Am nächsten Tag steht für mich eine lange Etappe nach Tamsweg an. 8.15 Uhr breche ich auf. Ab heute geht es quasi ‚freestyle‘ Richtung Südwesten. Theoretisch ließe sich auch der Salzsteigweg mit dem Eisenwurzenweg verbinden. Dann würde ich in Villach herauskommen – weiter östlich. So ist mein nächstes größeres Zwischenziel aber Kötschach-Mauthen – als Ausgangspunkt zum Karnischen Höhenweg. Weil es hier keinen durchgehenden Fernwanderweg gibt, folge ich nach dem Abstieg in die Krakauebene an diesem Tag immer wieder auch öden Straßen.



Konjunktiv II
Der Asphalt drückt die Wärme nach oben. Schritt für Schritt. Schritt für Schritt. „Pfiat di“ schreit mich ein großes Schild am Ortsausgang von Moos an, als „Hedwigs Theme“ aus meiner Hosentasche tönt. Mein Handy. Am anderen Ende mein Vater. Aufgeregt ist er. „Ich habe das jetzt mal durchgerechnet: Wenn du weiter so schnell unterwegs bist, dann wirst du schon deutlich weiter sein, als geplant, wenn wir dich besuchen kommen. Ich hab schon einmal nach Unterkünften gesucht – am Luganersee.“ Mittlerweile bin ich auf dem einzigen aber ewigen Anstieg des Tages angekommen und röchel in das Mikro meiner In-Ear-Kopfhörer. „Papa, ganz entspannt. Es kommen noch mindestens zwei bis drei Tage Verzug hinein. Basti kommt mich doch besuchen,“ antworte ich, während die Nervosität sich durch den Hörer doch von hinten anschleicht.
Habe ich mich auch nicht verrechnet? Was, wenn ich länger brauche? Etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt? Ich vielleicht mal keinen Schlafplatz bekomme? Das Wetter zu schlecht ist, um weiterzugehen?
„Ah, ok. Ja, dann funktioniert es wieder,“ unterbricht mein Vater die Konjunktiv-II-Gedankenkette. Wir tauschen uns noch kurz über dies und jenes aus. Dann Stille. Die Verbindung ist abgebrochen. Zurück bleibe ich mit dem heißen Asphalt unter den Füßen und dem Zeitplan im Kopf. Hm.









Nicht zum Sklaven von Kalender und Uhr zu werden oder viel mehr diesen Zustand endlich verlassen – das bleibt eine Challenge auch 20 Tage nach meinem Aufbruch in Wien. Schritt für Schritt, ermahne ich mich. Auch Loslassen braucht Zeit. Und einen Schritt in diese Richtung mache ich am Prebersee.
Du hast davon geträumt, in Bergseen zu baden, hast es dir gewünscht. Mach es.
Sanft streicht der Wind über das Wasser. Zahlreiche Tagesausflügler flanieren entlang des Ufers. Zögerlich setze ich den Rucksack ab. Ein Mann im mittleren Alter besetzt die nahe gelegene Bank und beobachtet mich. Entspannt fühl ich mich nicht. Obwohl ich in den Bergen unterwegs bin, falle ich auf. Der See liegt direkt neben einer gut befahrenen Straße. Wanderer mit schweren Rucksäcken sind hier kaum anzutreffen.
Kann ich den Rucksack hier am Ufer stehen lassen? Wird sich jemand an meinen Sachen vergreifen? Besser ich geh nicht zu weit ins Wasser.

