Meine Augenringe haben ihren Tiefstand erreicht, als ich am nächsten Morgen aufstehe. Gegen 7:00 Uhr packe ich alle meine Sachen zusammen. Ausnahmsweise darf ich schon deutlich früher frühstücken, da ich ja gleich mit der Hotelchefin nach Mürzzuschlag fahren werde. Draußen nieselt es noch immer.
Beim Frühstück komme ich ins Gespräch mit der älteren Frau Schäffer. Die Ablenkung tut gut, denn ansonsten bin ich der einzige Gast, der so früh schon auf den Beinen ist. Wenig später kommt auch die Hotelchefin, Karolin Schäffer, mit ihrer kleinen Tochter hinzu. Die ganze Familie sitzt zum Frühstück im Gastraum beisammen. Der Bergsturz im schweizerischen Blatten ist an diesem Tag Thema in den Nachrichten und bestimmt auch die Gespräche des Morgens.



Danach geht es auch schon los. Mit Karolin Schäffer sitze ich im Auto Richtung Mürzzuschlag. wir unterhalten uns, und ich erfahre, dass sie gebürtig aus Oranienburg kommt. Sie erzählt mir das hin und wieder Wanderer vorbeikommen, die ferne Ziele im Auge haben. Zwei Wanderinnen wollten, so wie ich auch, nach Nizza laufen – eine von Ihnen war in ihren Vierzigern, die andere gerade einmal 18 Jahre alt und beide waren ebenso allein unterwegs.
Es ist schön, von solchen Geschichten zu hören und festzustellen, dass man nicht die Einzige ist, die diesen Weg geht und vor allem auch nicht die Einzige, die sich auf dieses Abenteuer allein wagt. In Mürzzuschlag husche ich flink in das Handygeschäft. Es hat gerade geöffnet. Vor mir ist nur ein älterer Herr an der Reihe danach komme ich. „Mein Handy hatte gestern im Regen Kontakt mit Wasser. Seitdem lädt es nicht mehr.“ Ganz entspannt nimmt sich die Verkäuferin mein Telefon und verschwindet in einem Hinterzimmer. „15 Minuten sollte es dauern, dann sehen wir, ob das Telefon lädt,“ meint sie mit einem freundlichen Lächeln. Ich vertreibe mir die Zeit und streife im Laden umher hoffend und bangend, dass ich nicht eines dieser teuren, neuen Geräte kaufen muss, die hier überall stehen.
Dann kommt die Verkäuferin wieder mit meinem Telefon in der Hand. „Also mit dem Handy ist alles in Ordnung. Es hat in den 15 Minuten auf ganze 33% hochgeladen.“ Ich merke, wie mir ein riesiger Stein vom Herzen fällt. Ich atme tief aus und könnte die Verkäuferin fast schon umarmen. „Dann wird es wohl das Kabel sein,“ ergänzt sie noch. Rasch ist ein neues Kabel ausgesucht und zur Sicherheit kaufe ich auch noch eine kleine Powerbank, die kabellos über Induktion lädt.
Trail Angel
Freudestrahlend husche ich anschließend auch noch in einen Supermarkt, um eine neue Sonnencreme zu kaufen. Überglücklich sitze ich wenig später im Auto neben Karolin Schäffer, die mich auch noch zur Brunnalm fährt. Von dort aus kann ich in relativ kurzer Zeit noch mein heutiges Etappenziel, das Graf-Meran-Haus, erreichen. Ich bin überglücklich und dankbar über diese große Hilfsbereitschaft.

Entlang der großen, amerikanischen Fernwanderwege wie dem Appalachian Trail oder dem Pacific Crest Trail hat sich für diese Art von Hilfsbereitschaft ein eigenes Wort gebildet: Trail Angel. Sie helfen Fernwanderern aus der Klemme, verwöhnen sie mit gutem Essen, einer warmen Dusche oder anderen Annehmlichkeiten. Trail Angel fahren Fernwanderer einfach mal an den Einstiegspunkt ihre Wanderung, auch wenn dieser überhaupt nicht auf ihrem Weg liegt.
Ich verspreche, eine Karte aus Nizza zu schreiben, wenn ich ankomme. Dann hüpfe ich aus dem Auto, wieder hinein in den Nieselregen und verabschiede mich von meinem ersten Trail Angel, Karolin Schäffer. In einem nahegelegenen Gasthaus verpacke ich mich und all meine Ausrüstung noch einmal wasserfest, bevor ich den Aufstieg zum Graf-Meran-Haus beginne.



