht es im Wanderführer für alle GTA-Wanderer, die eine Übernachtung suchen. Drinnen sitzen bereits die Einheimischen bei Aperol Spritz, Vino Rosso und Bier beisammen. Die Stimmung ist ausgelassen, sodass zunächst keiner von der einzelnen Wanderin Notiz nimmt, die vor der Bar wartet. Schließlich taucht eine Signora hinter dem Tresen auf, die mit einer flinken Handbewegung zwei Mädchen im Teenageralter vorausschickt. Gelangweilt und genervt zugleich traben die beiden los und ich hinter ihnen her quer durch das Dorf.








Wie schon in Campello Monti beherbergt auch in Talosio eine alte Schule die Wanderer der GTA. Christine und Stephan haben bereits das Doppelbett in der alten Lehrerwohnung bezogen. Ich lasse mich im Dreierzimmer daneben auf eines der Metallbetten fallen. Es wird der vorerst letzte Abend allein. Morgen kommen mich Sebastian, Martin und Mario besuchen. Es wird sicher schön, bekannte Gesichter zu sehen. Gleichzeitig spüre ich, wie ich mich innerlich regelrecht darauf einstellen muss, ab morgen nicht mehr die einzelne Wanderin, sondern Teil einer Gruppe zu sein.
Das gemeinsame Abendessen mit Christine und Stephan in der Trattoria fühlt sich beinahe nach Eingewöhnung an. Deutsch. Vertraut. Nüchtern. Neugierig wandern meine Blicke immer wieder an den Nachbartisch. Dort tafeln die Einheimischen. Italienisch. Laut. Lebendig. Doch die Welten bleiben an diesem Abend getrennt.
