Durchlässig: Zwischen Walserdörfern und dem Monte Rosa

Monte Rosa im Sonnenaufgang

Geschickt hat mein Kopf die Kirchenglocken in all meine Träume der vergangenen Nacht eingebaut, sodass ich einigermaßen ausgeschlafen in den Tag starten kann. Durch das Valle Strona steige ich auf in Richtung Campello Monti. Die Hänge sind bewaldet. In jedem der vielen kleinen Bergdörfer, die ich passiere, finde ich mindestens ein Denkmal, das an die Tapferkeit der Alpini in den vergangenen Kriegen erinnert.

Alpini-Denkmal
In jedem kleinen Bergdorf findet sich mindestens ein Alpini-Denkmal.

Die Alpini sind die Gebirgstruppe des italienischen Heeres. Doch hier in den Bergen sind sie viel mehr als das. Sie sind ein identitätsstiftendes Geflecht aus Erinnerung, Gemeinschaft, Natur und Haltung. Ich entdecke Spielplätze, die von Alpini-Gruppen errichtet wurden. Dorffeste werden von ihnen organisiert, Wanderwege repariert. Das Erkennungszeichen ist der Cappello Alpino, ein Hut meist aus grünem oder braunem Filz, geziert von der penna nera – einer schwarzen Feder. Er ist kein heroisches Symbol, sondern verweist leise, aber standhaft auf die Wurzeln seines Trägers.

🎼 Là su per le montagne
Tra boschi e valli d’or
Tra l’aspre rupi echeggia
Un cantico d’amor

Walser in Italien

Am Eingang des Valle Strona prägen noch piemontesisch-alpine Steinbauten die Häuser; am oberen Ende des Tals ändert sich das Bild. Holz durchzieht die Fassaden, weit überstehende Dächer und offene Balkone erinnern an den Baustil in Österreich und der Schweiz. Die Ortsschilder begrüßen Ankommende neben Italienisch auch auf Deutsch.

Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert zogen Bergbauern und Handwerker aus dem Wallis nach Süden, um die abgelegenen Täler Norditaliens zu besiedeln. Baustil, Sprache und Kultur brachten sie mit sich über die unsichtbare Grenze – bis heute existieren diese Walserdörfer.

Auf die Grande Traversata delle Alpi

Das kleine Bergdorf Campello Monti bildet das Ende des Valle Strona. 1980 starb der letzte Einheimische, der es ganzjährig bewohnte. Die Abwanderung macht den Tälern des Piemont schon seit Jahrzehnten zu schaffen. Nach dem Vorbild des französischen GR 5 wurde deshalb Ende der 1970er Jahre die „Grande Traversata delle Alpi“ (GTA) ins Leben gerufen. Die alten Arbeits- und Verbindungswege zwischen den Talschlüssen wurden freigeschlagen, um einen Weg über den Westalpenbogen bis ans Mittelmeer zu spannen. Die Etappen enden in den jeweiligen Taldörfern und verschaffen den Bewohnern eine Lebensgrundlage. So beherbergt die alte Schule von Campello Monti heute keine Kinder mehr, sondern Wanderer. „Posto Tappa“ werden diese Unterkünfte entlang der GTA genannt.

Mein Ziel ist das Albergo Nigritella, das zweite Posto Tappa des Dorfes. Die Wirtin spricht nur Italienisch und winkt mich hinter sich her die Treppe hinauf. Ich beziehe ein holzgedieltes Einzelzimmer. „Il bagno è solo per te,“ weist sie auf die Tür über den Flur. Immerhin diesen Satz habe ich verstanden. Erneut breitet sich das Gefühl der Unzulänglichkeit in mir aus, weil sich mein Wortschatz noch immer auf „Buongiorno“ und „Grazie“ beschränkt.

Fang endlich mal an, Italienisch zu lernen!

Weil die meisten Italiener der Wanderschaft eher weniger zugeneigt sind, ist die GTA heute vor allem bei deutschsprachigen Weitwanderern beliebt. So kann ich beim Abendessen plötzlich wieder die Gespräche an den Nachbartischen verstehen. Auf eine Weise finde ich es schön. Andererseits will ich stärker als zuvor in die Lebenswirklichkeit und Sprache der Einheimischen eintauchen, statt in bekannten Blasen zu verweilen.

