Neue Bergwelten: Durch die Bernina an den Lago di Como

Orange beleuchtetes Zelt unter Sternen in den Bergen

Es ist schwer loszulaufen, nachdem Celine den Campingplatz verlassen hat. Einerseits, weil sie mir schon jetzt fehlt. Andererseits versuche ich schon seit Tagen vergeblich eine Unterkunft im Val Masino zu reservieren. Im campingplatzeigenen WLAN habe ich nun die letzte Gelegenheit, es ein fünftes Mal zu versuchen. Ich schreibe zwei weitere E-Mails und laufe völlig entnervt eine Stunde später als geplant los.

Bereits nach wenigen Metern Aufstieg läuft der Schweiß. Steil geht es durch den Wald nach oben. Bald darauf wird die Wegführung uneindeutig. Ich finde mich zwischen Brennnesseln und Gestrüpp wieder, die den Pfad überwuchern.

Kann das sein? Ist das hier mein Weg?

Ich checke die Route auf dem GPS. Ja, sieht ganz danach aus. Weitere 300 Meter folge ich dem Pfad, der schließlich völlig abrupt auf einer Alm endet. Noch einmal laufe ich zurück bis zu einem Bachlauf. Jetzt sehe ich, dass das GPS-Signal ungenau arbeitet. Der Weg liegt etwa 20 Höhenmeter über mir. Doch Bachbett und dichtes Buschwerk verhindern jedes Durchkommen. Wieder laufe ich zur Alm und steil die Weideflächen hinauf. Erneut endet das weglose aber frei zugängliche Gelände vor dichten Brommbeerhecken und umgestürzten Bäumen.

Jetzt reicht’s! Ich lauf das nicht wieder alles zurück.

Mit riesigen Schritten übersteige ich das Unterholz, Baumstämme, Stachelhecken immer den Steilhang hinauf. Ich spüre, wie die feinen Stacheln Striemen auf meiner Haut ziehen. Wieder und wieder und wieder. „So eine verdammte Scheiße!“ fluche ich, doch beiße die Zähne zusammen. Nach einer halben Stunde tauche ich mit völlig zerkratzten Beinen und schweißgebadet wieder aus dem Gestrüpp auf. Zurück auf dem Weg atme ich tief durch und wünsche mir für einen Augenblick die vergangenen Tage zurück.

Wo wird Celine jetzt wohl sein? Ob sie den richtigen Weg gefunden hat?

An der nächsten Quelle lasse ich Wasser über meine verkratzten Beine und Arme laufen. Es brennt höllisch. Über öde Teer- und Forststraßen geht es noch eine Weile weiter durch kleinere Almdörfchen wie Madreda und Selva. Mit dem Erreichen der Baumgrenze wird der Weg wieder richtig schön. Auf der Alp Cancian grast friedlich eine Herde Ziegen. Nicht weit entfernt stürzt ein Wasserfall ins Tal. Blüten in allen Farben überziehen die sattgrünen Almwiesen. Doch der Blick in den Himmel verheißt nichts Gutes. Quellwolken ziehen herein und verdunkeln den eben noch blauen Himmel.

Hinein in die Bernina

Am Passo da Cancian betrete ich die Märchenwelt der Bernina. Das Gestein schimmert in allen denkbaren Farben. Zurück in Italien kann ich meinen Augen kaum trauen. Wohin ich blicke, kann ich Gletscher in fast greifbarer Nähe erspähen. Direkt südlich von mir wächst die Nordwand des Pizzo Scalino in die Höhe. Im Norden erheben sich die Berge der Bernina-Gruppe mit dem Pizzo Palù, Pizzo Zupò oder Pizzo Roseg. Nur der Pizzo Bernina selbst bleibt mir verborgen. Er ist der einzige 4.000er der Ostalpen. Ganz deutlich ist in westlicher Richtung jedoch der Monte Disgrazia zu erkennen. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht damit gerechnet, bei dieser Tour den vergletscherten Bergen so nah zu kommen. Minutenlang halte ich inne und lasse den Blick über die Gipfel schweifen. Ich fühle mich klein und gleichzeitig aufgehoben in ihrer Weite.

