Einen so redseligen Abend, wie mit Celine, hatte ich lange nicht. Vier Tage nach mir ist sie in Wien losgelaufen und hat mich hier im Vinschgau eingeholt. Während ich in den letzten Tagen nach Bozen immer wieder in die Berge abgebogen bin, blieb sie im Tal, um ihre neuen Bergstiefel einzulaufen. Bis Meran hatte sie das gleiche Modell wie ich. Doch Stück für Stück fielen die Schuhe auseinander, sodass ein neues Paar her musste. Nun sitzen wir hier und erzählen uns von unseren ersten fast anderthalb Monaten: Abreisezweifeln, dem Alleinreisen, Gipfelglück, Erkältungen, Lebensmittelvergiftung, Einsamkeit, Wetterumbrüchen, Angstmomenten, Sonnenstunden, verlorenen Ausrüstungsgegenständen.
Während ich mit dem Alleinreisen zunächst haderte, hat sich Celine ganz bewusst dafür entschieden. Ich bewundere ihre Entschlossenheit und den Mut. Während ich noch immer Tage im Voraus meine Unterkünfte plane, geht sie von Tag zu Tag, immer der Nase nach. Ob ich dieses Mindset auch noch erreiche? So sehr würde ich mir mehr Gelassenheit bei der Tourenplanung wünschen, stärker den Zufall entscheiden lassen, wo ich lande, mehr meinem Körper und Gefühl vertrauen. Als ich am Abend in meinem Schlafsack liege, kreisen die Gedanken.
Sollen wir morgen ein Stück zusammenlaufen? Es wäre schön, nicht allein zu sein. Aber ich habe mich an das Alleinsein gewöhnt. Was ist, wenn es nicht matched? Ich möchte fotografieren und filmen, wie ich es sonst auch mache, möchte an jeder Blume und jedem Panorama hängen bleiben, mein Tempo gehen, wie ich es gewohnt bin. Das wird sie sicher nerven. Dann bin ich wieder eingeschränkt. Dann wird es wieder anstrengend. Dann muss ich mich wieder anpassen. Aber vielleicht ist es eine Chance, die Bergfreundin kennenzulernen, die ich mir schon so lange wünsche? Komisch, dass ich überhaupt mit diesen Fragen ringe.
Zu zweit
Irgendwann schlafe ich über meinem inneren Monolog ein. Am nächsten Morgen sitzen wir gemeinsam beim Frühstück. Jede rührt in ihrem Porridge. Celine gibt mir etwas von ihrer Nussmischung. Sie bekommt von mir ein wenig Erdnussbutter und Honig. „Sag mal, hast du etwas dagegen, wenn wir heute ein Stück zusammen laufen? Irgendwie ist es die letzten Tage ganz schön einsam gewesen.“ Ich lächle. Meine Entscheidung ist gefallen. „Klar, lass uns gemeinsam gehen,“ antworte ich. Rasch packen wir alles zusammen, wobei Celine hier deutlich schneller ist als ich. Dann brechen wir auf in Richtung Prad am Stilfser Joch.












Wir kommen ins Gespräch über unsere Jobs. Celine arbeitet als Heilerziehungspflegerin in einer Psychiatrie. Ich habe tiefen Respekt vor ihr und ihrer Berufswahl. Denn zwischen all den schönen Momenten, die zweifelsohne entstehen, wenn Hilfe gelingt, Vertrauen zu Menschen wächst, die schwere Probleme mit sich tragen, gibt es auch die dunklen Stunden. Dann, wenn Patienten durchdrehen, sich versuchen das Leben zu nehmen oder übergriffig werden. Kein Wunder, denke ich, dass sie mal für längere Zeit an die frische Luft musste. Über Stunden laufen wir durch das Vinschgau, erneut ein Stück entlang der Waalwege, später auch auf drögem Asphalt. Die ganze Zeit aber unterhalten wir uns.
Der wohl größte Unterschied zum Alleinreisen wird mir jetzt so richtig bewusst. Die Landschaft zieht zu zweit plötzlich nur noch an mir vorüber. Die Umgebung wirkt weniger tief. Doch da das Vinschgau an Tag drei mit seinen immer gleichen Apfelplantagen ohnehin kein sensorisches Labsal mehr ist, hält sich mein Bedauern in Grenzen. Viel mehr überrascht mich, wie schnell das Gespräch zwischen Celine und mir in die Tiefe geht. Wir sind uns erstaunlich ähnlich, trotz einiger Jahre Altersunterschied. Die Vorbereitung auf die Tour, all die Hürden und Hindernisse bis zum Start dieser Reise – wie eine Schablone passen unsere Erfahrungen aufeinander. Schließlich zerstäuben sich all meine Zweifel vom Vorabend, als Celine meint: „Julia, fotografiere, filme und mache alles so, wie du es auch machen würdest, wenn ich nicht dabei wäre. Es ist eine so schöne Idee, die Reise so festzuhalten.“