Rasch zieh ich mich bis auf die Unterwäsche aus und taste mich ins Wasser. Es ist kühl, aber bei Weitem nicht so kalt wie manch hoch gelegener Bergsee oder gar der Bach, in dem ich vor zwei Tagen gebadet habe. Am gegenüberliegenden Ufer kreischen Kinder aufgeregt durcheinander. Ich drehe meinen Kreis und schwimme zurück ans Ufer. Der Mann auf der Bank applaudiert, als ich aus dem Wasser steige. Gequält lächle ich. Unangenehm. Dann lasse ich mir noch ein paar Minuten die Sonne ins Gesicht scheinen. Jetzt aber weiter. Es folgen weitere elende Asphaltkilometer vorbei an vielen kleinen Höfen. Auf einer Weide stehen Alpakas. Es durftet nach frisch gehauenem Gras. Ein Bauer wendet mit seinem Traktor gerade den ersten Schnitt des Sommers. Im Westen erheben sich die Hohen Tauern. Südliche liegen sanft und hügelig die Nockberge vor mir. Morgen werde ich sie betreten. Jetzt aber führt mich der Weg erst einmal in den örtlichen Supermarkt.
Müllberge und Unruhe
Mit den schrägen Blicken komme ich noch immer nicht so richtig klar. Ja, ich steh hier mit festen Bergstiefeln im Tal. Ja, ich habe einen großen Rucksack. Und ja, ich bin zu Fuß unterwegs. Porridge, Radler, Nudeln, Riegel, Schokolade, Pudding, Chips, Apfel und Pfirsiche finden ihren Weg in den Einkaufswagen. Oh, Leberkässemmeln im Angebot. Ich schlage zu. Magengrummeln stellt sich ein, nicht nur weil ich hungrig bin, sondern auch weil ich merke, dass es eine semi gute Idee ist, mit leerem Magen einkaufen zu gehen. Nicht zum ersten Mal mache ich diese Feststellung. All die Fressalien muss ich jetzt noch bis zum Campingplatz schleppen. Um Platz im Rucksack zu sparen, beginnt hinter der Kasse das große Auspacken. Pappkartons – weg. Plastikschalen – weg. Folie – weg. Seitdem ich wandere, wird mir immer bewusster, wie viel sinnlosen Müll unsere Zivilisation dem Planeten zumutet. Ein kleiner Berg türmt sich vor mir auf. Trotzdem passen die Einkäufe nicht vollständig in den Rucksack. Mit einer Papiertüte in der einen Hand und der Leberkässemmel in der anderen laufe ich die letzten drei Kilometer zum Campingplatz.
Freundlich werde ich von Angelika Santner, der Campingplatz-Chefin, begrüßt. Kurz kommen wir ins Gespräch über meine Tour. Dann baue ich hinter dem Campingplatzgebäude mein Zelt auf – das Einzige. Um mich herum stehen beinah ausschließlich Campervans, Wohnmobile und -anhänger. Hastig rühre ich mein Fertiggericht zusammen. Dazu gibt es ein Grapefruit-Radler.
Die Übernachtungen auf dem Karnischen Höhenweg! Buchen! Dringend! Bald beginnen die Ferien. Nicht, dass ich keinen Schlafplatz bekomme. Dann komme ich in Verzug. Dann komme ich zu spät nach Moos.


Pressure. Ich schnappe mein Handy und suche die Hütten entlang meiner Route. Die Wolayerseehütte. Check. Das Hochweißsteinhaus. Check. Die Porzehütte. Check. Die Obstanserseehütte. Check. In allen Hütten habe ich Lagerplätze ergattert. In keiner einzigen waren sie knapp. Wie sinnlos dieser Druck, denke ich einerseits. Andererseits durchströmt mich in diesem Moment angenehme Ruhe, nun da ich weiß, dass ich in einer anderthalben Woche feste Schlafplätze haben werde. Doch sie währt nicht lang. Die Powerbanks müssen noch geladen werden, wie auch meine Kopfhörer und das Handy. Ich mache mich also auf zum Aufenthaltsraum. Dort gibt es nicht nur Strom, sondern auch WLAN. Gleichzeitig behalte ich mein Zelt durch das Fenster fest im Blick. Es wird dunkel, während ich mit Sebastian telefoniere. Der Schnellladestecker macht was er soll. Binnen einer Stunde sind die Powerbanks wieder geladen. Ich ziehe sie samt Kabel ab und laufe gedankenverloren noch mit dem Handy am Ohr aus dem dunklen Raum zu meinem Zelt.
Freitag der 13. – 1.0
Die Nacht ist unruhig und der Morgen kommt viel zu früh. Eine lange Etappe steht an und so pelle ich mich 6.15 Uhr aus meinem Zelt. Kondenswasser tropft mir ins Gesicht. Super. Die Plane ist klatschnass und mein Schlafsack feucht. Letzteren hänge ich zum Trocknen über eine Bank. Die Zeltplane spanne ich locker über einen alten Sandkastenrahmen, der an einem Baum lehnt. Es ist der erste Morgen ohne Regen nach einer Zeltnacht. Was für ein Genuss. Jetzt Frühstück. Haferflocken in den Topf. Apfel hinzu. Milch obendrauf. Gaskartusche an. Nebenbei Fotos am Handy bearbeiten. Gestern Abend war ich dazu zu müde. Umrühren. Knack. Mist. Ich halte inne und den Göffel in zwei Händen. Das Klappscharnier ist ausgebrochen. Doch der Ärger währt nur kurz. Was hilft es und überhaupt – heute ist Freitag der 13. Wenn der abgebrochene Göffel mein Fail des Tages bleibt, komme ich ganz gut weg.




