Mit gemischten Gefühlen erwache ich am nächsten Morgen. Ich fühle mich angekommen und doch zieht es mich weiter. Die neuen Bergstiefel aus der Heimat passen wie angegossen. Nach dem Frühstück starten meine Eltern und ich erneut nach Gravedona. Schwer rollen die Wolken über den Lago di Como. Die erste Bergkette verschwimmt bereits im Regenschleier, als wir auf meine 55. Etappe aufbrechen. Für die ersten Kilometer werden meine Eltern mich begleiten, bevor ich den Weg erneut allein fortsetze. Doch nach wenigen Minuten flüchten wir in den Innenhof einer Kirche, als uns die Regenfront einholt.
In Dongo verlassen wir die Seeufer und steigen hinauf in die Berge. Es nieselt immer wieder. Meine Beine sind müde, und insgeheim bin ich froh, heute nur eine kurze Etappe vor mir zu haben. Der Weg zieht sich durch kleine Dörfer nach oben, bis er schließlich im Wald verschwindet. Immer wieder blicke ich zurück auf den Lago di Como. Wie flüssiges Blei liegt er grau und schwer unter uns. Ich denke zurück an die vergangenen sonnigen Tage. Wehmut schleicht sich von hinten an. Zugleich will ich weg. Bewegung reguliert die Emotionen.
Schritt für Schritt. Schritt für Schritt. Schritt für Schritt, wie Beppo der Straßenkehrer.

Fröhlich läuft mein Vater voran. „Man muss ganz schön aufpassen, wohin man tritt“, kommentiert er den schlüpfrigen Steig. Meine Gedanken wandern durch die vergangenen Tage und Wochen. In Baltrigo verabschiede ich mich von meinen Eltern. Meiner Mama läuft eine Träne über das Gesicht, als wir uns umarmen. Ich weiß, wie schwer es ihr fällt, mich wieder ziehen zu lassen. Allein.
Noch eine Weile drehe ich mich um. Meine Eltern werden immer kleiner bis sie schließlich hinter einer Kurve verschwinden. Kurz vor der Alpe Brunedo überfluten mich die Emotionen. Ich sinke ins Gras. Tränen trüben die Sicht in den regengrauen Himmel. Doch ich darf sie laufen lassen. Niemand wird eine Erklärung fordern. Niemand wird wütend sein. Ich muss nichts halten oder spiegeln. Ich bin allein.







Begegnungen auf der Alpe Brunedo
Nach einer Weile raffe ich mich auf. Wenige hundert Meter sind es noch bis zu dem kleinen orangen Haus der Alpe Brunedo. Hinter der verglasten Tür beginnt ein Hund zu bellen, lang bevor ich die Klinke überhaupt drücken kann. Ich klopfe gegen die Scheibe. Ein älterer Herr mit langen ergrauenden Haaren und gebeugtem Rücken öffnet die Tür. Nuschelnd bringt er ein „Buongiorno“ hervor. Er winkt mich herein in den Wohn- und Essbereich. Der Fernseher läuft. Auf der Couch davor liegt mit hochgezogener Kapuze ein junger Mann etwa in meinem Alter. Rasch springt er auf. „Hello! You must be Julia, right?“ fragt er mit einem breiten Lächeln. „Yes, I am,“ antworte ich. „I’m Nicolas,“ stellt er sich vor und ergänzt „My father doesn’t speak English. Sorry.“ – „It’s not a problem. I don’t speak Italian as well,“ antworte ich lachend. Nicolas zeigt mir den Frauenschlafsaal, den ich heute ganz allein bewohnen darf.