Vorbei an den vielen kleinen Campagneda-Seen steige ich ab auf die Hochflächen des Valmalenco und folge bequemen Wanderwegen bis zur idyllischen Alpe Parabello. Im Rifugio Cristina werde ich herzlich begrüßt und erhalte den Schlüssel zu einem Vierbett-Zimmer, das ich jedoch ganz allein bewohnen darf. Endlich wieder im italienischen Mobilfunknetz erreicht mich auch die letzte Absage aus dem Val Masino und so beginne ich meine Route umzuplanen. Weil auch das Wetter in zwei Tagen instabiler werden soll, beschließe ich meine Wegführung Richtung Lago di Como näher ins Tal zu verlegen. Von Dazio aus werde ich dem Valtellina bis an die Oberitalienischen Seen folgen. So bleiben mir ganze zwei Pausentage gemeinsam mit meinen Eltern. Mein Vater freut sich riesig, wohl auch, weil gemeinsame Pausentage deutlich besser klingen als die ursprünglich geplanten gemeinsamen Wandertage.

Die Sprache „lebendig“

Das Abendessen auf dem Rifugio Cristina ist super. Doch zum ersten Mal fühle ich mich ein wenig einsam an meinem Tisch. Zum ersten Mal verstehe ich kein Wort von dem, was um mich herum gesprochen wird. Ich denke an einen Eintrag Goethes in sein Italienreisetagebuch:

11. September 1786 – Hier bin ich nun in Roveredo, wo die Sprache sich abschneidet: oben herein schwankt es noch immer vom Deutschen zum Italienischen. Nun hatte ich zum ersten Mal einen stockwelschen Postillion; der Wirt spricht kein Deutsch, und ich muß  nun meine Sprachkünste versuchen.

Wie froh bin ich, daß nunmehr die geliebte Sprache lebendig, die Sprache des Gebrauchs wird!

Ich versuche diesem optimistischen Blick etwas abzugewinnen und nehme mir vor, einige Sätze Italienisch bereitzulegen. Dennoch habe ich Sorge, jetzt weniger Kontakte knüpfen zu können, nicht mehr so leicht Anschluss zu finden, wenn ich diese mir noch völlig neue Seite der italienischen Alpen betrete. Beim Blick über die steingedeckten Häuser der Alpe Parabello, die kleine Kapelle, das klappernde Wasserrad im Bach vor der Hütte und die friedlich grasenden Ziegen dazwischen durchströmt mich eine angenehme Ruhe, während die Sonne golden hinter dem Monte Disgrazia verschwindet.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen fällt es mir schwer, mich von diesem bliderbuchgleichen Fleckchen Erde loszueisen. Die Wolken hängen tief und so bleibt mir der Pizzo Bernina erneut verborgen. Ein gemütlicher Höhenweg führt mich Richtung Südwesten stets knapp über der Baumgrenze in das Valmalenco hinein. Kein Mensch kommt mir hier entgegen oder läuft den gleichen Weg wie ich. Durch lichte Lärchenwälder trete ich schließlich auf eine Skipiste oberhalb von Caspoggio. Durch die gelockerte Wolkendecke brennt die Sonne wie eh und je auf mich nieder. Einen Moment bleibe ich dennoch sitzen, um auszuruhen, als über den Forstweg ein Auto der Carabinieri heraufgebrettert kommt. Mitten im Nichts parken sie auf dem oberen Ende der Skipiste. Eigenwillig, denke ich, laufe an ihnen vorüber und grüße „Buongiorno!“ Freundlich lächelnd grüßen sie zurück. Das erste Wort in meinem Vokabelschatz ist reaktiviert.