Anstelle von sieben Stunden bin ich nur zweieinhalb unterwegs. Das reicht aber auch absolut. Ich bin total fertig, nachdem ich noch keine einzige Nacht auf dieser Reise durchschlafen konnte. Und letzte Nacht habe ich dann so gut wie gar nicht geschlafen. Entsprechend bin ich schon am Mittag auf der Hütte, die zu diesem Zeitpunkt noch völlig in der Wolkensuppe verschwindet.
Bekannte Gespräche
In der Hütte treffe ich ein bekanntes Gesicht wieder. Étienne, der Franzose, der vor ein paar Tagen in Puchberg am Schneeberg losgelaufen ist, hat die letzte Nacht hier in der Hütte verbracht und ist gerade am bezahlen. Wir tauschen uns über unsere letzten Tage aus und dann verschwindet er in der Wolkensuppe vor der Hütte.
Vorerst sitze ich mit einem Pärchen im mittleren Alter an einem Tisch und wir unterhalten uns über das Wandern und meine Tour. Wenig später kommt aber eine ganze Gruppe junge Männer zur Tür herein. Zwei weitere Wanderer nehmen am Tisch neben mir Platz. Als sich das Paar an meinem Tisch wieder in Richtung Tal verabschiedet und mir eine gute Reise wünscht, verbreiten sich meine Wanderpläne wie ein Lauffeuer an den anderen beiden Tischen und sorgen dafür, dass ich „im Gespräch“ bleibe.

Staunen und große Augen bin ich schon gewohnt. Und auch den Satz: „Allein, als Frau – das ist aber mutig,“ habe ich schon viel zu oft gehört. Ich mag diesen Satz nicht. Denn in der Regel ist er nicht positiv gemeint. Im Unterton schwingt immer mit, dass es mir als Frau nicht zugetraut wird, dass ich als Frau, anders als ein Mann, besonders ausgesetzt sei. Kurzum: Mit „mutig“ meinen Menschen in diesem Kontext nicht selten vor allem „leichtsinnig“ oder „naiv“. Und das ärgert mich richtig hart – vor allem, weil ein Mann, und sei er noch so schlecht auf sein Vorhaben vorbereitet, sich diesen Satz vermutlich deutlich seltener geben müsste.
Neue Seilschaften
Gegen Nachmittag erreicht auch eine Gruppe junger Leute das Graf-Meran-Haus. Im ersten Moment machen Sie einen ziemlich bunt zusammengewürfelten Eindruck auf mich. Ich kann überhaupt nicht zuordnen, aus welchem Kontext sie wohl zueinander gefunden haben könnten. Einer von Ihnen spricht mich an und fragt, ob sie sich zu mir an den Tisch setzen dürfen. „Ja, klar gerne,“ erwidere ich. Der junge Mann macht einen gut sortierten, sportlichen Eindruck auf mich. „Ich bin Max,“ stellt er sich vor. „Ich bin Julia,“ gebe ich zurück und wir kommen kurz ins Gespräch über unsere geplanten Touren.
Wenig später kommen die anderen aus der Gruppe dazu. Einer nach dem anderen setzen sie sich an den Tisch und stellen sich vor. Uff, das wird eine Herausforderung, sich all die Namen zu merken. „Ist ganz einfach,“ sagt der große, schlanke Typ mit den dunklen lockigen Haaren, der sich gerade neben Max hingesetzt hat. „Das ist Max. Ich bin Moritz.“ wir brechen in Gelächter aus. Neben Moritz nimmt Gesa Platz, eine große, ebenfalls schlanke Frau mit dunklen Haaren, Nasenpiercing und Plug-Ohrringen. Teil der Gruppe sind auch Sabine und eine junge Frau, die alle bloß Cat nennen. Walter, so scheint mir, ist der Stubenälteste der Gruppe. Dann nimmt auch noch ein junger Mann, wohl etwa Mitte 20, auf der Bank Platz. Er hat einen roten Iroschnitt und stellt sich als Dominik vor. Zu guter Letzt kommt eine kleine, quirlige junge Frau zur Tür herein gestolpert. Sie ist wohl am auffälligsten in der Gruppe mit ihrer etwas zu weiten knallgelben Jacke, auf der „Deutsche Post“ geschrieben steht. Eine ebenso knallgelbe Strickmütze mit grünem Streifen bedeckt ihre blonde Kurzhaarfrisur. Sie stellt sich als Selma vor. „Und hat’s geklappt?“ fragt Max. „Ja klar, wir haben den Drachen steigen lassen,“ antwortet sie und zeigt stolz das Foto auf ihrem Handy.
Offensichtlich hat Selma einen Lenkdrachen mit auf den Berg gebracht. Gerade eben ist sie mit ein paar anderen aus der Gruppe noch zum Gipfelkreuz der Hohen Veitsch aufgestiegen, um ihn im straffen Wind steigen zu lassen. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Bisher habe ich noch keinen Wanderer getroffen, der auf die Idee gekommen wäre, einen Lenkdrachen mit auf eine Berghütte zu nehmen. Aber klar, im zweiten Moment macht es Sinn, so kräftig, wie der Wind hier oben bläst.
Sofort bin ich in die Gespräche der Gruppe integriert. Seit einiger Zeit machen Sie gemeinsam jedes Jahr eine Hüttentour. Über die Universität Wien haben sie zueinander gefunden, kommen aber zum Teil alle aus verschiedenen Studienrichtungen, stehen mitunter schon im Arbeitsleben oder haben sich über Kreuzbekanntschaften kennen gelernt.
Gemeinsamer Weg
Wir verbringen einen lustigen Abend mit vielen nicht enden wollenden Runden UNO Flip. „Schau, wenn du morgen auch zur Voisthalerhütte gehst, können wir auch gern zusammen gehen,“ schlägt Max vor. Ich freu mich riesig, über die unverhoffte Seilschaft für den kommenden Tag. Zufrieden und hundemüde schlafe ich später ein und vor allem die allererste Nacht auf dieser Reise durch – trotz Matratzenlager.