Zurück im Wohn- und Esszimmer, stellt sich Alessio vor, ebenfalls Anfang dreißig, dunkler Vollbart. Auch er arbeitet auf der Alpe. „Do you want to drink a beer? We could share one,“ schlägt Nicolas vor. Kurz darauf sitzen wir jeder mit einem Glas zu dritt vor dem Rifugio und teilen uns einen halben Liter Bier. Weil Nicolas für eine Weile in den USA studiert hat, spricht er gut Englisch. Ganz im Gegensatz zu Alessio. Immer wieder übersetzt Nicolas vom Englischen ins Italienische und umgekehrt.
Als ich von meiner Route und den ersten 1.000 Kilometern erzähle, fällt Alessio beinahe vom Stuhl. „A piedi? A piedi?“ fragt er ungläubig und lässt Mittel- und Zeigefinger wie zwei Beine über den Tisch tippeln. Geduldig beantworte ich die obligatorischen Fragen zur Angst vor Wölfen, Bären und dem Alleinsein. Aber nein. Die größte und mittlerweile einzige Angst habe ich vor Gewitter am Berg. Fassungslos schüttelt Alessio den Kopf und wechselt ein paar schnelle italienische Worte mit Nicolas, der sein Lachen nur schwer unterdrücken kann. „What’s up?“ will ich wissen und lasse den Blick zwischen den beiden Jungs hin- und herschweifen. „He thinks, you are a funny girl,“ antwortet Nicolas. „Why?“ – „You are completely different from Italian girls, especially those from the South,“ erzählt Nicolas. Viele würden es schon als Flirt lesen, von einem Mann nur angesprochen zu werden. Zusammensitzen und einfach ein Bier trinken oder sogar allein durch die Berge laufen – das sei nahezu undenkbar.
Selbstgemachte Ravioli & Sternegucken
Unruhig raucht Alessio eine Zigarette nach der anderen, tigert auf und ab, wechselt schnelle italienische Wortfetzen mit Nicolas. Alessio hasse die Berge und die Stille hier. Er sehne sich nach der Großstadt und dem Meer in seiner Heimatregion Apulien, antwortet Nicolas auf die stillen Fragezeichen in meinem Gesicht. Es ist seltsam wie das Leben spielt. Ich würde die Berge und ihre Ruhe am liebsten nie mehr verlassen, kann aber nicht bleiben. Ein anderer fühlt sich in ihrer Einsamkeit und Höhe gefangen, kann aber nicht einfach gehen.
„Do you want to cook ravioli with us?“ fragt Nicolas schließlich. Voller Vorfreude weiten sich meine Augen. Noch nie habe ich Ravioli selbst gemacht. „Yes of course,“ antworte ich und finde mich bald darauf in einer Arbeitslinie zwischen den beiden wieder. Alessio walzt den Teig. Ich fülle die Quadrate mit Spinatricotta und drücke sie vorsichtig zusammen, bevor Nicolas die kleinen Taschen mit dem Teigrädchen ausschneidet.



Als wir später zum Abendessen beisammen sitzen, bin ich mit dem Ergebnis der selbstgemachten Ravioli sehr zufrieden. Es geht ein wenig hemdsärmelig zu auf der Alpe Brunedo. Eigentlich fühlt es sich eher so an, als sei ich bei guten Freunden zu Besuch und nicht auf einer Berghütte zu Gast. Hinzugekommen sind auch zwei Mountainbiker aus Deutschland. Die beiden Männer überqueren die Alpen von Nord nach Süd mit ihren Rädern. Als wir nach dem Essen vor der Hütte sitzen, sprechen sie mich an. „Was für eine Männerwirtschaft. Eine Frau täte der Hütte gut,“ meint einer der beiden. „Man könnte hier so viel draus machen. Bei uns würde das ganz anders aussehen,“ ergänzt der andere. Ich fühle mich daran erinnert, was ich nicht vermisse: Das deutsche Gemeckere und die latente Überheblichkeit, das eigene Maß an fremde Mentalität und Kultur anzulegen.
Alessio, Nicolas und ich teilen uns unterdessen noch ein Bier. Dank Google Translate tauschen wir uns noch eine Weile aus über Musik, meine Route das Leben hier, als Alessio irgendwann fragt, ob wir nicht einen Spaziergang machen wollen, um später in die Sterne zu schauen. Ein Schmunzeln über diesen Versuch kann ich nicht ganz unterdrücken. „I checked the weather forecast. We won’t see any stars tonight. There will be a thunderstorm later,“ kontere ich zugegeben rational deutsch und verabschiede mich ins Bett.
Neue Ängste
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen ist noch keiner der Jungs wach und so ziehe ich weiter, ohne mich zu verabschieden. Grau hängen die Wolken am Himmel und gleiten sanft über die Bergrücken der Luganer Alpen. Es dauert eine Weile, bis aus den breiten Fahrwegen wieder schmale Wanderpfade werden. Oberhalb der Baumgrenze kündigen Glocken zwei Schafherden an. Als ich mich nähere, stürmen zwei große Hunde auf mich zu. Augenblicklich schießt Adrenalin durch meinen Körper. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, strecke meine Wanderstöcke zu beiden Seiten aus. Nur wenige Zentimeter trennen die gefletschten Zähne der kläffenden Vierbeiner von meinen Beinen. „Stop your fucking dogs!“ brülle ich in Richtung der Hirtin. Doch ihre Kommandos verhallen ungehört. Irgendwann lassen sie ab. Mein Körper bebt.