Italienisch lernen zu Fuß

Am nächsten Morgen lade ich ein Hörbuch aufs Handy. In 15 Lektionen soll man damit beim Autofahren Italienisch lernen. Was im Auto funktioniert, wird hoffentlich auch zu Fuß klappen. Der Aufstieg auf die Bocchetta di Campello ist schweißtreibend. Doch nach den ersten zwei Stunden werde ich mit einem atemberaubenden Blick auf das Monte-Rosa-Massiv am Horizont belohnt. Nur kurz gehört das Panorama mir allein, bevor ich es wenige Minuten später mit etwa zehn weiteren Wanderern teilen muss. Ich ergreife die Flucht hinab über gelbverbrannte Wiesen, an deren Rändern bereits die Heide blüht.

Mit dem Italienisch-Hörbuch in den Ohren beginne ich nach einer kurzen Pause in Rimella meinen zweiten Aufstieg des Tages. Einer der ersten Sätze, die ich lerne:

Io sono felice.

Ein kleiner Glücksmoment. Durch grüne Buchenwälder zieht sich der Weg nach oben und mündet schließlich wieder auf halbtrockenen Almenwiesen. Mittlerweile ist es später Nachmittag und ich sehne das Ende der Etappe herbei. Noch immer hängen meine Gedanken den Erlebnissen der letzten Wochen nach. Da mir der Sinn nicht nach Gesellschaft und den immer gleichen Gesprächen mit anderen Wanderern steht, beschließe ich im Zelt zu übernachten. Auf der Karte habe ich eine verlassene Alpe erspäht. Doch der Tag zieht sich wie Kaugummi. So stehen mir ein weiterer Abstieg und abermals ein Aufstieg bevor.

An einem kleinen Wasserfall fülle ich schließlich meine Trinkblasen. Die letzte befahrbare Straße ist weit entfernt. Vogelzwitschern und das Rauschen eines Wasserfalls sind alles, was ich hören kann, nachdem ich mein Zelt hinter einem der alten Gebäude aufgebaut habe. Zufrieden rühre ich in meinem Kartoffelbrei mit Gemüsebrühwürfel und denke dabei an Celine, die mich überhaupt erst auf diese Kombination gebracht hat. Gespickt mit Kaminwurz und Karotte wird beinahe eine vollwertige Mahlzeit daraus. Erschöpft vom heutigen Zehn-Stunden-Marsch falle ich danach auf meine Isomatte und schlummere schon bald in einen erholsamen Schlaf.

Spontanität kann man lernen

Am nächsten Morgen bahnt sich ein Ohrenkriecher seinen Weg durch meinen Topf. Es fällt mir schwer aufzustehen und so breche ich erst nach 9.00 Uhr auf. Zu beiden Seiten erheben sich sattgrüne Berge über dem Valle Baranca. Ein Wasserfall stürzt spektakulär ins Tal. Vom Colle d’Egua aus soll man laut Wanderführer den besten Blick auf das Monte-Rosa-Massiv haben. Doch als ich endlich oben ankomme, verhüllen Wolken die Sicht. Ich atme tief durch und steige ab. Dicht drängen sich die steinernen Dächer von Carcoforo aneinander. Ich höre in mich hinein, spüre dem Gefühl in meinem Körper nach.

Nein, es fühlt sich nicht an, wie weitergehen und noch weniger wie eine weitere Nacht im Zelt.

Spontan entscheide ich mich für eine kürzere Etappe, für eine andere Übernachtung. Auf meinem Weg ins Dorf wiederhole ich in meinem Kopf gebetsmühlenartig diesen nächsten wichtigen Satz:

C’è un letto disponibile per una persona stanotte?

Doch bevor ich ihn aussprechen kann, fragt mich die junge Frau hinter dem Tresen des Rifugio Alpenrose: „Do you want to stay tonight?“ Ernüchtert und erleichtert zugleich antworte ich „Yes.“ Mir wird also ein weiterer Tag bleiben, um diesen Satz zu üben. Bei einem Espresso beuge ich mich über die Routenplanung und lausche den Gesprächen der Einheimischen, die sich nach getaner Arbeit auf ein Bier in der Bar des Rifugio treffen.