Unser Tag plätschert dahin. Wir lassen uns Zeit auf der kurzen Etappe. Bei Vinschgerl, Nutella, Tomatenmark und Frischkäse legen wir eine Mittagsrast im Schatten ein. Ein Erdbeer-Automat versüßt uns den Weg durch Laas. Später lädt eine Kneipp-Anlage zum Verweilen ein. Wir haben keine Eile. Südtirol ist italienisch genug für eine ausgedehnte Siesta und so müssen wir ohnehin warten, bis die Geschäfte wieder öffnen. Auch die Profiltiefe meiner Bergstiefel nähert sich langsam der von Slicks. Ich klingel in meinem heimatlichen Outdoorgeschäft des Vertrauens durch und bestelle mir das gleiche Modell noch einmal. Wenn meine Eltern mich in zwei Wochen besuchen kommen, werden sie mir dankenswerterweise die neuen Schuhe mitbringen.


In Prad entern wir zuerst den Supermarkt. Es tut gut, mal nicht allein zu sein. Mal nicht die Einzige, mit schwerem Rucksack. Mal nicht die Einzige in festen Bergstiefeln. Mal nicht die Einzige, der deswegen andere nachschauen. Mal nicht die Einzige, die wegen Dauerkohldampf wieder einmal viel zu viel einkauft. Andererseits werden wir erst in vier Tagen wieder eine Einkaufsmöglichkeit haben, wenn wir Poschiavo erreichen. In einem kleinen Eisenwarengeschäft werde ich auf der Suche nach einer neuen Gaskartusche fündig. Danach biegen Celine und ich auf den Campingplatz Sägemühle ein. Auch hier bin ich schon einmal mit meinen Eltern gewesen – vor 24 Jahren. Der Platz ist rappelvoll. Kinder tollen zwischen Autos, Wohnmobilen und Zelten. Nach wenigen Minuten im Hallenbad kommt Celine genervt zurück. Sie hat einen Ball gegen den Kopf bekommen.
Wir selbst haben mittlerweile jedes Zeitgefühl verloren, wissen oft nicht, welcher Wochentag gerade ist. Dass es immer schwieriger wird, bezahlbare Unterkünfte zu finden, ist eine Indiz dafür, dass die Sommerferien endgültig da sind. Wenn es unmöglich wird, kann das nur bedeuten, dass gerade wieder Wochenende ist. Wir versuchen trotz des Trubels um uns herum, die Vorzüge des Campingplatzes zu genießen. Die Maschinenwäsche teilen wir uns ebenso, wie Pasta, Vino und den zufriedenen Blick in den Vollmond an diesem Abend.
König Ortler und die Dreisprachenspitze
Da die Unterkünfte in Stilfs unbezahlbar sind, haben wir uns für den folgenden Tag einen Gewaltmarsch zusammengezimmert. Bis zum Stilfser Joch wollen wir es schaffen. Die Strecke umfasst nicht nur 25 Kilometer. Es sind auch über 2.000 Höhenmeter im Aufstieg zu absolvieren. Als der Wecker um 4.30 Uhr klingelt, frage ich mich kurz, warum ich mir das eigentlich antue. Noch liegt der Campingplatz im Dämmerlicht der Laternen. Motiviert sind wir beide nicht, wohl aber sehr redselig für diese Uhrzeit, sodass wir vergessen, dass die Zeltwände der anderen Campinggäste auch nur aus dünnem Stoff bestehen.
Als wir kichernd schon unsere Rucksäcke schultern, kommt ein wutgepumpter Belgier um die Ecke geschossen, hält einen Zeigefinger vor den Mund und zischt. „Schhhhhht, be quite! We’re sleeping! You are not alone!“ Recht hat er – noch nicht. Schnurstracks verlassen wir den Campingplatz. Die aufgehende Sonne taucht den Asphalt in einen tiefen Goldton, als wir durch Prad schlendern. Wir nutzen die letzte Gelegenheit, um in der örtlichen Bäckerei noch einmal Vinschgerl zu kaufen. Dann beginnt ein langer, zäher Aufstieg. Celine hatte schon am Vorabend gewarnt, dass ein Teil der Wegstrecke wegen eines Brandes im Frühjahr gesperrt sein könnte. Bereits von unten entdecken wir einzelne Bäume, die wie verkohlte Nadeln am Berg stehen. Kurze Zeit später stehen wir vor Schildern, die uns warnen „Durchgang verboten! Weg gesperrt.“ Wir werfen einen Blick auf die Karte. Doch der einzige Umweg führt durch den Talboden entlang der Straße. Wir schauen uns an. „Was meinst du?“ frage ich. „Komm, wir probieren es.“ Wir überklettern die Absperrung und setzen unseren Weg fort über verbrannte Erde, vorbei an verkohlten Bäumen, Büschen, Wegbefestigungen. Doch es gelingt und so legen wir in dem idyllischen Stilfs eine ausgedehnte Rast ein.




