Geisterdörfer

Nach einer ausgedehnten Mittagsrast führt mich der Weg durch zahlreiche verlassene Bergdörfchen, die Namen tragen wie Dagua, Ronchi oder Gianni. Wenige steingemauerte Häuser bilden diese Höhensiedlungen, die nur zu Fuß erreichbar sind. Ihre Dächer sind vermoost, werden von Bäumen durchbrochen und Efeu erobert. Töpfe stehen auf einem uralten Tischherd, als hätte jemand versprochen zurückzukommen. Man erkennt noch, wo jemand saß, wo gearbeitet wurde, wo man hinausblickte, um das Wetter zu lesen. Jetzt hält ein Fenster ohne Glas den Himmel fest. Die Fassaden dieser Häuser erzählen von dem Ende einer alpinen Lebensform, als Landwirtschaft und Viehhaltung kleinteilig organisiert waren und Nähe zu Weiden und Wald wichtig war. Durch die Mechanisierung der Landwirtschaft ab dem späten 19. Jahrhundert änderte sich das grundlegend. Höfe im Tal wurden effizienter, die Arbeit etwa in der Industrie attraktiver. So zogen die Bewohner der Hochsiedlungen hinab und ließen kleine Geisterdörfer zurück.

Zunächst fühle ich mich unwohl, so allein durch die engen Gassen der Steinhäuser zu streifen. Obwohl es mich Überwindung kostet, blicke ich hier und da durch die offenen Türen in ihr Inneres. An Kulissen wie diese werde ich mich gewöhnen müssen. Auf der Grande Traversata delle Alpi im Piemont werde ich noch zahlreiche dieser verlassenen Dörfchen queren. In Cristini spuckt mich der Wald schließlich aus und ich habe freien Blick auf Torre di Santa Maria, meinem heutigen Ziel. Das Dorf schmiegt sich an den Berg, als hätte es sich dort rechtsseitig des Torrente Mallero eingerichtet. Inmitten der Steinhäuser wacht die Kirche über den Ort. Für mich ist es ein kleines Ritual geworden, mindestens einen Blick in die Kirchen an meinem Weg zu werfen. So stehe ich einige Minuten am Eingang und bedanke mich still für die vergangenen wunderbaren Tage. Als ich heraustrete, beginnt es zu regnen. Für einen Augenblick malt der kurze Schauer einen Regenbogen in den Sonnenhimmel.

Torre di Santa Maria
Torre di Santa Maria

Gastfreundschaft & ein Hauch von Luxus

Kurz nach 14.00 Uhr stehe ich an der Adresse meines B&Bs, ein modernes Wohnhaus. Ich zögere, weiß nicht so recht, wo es hineingeht. Für mich ist es beinah jedes Mal eine Überraschung, wo ich lande. Als ich die Klingel am Eingang drücke, kommt von irgendwo ein „Hallo! Wie geht’s?“ Ich drehe mich nach links, dann nach rechts. Schließlich wandert mein Blick die Fassade hinauf. Auf der Dachterrasse steht ein Mann im mittleren Alter, nicht allzu groß, graues Haar. „Gut! Alles gut!“ rufe ich hinauf. Luca, so der Name meines Gastgebers, kommt herunter und bittet mich herein. Ich hatte mit einem Zimmer gerechnet, nicht aber mit einem ganzen Haus. Es ist modern und stilvoll eingerichtet. Hier und da stehen alte Ski in der Ecke. Gleich am Eingang lehnen Eispickel und Seil an der Wand. Bergfotos, Alpini-Hüte und Diplomas zum Skilehrer oder Mountainbike-Guide verraten, dass hier jemand lebt, dessen Herz für die Berge schlägt. „Ok, relax. Have a shower, eat some fruits and some cake,“ Leider sei die Pizzeria geschlossen. Doch Luca bietet an, sich nach den Öffnungszeiten des Alimentari zu erkundigen. „Do you want a beer?“ Ich nicke und halte kurz darauf ein Heineken in der Hand. Wir unterhalten uns über meine heutige Etappe und meine Alpenquerung. „Are you a millionaire? Are you famous? How can you afford that?“ Ich muss lachen über das eine, wie das andere. „No, not a millionaire and not famous. Just a journalist and a young woman who likes to travel across the Alps.“ – „Terapia,“ gibt Luca zurück. Einen Moment denke ich darüber nach.

