Eine Weile sitze ich am Ufer des Lago di Como in Gera Lario und beobachte, wie der Wind die Surfer hinaustreibt. Erste Tropfen kitzeln meine Nasenspitze. „Wollen wir los?“ fragt mein Vater. Nachdem sie in einem Café auf mich gewartet haben, sind meine Eltern zu mir an den See gekommen. Ich nicke, er hebt meinen Rucksack an. „Du bist ja wahnsinnig. Wie schwer ist das bitte?“ – Ich antworte nur knapp: „Ich bin es gewohnt.“
Auf der Rückbank des Autos erinnere ich mich an die Sommerurlaube meiner Kindheit: eingenestelt zwischen Kofferstapeln, der Duft von Kaffee und Knacker, während Eros Ramazzotti „Non Siamo Soli“ aus dem Radio schmettert. In Porlezza am Luganersee beziehen wir eine Ferienwohnung. Aus der Fleischerei meines Heimatdorfes haben meine Eltern Wurst mitgebracht. Nach über eineinhalb Monaten habe ich den Geschmack von zu Hause im Mund. Anstelle von Wanderkleidung schlüpfe ich in meinen geliebten hellblauen Sommerzweiteiler, den mir meine Eltern mitgebracht haben.
Fernab vom Alltag
Am Ufer des Luganersees stoßen wir bei einem Aperol Spriz und Bier auf die gemeinsamen Tage an. Wenig später sitzen wir auf dem kleinen Balkon der Ferienwohnung zusammen. Wie ein Wasserfall sprudeln die Erlebnisse und Begegnungen der letzten Tage und Wochen aus mir heraus: Die Gespräche über Urvertrauen mit Michael auf der Sulzkaralm oder über die Vergänglichkeit des Moments mit Otto auf der Gusenalm, aber auch die schicksalhafte Begegnung mit Celine und die große Gastfreundschaft zuletzt bei Luca, der mir die Tür in die Alpenkultur jenseits des Passo Stelvio einen Spalt geöffnet hat. „Da ist viel dran, was du dir für den Alltag bewahren kannst,“ meint meine Mama schließlich.

















Alltag. Der scheint mittlerweile so weit weg. Alles, was ich gerade mache, ist essen, schlafen, laufen immer im Rhythmus der Tageszeit und Einklang mit der Natur. 14 Stunden Sonne, Windrauschen, Bachplätschern, Weite statt Bildschirm, vier Wände, Deadlines, Nachrichtenflut. Und täglich nur das eine Ziel: am nächsten Ort ankommen.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen laufen wir gemeinsam zur Cascata di Begna, einem Wasserfall unweit von Porlezza. Doch als wir ankommen, sitzen dort bereits zwei Duzend Leute. Kinder plantschen in der Gumpe davor, Handtücher bedecken die umliegenden Steine. Wir ergreifen die Flucht in die Berge. Oleander und Palmen wachsen wild am Wegesrand und bald schon sehen wir hinab auf Porlezza mit seinen terrakottafarbenen Dächern und den Luganersee. Den Nachmittag an seinen Ufern genieße ich genauso wie das gemeinsame Abendessen in einem Restaurant in dem kleinen Bergdorf Loggio. Es ist lang her, dass nur meine Eltern und ich im Urlaub waren und doch ist es so vertraut wie früher.

Planänderungen
Am nächsten Morgen platscht es wie aus Eimern. Immer wieder zucken Blitze durch die Luft gefolgt von heftigen Donnerschlägen. Ich bin froh, heute nicht weiterlaufen zu müssen. Stattdessen starten wir mit dem Auto nach Como – nur um kurz darauf im Touristenschaos der Via Statale zu stranden. „Das gibt es doch nicht! Fahrt doch einfach zu,“ flucht mein Vater, während er immer wieder ruckartig anfährt und bremst. Der Verkehr ist chaotisch, kein Vergleich zu Deutschland. Ich sitze auf der Rückbank, als Luca, mein Gastgeber aus Torre di Santa Maria, textet und fragt, ob ich gut am Lago di Como angekommen bin. Er bietet an, mir die Region rund um den See zu zeigen, falls ich möchte und Zeit habe.
Zeit, nein Zeit habe ich nicht. Morgen muss ich weiter. Die nächsten Hütten sind reserviert. Mein Plan steht. Ich lehne ab. Im Auto herrscht derweil Anspannung. Nichts geht vorwärts oder zurück. Etwas entnervt gibt mein Vater schließlich auf und steuert das Auto nach Argegno. In einer Pizzeria lassen wir uns nieder, wie viele andere Touristen um uns herum. Der Aperol Spriz ist sündhaft teuer. Aus dem Radio dringt sanfter Sommer-Pop.
Our Life is now
So let´s not wait
The world will show
And lead the way
Währenddessen lassen mich die Gedanken nicht los:
Wie wäre es wohl, mir dieses Fleckchen Erde von einem Einheimischen zeigen zu lassen? Was hält mich davon ab, einen weiteren Pausentag einzulegen? Lass verdammt noch mal deine Pläne los und fang an, dich auf diesen Weg einzulassen!
Auf der Rückfahrt platzt es aus mir heraus. „Ist es ein Problem, wenn ich noch eine weitere Nacht im Apartment bleibe?“ frage ich meine Eltern und erzähle von Lucas Angebot. „Nein, das ist überhaupt kein Problem,“ meint mein Vater. Ebenso unproblematisch ist es auch, die nächsten beiden Hütten umzubuchen. Freude über eine wichtige Erkenntnis macht sich breit: Pläne dürfen sich ändern.