Sanft ziehen Cirrocumulus-Wolken über den Himmel und kündigen eine instabile Wetterlage für die nächsten Tage an. Über steile teils seilversicherte Pfade steigen wir derweil immer weiter auf. Und da schaut er uns entgegen. Schneebedeckt und riesig türmt sich König Ortler vor uns auf. Mit 3.905 Metern ist er der höchste Berg Südtirols. Wir bestaunen ihn bei einer Kaffeepause. Dann arbeiten wir uns Schritt für Schritt immer weiter nach oben. Die Bäume verschwinden, die Gesteinsfarben wechseln von braun über grau ins rötliche. Je näher wir dem Gletscher kommen, desto kälter wird es und so ziehen wir uns bald schon Jacken über.
Erste gelbe Wegweiser erinnern uns daran, dass wir bald schon das dritte Land unserer Reise erreichen – die Schweiz. An der Dreisprachenspitze oder Piz da las Trias Linguas trafen einst nicht nur drei Sprachen, sondern auch drei Länder aufeinander. Bevor Südtirol an Italien abgetreten wurde, befand sich hier das Dreiländereck Italien, Schweiz und Österreich-Ungarn. Neben Deutsch und Italienisch tritt hier das Rätoromanisch als dritte Sprache hinzu. Im Ersten Weltkrieg war diese Gebirgsregion schwer umkämpft, war es doch aus Sicht der Italiener ein potenzielles Einfallstor ins lombardische Hinterland. Bis heute zeugen verfallene Bunkerstellungen nahe der Dreisprachenspitze von dieser Zeit. In spitzem Winkel ragt die Schweizer Grenze an den Gipfel heran, sodass es damals mitunter im wahrsten Sinne des Wortes geschah, dass über die Köpfe der neutralen Eidgenossen hinweggeschossen wurde.



Passo dello Stelvio
Zu gern hätten wir in der kleinen Burg auf dem Gipfel übernachtet – dem Rifugio Garibaldi. Doch seit 2024 ist die Hütte zu, bleiben die roten Türen und Fenster geschlossen. So bleibt uns nach einem kurzen Fotostopp nur der Abstieg zum Stilfser Joch oder Passo dello Stelvio. Schon seit Stunden hören wir die nahende Passtraße. In engen Schlingen winden sich Motorrad-Poser, Porsche-Liebhaber, Frischlufenthusiasten in Cabrios und auf Rennrädern den Berg hinauf. Der Blick auf den so berühmten Pass wirkt wenig einladend. Grau in grau und etwas verfallen liegen die Hotels unter uns. Zwei Mal bin ich schon hier gewesen: 2001 und 2010. Ich erinnere mich an meterhohe Schneeberge entlang der Passstraße im Juli. 2025 hat sich der Schnee in die tiefen Schneisen der angrenzenden Berge zurückgezogen. Völlig unverändert sind hingegen die Fassaden der Häuser, als sei die Zeit irgendwann Ende der 90er Jahre stehen geblieben.