6.30 Uhr startet der Tag mit einem soliden Hüttenfrühstück. Unsere Gruppe ist die letzte, die an diesem Tag die Hütte verlässt. Für Gesa beginnt der Morgen mit einem Schreck. Im riesigen Sammelkorb am Hütteneingang hat jemand die falschen – nämlich ihre – Wanderstöcke genommen. Wütend schnappt sie sich die über gebliebenen und stiefelt die Hohe Veitsch rauf, um die Gruppen doch noch einzuholen. Es ist ein etwas aussichtsloses Unterfangen, denn die anderen haben die Hütte vor mindestens einer halben Stunde bereits verlassen. Und so stößt Gesa wenig später mit den „neuen“ Wanderstöcken wieder zum Rest der Gruppe.
Meine Beine sind leicht an diesem Tag und so bleibt viel Zeit, um mit den Gedanken bei den Gesprächen mit den anderen zu sein, Moritz und ich reden eine Weile über die politische Situation in Österreich und Deutschland, darüber, wie ihre Gruppe zueinander gefunden hat und was jeder so beruflich macht.
Auf zur Voisthalerhütte
Über sanfte Almenwiesen und durch Wälder geht es allmählich immer wieder auf und ab. Gegen 11:00 Uhr legen wir eine Rast ein – mitten auf einer Forststraßenkreuzung. Was mir auffällt: Einige aus der Gruppe haben ganze Brote mitgenommen, tragen seit gestern schon verpackten Käse mit sich herum. In Selmas Seitentasche steckt eine große grüne Gurke und mehrere Karotten. Ordentlich Proviant haben sie fast alle dabei, nicht zuletzt auch um sich das Frühstück auf den Hütten zu sparen. Ein Learning für mich: Frühstück kann, muss man aber nicht auf der Hütte nehmen.