Selbstfindung habe ich oft gehört und immer für albern befunden. Das hier ist nicht der Jakobsweg. Man sollte sich nicht erst finden müssen, wenn man dreieinhalb Monate über die Alpen geht. Für ein solches Vorhaben sollte man bei sich sein. Aber Therapie… Hm, vielleicht, vielleicht auch nicht. Vielleicht lernt man sich anders kennen. Vielleicht entdeckt man Seiten, die im Alltag verschlossen geblieben wären. Vielleicht ganz sicher.

„Ok relax. I text you, when the alimentari opens again and come back later.“ Dann bleibe ich vorerst allein zurück. Relax. Das klingt so einfach. Noch immer wandern meine Gedanken ständig in die Zukunft, bleiben selten im Moment. Und meine Gedanken sind laut, ganz allein in diesem riesigen Haus. So viel Platz bin ich gar nicht mehr gewohnt. Sofort habe ich Sorge, morgen wieder irgendetwas zu vergessen. Auf einem kleinen Regal im Esszimmer packe ich meinen Rucksack aus und achte darauf, meine Habseligkeiten nicht allzu weit zu verteilen. Nach einer Dusche fühle ich mich wie neu geboren. Doch der Blick auf’s Handy verrät, dass der Alimentari erst 16.00 Uhr wieder öffnet. Noch anderthalb Stunden. Mein Magen quittiert diese Erkenntnis mit einem deutlichen Knurren. Ich esse ein bisschen Obst und etwas von dem Kuchen in der Küche. Es klingelt an der Tür und Luca reicht mir eine halbe Wassermelone herein. Binnen einer halben Stunde habe ich alles verdrückt. Ein bisschen packt mich das schlechte Gewissen.

Wie verfressen bin ich eigentlich? Das sind abnormal große Portionen, die ich hier in mich hinein schaufle. Reiß dich mal ein bisschen zusammen!

Der Alimentari liegt am Rande des Dorfes und ist das, was man in Deutschland wohl als „Tante-Emma-Laden“ bezeichnen würde. Pesto, Grana Padano, ein Croissant, eine Pizzaschnitte, Chips, Schokolade, eine Cola und Bier landen in meinem Einkaufsbeutel. Besonders freue ich mich aber über Instant-Pulver für heiße Schokolade italienischer Art. Das perfekte Dessert für kalte Zeltnächte.

Zurück im Haus schreibe ich ein wenig an meinem Blog, kopiere und sortiere Fotos, als es ein weiteres Mal an der Tür klingelt. Luca steht davor. „Sorry, I didn’t want to stalk, but I’ve seen the photos on your status. Let’s talk about tomorrows stage.“ Er zeigt auf eine riesige Karte direkt gegenüber der Eingangstür. Auf ihr sind die wichtigsten Wanderwege der Umgebung verzeichnet. „Which way do you want to go?“ fragt er nach. Ich beginne in meinem Handy den morgigen Track zu suchen. Wir beugen uns gemeinsam über das kleine Display und überfliegen die Route. Luca grinst. „This is a German map. Too many details. Do you know why Germans go on hiking holidays?“ Lächelnd schüttele ich den Kopf. „To check if the map is right.“ Jetzt grinse ich. Das Klischee vom überkorrekten Ordnungsdeutschen. Ich fühle mich ertappt. Luca erzählt, dass er morgen früh mit einem Freund Pilze sammeln geht und bietet an, mich für die ersten vier Kilometer mit dem Auto mitzunehmen. Der Forstweg sei ohnehin nicht so spannend. „But not hiking everything would be fake,“ schiebt er noch gleich hinterher. Danke für das schlechte Gewissen, aber die Aussicht, mir ein Stück ätzenden Forstweg auf einer achteinhalb Stunden Etappe ersparen zu können, ist verlockend. Ich willige ein.