Liminal

Müde und gedankenschwer beginne ich am nächsten Morgen den ersten Aufstieg des Tages zum Colle Termo. Die Berge sind hier von einer wilden Schönheit mit üppig grünen Nordhängen. Ein paar letzte Alpenrosen öffnen ihre Blüten. Schmetterlinge umkreisen das Blumenmeer. Einige Schneefelder senden müde Wintergrüße. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen. Schon seit einer Weile trage ich diesen Gedanken mit mir herum. So setze ich den Rucksack ab und lege mich auf das verharschte Weiß. Meinen überhitzten Körper durchflutet ein kühles Gefühl der Lebendigkeit. Tief grabe ich meine Finger in den Schnee bis die Kälte schmerzt und blicke in den Himmel. „Il cielo è nuvoloso,“ verlässt ein erster italienischer Satz meine Lippen. Ich schließe die Augen, atme, fühle, höre die Landschaft und ein leises Lied.

🎼 If I lay here, if I just lay here
Would you lie with me

Tränen laufen mir über das Gesicht. Ich fühle mich offen, als wäre meine Haut keine Grenze, sondern eine dünne Membran. Alles geht hindurch und tief: Worte, Gefühle, Schmerz – auch wenn sie anderen gelten oder gehören – finden in mir einen Körper. So inhaliere ich die Ruhe des Augenblicks. Seit einigen Tagen schon habe ich keine Lust auf Telefonate oder banale Gespräche, will stattdessen ganz im hier und jetzt sein. Als ich wieder aufstehe, ist mein T-Shirt am Rücken völlig durchnässt. Doch es ist mir egal. Den Moment war es mir wert.

Fokus des Fernwanderns

Als ich den Colle Termo erreiche, sitzen dort bereits drei weitere Wanderer. Gabi und Wolfgang, ein Pärchen aus Wuppertal stellen sich vor. Doch am Dialekt höre ich, dass dort nicht ihre Wurzeln liegen können. „Wir kommen ursprünglich aus Thüringen,“ erzählt Gabi. Von Ventimiglia aus laufen die beiden die GTA in umgekehrter Richtung. Als ich von meiner Tour erzähle, will Wolfgang genau wissen, über welche Gebirge und Berge ich gegangen bin. Mittlerweile dauert diese Aufzählung gut zehn Minuten.

„Vor ein paar Jahren bin ich den PCT gegangen,“ erzählt Wolfgang dann fast schon beiläufig. „Den Pacific Crest Trail?“ frage ich mit geweiteten Augen nach. „Ja, allein und auch in umgekehrter Richtung.“ Ich staune nicht schlecht. Der Pacific Crest Trail ist einer der legendärsten Fernwanderwege überhaupt. Auf 4.265 Kilometern verläuft er an der amerikanischen Westküste von Mexiko bis nach Kanada durch Wüste, Hochgebirge, Wälder, vorbei an Vulkanen und einsamen Seen. „In den ersten sechs bis acht Wochen habe ich noch viel an zu Hause gedacht, an die Familie, die Kinder und die Arbeit,“ erzählt Wolfgang. „Aber dann plötzlich vergisst du das alles,“ ergänzt er. Dann sei nur noch wichtig, wohin du heute gehst, wo du schläfst, wo du das nächste Mal etwas zu essen bekommst. „Wie fühlt es sich für dich an?“ will er wissen. Ich nicke stumm, bevor ich gequält und verschämt antworte: „Genauso.“ Da ist kein Heimweh mehr und selten ein Gedanke an zu Hause. Das Gespräch holt mich aus meinem mentalen Tief und nimmt mir zugleich das schlechte Gewissen. Ich bin nicht die einzige, deren Fokus sich auf einer Fernwanderung verschiebt. Wenngleich nur die wenigsten nachvollziehen können, was das bedeutet.

Gemeinsam machen wir noch ein Foto, bevor wir in entgegengesetzte Richtungen absteigen. Der Weg nach Rima führt hinab über endlose Grashänge. Obwohl kulturell bedeutsam hält es mich dort nicht lang. Ein weiterer Aufstieg zum Colle di Mud steht mir bevor. So bestaune ich im Vorbeigehen die umlaufenden Holzbalkone, Laubengänge und gepflegten Gärten in den Hinterhöfen.