Überraschungsbesuch
Als wir auf dem Rückweg in Osteno halten, zieht es mich wieder in die Kirche. Einen Moment sitze ich in der Bank. „Wollen wir eine Kerze anzünden?“ fragt meine Mama. Erstaunt schaue ich sie an. Es ist wahrscheinlich das erste Mal überhaupt, dass wir gemeinsam in einer Kirche eine Kerze entzünden. Ob und wer auch immer meine stillen Gedanken in diesem Augenblick hören mag, ich bedanke mich und wünsche mir zugleich, weiterhin so behütet unterwegs sein zu dürfen, wie bisher. Aus der Kirche treten wir wieder hinaus in die italienische Mittagshitze. Seit dem Abend in der Bar von Torre di Santa Maria entdecke ich überall Straßen und Plätze, die den Namen Garibaldi tragen. So auch in Osteno. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Seine Geburtsstadt ist mein Ziel.

Für den Abend hat mein Vater einen Tisch in einer Pizzeria reserviert. Die Terrasse liegt direkt an der Uferstraße des Luganersees. Ich laufe in Richtung Eingang, als ich plötzlich zwei bekannte Gesichter erspähen kann. „Das gibt es doch nicht!“ rufe ich laut. Inmitten der anderen Gäste sitzt meine kleine Schwester Annika mit ihrem Freund Toni schon an einem der Tische. Ich falle ihr in die Arme. „Was für eine Überraschung!“ – „Wir dachten, wir halten doch nochmal hier an, bevor wir nach Mailand fahren,“ gibt sie lachend zurück.
Vor meiner Abreise hatte ich Annika gefragt, ob sie mich nicht wenigstens für ein oder zwei Etappen in den dreieinhalb Monaten besuchen kommen würde. Doch zwischen Prüfungsstress, straffen Uniplänen und knapper Urlaubsplanung lautete ihre Antwort damals: Nein. Zugegeben – ich war wirklich traurig, dass meine Schwester kein Teil dieser für mich so bedeutsamen Reise sein würde. „Da müssen wir erst nach Italien fahren, damit wir uns alle einmal an einem Tisch treffen,“ lacht meine Mama. Wie im Flug vergeht dieser eine gemeinsame Abend. Doch ich bin dankbar dafür, dass wir nun diese Erinnerung, und sei sie noch so kurz, für immer teilen werden.
Entlang neuer Ufer
Aufregung schwirrt durch meinen Bauch, als ich am nächsten Morgen aufstehe. Doch anders als noch zu Beginn der Reise, freue ich mich mittlerweile jeden Tag auf das Neue und Unbekannte. In Gravedona setzen mich meine Eltern ab und verabschieden sich zum Wandern. Auf einer Bank am Ufer des Lago di Como warte ich, als jemand hinter mir ruft „Guten Morgen, alles gut? Wie geht’s?“ Ich drehe mich um. Durch das heruntergelassene Fenster seines Autos lacht Luca mich an. Mit dem italienischen Akzent bekommt sogar die sonst so harte deutsche Sprache einen harmonischen Klang. „Gut, alles gut. Und dir?“ – „Alles gut,“ gibt er zurück. Rasch steige ich ins Auto und wir biegen auf die Uferstraße entlang des Lago di Como. “Just let me know if you want to stop anywhere, and we’ll stop,” sagt Luca. Unvorbereitet wie ich bin, lege ich die Entscheidung aber ganz in seine Hände.