„There is another herd with a dog,“ gestikuliert die Hirtin auf den vor mir liegenden Weg. Völlig fertig mit den Nerven gehe ich wütend an ihr vorüber ohne sie eines Blickes zu würdigen und korrigiere innerlich meinen gestrigen Satz. Nicht nur Gewitter machen mir Angst. Ab jetzt sind es auch Herdenschutzhunde.
Über Gänge zwischen den Seen
Ich wandle auf dem Grat zwischen Italien und der Schweiz. Immer wieder verheddern sich die Wolken in der Bergkette, reißen ab. Sonne durchbricht den zarten Schleier. Im Osten erspähe ich den Lago di Como, im Westen den Lago Lugano. Winzig klein verstecken sich in den verschlungenen Tälern dazwischen kleine Häuschen, die sich zu Bergdörfern anhäufen. Waren meine Gedanken am Morgen noch trüb, werden sie hier oben leicht und klar.
🎼 Keep your clever lines
Hold your easy rhymes
Silence everything
Silence always wins








Ohne Angst überwinde ich die vielen kleinen Kraxelstellen. Mein Körper und mein Kopf sind stark. Leichtfüßig entkomme ich der Gewitterwalze hinter mir, laufe den Berg hinab bis zur Capanna San Lucio auf der Schweizerischen Seite. Ich bin der einzige Gast. Die beiden Wirte sprechen nur Italienisch. Wir verständigen uns auf das Nötigste mit Händen und Füßen. Zufrieden bleibe ich mit meinen Gedanken allein am Tisch und beobachte das Wetterspektakel vor dem Fenster.

Schleusen auf für Emotionen
Auch am nächsten Morgen trommelt der Regen unablässig auf das Dach der Hütte und verstärkt meine mittlerweile gewohnt gemischten Gefühle. Celine textet und fragt, wie es mir geht. Sie hat Domodossola erreicht, befindet sich beinahe schon auf der Grande Traversata delle Alpi. Doch Dauererschöpfung und Einsamkeit setzen ihr zu. Sie spielt mit dem Gedanken abzubrechen. Ich ermutige sie, einen Pausentag einzulegen. Doch der Kloß in meinem Hals wächst. Gerade in den letzten Tagen war es tröstlich gewesen zu wissen, dass dort draußen noch jemand ist, die diesen Weg geht – allein, mit sich selbst. Als der Regen schließlich nachlässt, breche ich in Richtung Lugano auf. Wenig später erreicht mich eine Nachricht von Celine.

Nun öffnen sich alle Schleusen. Tränen laufen mir übers Gesicht. Minutenlang stehe ich auf dem Bergrücken zwischen Kuhweiden und gebe mich den Gefühlen hin, kämpfe nicht dagegen an. Warum sollte ich auch? Es ist niemand da, den es stören könnte. Irgendwann ebbt die Welle ab und ich gehe weiter, immer weiter, hinauf zum Cima di Fiorina. Mit jedem Schritt sortieren sich die Gedanken.
🎼 It’s a perfect alibi
There’s no need to analyze







Trotz regenschweren Himmels leuchtet der Lago Lugano tiefblau. Der Blick weitet sich beinahe bis Porlezza, wo ich noch vor wenigen Tagen mit meinen Eltern pausiert habe. Dieser Moment lässt eine innere Entschlossenheit in mir wachsen.
Nein, jetzt nicht aufgeben. Lauf weiter – für Celine, für alle, die diesen Weg mit dir gehen – für dich!
An den Ufern des Lago Lugano
Immer wieder beginnt es zu regnen. So klappe ich den dünnen Regenponcho wie ein Cabrioverdeck runter und hoch – wieder und wieder und wieder. Waren die Wege gestern teils ausgesetzt, umgibt mich heute üppiges Grün. Buchenwälder, Farn und moosüberzogene Steinmauern begleiten mich hinab ins Tal. Die Stadtgrenze von Lugano schließt sich wie ein Fremdkörper an die wilde Landschaft an. Beton, Glas und schnurgerade, makellose Fassaden wachsen aus dem Hang. Dazwischen ergänzen Palmen die Feriengrundstücke. Der Geruch von Erde und feuchtem Laub wird abgelöst vom Duft exotischer Blüten und Abgasen, als ich die Uferpromenade entlang laufe. Nach neun Stunden erreiche ich das Hotel knapp oberhalb des Hauptbahnhofes. Mit 120,-€ für eine Nacht habe ich mich in das günstigste noch verfügbare Zimmer eingemietet, freilich ohne Frühstück und Abendessen. „Where do you come from?“ will der Rezeptionist wissen. „I set out this morning from Capanna San Lucio,“ antworte ich. Der junge Mann nickt freundlich. Doch die Ratlosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er hat keine Ahnung, woher ich gekommen bin.