Begegnungen auf dem Rifugio Ferioli

Als die Baumgrenze endet, säumen Blaubeersträucher den Pfad zu beiden Seiten. Hier und da nasche ich ein paar reife Früchte. Auf dem Rifugio Ferioli habe ich mich nicht angekündigt. Nun, da keiner auf mich wartet, verspüre ich auch keinen Druck. Es ist befreiend. Zugleich wundere ich mich über meine eigene Ruhe angesichts der unklaren Übernachtungssituation. Auf den Stufen vor der Hütte sitzt eine ältere Frau. Mit etwas Aufregung in der Stimme bringe ich nun jenen Satz hervor, den ich seit Tagen innerlich übe: „C’è un letto disponibile per una persona stanotte?“

„Sì,“ antwortet sie und fährt in schnellem Italienisch fort. Kleinlaut antworte ich: „Parlo solo un poco di italiano.“ Sie lächelt, geht in die Hütte und kommt mit einer jungen Frau etwa in meinem Alter zurück. „I’m Mathilde. My mother told me, that you would like to stay tonight,“ sagt sie mit einem zurückhaltenden, aber warmen Lächeln. Nach einer Dusche nehme ich im Gastraum des Rifugio Platz. Wieder einmal bin ich der einzige Übernachtungsgast. Doch schon nach kurzer Zeit streckt eine weitere junge Frau ihren Kopf durch den Aufgang der steilen Treppe. „Hello I’m Greta. Would you like to have dinner with us?“ fragt sie. Freudestrahlend über das Angebot folge ich ihr hinab in die Wohnküche des Hüttenteams. Dort sitzt bereits Mathilde am Tisch. Ihre Mutter Cristina und der 13-jährige Gabri wuseln herum. In tiefer Ruhe steht Hüttenwirt Gianni hinter dem Herd.

Zwischen klappernden Töpfen, Tellern und dem Brutzeln in der Pfanne fliegen italienische Wortfetzen hin und her begleitet von wilden Gesten. Ich beobachte die Szenerie und Mathilde beobachtet mich. Schließlich fragt sie beinahe verschämt: „What do you think about us Italians? Are we annoying, exhausting?“ Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch. „No, not at all. I think you’re very… alive,“ antworte ich lächelnd. Sie lacht erleichtert.

Mamma Mia! Was für ein schöner Abend!

Wenig später dampfen beste hausgemachte Spaghetti Carbonara auf den Tellern vor uns. Gianni hat mir eine Extraportion Fleisch gebraten. Platten mit Käse und Kuchen komplettieren das üppige Abendessen. Immer wieder dolmetscht Mathilde zwischen mir und den anderen. Weil sie ein Jahr als Au Pair in England gelebt hat, spricht sie gut Englisch. „I’d actually like to learn more Italian,“ meine ich schließlich. Reihum erfahre ich daraufhin das Alter von jedem am Tisch, um meine Zahlenkenntnisse zu festigen. Gianni ist bereits in seinen 70ern und tief mit der Region rund um das Monte-Rosa-Massiv verwurzelt. Über 25 Mal ist er schon auf der Capanna Margherita gewesen. Mit 4.554 Metern Höhe ist sie die höchstgelegene Hütte in ganz Europa. Auch jetzt sei er beinahe jede Woche am Monte Rosa unterwegs. Ich bin tief beeindruckt und hoffe insgeheim mit 70 Jahren auch noch so fit zu sein.

Unterdessen heftet mein Blick auf der Gitarre an der Wand. „Do you play guitar?“ will Greta wissen. „A little bit. It’s been a very long time since I last played.“ antworte ich und schnappe mir das Instrument und beginne zu spielen. „I know a song from a German Band,“ wirft Cristina ein „‚Wind of change‘ from the Scorpions.“ Gemeinsam stimmen wir dieses Lied des Umbruchs und der Freiheit an. Die Stimmung ist ausgelassen, als ich wenig später die Becher im Takt des „Cup-Songs“ über den Tisch fliegen lasse und Gabri schließlich mit flinken Fingern „Tarantella Neapoletana“ auf der Gitarre zum besten gibt.

Sichtlich angetan von der unerwarteten Fröhlichkeit in seiner Hütte wendet sich Gianni, der kaum Englisch spricht, an Mathilde, die für mich übersetzt. „Gianni suggests that we could climb the Corno di Mud together tomorrow morning,“ von dort aus habe man einen der besten Ausblicke auf den Sonnenaufgang über dem Monte Rosa. Meine Augen funkeln. Ohne zu zögern verlässt ein „Sì!“ meine Lippen, auch wenn das bedeutet, dass die Nacht um 3.45 Uhr vorüber sein wird.

Dennoch möchte ich nicht ins Bett gehen. Viel zu groß ist die Angst, etwas von diesem wundervollen Abend zu verpassen, denn wie immer habe ich nur diesen einen. Voller Inbrunst singt Greta „Islanda“ von Pinguini Tattici Nucleari, ein toller Song, den ich mir gleich in meine Playlist speichere. Während Gianni sich ins Bett verabschiedet, sitzen Mathilde, Greta, Cristina, Gabri und ich noch lang beisammen und schmettern Abba-Songs.