Im Hotel Genziana geraten Celine und ich sprachlich erstmals an unsere Grenzen. Doch nach einigem Hin und Her, bekommen wir ein gemeinsames Doppelzimmer sehr zur Freude unseres Geldbeutels. Morgen verlassen wir Südtirol und betreten mit der Lombardei wirklich Italien. Ein letztes Mal nutze ich beim Abendessen die Gelegenheit auf ein Schnitzel mit Pommes. Der Zehn-Stunden-Marsch hat meine Kalorienreserven völlig ausgelaugt und so bestelle ich mir noch einen Kaiserschmarrn hinterher. Ungläubig schaut mich der italienische Kellner an. „For dessert? Half a portion, right?“ – „No, normal size please,“ gebe ich zurück. Wenig später kommt er mit einem großen Teller Kaiserschmarrn und zwei Gabeln zurück. Als ich die gesamte Portion allein verdrücke, kann ich im Augenwinkel noch sehen, wie er mich mit geweiteten Augen von der Bar aus beobachtet.





Um 6.00 Uhr holt uns der Feueralarm mit ohrenbetäubendem Getöse aus dem Bett. Noch ohne Brille schiele ich halb blind in den Flur, während sich Celine aus der Decke pellt. Aufgeregt rennt ein Mann über den Flur und versucht die Sirene verzweifelt abzuschalten. Nach Minuten gelingt es. Es wird wieder still, doch wir sind wach und stehen auf. Das Frühstück ist reichhaltig und noch auf deutschsprachige Touristen ausgelegt. Etwas unkonventionell scheint uns nur, dass wir es mit der Katze des Hauses teilen müssen. Immer wieder springt sie auf das Buffet, um sich hier ein Stück Speck und dort eine Scheibe Prosciutto zu stibitzen.
Real Talk
Beim Gang zur Toilette stelle ich gefrustet fest, dass eine große Hoffnung sich auf dieser Fernwanderung wohl nicht erfüllen wird. Real Talk: Für gewöhnlich schaltet der Körper einer Frau auf solchen und vergleichbaren Fernwanderungen in den Fluchtmodus, in den Überlebensmodus. Tägliches Laufen über acht bis zehn Stunden, mehrere Kilometer und Höhenmeter Auf- und Abstieg signalisieren dem Körper: Das wäre jetzt ein ganz schlechter Zeitpunkt zur Brutpflege! Ergo bleibt die Regelblutung bei vielen Frauen in solchen Situationen aus. Was bei meiner ersten Alpenüberquerung noch klappte, scheint meinen Körper nun aber nicht mehr zu schocken. Die Menstruation schlägt unerwartet zu und mir direkt in den Unterleib. Glücklicherweise werden im Hotel neben Zahnbürsten, Duschgel und Shampoo auch Hygieneartikel verkauft, die hinter dem Glas einer kleinen Vitrine im Treppenhaus drapiert sind.
Nicht ganz ohne Scham versuche ich auf Englisch der Hotelchefin an der Rezeption begreiflich zu machen, was ich kaufen möchte. Vergeblich. Schließlich lotse ich sie zu dem kleinen Schränkchen und zeige auf die Damenbinden. Sie verzieht schmerzvoll mitleidig das Gesicht und gestikuliert wild, während sie das Schränkchen öffnet. „It’s really a problem. First day?“ fragt sie, als sie mir die Verpackung in die Hand drückt. Ich nicke. „How do you say in German?“ will sie dann noch unbedingt wissen. „Slipeinlage,“ gibt Celine zurück. Sie versucht das Wort zu formen, doch ich muss es noch zwei Mal wiederholen, bis es auch ihr gelingt. Freudestrahlend über das neu erlernte Vokabular ruft uns die Chefin zum Abschied mehrfach laut „Slipeinlage!“ hinterher. Wenn der Umgang in Italien so unverklemmt bleibt, werden das wohl interessante Wochen, denke ich.
Könige der Lüfte
Es ist bitterkalt heute Morgen und so ziehen wir all unsere Kleidung an. Sogar Handschuhe und Mütze kommen erstmals zum Einsatz. Dann machen wir uns auf den Weg zum Umbrail-Pass. Kurze Zeit später steigen wir bereits wieder auf zur Bocchetta di Forcola. Noch einmal werfen wir hier oben einen Blick zurück auf den weißen Nordhang des Ortlers. Plötzlich gleitet ein riesiger Schatten über uns hinweg. Überrascht schrauben sich unsere Köpfe nach oben. „Wow, was ist das für ein Vogel?“ frage ich in das Nichts hinein. Ohne es bemerkt zu haben, hat auch ein Mountainbiker den Weg auf den Pass gefunden und beantwortet meine Frage. „Das ist ein Bartgeier.“ Im 19. Jahrhundert wurden sie fast vollständig ausgerottet. Erst in den 80er Jahren begann die Wiederansiedlung dieser beeindruckenden Tiere. Mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern sind sie die größten Vögel Europas. Immer wieder segeln die zwei Riesen der Lüfte über uns hinweg.