Auf ein Bier zum Geschichtsexkurs

Zwei Portionen Pasta, eine Tüte Chips und eine Tafel Schokolade später setzt langsam ein Sättigungsgefühl bei mir ein. Noch einmal textet Luca und fragt, ob ich auf ein Bier mit in die Bar kommen möchte. Ich überlege einen Moment. Es ist schon recht spät, aber warum eigentlich nicht. Die Bar befindet sich direkt neben dem Alimentari und ist typisch für Italien Dreh- und Angelpunkt des Dorfes am Abend. Direkt beim Hineingehen stellen sich mir fünf bis sechs Leute vor. Doch es geht so schnell, dass ich mir die Namen kaum merken kann. Bei einem Bier und einem Wasser unterhalten wir uns ein wenig über die Berge. Aus seiner Zeit bei den Alpini kennt Luca einige Ecken in den Dolomiten, an denen auch ich vorbeigekommen bin, wie etwa Toblach oder den Piz Boè.

Giuseppe Garibaldi

„Anyway, I’ve never met anyone who went all the way to Nice. This is special,“ meint Luca. Seine Begeisterung für mein Projekt ist spürbar und auf eine seltsame Art fühle ich mich verstanden. Luca erzählt, dass Nizza einst eine italienische Küstenstadt war. Meine Augen weiten sich. Das ist mir neu. Doch tatsächlich gehörte Nizza zunächst zum Herzogtum Savoyen und später zum Königreich Sardinien-Piemont. Sprache, Namen, Architektur – alles war italienisch geprägt. „But what happend?“ will ich wissen. „Italy was unified,“ erzählt Luca und ich erfahre zum ersten Mal von Giuseppe Garibaldi. Er ist wohl einer der berühmtesten Söhne Nizzas und bis heute italienischer Volksheld. Sein Leben lang kämpfte Garibaldi in dem zersplitterten Italien gegen die Kleinstaaterei. Als Risorgimento ging diese Epoche in die Geschichte ein, die 1861 in der Einigung Italiens gipfelte. Doch dies war nur durch die militärische Hilfe Frankreichs möglich und Napoleon der III. forderte einen hohen Tribut. Er verlangte Nizza und Savoyen. Unter seinem heftigem Protest verlor Giuseppe Garibaldi, der große italienische Nationalheld, seine eigene Geburtsstadt an Frankreich, damit Italien entstehen konnte. Ein Paradoxon der Geschichte, denke ich. Noch eine Weile sitzen wir in der Bar und unterhalten uns über meinen weiteren Weg, der mich wie ich lerne wohl auch zu großen Teilen entlang des längsten Fernwanderweges der Welt, dem Sentiero Italia, führen wird.

Neben all der Begeisterung für mein Projekt, entgeht mir dennoch nicht Lucas sorgenvoller Blick. „There might be no mobile phone reception at Bivacco Scermendone tomorrow,“ meint er und erzählt, dass die Selbstversorgerhütten nicht selten von Jugendlichen zum Feiern genutzt würden. Ich zögere, möchte zu meiner eigenen Sicherheit nicht zu viel über meine Absicherung per GPS Preis geben. „It’s not a problem,“ antworte ich deshalb kurz. „I will be safe.“

Voller Dankbarkeit über so viel Gastfreundschaft liege ich wenig später in meinem Bett. All meine Sorgen vom Vortag haben sich in Luft aufgelöst. Es wird nicht unmöglich, neue Kontakte zu knüpfen. Es wird nicht unmöglich, in diese neue Kultur einzutauchen. Es wird vielleicht anders als geplant. Aber nun bin ich sicher, es wird funktionieren.