Noch hat die Anspannung meinen Körper im Griff. Kerzengerade rutsche ich auf meinem Sitz hin und her. „And please relax. If you get nervous, I get nervous too and jump out the window,” scherzt Luca. Relax. Da ist es wieder. Wie tags zuvor beginnt auch heute der Verkehr schon bald zu stocken bis er schließlich völlig still steht. Motorroller überholen die Blechraupe. Autos blinken, scheren wild in den Stau ein, lenken mitten auf der Fahrbahn um. Zwei Polizisten versuchen das Chaos zu ordnen. „They make it worse,“ kommentiert Luca gelassen das hilflose Winken der beiden. „It’s a tourist hell.“ September, das sei ein guter Monat, um hier zu sein. Dann, wenn der Sommer einen letzten Gruß sendet, weniger heiß, weniger voll und noch bevor der Herbstregen den Himmel trübt.
Unter Einheimischen
Schließlich schert auch Luca aus dem Stau aus, dreht um und steuert das Auto auf die nächste Fähre. Dunkelblau wiegt das Wasser hin und her, während wir uns Bellagio nähern. Terrassen lösen sich wie Stufen aus dem Hang. Auf ihnen stehen Häuser in warmen Farben, die sich dicht aneinander schmiegen, daneben die Villa Melzi umgeben von einem grünen Paradies. Auf dem Grundstück eines unscheinbaren Agriturismo parkt Luca das Auto ab. Kohl und Mangold aber auch Dahlien wachsen in sorgsam gezogenen Reihen. Erste Zitronen reifen an einem großen eingetopften Baum. „A friend of mine, Aurelia, lives here,” erzählt Luca. Bis heute gehöre ihrer Familie, einem berühmten italienischen Adelsgeschlecht, die bekannte Villa Melzi mit ihrem Landschaftsgarten.

Doch bevor wir uns in das touristische Zentrum stürzen, machen wir Halt in einem nahegelegenen Café – das letzte in Bellagio, wie Luca sagt, das vor allem von Einheimischen besucht werde. Er fragt, was ich trinken möchte. „Cappuccino“, antworte ich ohne zu zögern. Luca runzelt die Stirn, gibt die Bestellung aber auf und bestellt für sich einen Espresso. Was sonst. Wenig später sitzen wir mit zwei Tassen auf der Terrasse. „It’s actually a bit late for a cappuccino,“ sagt er. „No cappuccino after 10:30 AM.“ Großartig. Schon wieder ein Fettnäpfchen – pardon, ein Kaffeetässchen –, das ich in gepflegter Touristenmanier treffsicher erwischt habe. Naja, anderthalb Monate bleiben mir noch, um das Kaffeetrinken in Italien zu lernen, denke ich.
Was ist Glück?
Immer wieder kommen und gehen Einheimische und Touristen an uns vorüber. Auf der Straße vor dem Café herrscht reger Verkehr. Mit zusammengezogenen Augenbrauen rutscht Luca unruhig auf seinem Stuhl herum. „Are you happy?“ fragt er schließlich. Überfordert von dieser so grundsätzlichen wie simplen Frage überlege ich einen Moment. „Yes, here and now, I’m happy. Ever since I started hiking, I’m almost always happy,“ antworte ich. „And you?“ will ich nun wissen. „Actually not in tourist hell. And people like you depress me a bit,“ meint er halb im Scherz. Doch das Lächeln erreicht seine Augen nicht. Ein kleiner Knoten schnürt sich in meinem Hals zusammen. Bewunderung, Sehnsucht, Projektion – was auch immer es ist, dieses Abenteuer ist besonders. Ja. Aber ebenso einmalig, fernab von meinem Alltag. Und vor allem endlich. „I’m just a traveller,“ antworte ich. „And what I’ve learned so far is that the people along the way make the journey special.“
Er lächelt. „What is the difference between ‚fröhlich‘ and ‚glücklich‘?“ Zum ersten Mal denke ich bewusst über die Semantik der Worte nach. „Fröhlich,“ sage ich „is mostly about the moment. It’s the mood.“ Wie ein Lächeln, das man kaum zurückhalten kann, ein kleiner Moment voller Leichtigkeit, der Wärme hinterlässt, aber nur für einen Augenblick. „‚Glücklich‘ is more lasting,“ ergänze ich. Eine grundsätzliche oft ruhige, innerlich erfüllende Zufriedenheit. „But you can’t hold happiness — or Glück — forever. It comes. It goes.“
Wie auf dieser Reise braucht es im Leben die Täler. Sie rahmen die Berge des Glücks und machen ihre Höhe erst sichtbar. Und wandern – ja, wandern über die Berge macht glücklich. Das ist pure Chemie.
Jeder Gipfel, jedes Ziel, alles Neue wird mit einem Dopamin-Boost belohnt.
Euphorie.
Jeder Moment an der frischen Luft, jeder Sonnenstrahl verleiht dem Serotonin Flügel.
Innere Ruhe.
Jeder Tag in Bewegung lässt die Endorphine steigen.
Kein Schmerz.
Jeder Wetterumschwung, jedes Risiko pusht Adrenalin und Noradrenalin.
Stimulation.
Jede Begegnung mit Wanderern und Einheimischen setzt Oxytocin frei.
Verbundenheit.
Der Körper wird zum eigenen Chemielabor. Die Droge, die er produziert, ist Glück – rein und hochdosiert – jeden Tag aufs Neue. Selbst Heisenberg hätte daran wohl seine Freude.
Bellagio und die Villa Melzi
Zahlreiche Touristen bevölkern die Gassen von Bellagio. Nicht wenigen stehen Stress und Müssen ins Gesicht geschrieben, als sei dies kein Ort, sondern ein Programmpunkt, der erledigt werden will. „I don’t really see happy faces,“ meint Luca, als wir mit einem Eis in der Hand durch die gelb-orangen Häuserzeilen schlendern. Wir sind in einem anderen Modus unterwegs. Dennoch kann ich nicht anders. Wenigstens ein Bild in einer dieser Touristen-Gassen hätte ich schon gern.