Durch das Val Forcola geht es stetig bergab. Celine und ich teilen die Begeisterung für die vielen kleinen Schönheiten am Wegesrand. Immer wieder halten wir inne, staunen, wie sich die Berge um uns herum verändern, bestimmen Blumen und Pflanzen. Weil mich immer noch Unterleibsschmerzen plagen, sammeln wir etwas Frauenmantel, um daraus später einen Tee zu kochen. Am Lago di Cancano wird es plötzlich wieder voll. Viele Familien, aber auch ganze Schulklassen sind an dem türkisblauen Stausee unterwegs. Rasch ist uns der Trubel zu viel. Dennoch finden wir ein ruhiges Plätzchen zum Verweilen. Diese kleine Pause mit Instant-Kaffee vom Gaskocher ist für uns ein Ritual geworden, seitdem wir zusammen laufen. In unserem minimalistischen Alltag fühlt es sich gleichzeitig an wie purer Luxus.



Gemeinsam und autonom
Fünf Unterkünfte hatte ich angeschrieben, um für diese Nacht ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Vergeblich. Es ist mal wieder Wochenende. Gemeinsam wollen Celine und ich deshalb bis Arnoga kommen und uns dann irgendwo in die Büsche schlagen. Auch wenn es heute fast nur bergab geht, ist die Strecke mit 31 Kilometern erneut ein echter Gewaltmarsch. Richtig ätzend wird es aber erst, als wir stundenlang auf öden Forstwegen durch den Wald latschen. „Wir müssen noch Wasser auffüllen,“ erinnert Celine mich. Auf meiner Karte sind mehrere Rinnsale verzeichnet. Doch gerade im Sommer kann es schnell passieren, dass kleine Bäche kein Wasser führen. So entscheiden wir uns lieber etwas früher, unsere Wasserreserven aufzufüllen. Über uns verdichtet sich währenddessen die Wolkendecke.