Mamma Mia!

Magischer Morgen am Monte Rosa

Die letzten Worte des Abends sind die ersten des Tages. Ich bin fix und fertig, als mich der Wecker aus dem Schlaf reißt. Doch ich denke nicht lang darüber nach, ziehe mich an und sitze wenig mit Gianni in der Küche, in der Hand die erste Tasse Espresso des Tages. Als Greta und Mathilde in der Tür stehen, kann es losgehen. Die Nacht ist sternenklar. Schritt für Schritt steigen wir durch die Dunkelheit. Einzig unsere Stirnlampen erleuchten den Weg. Je höher wir kommen, desto stärker verdichten sich plötzlich die Wolken. Ein Gefühl von Enttäuschung wächst in meinem Magen, als wir in der dämmergrauen Nebelsuppe knapp unterhalb des Gipfels stehen.

Doch auf den letzten Metern frischt der Wind plötzlich auf und zerreißt den Wolkenschleier. In zartem Sonnenaufgangsrosa glitzern die schneebedeckten 4.000er Gipfel des Monte-Rosa-Massivs dahinter. „Magico,“ flüstert Mathilde. Einen Moment sitzen wir einfach nur schweigend da und beobachten das Naturschauspiel. Nicht länger als eine halbe Minute dauert das Spektakel, bevor die Wolken sich erneut verdichten. Es wirkt beinahe so, als wolle der Berg nur flüchtig zeigen, dass er unverrückbar dort steht, ohne jedoch zu viel von seiner Magie preiszugeben.

Monte Rose bei Sonnenaufgang
Momento Magico

Mit der aufgehenden Sonne im Rücken und einem müden aber zufriedenen Lächeln im Gesicht geht es zurück zum Rifugio.

Das Frühstück ist typisch: Zwieback, etwas Marmelade und Tee oder Espresso. Gianni entgeht mein gequältes Gesicht nicht. Die überschaubare Kalorienzufuhr würde für mich Hunger nach der ersten halben Stunde bedeuten. Ohne zu zögern stellt er etwas Käse auf den Tisch. Wieder einmal fällt mir der Abschied alles andere als leicht – zu schön waren die wenigen gemeinsamen Stunden. Herzlich nimmt mich jeder noch einmal in den Arm. „Buon cammino!“ rufen die fünf mir nach.

Schweizer Nationalfeiertag im Val Vogna

Im Gegensatz zu den bisherigen Walserdörfern ist Alagna touristisch sehr gut erschlossen. Dementsprechend schlendern allerhand Besucher durch die Gassen. Etliche Autos parken hier und da am Straßenrand. Kurz werfe ich einen Blick in die Kirche und entzünde eine Kerze. Mit dem kleinen Dorf Sant’Antonio im Val Vogna klingt die Walserkultur endgültig aus. Spontan erhalte ich im örtlichen Rifugio einen Übernachtungsplatz. Das Zimmer teile ich mir mit einem deutschen Paar.

Obwohl das Rifugio gut besucht ist, werde ich am Abend allein an einem Tisch platziert. Angeregt unterhalten sich die anderen Wanderer in ihren Gruppen untereinander, während ich gedankenversunken in meinem Essen stochere. Plötzlich steht die Kellnerin neben mir. „These two gentlemen would like to invite you,“ sagt sie und weist auf zwei Herren am Nebentisch. „Heute ist der 1. August, unser Nationalfeiertag in der Schweiz. Wir würden dich gern auf einen Schnaps einladen,“ sagt einer von ihnen. Wenig später sitzen wir gemeinsam an einem Tisch. Doch als ich von meinem Job als Journalistin in Sachsen erzähle, kippt das Gespräch. Einer der beiden ist selbst Abgeordneter im Parlament seines Heimatkantons und möchte nun ganz genau wissen, wie es sich bei uns mit der AfD verhält, warum der Osten anders wählt als der Westen und was die Menschen so unzufrieden macht. Ich spüre, wie dieses Gespräch mich unzufrieden macht.

Seit Wochen habe ich keine Nachrichten gehört.
Meine Welt ist kleiner geworden – und zugleich größer.

Obwohl ich ständig in Bewegung bin, ist sie ruhiger.
Obwohl ich nicht weiß, was anderswo geschieht, ist sie weiter.
Obwohl mein Besitz in einen Rucksack passt, habe ich eine tiefe Zufriedenheit gefunden.

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