Nach dem kurzen Fotostopp nähern wir uns der Villa Melzi. Als guter Freund von Aurelia darf Luca, und ich mit ihm, kostenfrei an der Kasse vorbei in den berühmten Landschaftsgarten hinein. Lange Zypressen- und Magnolienalleen laden zum Flanieren ein. Englischer Rasen umgibt die weißen Fassaden der Villa Melzi, die einst von Francesco Melzi d’Eril, dem Vizepräsident der Italienischen Republik unter Napoleon, erbaut wurde. Er war ein intellektueller, kunstsinniger Politiker. So finden sich in dem Garten nicht nur allerhand Zitate, sondern auch Skulpturen berühmter Persönlichkeiten, wie dem italienischen Dichter Dante Alighieri. Am anderen Ende der grünen Oase entdecke ich eine venezianische Gondel und versuche sie gleich im Bild festzuhalten. „Actually, those are the traditional boats here. They are called Lucia boats,“ meint Luca und zeigt auf ein kleines und zunächst unscheinbares Boot am Ufer des Lago di Como. Drei hölzerne Halbbögen sind darüber gespannt. Wurden sie einst als Fischerboote eingesetzt, erfüllen sie heute vor allem touristische Zwecke.
Die kleinen Momente dazwischen

Wieder zurück am Agriturismo begrüßt uns Aurelia. Ihr offenes Gesicht strahlt Wärme und Herzlichkeit aus. Sofort bietet sie uns einen Kaffee – also Espresso – und Kuchen an. Während wir auf der Terrasse sitzen, erzählt Luca ihr von meinem Weg. Immer wieder blickt Aurelia interessiert zu mir und nickt anerkennend. Der schnelle italienische Redefluss der beiden wird in meinen Ohren zu einer Melodie, jedoch ohne Sinn. Zum ersten Mal wünsche ich mir wirklich, die Sprache verstehen und sprechen zu können. Dennoch fühle ich mich zu keiner Zeit ausgeschlossen, vielmehr bin ich dankbar, einfach Teil sein zu dürfen. Immer wieder übersetzt Luca für mich ins Englische. Wie ein Schwamm sauge ich jeden Augenblick auf. Es sind diese kleinen persönlichen Momente, die ich viel mehr schätze, als die großen Attraktionen, die als Foto in dem Album eines jeden Italien-Urlaubers kleben.
Nach einer Weile verabschieden wir uns und steigen ins Auto, um unsere Fahrt fortzusetzen. Luca lässt einige Lieder über den Lago di Como im Radio spielen. Der Wind streift mir durch das heruntergelassene Fenster übers Gesicht. Im Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit stimme ich spontan das Lied meiner Reise an.
I got my ticket for the long way ‚round
The one with the prettiest of views
It’s got mountains, it’s got rivers, it’s got sights to give you shivers
But it sure would be prettier with you
When I’m gone
When I’m gone
You’re gonna miss me when I’m gone
Glaubensfragen
Luca lässt es sich nicht nehmen, bei einem weiteren guten Freund anzuhalten, um ihm die Wanderin aus Deutschland vorzustellen, die von Wien nach Nizza läuft. Ein wenig unwohl fühle ich mich, bin ich es doch überhaupt nicht gewohnt, von fast fremden Personen solch eine Aufmerksamkeit wegen meiner Reise zu bekommen. „Okay, now let’s go on to the monks. Maybe we can think about our lifes there,“ sagt Luca schelmisch, als wir wieder aufbrechen. Was er meint, ist die Abbazia di Piona, ein Zisterzienserkloster am Nordufer des Lago di Como. Die Kirche erhebt sich klar und ruhig, romanisch, frei von Prunk. Licht fällt sparsam durch schmale Öffnungen. Davor plätschert ein kleiner Springbrunnen im Garten. Es ist ein Ort der Entschleunigung, ganz anders als das mondäne, touristische Bellagio. In der kleinen Kirche geht ein Mönch auf und ab. Luca bleibt am Eingang stehen, während ich ein paar Schritte hineingehe. Doch ich fühle mich beobachtet, unwohl, so als würde ich der religiösen Bedeutung des Ortes nicht gerecht. Nach wenigen Sekunden drehe ich wieder um.

