Stecker-Drama und Baumgesetze in den Nockbergen

Die zweitunruhigste Nacht dieser Reise liegt hinter mir. Der Gedanke an den Ladestecker hat mich wachgehalten.

Wie löse ich das Problem? Mit dem Bus zurückfahren? Nein. Das dauert zu lang. Dann schaff ich die Etappe nicht mehr. Einfach weitergehen? Dann geht mir der Strom aus.

Dann schießt es mir durch den Kopf. Als ich Tamsweg gestern verlassen habe, habe ich einen Taxifahrer gegrüßt. Ich google rasch und finde das Unternehmen. Im Handumdrehen ist die Nummer gewählt. Es läutet einmal, zweimal – dann; „Guten Morgen, Taxi Lungau, wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich fühle mich ein bisschen komisch mit meinem komischen Anliegen, schildere aber meine Situation. Raffung: Ich bin hier auf der Mehrl-Hütte, zu Fuß – mein Ladestecker in Tamsweg auf dem Campingplatz, ich muss heute weiter – bestenfalls mit dem Ladestecker. „Oh, ob sich das lohnt? Da kommen Sie günstiger, wenn Sie sich einen neuen Stecker kaufen,“ erklärt der Herr am anderen Ende der Leitung. „Wissen Sie mir ist der Preis relativ egal. So schnell komme ich an keinen vergleichbaren Ladestecker heran. Insofern nehme ich das in Kauf,“ antworte ich. „Ja, wann wollen Sie denn aufbrechen? Reicht es wenn Sie den Stecker 8.00 Uhr wieder haben?“ fragt die Stimme am anderen Ende noch einmal nach. Innerlich mache ich einen Freudensprung. Es ist 6.45 Uhr und ja natürlich reicht 8.00 Uhr. Das ist viel früher, als ich gerechnet hätte und so nehme ich das Angebot an. Rasch klingel ich auch am Campingplatz durch. Der Stecker ist noch da, genau dort, wo ich ihn vergessen hatte: im Aufenthaltsraum.

Lehrgeld

Erleichterung macht sich breit, als ich zum Frühstück gehe. Ein bisschen stolz bin ich auch über die kreative Lösung meines Problems. Hannes säubert gerade den alten Ofen im Gastraum, während ich mir mein Frühstück schmecken lasse. „Du hättest auch einfach einen Stecker aus unserer Sammlung haben können. Die Leute vergessen die Dinger hier ständig,“ murmelt er. Einerseits hat er recht andererseits fühle ich mittlerweile immer einen leichten Schmerz, wenn irgendetwas aus meiner Ausrüstung fehlt. Es ist nicht viel, was ich in meinem 54l-Rucksack transportiere, aber jedes einzelne Teil ist wertvoll und wichtig. Wenn man so auf das Wesentliche reduziert ist, schätzt man jeden Gegenstand wie einen kleinen Schatz.

Als das Großraumtaxi vor der Hütte vorfährt, ist meine Schatzkiste wieder vollständig. „Das macht dann 60,-€,“ grummelt der Fahrer. Ich schlucke kurz meinen Schreck herunter, sodass nur die Erleichterung bleibt. Der Stecker hat mit diesem Transport eine siebenfache Wertsteigerung erfahren. Manchmal zahlt man eben Lehrgeld.

Nicht mehr darüber nachdenken.

Zurück in der Hütte packe ich all meine Habseligkeiten gewissenhaft und mit voller Konzentration zusammen. Bloß nicht noch einmal etwas vergessen, denke ich. Dann verabschiede ich mich von Hannes und Angelika, um in Richtung Erlacherhaus aufzubrechen.

Tauernweitblicke

Durch das Rosanintal steige ich auf. Vor der Vergletscherung war das Tal von vielen kleinen Bächen geprägt, die sich entlang seiner V-Form von den Bergen ergossen. Erst die Gletscher schürften das Trogtal zu seiner heutigen U-Form mit dem breiten, flachen Talboden und den steil aufragenden Flanken. Durch die Ablagerung des Gletschers wurden die Unebenheiten des Talbodens ausgeglichen. Das Gefälle verringerte sich und der Kremsbach weicht heute in zahlreichen Schlingen geringsten Hindernissen aus. Was sich geographisch präzise beschreiben lässt, breitet sich nun idyllisch in seiner ganzen Schönheit vor mir aus.