Espresso, what else?

Punkt halb acht kommt Luca am nächsten Morgen fröhlich pfeifend mit einer riesigen Tasche in die Küche geschlendert und beginnt das Frühstück zuzubereiten. Den Finger auf der „Lungo“-Taste der Kaffeemaschine frage ich, ob auch er einen Kaffee mag. „Espresso! Otherwise I’m gonna kill you,“ gibt er spöttisch zurück. Espresso im Stehen, eine Zigarette, mit etwas Glück ein Croissant dazu. Das ist Frühstück in Italien. Dankenswerterweise darf ich mich an diesem Morgen über ein paar Kalorien mehr freuen. So koche ich mir noch ein Ei und beginne die Toastscheiben mit Schinken zu belegen.

Als wir wenig später aufbrechen, schultert Luca meinen Rucksack nicht ohne laut über dessen Gewicht zu meckern. Am Auto wartet schon sein Kumpel Fabiano. Er fährt, während ich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen darf und Luca sich in die Rückbank fallen lässt. Eine halbe Stunde tuckert das Auto über Forstwege den Berg hinauf. Ich werde ausgefragt über meine Lieblingsmusik. Aktuell Herbert Pixner, Coldplay und Christina Stürmer. Dann, ob ich selbst ein Instrument spiele. Ja, zwei. Auch Fabiano macht Musik. Und Musik, das lerne ich schnell, ist Teil der Sprache in Italien. Zu jeder Emotion, zu jedem Gefühl, zu jedem Moment gibt es ein Lied. So summt Luca leise die Melodie von Vasco Rossis „Brava Giulia“ vor sich hin, während das Auto auf den Parkplatz nahe der Alpe Piasci einbiegt. Mal wieder ist es Zeit für einen Abschied. Der fällt mir nach dieser kurzen Zeit schwerer als gedacht. „I keep following you on the status,“ verspricht Luca. Noch eine Umarmung, dann drehe ich mich um und breche auf in Richtung Bivacco Scermendone.

Unter dem Sternenzelt

Rasch gewinne ich an Höhe und passiere schon bald das Rifugio Bosio. Oberhalb der Baumgrenze wird der Wanderweg von einer Mountainbike-Strecke begleitet. In meinem Rücken verschwindet der Pizzo Scalino. Die weiße Spitze des Monte Disgrazia thront rechts von mir über dem Tal. Am Passo Caldenno lege ich eine Kekspause ein. Die Sonne kitzelt mein Gesicht und ich lasse den Blick über die Gipfel des Pizzo Bello und Monte Caldenno gleiten. Beim Anblick des steilen Geröllfeldes auf der gegenüberliegenden Bergseite kann ich mir kaum vorstellen, dass dort ein Weg heraufführen soll. Doch schon eine halbe Stunde später erklimme ich auch diesen zweiten Pass und erreiche nach einem kurzen Abstieg den Lago Scermendone. Der Wind streift sanft die Oberfläche. Doch es ist warm genug und so gehe ich eine Runde in dem kleinen Bergsee schwimmen. Sonne und Wind trocknen mein Haar, als ich für einen Moment im Gras einschlafe.

Nach weiteren drei Kilometern gelange ich an meine erste Selbstversorgerhütte, das Bivacco Scermendone. Ich öffne die Tür. Nur wenig Licht fällt durch ein kleines Fenster in das Innere der Hütte. Ein paar alte beigefarbene Matratzen liegen auf den eisernen Doppelstockbetten. In der Mitte des Raumes steht eine rustikale Sitzgruppe. Holz liegt in der steingesetzten Feuerstelle, als würde es nur darauf warten, dass endlich jemand einheizt. Es ist zwar alles für eine Übernachtung vorhanden, doch richtig wohl fühle ich mich nicht.