„Did you pray?“ will Luca wissen, als wir kurz darauf wieder im Auto sitzen. Ich zögere und antworte: „No. The thing is, I’m not really religious. I didn’t grow up with faith.“ Entsetztes Staunen breitet sich auf seinem Gesicht aus. „You are the result of millions of years of evolution. You have survived everything that came before you. You are here. How could you not believe? Everybody needs to believe in something. What do you believe in?“ fragt er. Leicht ist seine Frage nicht zu beantworten. Spiritualität, das spüre ich je länger ich unterwegs bin, ist mir durchaus gegeben. Warum sonst, zieht es mich immer wieder in die Kirchen entlang meines Weges. Doch ein fester Glaube ist wohl etwas, womit man aufwachsen muss, antworte ich. Dass ich es nicht bin, liegt wohl auch daran, dass in Ostdeutschland, dem ehemaligen Gebiet der DDR, die Kirchenbindung besonders schwach ist. „And for morality and values, you don’t need an institution like the church.“ – „Well, it is not about moral,“ meint Luca. „I think faith makes a lot of things easier, especially when life becomes difficult. It offers something to hold on to.” Ich fühle, was er meint. Mehr als einmal habe ich in solchen Situationen Menschen mit festem Glauben um ihren Anker beneidet – ein Anker des Trostes und der leisen Hoffnung darauf, dass alles einen Sinn hat, auch wenn es noch so sinnlos scheint.
Arrivederci!
Nach einem Spaziergang durch Colico sitzen wir noch eine Weile in einem Café am Ufer des Lago di Como. Marco, der Café-Besitzer und ein guter Freund von Luca, setzt sich dazu und lädt uns auf eine Cola ein. Auch Melone und Salzgebäck stehen auf dem Tisch.

Schließlich fahren wir zurück nach Gravedona. Luca hat einen Tipp für eine gute Pizzeria bekommen. Ihr Name: Napoletana O’Garibaldin. Wir können uns ein Lachen nicht verkneifen, als wir davor stehen. Noch immer kann ich die Bestellung nur in Englisch aufgeben. Mittlerweile macht mich das richtig unzufrieden. „I feel bad that I don’t speak Italian,“ sage ich. „You should learn a few sentences if you’re going to be here for so long,“ antwortet Luca nachdenklich. Er hat recht, denke ich. Mein Unwohlsein rührt nicht daher, dass ich mich nicht verständlich machen könnte. Vielmehr ist es ein tiefes Bedürfnis, der Herzlichkeit und Offenheit der Menschen hier mit Respekt und Dankbarkeit zu begegnen, indem ich in ihrer Sprache spreche oder es zumindest versuche.
Während jeder von uns seine Pizza isst, schleicht sich zum ersten Mal auf dieser Reise ein Gefühl von hinten an, das ich bisher nicht kannte. „I think, it will be really hard to return back to normal life after that journey,“ sage ich. „You have to keep walking forever,“ antwortet Luca lachend. Ich lächle müde. Er zahlt die Rechnung und wir verlassen die Pizzeria. Meine Eltern warten bereits am Auto. „I’ll write you a postcard when I arrive in Nice,“ verspreche ich, gleichsam ratlos, wie ich mich für diesen wunderbaren Tag bedanken kann. Noch einmal umarmen wir uns, bevor sich die Wege erneut trennen.
Was für ein Glück, dass ich den Mut hatte, meine Pläne zu ändern.