Die Sonne steigt immer höher und ich ärgere mich, dass ich noch immer hier sitze, hatte ich mir doch extra den Wecker früh gestellt, um genügend Zeit für die lange Etappe zu haben. Andererseits genieße ich, wie die Sonnenstrahlen meine Nase kitzeln und mich langsam aufwärmen.
Momente vergehen. Ich stehe auf, hebe die Zeltplane vom Sandkasten. Meine Finger kleben. Ich verziehe das Gesicht. Mehrere Baumharzflecke überziehen die Plane. Freitag der 13., denke ich erneut, als ich den dünnen Plastikstoff zusammenlege und in der immer höher steigenden Sonne loslaufe – durch Tamsweg vorbei an der Kirche, einem Sportplatz, raus entlang der Mur. Kilometerweit folge ich dem Radweg auf Asphalt. Mein Bauch grummelt. Auch nach drei Wochen kommt mein Körper mit dem unregelmäßigen Schlaf, der vielen Bewegung und der so ganz anderen Ernährung nicht wirklich klar. Immer wieder plagen mich Verdauungsprobleme und Krämpfe schon nach wenigen Kilometern. Auf der Suche nach einem stillen Örtchen komme ich auch heute Morgen wieder ins Rennen. Freitag der 13…


Die Burg Ramingstein thront über dem Tal. Bergauf liegt der Weg nur selten im Schatten. Durchgeschwitzt lege ich am Straßenrand eine Pause ein. Kornspitz, Apfel, Kaminwurz, ein Stück Schokolade. So eine verdammte Wärme. Ich hab keinen Bock, weiterzugehen. Aber es hilft nichts. Der Übernachtungsplatz ist reserviert. Endlich erreiche ich Schotterwege, die entlang von Weiden und durch Wälder den Berg hinaufführen. Eine Kuh starrt mich ungläubig an. „Ja, ich weiß auch gerade nicht, warum ich mir das antue,“ rufe ich ihr entgegen. Dann trabe ich weiter.
Schritt für Schritt
Bald schon wird aus dem Schotterweg wieder Asphalt. Doch die Baumgrenze rückt näher und gibt den Blick frei auf die umliegenden Hänge. Hinter den sanft grünen Hügeln luken die Spitzen schroffer Bergketten hervor. Ich zücke mein Handy und bestimme die Gipfel. Hochgolling und der Hohe Dachstein grüßen aus der Ferne. Letztes Jahr noch war ich am Hohen Dachstein, freilich nicht ganz oben, aber der Anblick der Spitzen ist mir vertraut. Ich setze meinen Weg fort und erreiche das Bergdorf Karneralm.
Erschöpft lasse ich mich im Schatten eines Holzschuppens nieder. Was für ein beschissener Weg. Minuten vergehen. Mein Blick wandert vom GPS auf das Flirren der Luft über dem Asphalt der Straße und wieder zurück. Immer noch acht Kilometer, 300 Höhenmeter bergauf und 500 Höhenmeter bergab. So wenig Motivation war noch nie, seitdem ich losgelaufen bin. Für einen Moment versinke ich im Selbstmitleid. Dann denke ich an Lisa, an Momo, an Beppo, den Straßenkehrer.
„Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken… Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.“







Schritt für Schritt. Ich raffe mich auf, schultere den Rucksack und laufe weiter – jetzt endlich über Almwiesen. Vor den Kühen habe ich noch immer Respekt, ziehe großzügige Halbkreise um ihnen auszuweichen. Doch eine scheint in Wanderlust zu sein und heftet sich an meine Fersen. Ruhig bleiben. Ruhig bleiben. Mein inneres Mantra kann nichts dagegen ausrichten, dass mein Schritt und Atem sich beschleunigen. Irgendwann wird das Gras unter den Hufen der sanftmütigen Riesin doch wieder interessanter als mein Rucksack und sie lässt von mir ab. Entlang der Koppel verläuft der Trail kaum sichtbar auf die sanft grünen Hügel. Blauer Himmel gespickt mit Cumulustupfen. Ich atme tief. Der Wind bläst mir entgegen und reist mir beinah die Kappe vom Kopf. Auf der Klölingscharte angekommen, liegt mir das Skigebiet zu Füßen, in dessen Mitte sich die Dr.-Josef-Mehrl-Hütte befindet.
Ein langer Abstieg wird es, gespickt mit einigen Hindernissen in Form von Stacheldrahtzäunen. Einen nach dem anderen übersteige ich die Schikanen. Autsch. Ganz ohne Kratzer schaffe ich es nicht. Ich lechze nach der Ankunft im Tal. Endlich, endlich, endlich. Auf der Terrasse der Mehrl-Hütte sitzen Hüttenwirt Johann Lechner und seine Frau Angelika mit ihrem bereits erwachsenen Sohn.