Der abendliche Streifzug durch die Stadt führt mich vorbei an Schaufenstern mit teuren Uhren, Designerstücken und Schokolade. Musik dringt durch die schmalen Gassen gespielt von einer Gruppe Frauen. Sie halten Kontrabass, Gitarre und Trompete in ihren Händen. Eine von ihnen streicht mit einem Bogen über die Kante einer Säge. In ganz Lugano findet ein Sommerfestival statt. Artisten und Tänzer machen die Straßen zu ihrer Bühne. Um meine Reisekasse zu schonen, entscheide ich mich für ein Abendessen bei McDonalds. Doch Kinderschreien, das Fiepen der Fritteusen und stete Kommen und Gehen der anderen Gäste treiben mich rasch wieder vor die Tür und zurück in mein Hotelzimmer. Von dort aus beobachte ich, wie sich die blaue Nacht langsam über den See legt. In warmen Farben erhellen die Lichter die Stadt und ziehen sich hinauf bis in die Berge.
Kinder der Eiszeiten
Der nächste Tag hält einen ätzenden Straßenhatscher für mich bereit, der schon nach wenigen Kilometern an der A2 endet. Der Wanderweg sollte hier durch einen Tunnel führen. „Sentiero chiuso“ steht auf einem Schild geschrieben. Eine Baustelle versperrt den Pfad. Doch der Umweg würde über eine Stunde in Anspruch nehmen und so ignoriere ich den Hinweis. Vorsichtig taste ich mich in die neue Unterführung hinein. Die Baustelle ist verlassen, der Beton unter meinen Füßen gerade getrocknet. Am anderen Ende wird der Wanderweg von Gestrüpp überwuchert. Mit großen Schritten übersteige ich die Schikane und setze meinen Weg entlang des Flusses Tresa auf der Grenze zwischen Italien und der Schweiz fort. Viel Aussicht hat die Etappe nicht zu bieten. So erfreue ich mich an den kleinen Naturschönheiten. Hier eine stachelig unreife Edelkastanie. Dort ein adernacktes Blatt. Da kräftig violette Pflaumen an einem Baum.











In Luino öffnet sich der Blick auf den Lago Maggiore. Wie auch der Lago di Como und Lago Lugano ist er ein Kind der Eiszeiten. Vor weit über zwei Millionen Jahren begannen riesige Gletscher aus den Hochalpen nach Süden zu strömen. Der Gletscher des Adda schuf das lange, verzweigte Becken des heutigen Lago di Como. Der mächtige Ticino formte das weite Bett des Lago Maggiore. Kleinere Eisströme, die sich trafen, trennten und wieder vereinten, hinterließen den verschlungenen Körper des Luganersees. Wie gigantische Schleifmaschinen vertieften sie die Täler weit unter das heutige Meeresspiegelniveau. Als sich die Gletscher wieder in die Berge zurückzogen, füllten sich ihre Wunden mit Wasser – die heutigen oberitalienischen Seen entstanden.
Über den Lago Maggiore
Am Hafen von Luino erkundige ich mich nach der Abfahrt der nächsten Fähre nach Baveno und kaufe gleich mein Ticket. Über zwei Stunden bleiben mir bis zur Überfahrt 17.45 Uhr. So lasse ich mich in einem nahegelegenen Café nieder und bestelle mir einen Espresso. Einen ganzen Zuckerbeutel versenke ich in der tiefschwarzen bitteren Flüssigkeit und plane die nächsten Etappen. Weil die Unterkünfte in Omegna ebenfalls recht teuer sind, beschließe ich morgen bis Germagno zu laufen, um übermorgen endlich die GTA – die Grande Traversata delle Alpi – zu erreichen.
Mit der Fähre gleite ich nahezu unbemerkt von der Lombardei hinüber ins Piemont. Es ist eine ganz ungewohnte Perspektive hier oben auf dem Deck. Die Ufer ziehen mit ihren mediterranen Häusern vorbei. Der Wind streift mir durch das Haar. Zaghaft durchbricht die Sonne die Wolkendecke und taucht die Berge in einen magischen Lichtschleier. Am Horizont erheben sich die Walliser Alpen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um von der Schönheit des Moments nicht wieder überflutet zu werden.