Als ich den ersten steilen Anstieg geschafft habe, lasse ich mich am Rosaninsee nieder, um eine Weile die grasenden Pferde zu beobachten. Beruhigend zupfen sie an dem spärlichen Gras, das hier oben wächst. Zwischen Friesenhalshöhe und Königstuhl überquere ich den Bergrücken. Die weißen Riesen der Hohen Tauern kann ich von hier aus erblicken. Neben dem Ankogel ragt die Hochalmspitze auf – die Tauernkönigin mit ihren 3.360m. Mich führt der Weg aber nur nach unten, erst über Wanderwege, dann wieder über Asphalt, der sich in ätzenden Serpentinen ins Tal windet. Motorräder und Porschecabriolets brausen mir entgegen und an mir vorüber. Während ich mich auf Wanderwegen mittlerweile leicht wie eine Gams fühle, komme ich mir auf Asphaltstrecken regelrecht gehandicapt vor. Nicht mein Terrain. Nicht mein Basseng. Wie ein Fisch auf dem Trockenen. Wie ein Pinguin an Land. Entsprechend anstrengend wird es auch mental.

Baumgesetze

Ich streife vorbei an Zirben, Fichten und Lärchen, die drei Hauptbaumarten hier in den Nockbergen. In der Grundalm ist ihnen eine ganze Ausstellung gewidmet. Für mich eine willkommene Abkühlung nach der brennenden Mittagssonne und vor allem gratis. 600 Jahre alt können Fichten werden. Zirbenholz wirkt beruhigend auf den Schlaf. Salben aus dem Harz der Lärche sind entzündungshemmend. Aber alle Bäume haben gemeinsam, dass sie von der rauen Umwelt der Berge geprägt werden. Der Wind beeinflusst ihre Wuchsrichtung. Wo Naturkräfte wirken, wachsen keine Äste. Stattdessen wachsen sie umso kräftiger, wo ihnen Raum und Ruhe zur Entfaltung gegeben wird. Authentisch. Unveränderlich. Oder wie es Hermann Hesse einst beschrieb.

Überlebenskünstler in ihrer natürlichen Umgebung 😉

„Kein Baum kann dem andern seinen Weg zum Licht streitig machen. Jeder wächst nach den Gesetzen, die ihm innewohnen.“

Nach meinem Streifzug durch die kühle Ausstellung trete ich wieder in die pralle Sonne und setze meinen Weg vorbei an der Wolitzenalm fort. Hier war leider kein Schlafplatz mehr frei, weshalb das Erlacherhaus mein heutiges Etappenziel sein wird. Abseits der Nockalmstraße wird es deutlich ruhiger und so kann ich den Weg über die Almwiesen mit ihren typischen Grashügeln, die sich wie Polster aneinander schmiegen, wieder genießen.

Schritttempo ≠ Kopftempo

Jetzt da ich in Kärnten bin, probiere ich im Erlacherhaus freilich Kärntner Fleischnudeln, eine Art Maultaschen, die mit Fleisch gefüllt und Sauerkraut serviert werden. Es ist ein deftiges Geschmackserlebnis und damit genau das Richtige für mein leeres Energiedepot. Die Hütte ist gut besucht – kein Wunder, es ist Wochenende. Dennoch entscheide ich mich an diesem Abend bewusst, allein an meinem Tisch zu bleiben. Zu erschöpft bin ich davon, wieder neuen Menschen meine Geschichte auf’s Neue zu erzählen, in dem Wissen, dass unsere Wege sich morgen wieder trennen werden.

Beinah drei Wochen bin ich mittlerweile unterwegs. Mein Körper adaptiert sich mittlerweile recht gut an die tägliche Belastung. Der Kopf allerdings kann mit dem Schritttempo der Eindrücke kaum Schritt halten und so freue ich mich auch schon ein bisschen auf die Pausentage mit Sebastian in Südtirol. Mal nicht jeden Tag weitergehen und nicht jeden Tag auf’s Neue erklären, wer ich bin, woher ich komme, wohin ich gehe. Bei Zeiten und zufrieden mit mir selbst sinke ich an diesem Abend in mein weiches Bett.