Nach der Rast geht es weiter in Richtung Seewiesen. An einer Alm machen wir noch eine kurze Rast. Ich trinke einen Almdudler, während die Gruppe über den weiteren Weg diskutiert. Schroff ragen die Kalkwände der Hochschwabgruppe westlich empor. Über sie führt binnen fünf Stunden einer der Wege zur Voisthalerhütte. Der andere führt innerhalb von drei Stunden erst allmählich und später steiler durch den Talboden hinauf. Die Zeitangaben zeigen zumindest einschlägige Wanderapps an.
„Was schätzen Sie, wie lange es wohl dauert, über die Berge zur Voisthalerhütte aufzusteigen?,“ fragt Gesa, die Almwirtin. Sie überlegt kurz und antwortet. „Na, in drei Stunden solltet ihr über die Berge die Voisthalerhütte erreichen.“ Um ehrlich zu sein, macht die Wirtin auf mich nicht den Eindruck, als wäre sie häufig zum Wandern am Berg unterwegs. So machen sich bei mir leichte Zweifel breit.






Der Großteil der Gruppe entschließt sich trotzdem, den Anstieg über die Berge in Angriff zu nehmen. Nur Max, Moritz und Walter wollen über den Talboden aufsteigen. Weil die Drei noch ihr Auto umparken wollen, gehe ich schon einmal los. Bald schon erreiche ich den Taleingang. Breite, grüne Wiesen und Wald wechseln sich ab zwischen den schroffen Kalkbergen des Hochschwabmassivs. Der Weg ist überwiegend gemütlich und gut zu gehen. Die letzten 200 Höhenmeter haben es noch mal in sich. Dann ist die Hütte erreicht. Im ersten Augenblick sieht sie aus, wie ein Kasten, der dort zwischen die Bergwände gesetzt wurde. 2021 wich die alte Voisthalerhütte einem modernen Neubau – quaderförmig, lärchenholzvertäfelt mit riesigen Fenstern.
Karottenwegweiser und Catcalling am Berg
Auf der Terrasse sitzen schon Max, Moritz und Walter. Offenbar hatten Sie einen guten Vorsprung durch die kurze Fahrt mit dem Auto. Es ist bereits 16.30 Uhr. Keine Spur vom Rest der Gruppe und nur in einer kleinen Ecke auf der Terrasse gibt es Mobilfunkempfang. Dort steht nun Walter und kommuniziert über den Gruppenchat mit den anderen. Offenbar haben sie sich verloren und laufen getrennt. Klar ist aber: Pünktlich zum Abendessen werden sie es wohl nicht schaffen. Also werden schon einmal fünf Gerichte quasi auf Vorrat geordert.





„Ich weiß auch nicht, ob das eine gute Idee war, noch den langen Weg über die Berge zu gehen. Immerhin brennt auch die Sonne extrem und wir hatten schon fünf Stunden Gehzeit hinter uns,“ meint Max. Als wir schon beim Abendessen sitzen, kommt Selma tief atmend aber mit straffem Schritt hereingelaufen. „Geschafft!“ Sie atmet durch und lässt sich auf einen der Stühle fallen. „Wo sind die anderen?“ fragt Max. „Die waren plötzlich weg. Ich bin gelaufen und gelaufen, war so voll in meinem Film und dann waren die plötzlich weg,“ gibt Selma völlig unbekümmert zurück. „Ich hab dann noch überlegt: Mist, was mache ich jetzt, wenn die auf mich warten. Sie müssen ja eigentlich hinter mir sein. Am letzten Wegweiser habe ich dann überlegt, dass ich ihnen ne Nachricht hinterlasse. Die hab ich dann einfach auf eine Karotte geschrieben und an den Wegweiser gehangen,“ erklärt sie ganz selbstverständlich.“
Max und Walter können sich kaum halten vor Lachen. „Du hast ihnen eine Nachricht auf eine Karotte geschrieben?“ – „Ja, die hab ich dann mit Gummibändern fest gemacht. Ich hab auch drauf geschrieben, dass sie die Karotte wieder mitbringen sollen.“ – „Was hast du damit vor ?“ hakt Max nach. „Ach ich will einfach nicht, dass sie dort vergammelt,“ meint Selma.