In Baveno pulsiert das touristische Treiben in allen Gassen. Ein wenig fühle ich mich an Venedig erinnert. Mein heutiges Ziel ist ein Campingplatz direkt am See. Gleich am Tor weist ein Schild darauf hin, dass der Platz bereits voll ist. Doch weil ich zu Fuß unterwegs bin, darf ich mein Zelt zwischen Gartenzaun und Sanitärgebäude aufschlagen. Geschirr klappert. Musik schallt von einem Festival über den Platz. Die Außenbeleuchtung verhindert, dass es richtig Nacht wird. In meinem Schlafsack verspreche ich mir selbst, das Zelt ab jetzt so oft es geht abseits von Campingplätzen aufzubauen.

Nichts wie weg
Der Freiluftgottesdienst reißt mich aus dem Schlaf. Mein erster Gedanke:
Nichts wie weg.
Es dauert keine Stunde bis ich gefrühstückt und all meine Habseligkeiten wieder zusammengepackt habe. Die Sonne steigt über den Campingplatz. Verschlafen kriechen die Urlauber aus ihren Wohnmobilen und Zelten. Der Duft von Kaffee und Sonnencreme hängt schwer in der Luft. Ich schlendere aus Baveno den Berg hinauf. Noch sind die Terrassen der Restaurants in den Gassen verwaist. Nur wenige Menschen sind zu dieser Uhrzeit schon unterwegs. Noch herrscht wohltuende Ruhe. Nur zwei Ziegen starren mich bei meinem Aufstieg durch den Wald an.





Vor der Reise hatte mir eine gute Freundin das Buch „Die Wand“ von Marlen Haushofer empfohlen. Die ersten Wochen habe ich noch unablässig damit zugebracht, Politik-Podcasts zu hören. Als mich nach und nach die irrationalen Ängste vor dem Alleinsein verließen, konnte ich wieder True-Crime hören. Immer häufiger mischt sich seit einigen Wochen Musik in meine Klangwelten. Nun, nach über neun Wochen des Gehens, fühle ich mich bereit für dieses Hörbuch.
Der Ruf der Berge
Ich versinke in der Ruhe der Natur. Einzig ein Hirte kreuzt mit seiner Schafherde meinen Weg. Immer wieder jauchzt er in seltsamen Lauten vor sich hin. Plötzlich trabt mir etwa ein Duzend kleine stämmige Pferde im Wald entgegen. Nun erst wird mir klar, dass es Lockrufe sind, die der Hirte aussendet, um all seine Tiere den Berg hinunter zu treiben.






Ich erreiche das Gipfelkreuz des Monte Zughero. Mir zu Füßen breitet sich der Lago Maggiore aus. Es tut gut nach zwei Tagen wieder auf einem Berg zu stehen und den Überblick zu haben. Dieser reicht zurück bis zum Pizzo Bernina. Im Westen erspähe ich die weißen Riesen der Monte-Rosa-Gruppe. Den Lärm der Städte lasse ich in den kommenden Tagen hinter mir – endlich.
🎼 But we could live by the foot of the mountain
We could clear us a yard in the back
Build a home by the foot of the mountain
We could stay there and never come back
Aufstieg in die „Stille“
Im örtlichen Supermarkt von Omegna fülle ich noch einmal all meine Vorräte auf. Es wird einige Tage dauern, bis es erneut eine Einkaufsmöglichkeit gibt. Anders als die herausgeputzten touristischen Orte an den Seen im Osten ist Omegna eher industriell geprägt. Zum Verweilen lädt die Stadt kaum ein und so setze ich meinen Weg nach Germagno zügig fort.






Die Häuser des kleinen Bergdorfes sind durch schmale Gassen miteinander verbunden. Auch mein Hostel liegt in solch einer Gasse. Zögerlich wähle ich die Nummer der Gastgeber und werde freundlich empfangen. „Do you need anything for dinner?“ fragt mich Sonia. „No, I’ve got something,“ antworte ich und zeige auf den prall gefüllten Rucksack und den Beutel in meiner Hand. Das Hostel ist ein ehrwürdiges Haus mit hohen stuckverzierten Decken, hölzernen Fenstern und schweren alten Möbeln. Mein ganzer Körper federt nach, als ich mich auf das Bett fallen lasse. Verwundert greife ich nach den Ohrstöpseln auf dem Nachttisch. Doch als ich wenig später im Bett liege, wird mir klar, warum sie das sonst übliche Betthupferl ersetzen. Zehn Mal schlagen die Kirchenglocken so laut, als hingen sie in meinem Zimmer. Als der letzte Schlag verhallt, flüstere ich lächelnd „Buona notte.“