Entlang des Rossbachs folge ich am nächsten Tag dem Weg ins Tal. Die Wirtschaftsstraßen lassen sich ohne viel Konzentration laufen, sind aber auch langweilig und so passiert es, dass ich mit den Gedanken abschweife und mich abseits meiner Route wiederfinde. Mist. Über einen Forstweg steige ich direkt zum Rossbach ab und suche die eingezeichnete Brücke, um den zwar nicht sonderlich breiten aber doch starken Strom zu überqueren. Ich laufe auf und ab. Keine Brücke zu finden. Was nun? Der Rückweg würde mich mehr als eine Stunde kosten. Andererseits habe ich Respekt davor, durch den Bach zu gehen.

Was, wenn es mir die Beine wegreißt? Was, wenn ich unglücklich falle? Wohlmöglich auf dem Kopf lande? Mir etwas breche? Ich bin hier allein.

Ruhe! Rufe ich in meinen eigenen Kopf hinein und mache mich auf die Suche nach einer geeigneten Stelle zur Querung. Der Rucksack drückt schwer auf meinem Rücken und erinnert mich daran, auf dessen Gewicht bei der Auswahl einer geeigneten Stelle zu achten. Balance und Trittsicherheit werden unter seiner Last und ohne Wanderschuhe im glitschigen Bachbett leicht zur Gefahr. Schließlich habe ich eine seichte Stelle gefunden, schlüpfe aus meinen Wanderschuhen und balanciere Schritt für Schritt durch das eisige Wasser. Mein Herz pumpt vor Aufregung. Und ich zwinge mich, das „Worst-Case-Konjunktiv II-Kopfkino“ auszuschalten. Dann habe ich es geschafft. Erleichtert ziehe ich die Wanderstiefel wieder an und klopfe mir selbst auf die Schulter.

Gut gemacht. Geht doch.

Durch Hitze und Gestrüpp gen See

Wenig später ist auch klar, weshalb ich die Brücke nicht finden konnte. „Mühlenwanderweg aufgrund von Unwetterschäden gesperrt,“ warnt ein Schild am Ende des Weges. Durch Radenthein folge ich ein Stück dem Alpe-Adria-Trail bis Döbriach vorbei an Streuobstwiesen, deren Bäume bereits mit zahlreichen Äpfeln und Kirschen behangen sind. Mit jedem Höhenmeter, den ich mich abwärts bewege, steigt die Temperatur. Vor der Touristeninformation in Döbriach lasse ich mich auf einer Bank im Schatten nieder, um meine Jause zu essen. Anschließend erkundige ich mich noch nach den Abfahrtszeiten für die Fähre über den Millstätter See. Heute noch möchte ich den Campingplatz in Pesenthein direkt am See erreichen. Die Lust diesen morgen komplett zu umlaufen hält sich allerdings in Grenzen.

Nach meiner Mittagsrast, zieht es mich förmlich in die hiesige Kirche hinein. Der Duft von kaltem Weihrauch liegt in der Luft. Nach der Hitze im Freien tut es gut, kurz in der kühlen Kirche Platz zu nehmen. Eine Weile halte ich inne. „Danke,“ murmele ich schließlich und setze den Satz in Gedanken fort.

Danke, dass ich beschützt und sicher bis hierher gekommen bin, dass meine Beine, mein Körper, mein Geist mich tragen. Danke, dass ich das Privileg habe, hier zu sein.

Kurz danach folgt eine Wärmewand, als ich wieder auf die Straße trete. Schweißtreibend und anstrengend ist auch der folgende Aufstieg durch offenbar wenig begangenes aber dafür steiles Gelände. Abschnittsweise ist der Weg kaum noch zu sehen und ich finde mich in brusthohem Gras wieder.

Super Sache! Die Zecken kann ich mir heute vom Körper pflücken.