Ich bin der einzige Gast an diesem ersten Tag der Saison. Salat mit Schnitzel. Ein Kaiserschmarrn. Dazu ein Radler. Meine Kalorienreserven füllen sich langsam wieder. Währenddessen unterhalte ich mich mit Angelika über meine Tour, das Leben und Lebensfragen.
Heiraten. Ja oder nein? Wo leben? Hier oder dort? Kinder. Ja oder doch nicht? Warum eigentlich?
Angelika würde manches anders machen, könnte sie noch einmal von vorn beginnen. Doch es gibt kein Reset, kein Strg + Z im echten Leben. Wie befand der dänische Philosoph Søren Kierkegaard so zutreffend:
„Das Leben muss rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt werden.“
Sie ist sichtlich angetan von meinem Weg. Scherzhaft stupst sie ihren Mann in die Seite und kichert mit osteuropäischen Akzent „Ich will auch mit nach Nizza laufen. Lässt du mich mitgehen?“ In tiefer Gelassenheit zündet sich Johann, den alle nur Hannes nennen, eine Zigarette an, räuspert verschmitzt auf. „Du gehst nicht mit nach Nizza.“ Ende des Gesprächs.
Freiheitsdrang
Durch ein großes Fernglas beobachtet Angelika Augenblicke später die gegenüberliegenden Hänge. „Gestern waren viele Gämsen unterwegs,“ erklärt sie kurz. Heute allerdings nicht. Heute ist es eine Kuh, die Angelikas Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mit flottem Schritt trabt sie die Straße entlang, immer weiter Richtung Tal. Freiheitsdrang. Irgendwie kann ich sie verstehen – die Kuh. Immer das gleiche abgesteckte Wiesenstück kann langweilig werden. Du weißt heute, was übermorgen sein wird – nämlich das, was vorgestern schon war. Dabei lässt sich nur zu gut erahnen, dass es hinter dem dünnen Draht der Koppel mehr geben muss. Es braucht jedoch die Bereitschaft, den kurzen Stromschlag zu ertragen, den unangenehmen Moment auszuhalten, wenn die Komfortzone endet und das Leben beginnt.
Hannes hat schon das Handy gezückt. Er wählt die Nummer des Senn, dem das freigeistige Milchvieh entlaufen sein muss. Danach springen Angelika und Hannes von der Terrasse auf und hinein in ihr Auto. In Windeseile düsen sie auf die gegenüberliegende Seite des Tals. Quer parken sie den Wagen vor der Kuh auf die Straße. Ende der Reise.



Eine gute Viertelstunde vergeht bis der Senn seine Kuh wieder eingefangen hat. Radio, Fernsehen, Smartphone: überflüssig. Die entlaufene Kuh unterhält mittlerweile die gesamte Nachbarschaft, die sich auf der Straße versammelt hat. Und ich beobachte alles von meinem Platz in der Loge auf der Terrasse. Als das Theaterstück vorbei und Hannes und Angelika wieder zurück sind, verabschiede ich mich ins Bett.
Freitag der 13. – 2.0
Tatsächlich habe ich heute ein richtiges Bett. Jetzt noch schnell meine Powerbanks und Kamera anstecken. Aber – oh, Schreck -. Mein Ladestecker ist weg. Andrenalin flutet meinen Körper. Wann und wo hatte ich den Stecker zuletzt. Mein Kopf läuft heiß. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Gestern Abend. Auf dem Campingplatz. Ich hatte die Powerbanks geladen und alle Kabel mitgenommen – nicht aber den Stecker aus der Dose gezogen. Was jetzt? Morgen komme ich noch über den Tag, aber dann? Den nächsten Elektronikfachmarkt erreiche ich erst in drei Tagen und ob die den passenden Schnellladestecker haben, ist fraglich. Innerlich pumpend gehe ich zu Bett. Gedanken kreisen. Ruhig bleiben. Ruhig bleiben, ermahne ich mich. Ein typischer Freitag der 13.