Jetzt ist kein Halten mehr am Tisch. Wir brechen in Gelächter aus. Niemand wäre wohl ernsthaft auf so eine Idee gekommen. „Boar, dieser Weg war einfach nicht zu Ende und als ich dann so an dem Wegweiser stand, hat ein Murmeltier direkt neben mir angefangen zu pfeifen. Catcalling in den Bergen,“ ergänzt Selma und wieder lachen wir lauthals. Selmas lockere, unkonventionelle Art gibt mir unheimlich Kraft in diesem Moment. Gegen 20.00 Uhr treffen auch die anderen ein und wir versinken erneut in nicht enden wollenden Runden UNO bis zur Hüttenruhe 22.00 Uhr.
Gipfelglück
Der nächste Morgen beginnt früh, denn für 14.00 Uhr ist ein Gewitter vorausgesagt. Als wir getrennt bezahlen, kann Hüttenwirtin Lissi kaum glauben, dass ich den Rest der Gruppe eigentlich erst seit zwei Tagen kenne. „Ihr passt so gut zueinander. Das gibt es ja gar nicht!“ Nach einem kurzen Plausch über mein Fernziel, ergänzt sie: „Du musst uns unbedingt auch eine Karte schicken, wenn du in Nizza ankommst,“ und gestikuliert in Richtung einer großen Pinnwand. Zwei Karten aus Nizza hängen dort schon. Ich verspreche, daran zu denken und verabschiede mich.




Während ein Großteil unserer Gruppe über einen Klettersteig zum Hochschwab aufsteigen möchte, entscheiden sich Moritz, Walter und ich für den „gemütlichen“ Wanderweg. Direkt hinter der Hütte können wir drei Steinböcke in der Ferne sehen. Wir freuen uns über diese seltene Begegnung nicht ahnend, dass wir gleich eine ganze Herde beinah schon von den Wegen schieben müssen. Zur Kaiserzeit waren diese imposanten Tiere in den Alpen eigentlich beinah ausgerottet. Später, dann wurden sie wieder gezielt angesiedelt. Die Scheu vor dem Menschen haben sie aber offenbar nie ganz zurückerlangt.







Vorbei am Schiestlhaus erreichen wir schließlich den Hochschwab. Aus der Ferne grüßen noch einmal die Hohe Veitsch und der Gipfel des Schneebergs. Für mich ist es immer wieder Wahnsinn, auf diese Weise die vergangenen Tage zu betrachten und zu sehen, welchen Weg ich bereits zurückgelegt habe. Die Klettersteiggruppe ist schon oben angekommen. Nur Selma fehlt noch. Ein bisschen unruhig tapse ich von einem Bein auf’s andere. Wegen des Gewitters sitzt mir die Zeit im Nacken. Doch wenige Minuten später ist Selma schließlich da und wir können alle gemeinsam noch ein letztes Foto oben am Gipfel des Hochschwab machen.
Jeder einzelne nimmt mich noch einmal in den Arm und wünscht mir eine gute Reise. „Wenn du einmal einen Schlafplatz in Wien brauchen solltest, melde dich gern,“ ruft mir Gesa noch hinterher. Dann gehen wir in getrennte Richtungen. Während die anderen wieder in Richtung Schiestlhaus absteigen, quere ich den Hochschwab südwestlich. Überglücklich, diese Seilschaft für zwei Tage gefunden zu haben, tragen mich meine Beine leichtfüßig hinunter Richtung Sonnschienhütte. Am Fleischerbiwak entdecke ich wieder eine Kritzelei vom unbekannten „Josef Kyselak“-Graffiti-Künstler und schmunzele.
Auf der Sonnschienhütte
War der Himmel am Morgen noch klar und blau, schieben sich nun die ersten Wolken vor die Sonne. Nur wenige Wanderer treffe ich entlang der trockenen Wiesen auf dem Hochplateau. Quasi im Eiltempo erreiche ich 14.00 Uhr die Sonnschienhütte. Etwa eine Stunde später krachte es ordentlich. Das Wärmegewitter bringt den Rest des Tages kräftige Regenschauer. Mir kann es egal sein. Ich sitze in der warmen Stube und habe sogar Gesellschaft – von Lucy, eine Border Collie-Hündin, ein Jahr alt und ziemlich hyperaktiv. Kaum habe ich mich hingesetzt, steht sie mit ihrem Ball zwischen den Zähnen vor meinem Tisch. Happy über das Spielangebot nehme ich den vollgesabberten Ball und werfe ihn sanft über den Boden des Gastraums. sofort hechtet Lucy los und steht keine zehn Sekunden später erneut mit dem Ball vor mir. Gute 20 mal wiederholt sich dieses Spiel, doch langsam verliere ich die Lust, ganz im Gegensatz zu Lucy. Als ich schließlich fünf Minuten lang nicht reagiere, beginnt sie fordernd zu bellen. Spätestens jetzt ist klar, wer hier die Chefin ist.