Oben angekommen, sehe ich ihn endlich: den blauen Millstätter See. Innerlich jubiliere ich. Jetzt nur noch bergab. Ja, das dachte ich. Aber bis Pesenthein sollten es noch immer sechs Kilometer sein. Beim langen Marsch durch den Wald oberhalb des Sees neigt sich auch mein Wasser dem Ende. An einem kleinen Rinnsal fülle ich meinen Trinkbeutel, bin aber ganz und gar nicht sicher, ob ich dieses Wasser tatsächlich trinken sollte. Oberhalb muss das Bächlein schon mehrere Straßen unter- und Weiden überquert haben. Egal, denke ich und nehme einen ordentlichen Schluck.

Am Millstätter See

Platt von der Hitze erreiche ich schließlich den Campingplatz. Terrassenförmig fallen die Stellplätze in Richtung Wasser nach unten und sie sind rappelvoll. „Tut mit leid, auf den Stellplätzen haben wir keine Kapazitäten mehr,“ sagt mir auch die freundliche junge Frau an der Rezeption. „Ich bin zu Fuß und habe nur ein kleines Zelt. Irgendwo werden Sie doch ein Plätzchen für mich haben,“ insistiere ich. Mit einer Handbewegung weist die Rezeptionistin in Richtung einer kleinen Wiese. Ein löchrig gewachsener Hainbuchenstrauch wird heute Nacht meinen Schlafplatz von der donnernden Landesstraße B98 trennen. Dennoch bin ich zufrieden. Ich muss nicht noch einmal weiterlaufen. Der einzige Weg, den ich heute noch gehe, führt ans Wasser. Spielende Kinder rennen zwischen, brutzelnden Sonnenanbetern hindurch, Kreischen dringt von der Wasserrutsche herüber. Der Duft von Frittierfett liegt in der Luft. Die Hochsaison hat begonnen. Das vermeintlich kühle Nass des Millstätter Sees hat Badewannentemperatur als ich eintauche. Ich ziehe zwei Kreise im Wasser und eile wieder ans Ufer.

Mein Rucksack. Ich darf ihn nicht aus dem Blick verlieren. Ich muss zurück, nicht zu weit rausschwimmen. Ich muss reagieren können.

Unruhe bleibt mein Begleiter. Doch Pommes, Eis und Radler heben meine Stimmung merklich nach der schweißtreibenden Etappe. Während ich so auf der Wiese sitze, rollt grummelnd eine schwarze Wolkenwalze heran. Wenig später peitscht der Wind über das eben noch ruhige Wasser. Fluchtartig verlassen die meisten Badegäste das Ufer, als sich der Schauer über dem Tal ergießt. Über mir ergießt sich derweil eine heiße Dusche im dazugehörigen Sanitärgebäude. Erfreut stelle ich bei dieser Gelegenheit fest, dass sich keine einzige Zecke angeheftet hat, trotz der heutigen Dschungelquerung. Schließlich lässt der Regen nach. Die Sonne kämpft sich durch die Wolken, die das Donnergrummeln davontragen. In der gewittergereinigten Luft sitze ich noch eine Weile auf einem Felsen am See. Der Wind rauscht mir durch das feuchte Haar.

Wow, ich bin an den Kärntner Seen angekommen.

Stolz und Ruhe durchfluten mich. Schließlich gehe ich zurück auf den Campingplatz, baue mein Zelt auf und beginne meine Asia-Instant-Nudeln einzurühren. Gegenüber hat eine Radfahrerin ihr Zelt aufgeschlagen. Wir kommen kurz ins Gespräch. Sie ist nach Villach unterwegs und möchte morgen schon ankommen. Wie schön, nicht die einzige Solo-Travellerin zu sein, denke ich. Schließlich falle ich müde auf meine Isomatte. Doch die Nacht verläuft unruhig – nicht nur weil Lastwagen wenige Meter neben meinem Zelt vorbei brettern, sondern auch weil es beginnt, wie aus Eimern zu schütten und ein weiteres Gewitter über mich hinwegzieht. Trotz Moskitonetz haben es etliche Insekten in mein Zelt geschafft, die mich nun unentwegt umschwirren. Noch ahne ich nicht, dass sie mir auch für die kommenden Wandertage eine zusätzliche Challenge hinterlassen werden.

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