Gegen 18.00 erreichen wir ein kleines Wäldchen unterhalb einer Alm nahe Arnoga. Eine gefühlte Ewigkeit schlagen wir uns durchs Unterholz auf der Suche nach einer geeigneten Stelle für zwei Zelte im abschüssigen Gelände. Schließlich entscheiden wir uns für die erste Option. Ganz wohl fühle ich mich dabei nicht. Immerhin sind von hier aus noch die Häuser der Alm zwischen den Bäumen zu sehen. Im Zweifel sind auch wir von dort oben zu erkennen. Celine beruhigt mich. „Wir schauen von hier unten ins Licht. Von dort oben blickt man nur ins Dunkel. Wir sind hier nicht zu sehen.“ Kaum haben wir unsere Zelte aufgebaut, beginnt es auch schon zu nieseln. In einer kurzen Regenpause köcheln wir unser Abendessen. Celine rührt sich Kartoffelbrei mit Thunfisch zusammen. Bei mir gibt es hingegen eine Instant-Buchweizenpfanne mit Kaminwurz. Anschließend brühen wir aus dem gesammelten Frauenmantel noch unseren Tee, um danach fix und fertig in die Zelte zu fallen. Wieder kreisen meine Gedanken, diesmal aber in die andere Richtung.
Das war also schon unsere letzte gemeinsame Etappe. Ab morgen bin ich wieder allein unterwegs. Irgendwie schade. Es harmoniert zwischen uns. Wir teilen die Leidenschaft für die Berge, die Begeisterung für ihre vielen kleinen Wunder, aber viel wichtiger: Wir lassen uns gegenseitig viel Raum und Autonomie. Zu schön wäre es, mit Celine noch ein paar Etappen gemeinsam zu gehen.
1.000 Kilometer auf dem Rifugio Viola
„Julia?“ – mein Name ist das erste, was ich höre, als ich am nächsten Morgen die Augen öffne. Celine ist im Zelt neben mir schon wach. „Ich hab gestern Abend noch ganz lange wach gelegen. Sag mal, hättest du was dagegen, wenn ich noch zwei Etappen mit dir gehe? Irgendwie mag ich noch nicht allein weiter und bis nach Poschiavo werde ich ohnehin auch gehen.“ Wieder macht mein Herz einen kleinen Sprung. „Nein, ich habe überhaupt nichts dagegen. Im Gegenteil. Ich würde mich riesig freuen, wenn wir noch ein bisschen gemeinsam laufen.“ – „Super, dann können wir heute gemeinsam auf die 1.000 Kilometer anstoßen!“
Tatsächlich werden wir heute diese Marke knacken und damit die Hälfte der Strecke bereits hinter uns lassen. Erst einmal müssen wir aber dem Regen entkommen, der ab Mittag vorausgesagt ist. Da mit vier Stunden Gehzeit nur eine kurze Etappe vor uns liegt, sollten wir im Trockenen ankommen. Doch als wir uns zum Frühstück auf die zwei Steine vor unseren Zelten niederlassen, beginnt es bereits zu nieseln. Hastig bauen wir alles ab, während der Regen immer stärker wird. „Der Wetterbericht ist ja sehr zuverlässig,“ stöhne ich. Noch bevor wir loslaufen, sind meine Haare so nass, als hätte ich geduscht. In voller Regenkleidung lässt sich aber bald schon nicht mehr unterscheiden, ob es Wasser oder Schweiß ist, was mir den Rücken hinunterläuft. Im Grunde ist es aber auch egal. Ist der Übergang von trocken zu nass erst einmal geschafft, gewöhnt man sich doch erstaunlich schnell an das schmatzende Geräusch in den Schuhen bei jedem Schritt, das feuchte Gefühl auf der Haut und die Tropfen im Gesicht.












Dicht wabert die Wolkensuppe um uns herum. Stetig nieselt feiner Sprühregen auf uns nieder. Die Menstruation drückt nicht nur mein Energielevel, sondern auch meine Laune in den Keller. Als uns nahe einer Alm plötzlich laut kläffend ein Hund verfolgt, platzt mir die Hutschnur. „Silenzio!“ fauche ich ihn in scharfem Ton an. Meine wenigen Brocken Italienisch genügen, um Bello zum Schweigen zu bringen. Bedröppelt zieht er von Dannen. In einigen kurzen Regenpausen bekommen wir einen Eindruck davon, wie schön die Landschaft um uns herum ist. Wolkenfetzen umspielen den Monte Veva und Pizzo di Selva. Vorbei am Val Dosdè wandern wir hinein ins Val Viola und erreichen wenig später das gleichnamige Rifugio. Inmitten des Regengraus wirkt das knallorangene Rifugio Viola beinah wie seine eigene Sonne. Mit einem heißen Glühwein stoßen wir auf die 1.000 km-Marke an und wärmen uns auf. Aufgrund des schlechten Wetters haben alle anderen Übernachtungsgäste für heute abgesagt und so bekommt auch Celine hier spontan einen Platz im Lager. Während der peitschende Wind vor der Hütte unsere nassen Zelte trocknet, fallen wir drinnen in eine ausgedehnte Siesta. Wir verwöhnen uns mit Blaubeerkuchen und Kaffee. Zum Abendessen gibt es Spaghetti al ragù, Gulasch mit Polenta und eine Käseplatte. Inklusive sind außerdem ein Liter Rotwein und eine Flasche Wasser. Etwas angenascht, satt und zufrieden sinken wir in einen tiefen Schlaf.