Was mach ich jetzt? Hier drin halte ich es keine Nacht aus. Lieber würde ich in meinem Zelt schlafen.

Ich lasse mich auf der steinernen Sitzgruppe vor der Hütte nieder und atme tief ein. Der Mobilfunkempfang ist gut und ich versende meine Check-In-Nachrichten. Mit dem Blick hinunter ins Tal wende ich die Gedanken in meinem Kopf noch eine Weile hin und her. Dann beschließe ich, den Sonnenuntergang abzuwarten und mein Zelt aufzubauen. Etwas angespannt stochere ich in meinem Risotto herum, während der Himmel von goldorange über rot bis dunkelblau wechselt. Ich beginne mit dem Aufbau und bald schon verschwindet mein Zelt im Schutze der Dunkelheit. Mit dem Kopf im Gras blicke ich nach oben. Über mir spannt sich das Himmelszelt auf, klar und tief mit seinen unzähligen Sternen. So lang habe ich von diesem Moment geträumt. Nur ich, mein Zelt und die Sterne. In diesem Augenblick bin ich weder unterwegs noch angekommen, vielmehr fühle ich mich gehalten.

Wow! Was für ein Glück.

Sternenhimmel über dem Valtellina
Sternenhimmel über dem Valtellina

Wandern auf Italienisch

Nichtsdestotrotz verläuft diese erste Wildcampingnacht allein unruhig. Mein Zelt steht leicht abschüssig. Immer wieder kämpfe ich gegen die Schwerkraft, die mich von der Isomatte zieht. Als die Dämmerung endlich einsetzt, hüpfe ich heraus. Alles ist klamm von Tau und Kondenswasser. Während ich frühstücke, trocknen Zelt, Schlafsack und Isomatte über dem Zaun des Biwaks in der aufgehenden Sonne. Vorbei am Kirchlein San Quirico beginne ich meinen Abstieg ins Val Masino. Doch schon nach kurzer Zeit wird aus dem Weg ein Pfad und schließlich völlig wegloses Gelände. Hier ist scheinbar schon länger kein Mensch mehr gewandert. Nur schwach sind die Wegmarkierungen an Bäumen und Steinen noch zu erkennen. Erneut endet der Weg in brusthohen Brennnesseln. Doch das hält mich nicht mehr auf. Ich ziehe mir lange Kleidung über und laufe mittendurch. Die nächste Schikane folgt auf dem Fuße, denn auch der Wanderweg in der Talsohle ist gesperrt. Mit wild klopfendem Herzen in der Brust und Stirnlampe auf dem Kopf durchquere ich einen völlig unbeleuchteten Tunnel, innerlich fluchend.

Das ist ja wieder typisch! Italien und seine Wanderwege. Eins kann ich sagen: Nein, die Wanderkarte ist nicht korrekt!

Den Rest des Tages verbringe ich auf viel Asphalt und weiteren alten Pfaden, die mich nach Dazio führen. Das Hotel ist einfach aber funktional. Nach einer Pizza Magherita und Panna Cotta sinke ich in mein Bett. Wehmütig blicke ich an die Zimmerdecke. Sie ist gespickt mit leuchtenden Sternenstickern. Ich muss an das Sternenzelt der vergangenen Nacht denken und nehme mir fest vor, ab jetzt so oft es geht, unter seiner wilden Schönheit einzuschlafen.

Gefühle

Am nächsten Morgen wandert mein Blick noch einmal über die Bergkette, aus der ich tags zuvor gekommen bin und unvermittelt schießen mir Tränen in die Augen. Dankbarkeit. Überwältigung. Überforderung. Stolz. Wehmut. Freude. Traurigkeit. Wachstumsschmerz. Das leise Gefühl eigentlich schon angekommen zu sein. Ein ganzes Bündel an Emotionen bricht sich Bahn.