Schließlich darf ich das Matratzenlager beziehen und gehe mich frisch machen. Als ich zurück in die Gaststube komme, bin ich nicht mehr allein. Ein bekanntes Gesicht ist nach Tagen wieder aufgetaucht – Étienne.
So unterschiedlich die Menschen, so verschieden die Reise
Ich setze mich zu ihm an den Tisch und wir tauschen uns über die letzten Etappen aus. Eigentlich wollte er duschen. Doch wie fast alle Hütten in den wasserarmen Kalkalpen hat auch die Sonnschienhütte nur Waschräume und keine Duschen. So nibbt er jetzt gedankenverloren an seinem Bier und überlegt, die Nacht doch in der Hütte zu verbringen, anstelle bei Regen draußen zu zelten. Anders als ich plant Étienne seine Etappen von Tag zu Tag. Vor einem Jahr, so erzählt er, habe er schon einmal diese Tour begonnen. Dann aber abbrechen müssen, als er an der Rax einen Unfall hatte. Ich staune, dass er sich dennoch erneut auf diesen Weg gemacht hat, erneut allein, erneut ganz ohne konkrete Planung, erneut ganz ohne GPS oder Satellitenmessanger. Das sei schlicht zu schwer. Als er von seinen letzten Tagen erzählt, habe ich den Eindruck, dass er in Zickzacklinien durch die Alpen läuft.



Für mich wäre das nichts. Ich bin straight, brauche einen Plan A, von dem ich, wenn es sein muss, abweichen kann und Plan B ins Auge fasse, aber ins Blaue hinein planlos aufzubrechen liegt mir überhaupt nicht. Doch so unterschiedlich wie die Menschen, so unterschiedlich ist auch deren Art des Reisens und das ist auch gut so.
Die Wege trennen sich
Als dann der nächste Schauer über die Alm zieht, entschließt sich Étienne doch in der Hütte zu bleiben. Zu nass wäre es jetzt im Wald. Im Ofen knistert das Feuer doch allzu lang bleibe ich heute nicht wach. Im Matratzenlager schlummere ich in einen tiefen und erholsamen Schlaf.
Nach einem soliden Frühstück brechen Étienne und ich um 8:30 Uhr am nächsten Morgen auf. Doch schon wenige Meter nach der Hütte trennen sich unsere Wege – endgültig. Er möchte unbedingt noch in den Triglav-Nationalpark abbiegen, die slowenischen Alpen sehen. Ich hingegen laufe straight Richtung Südwesten. „It was nice to meet you. Probably we are the only two people going that way this year,“ sagt Étienne. „Probably,“ gebe ich lachend zurück und wünsche ihm noch eine schöne Reise. Dann entfernt er sich Richtung Südosten.



Vorerst bin ich nun wirklich wieder allein unterwegs. Allein. Damit habe ich mittlerweile gelernt, umzugehen. Ich erinnere mich an die Gruppe junger Männer vom Meran-Haus. Einer von ihnen hatte gesagt: „Das ist aber ein einsamer Weg.“ Ich hatte widersprochen: „Allein ist ein Zustand. Einsamkeit ist ein Gefühl und einsam fühle ich mich nicht.“ – nicht mehr. Ja, es wäre schön, eine Konstante neben mir zu haben, eine Person, die mir wichtig ist, wie Sebastian, den ich stark vermisse. Eben eine Person, zu der ich mich jeden Moment umdrehen kann, um zu sagen: „Schau mal, ist der Ausblick nicht gigantisch?!“, „Strengt es dich auch so an?“ oder „Hast du gerade auch die Nase so voll wie ich?“ Ja, das wäre toll, manchmal auch einfacher.
Aber hätte ich dann auch Deborah und Emilia kennengelernt? Mich der Wiener Wandergruppe angeschlossen oder Étienne angesprochen? – kurz: hätte ich all die neuen Begegnungen gehabt und mich darauf eingelassen, wenn ich nicht allein unterwegs wäre? Möglicherweise nicht.

Und so beginne ich, es nicht nur als Herausforderung zu begreifen, sondern auch die Chance darin zu sehen, allein auf dieser Reise zu sein, während ich nach Eisenerz absteige – wieder von der Zeit getrieben, denn auch heute soll es gewittern.