Grüezi Schweiz!
Mein 49. Gehtag wird mich das erste Mal richtig in die Schweiz führen. Ganz ohne Regen und Wolkennebel können wir heute Morgen die wilde und zugleich karge Landschaft des Val Viola erkennen. Karg ist auch eine treffende Umschreibung für das Frühstück, das uns erwartet. Zwieback, zuckersüßes Knuspermüsli und Kekse. Jetzt sind wir in Italien. Mit spärlich gefülltem Kaloriendepot starten wir wenig später unseren Aufstieg hinter der Hütte. Bald schon glitzern die Seen des Val Viola hinter uns in der Sonne und wir klemmen uns den Grenzstein für ein Foto zwischen die Füße. In der Ferne können wir schon die verschneiten Berge der Bernina erspähen. Beim Abstieg durchqueren wir einige Almen. So klein diese im ersten Moment auch scheinen, gibt es hier dennoch Bushaltestellen. Gleich mehrmals fahren Linienbusse an uns vorüber. Als wir die Hauptstraße erreichen, beginnt es erneut zu regnen und mich erreicht eine SMS mit den Mobilfunkpreisen der Schweiz. Ich muss sie zwei Mal lesen, um zu realisieren, dass hier 23 Cent/MB fällig werden. Sofort schalte ich die mobilen Daten aus. Im Vorfeld der Tour habe ich mich um vieles gekümmert, nicht aber um die völlig gottlosen Roaming-Gebühren der Schweiz.















Als der Regen nachlässt und die Sonne erneut hinter den Wolken hervorschaut, legen wir eine Kaffeepause ein und schlendern schließlich zusammen mit dem Bernina-Express ins Tal. Dieser kleine rote Zug fasziniert mich. In engen Schlingen winden sich die Gleise den Berg hinab. Zwischen Chur oder St. Moritz und Tirano überwindet der Bernina-Express 1.800 Meter Höhenunterschied, fährt über Viadukte, Kehrtunnel und direkt an Gletschern vorüber. Das Zusammenspiel aus Technik und Hochgebirgslandschaft machte die Strecke 2008 zum UNESCO-Welterbe.
Im örtlichen Supermarkt von Poschiavo gehen uns mal wieder die Augen über. Mit leerem Magen maßvoll einkaufen bleibt auch in Woche acht eine Herausforderung. Aber in Anbetracht der Schweizer Preise versuchen wir uns zu bremsen. Celine empfiehlt mir, unbedingt „Rivella“ zu probieren. Anders als es im ersten Moment scheint, basiert dieses Erfrischungsgetränk auf Milchserum aus Molke. Sein Aussehen ähnelt allerdings eher Apfelsaft und der Geschmack liegt irgendwo zwischen Red Bull und Mate, jedoch vollkommen ohne Koffein.
Bis bald, liebe Bergfreundin!
Poschiavo ist ein malerisches fast mediterranes Städtchen. Farbige Fassaden, schmale Gassen und mittendrin immer wieder das rote Bähnli. Ein letztes Mal schlagen wir an diesem Nachmittag gemeinsam unsere Zelte auf dem kleinen Campingplatz in Poschiavo auf. Die Dame an der Rezeption spricht gut Englisch und so klappt der Check-In problemlos. Da es sogar eine Küche für Campinggäste gibt, können wir unser Gas sparen und für Pasta al ragù sogar an einem Tisch Platz nehmen.
Wie immer ist Celine beim Abbau ihres Zeltes am nächsten Morgen deutlich schneller als ich. (Im Aufbau hatte immer ich die Nase vorn 🙂 Celine möchte weiter nördlich durch die Schweiz bis zum Lago Maggiore gehen. Ihr heutiges Ziel wird das Rifugio Palù sein. Ich hingegen laufe zum Rifugio Cristina, um als nächsten großen Meilenstein den Lago di Como zu erreichen. Noch einmal frühstücken wir gemeinsam, dann eine letzte Umarmung bevor Celine sich rasch entfernt. Wir beide hassen Abschiede. Wird das Drama zu groß, haben wir unsere Emotionen nicht mehr im Griff. Also kurz und schmerzlos. Es ist schließlich nicht für immer.
Kein „Adieu“, vielmehr ein „Bis bald, liebe Bergfreundin.“