Ich spüre, wie es meinem Kopf immer schwerer fällt, mit dem Tempo meines Körpers Schritt zu halten. Ich lechze nach einer Pause, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Dieser Wunsch wird schon heute Nachmittag in Erfüllung gehen, wenn ich meine Eltern am Lago di Como treffe, um zwei gemeinsame Pausentage einzulegen. Oberhalb der Talsohle des Valtellina laufe ich in Richtung Westen durch viele kleine Dörfchen, die Namen tragen wie Civo, Mello oder Cercino. Die Vorfreude auf dieses große Zwischenziel, den Lago die Como, lässt mich beinah schweben. In meinen Ohren spielt derweil eine neue Melodie.

E Brava Giulia e Brava Giulia!
prenditi la vita che Vuoi!
Brava Giulia e Brava Giulia!
sceglitela! certo che Puoi!
Brava Giulia e Brava Giulia!
certo che, certo che Puoi!

Als ich durch die diesige Luft den Lago di Como erspähen kann, steigen erneut Tränen in mir auf. Meine Gefühlsduselei wird jäh durch Hedwigs Theme unterbrochen. Mein Vater ruft an. „Wo bist du? Wie weit hast du es noch? Wir sind 13.00 Uhr am Comer See.“ Weil er keine Minute im Stau stehen will, ist mein Papa mit der gesamten Unruhe des Alltags im Gepäck bereits um drei Uhr in der Nacht losgefahren. Ich spüre, wie mich diese Unruhe erfasst. Gleichzeitig steigt Ärger darüber in mir auf. Nein, ich werde mich davon nicht einfangen lassen. „Ich werde um 13.00 Uhr ganz sicher noch nicht aufhören zu laufen,“ antworte ich und höre noch, wie meine Mutter auf dem Beifahrersitz beschwichtigt. „Trinkt einen Kaffee, setzt euch in die Sonne, atmet durch, aber bitte kommt zur Ruhe,“ appelliere ich gleichsam ahnend, dass meine Worte wohl verhallen werden.

Lago di Como in Sicht

Über die Alm Prati di San Giuliano steige ich ab nach Nuova Olonio. Schon aus der Ferne erkenne ich das rote Auto, was dort auf einem Parkplatz wartet. Ich komme näher und meine Vorahnung wird Realität, als meine Eltern freudestrahlend aus dem Auto steigen. Meine Mama schließt mich in die Arme, dann auch mein Papa. „Ich werde jetzt trotzdem weiterlaufen. Ich will zu Fuß ankommen,“ sage ich und so beschließen wir uns später am See zu treffen. Obwohl ich nun einer ätzenden Schnellstraße folge, fühle ich mich leicht und beschwingt. So beschwingt, dass ich auf schnurgerader Strecke stürze und mir beide Knie aufschlage. Egal, nichts kann meine Stimmung heute drücken. Entlang der Mera schlendere ich vorbei an zahlreichen Campingplätzen. Einige Badegäste applaudieren, als sie mich mit dem großen Rucksack sehen. Über mir hat sich der Himmel verdunkelt. Dicke graue Wolken kündigen schlechtes Wetter für den Nachmittag an. Eine leichte Brise trägt den Seegeruch an meine Nase und dann kann ich ihn sehen. Grau-blau liegt er vor mir – der Lago di Como. Kleine Wellen schwappen an die Ufer von Gera Lario. Einige Windsurfer suchen Stand im Wasser. Laut heulend verlässt ein Motorboot den kleinen Hafen.

Ich überlege nicht lang, werfe die Kleidung von mir und stürze mich in das badewannenwarme Nass. Auf dem Rücken liegend schließe ich die Augen und lasse mich von den sanften Wellen treiben.

Unglaublich! Ich bin von Wien bis an den Lago di Como gelaufen.

Junge Frau sitzt am Comer See
Am Lago di Como

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